Burnout – Diagnose und Therapie / Klaus Binding

Klaus Binding ist Homöopath, Pädagoge, Autor und Kinderbuch-Autor.
Hier auf dieser Seite versucht er in allgemeinverständiger Sprache die Grundlagen der Homöopathie darzustellen.

Diese Beiträge werden stetig erweitert, admin.

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Burnout – Diagnose und Therapie

Die ersten Anzeichen sind oft nicht sehr besorgniserregend: Die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, die Fehlerquote beim Arbeiten steigt, die Merkfähigkeit sinkt und die Kommunikation mit der Umwelt wird schwieriger. „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ wird dieser Zustand dann im fortgeschrittenen Stadium klassifiziert. Wenn aus permanentem Stress ohne Erholungsphasen ein Burnout-Syndrom geworden ist, ist guter Rat teuer. Die WHO- Klassifikation der Erkrankungen (ICD-10) erfasst diesen Zustand mit dem formalen Diagnoseschlüssel Z73.0. Nach dieser Einstufung ist der Burnout eine Rahmen- oder Zusatzdiagnose und keine Behandlungsdiagnose, die keine Leistungspflicht des Krankenversicherers beinhaltet.
Soweit die diagnostische Grundlage. Welches ist nun das richtige homöopathische Mittel für das Burnout-Syndrom ? Die traurige Wahrheit ist, es gibt kein Mittel für das Burnout-Syndrom, weil homöopathisch nicht für eine „Krankheit“, sondern für einen kranken Menschen ein Arzneimittel verschrieben wird. Ein pauschaler Krankheitsbegriff ist niemals die Grundlage für die Wahl des homöopathischen Mittels. Welche ist die richtige Arznei für Frau Müllers oder Herrn Schulzens Burnout wäre eine berechtigte Frage, wenn es um die homöopathische Behandlung geht. Um eine korrekte und oft anstrengende Suche nach dem individuellen Mittel abzukürzen, wird häufig mit bewährten Indikationen gearbeitet, nach dem Motto: das ist ein bekanntes Bild, da hilft meist Arzneimittel XY. Oder die pauschalen, bekannten Symptome werden verknüpft und ein Mittel bestimmt, das auf die bekannten Symptome passt, z.B. „Konzentration schwierig“, „Gedächtnisschwäche für geistige Arbeit und Geschäfte“, „Schweigsamkeit, Abneigung zu Sprechen“, Depression“… man kommt dann auf Mittel wie Nux vomica, Helleborus, Phosphor, Acidum phoshoricum, Acidum phosphoricum, Causticum u.s.w. Das ist Homöopathie auf niedrigster Stufe, eigentlich erinnert es mehr an Komplexmittel-Homöopathie. Die Symptome die vom Burnout-Bild bekannt sind, die fast jeder zeigt, sind für die Therapie relativ wertlos, eben weil sie fast bei jedem mit dieser Diagnose anzutreffen sind. Das Kennzeichen der klassischen Homöopathie ist aber das individuelle Symptomen-Bild. Was ist das ganz persönliche an meinem Burnout-Syndrom, nicht das was fast allen anderen auch zu schaffen macht.
„Seit es mir nicht mehr gut geht, träume ich ständig vom Geschäfts- und Berufsleben und großen Anstrengungen, bin unruhig geworden, habe nachts Angst, muss aufstehen. Ich habe wenig Appetit, aber neuerdings großen Durst, besonders auf Milch. Meine Zunge ist belegt, nur die Zungenspitze ist rot. Ich habe ein rotes juckendes Ekzem bekommen. Mein Rücken ist schmerzhaft und steif, erst nach längerer Bewegung wird es besser. Ja, meine Konzentration hat etwas nachgelassen, ich bin öfter als sonst mal traurig, habe wenig Lust auf Problem-Gespräche und vergesslich bin ich neuerdings auch noch.“ Die letzten vier Symptome haben die meisten Burnout-Patienten, diese Symptome gehören üblicherweise zum Krankheitsbild dazu, sind also nicht sehr persönlich. Die vorgenannten Symptome haben wenig mit einem Burnout-Bild zu tun, sind aber ganz individuelle Reaktionen auf den veränderten Gesundheitszustand. Diese Symptome sind für die Mittelwahl die entscheidenden (in diesem Beispiel Rhus toxicodendron) Ein anderer Burnout Patient berichtet vielleicht: „ Seit sich mein Zustand verschlechtert hat, träume ich oft, ich falle irgendwo runter, auch Tote tauchen in meinen Träumen auf. Ich habe manchmal auch komische Gedanken, als ob ein Unsichtbarer neben mir läuft; und Musik macht mich jetzt sentimental, ich habe sogar schon dabei geweint. Meine Verdauung spinnt auch, mein Bauch bläht sich auf, viel Flatulenz, Zwiebeln, fette Speisen und Kaffee bekommen mir nicht mehr. Es rumort in meinem Bauch, als ob da ein Tier rumkrabbeln würde…. Ja, ja depressive Stimmungen, Konzentrationsschwäche, Vergesslichkeit und keine Lust auf stressige Gespräche habe ich auch.“) Auch hier sind es die persönlichen Symptome die ein klares Bild der Störung zeigen, das auch klar auf ein Mittel hinweist. (in diesem Beispiel Thuja occidentalis)
Homöopathie ist die Therapie der Person, nicht eine Therapie, die auf klinischen Diagnosen oder modernen Krankheitsbegriffen aufbaut. Jeder Mensch ist in seinem Krankheitszustand einmalig, auch wenn es viele Ähnlichkeiten gibt. Die kleinen individuellen Unterschiede geben den Ausschlag.

Begleitende Therapie

Das sogenannte Burnout-Syndrom ist eine Erscheinung, die sich von aktuellen gesellschaftlichen Werten und politisch-wirtschaftlichen Anforderungen gar nicht trennen lässt. So wird der Therapeut das Grundproblem des Burnouts nicht aus der Welt schaffen können, lediglich die krankhaften Begleitsymptome kurieren. Es ist ein neues Menschenbild entstanden, das den Menschen seiner ursprünglichen Natur entfremdet. Er wird zum „Arbeitstier“ erklärt, das ohne Selbstbestimmungsrecht den Karren zieht, Fressen und Saufen sind notwendige Begleiterscheinungen. Die Steigerung, die wir jetzt erleben, ist die vom „Arbeitstier“ zur Maschine Mensch. Wie in der modernen Medizin, so greift dieses neue Bild auch in Gesellschaft und Wirtschaft um sich. Der menschliche Körper als bio-chemische Fabrik mit austauschbaren Organen, oder als ausschlachtbares, lebendes, hirntotes Ersatzteillager erklärt. Im Berufsleben steigen die Anforderungen und orientieren sich nicht am menschlichen Wert, sondern nur an erbrachter Leistung zur Gewinnmaximierung des Unternehmens. Echte Heilung kann nur mit einem neuen Werteverständnis, das therapeutisch erarbeitet werden muss, erzielt werden. Der Mensch ist mehr als seine Wirtschaftsleistung. Angst um den Arbeitsplatz, Konkurrenzdruck in Verbindung mit kostengünstigen Rationalisierungen lassen sich mit Psychopharmaka nicht behandeln, mit Homöopathika auch nicht. Die psychotherapeutische Intervention muss am Selbstbild ansetzen, am Verständnis des eigenen Seins, an der Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. Das Burnout-Syndrom weist auf eine Fehlentwicklung hin, wie jede Erkrankung. Ein sinnerfüllter Weg führt eben nicht in die Krankheit. Und sinnerfüllt ist nur das, was zum individuellen Lebensweg und zur Persönlichkeit gehört. Biografische Arbeit und Selbsterkenntnis lassen Weg und Sinn klar werden. Es nützt wenig den Dauerstress mit Yoga, Meditation oder Sport zu kompensieren. Heilsam ist nur, wenn durch bewusste Entscheidungen die Bedingungen geändert werden, nachdem elementare persönliche Fragen therapeutisch geklärt wurden: Wer bin ich ? Was will ich ?

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