Christus Jesus in Anknüpfung an alle vier Evangelien. Dann erst haben Sie, was an gesamten Geheimnissen über ihn zu sagen ist… Rudolf Steiner

RUDOLF STEINER
Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien
RUDOLF STEINER
– GA 117
Die tieferen Geheimnisse des Menschheitswerdens im Lichte der Evangelien
Zwölf Vorträge, gehalten in Berlin, Stuttgart, Zürich und München
vom 11. Oktober bis 26. Dezember 1909

DIE EVANGELIEN Stuttgart, 14. November 1909
Inhalt/Kurzinfos:

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Es könnte leicht die Meinung entstanden sein bei den verschiedenen Vorträgen, die gehalten worden sind da und dort: Jetzt ist der Christus Jesus geschildert, und es sei höchstens noch interessant, ihn mit Anknüpfung an ein anderes Evangelium zu schildern. So ist es nicht. Man bekommt ja das Bild nur von einer Seite, wenn man den Christus Jesus nach einem Evangelium schildert. Es muß abgewartet werden, bis im Laufe unserer spirituellen Bewegung der Christus Jesus in Anknüpfung an alle vier Evangelien geschildert worden ist. Dann erst haben Sie, was an gesamten Geheimnissen über ihn zu sagen ist…
Es ist nicht die Aufgabe der Geisteswissenschaft, aus den Evangelien zu schöpfen, was sie zu sagen hat. Gar nichts von demjenigen, was von mir gesagt wird, ist etwa auf Grundlage der Evangelien geschöpft. Die einzige Urkunde für den Geistesforscher ist das, was man die Akasha-Chronik nennt…
Erst hinterher wird das, was diese geistige Forschung ergibt, mit dem verglichen, was in den Evangelien steht. Und das gerade gibt jene objektive Ehrfurcht vor den Evangelien, wenn man sieht dasjenige, was aus den Evangelien wiederum einem entgegentritt…
Nun könnte man die Frage aufwerfen: Wie liegt denn eigentlich die Entwicklung des Urteils über die Evangelien im Laufe der christlichen Zeiten? War das immer so, daß die Menschen die Evangelien angesehen haben und darinnen vor allen Dingen die Widersprüche gesehen haben?…
Wollten wir diese Stimmung charakterisieren, dann müßten wir sagen, daß die Menschen der ersten christlichen Jahrhunderte erfüllt waren von einer ungeheuren Ehrfurcht gegenüber dem, was geschildert wird in den Evangelien…
Wenn der Mensch sich geistig entwickelt, so daß er nach und nach hineinwächst in die geistigen Welten, selbst zum Seher wird, so tritt in der Tat etwas Ähnliches ein wie eine Art Spaltung der Persönlichkeit. In der Persönlichkeit sind zunächst drei Kräfte ausgedrückt: Denken, Fühlen und Wollen…
…der Mensch muß um so stärker werden in seiner Individualität. Er muß nicht nur drei Kräfte dann ausgleichen, sondern Herr werden über drei Wesen, über ein wollendes Wesen, über ein fühlendes Wesen, über ein denkendes Wesen.
Wenn die Wesenheiten uns von oben entgegenkommen aus den geistigen Welten und man sieht sie in ihrer eigentlichen Wesenheit, die man nur erkennen kann durch geistiges Anschauen, dann treten sie von vornherein scharf abgetrennt auf als denkende Wesen, wollende Wesen und fühlende Wesen. Das sind sie, wozu der Mensch sie hinaufentwickelt…
So daß es dreierlei Eingeweihte gab: Eingeweihte des Denkens, Eingeweihte des Fühlens und Eingeweihte des Wollens. Und eine vierte Klasse oder Kategorie, das waren diejenigen, bei denen in gewisser Weise versucht wurde, von jedem der drei übrigen etwas auszubilden…
In dem Christus Jesus haben wir tatsächlich ein Zusammenströmen aller früheren geistigen Strömungen der Menschheit und zu gleicher Zeit eine Neugeburt derselben. In dem Christus Jesus fließen zusammen alle geistigen Strömungen und werden neu geboren, in einem erhöhten Maße neu geboren…
Und so sind auch die andern Fähigkeiten der Menschen nach und nach erst entstanden, und es ist nur eine Kurzsichtigkeit der Menschen, die nicht weiter sehen als ihre Nase reicht – sozusagen, was die äußere Wissenschaft reichlich tut -, wenn man glaubt, daß die Menschen immer waren, wie sie heute sind…
Da sah der Hellseher das Bild des Menschen, in dem der Bodhisattva zum Teil verkörpert war, und hinter diesem eine mächtige geistig-astralische Gestalt, welche hinaufragte in die geistigen Welten und die nur zum Teil im physischen Leibe war…
Einmal in der Menschheitsentwickelung muß bei einer Individualität eine Fähigkeit zuerst zum Ausdruck kommen; dann erst kann sie anfangen, bei den Menschen überhaupt nach und nach sich als eine eigene Fähigkeit zu entwickeln. Die Lehre von dem Mitleid und der Liebe konnte erst dadurch als etwas empfunden werden, was der Mensch aus sich selber herausholt, nachdem es einmal von einer Individualität gebracht worden ist.
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DIE EVANGELIEN
Stuttgart, 14. November 1909

Wir werden heute einiges aus dem Gebiete derjenigen Themen besprechen, die jetzt in unserer gegenwärtigen Entwickelung der spirituellen Bewegung innerhalb Deutschlands eine gewisse Rolle gespielt haben.

Sie wissen es ja und haben es zum Teil mitgemacht, daß wir besprochen haben die verschiedenen geisteswissenschaftlichen Wahrheiten und Erkenntnisse in Anlehnung an die Evangelien. Es ist besprochen worden an den verschiedensten Orten dasjenige, was man sagen kann in Anknüpfung an das Johannes-Evangelium; es ist dann besprochen worden, was gesagt werden kann in Anknüpfung an das Lukas-Evangelium. Nun haben allerdings nicht alle von Ihnen diese Dinge gehört. Es soll auch heute nicht in dem Sinne gesprochen werden, daß etwas vorausgesetzt wird von dem, was da gesagt worden ist, sondern es soll nur vor Ihnen einiges aus dem Gesamtgebiete dieses geisteswissenschaftlichen Feldes erwähnt werden, das für alle wichtig sein muß.

Das ist oftmals auch hier in Stuttgart schon erwähnt worden, daß das Christentum, und alles, was damit zusammenhängt, einen tiefen Einschnitt gemacht hat in die Gesamtentwickelung der Menschheit und daß man sozusagen das, was heute um uns herum geschieht, was die menschliche Seele heute durcherleben kann, nicht gut verstehen kann, ohne die ganze Bedeutung des Christus-Ereignisses innerhalb unserer Erdengeschichte ins Auge zu fassen.

Für jede einzelne Menschenseele ist es von unendlicher Wichtigkeit, gerade die Bedeutung dieses Ereignisses kennenzulernen.

Nun wissen Sie ja, daß dieses Christus-Ereignis für die Menschen geschildert wird in vier Urkunden, in den sogenannten vier Evangelien. Diese vier Urkunden, Sie kennen sie alle und haben sie in der verschiedensten Weise gewiß verfolgt. Diesen vier Urkunden, dem Evangelium nach Matthäus, dem Evangelium nach Markus, dem Evangelium nach Lukas und dem Evangelium nach Johannes ist es in der verschiedensten Weise ergangen im Laufe der Menschheitsentwickelung seit der Begründung des Christentums. Große Umwandlungen hat erfahren das Urteil und die Stellung des Menschen zu diesen vier Urkunden.
Wenn wir uns zunächst fragen, wie dem heutigen Menschen, selbst dem heutigen Theologen, diese vier Urkunden erscheinen, so liegt die Antwort ziemlich nahe. Man sagt sich: Da haben wir zunächst einmal die drei Urkunden der Matthäus-, Markus-und Lukas-Evangelien. Sie stimmen wenigstens – so ist das heutige allgemeine Urteil – in einigem überein. Aber ganz verschieden von diesen drei Urkunden ist die vierte, das Johannes-Evangelium. –

Dieses Johannes-Evangelium wirkt zunächst auf den Menschen so, daß er sich sagt: Wenn man die drei ersten Evangelien nimmt als historische Urkunden, als Schilderungen des Lebens des Christus Jesus, so widerspricht die vierte Urkunde so wesentlich den drei ersten, daß man diese vierte nicht als eine Schilderung nehmen könnte, die den historischen Tatsachen entspricht. – So besteht die Meinung, als ob diese vierte Urkunde nur wäre eine Schrift, herausentsprungen aus dem Bekenntnis eines treu der Sendung des Christus Jesus ergebenen Mannes, eine Art Hymnus, entquollen dem Herzen, um in begeisterter Art auszudrücken, was der Schilderer zu sagen hatte. Die drei andern Evangelien nennt man auch die kanonischen, weil man versucht, eine Art historischen Bildes zu geben und weil man glaubt, daß diese in einer gewissen Weise wiedergeben die historischen Tatsachen. Wenn man sich aber an Widersprüche, die der äußere, an die physischen Verhältnisse gebundene Verstand sucht, halten will, so bieten wahrhaftig die drei ersten Evangelien auch solche Widersprüche dar. Denn sollten es keine Widersprüche sein, daß im Evangelium des Matthäus erzählt wird von einer Geburt des Jesus in Bethlehem, erzählt wird von einer Flucht nach Ägypten, von dem Erscheinen der Magier aus dem Morgenlande, daß dagegen erzählt wird im Evangelium des Lukas von einer Reise nach Bethlehem, aber vollständig verschwiegen wird, was im Matthäus-Evangelium erzählt wird von den Magiern, daß da verschwiegen wird die Flucht nach Ägypten und so weiter? Auf die Einzelheiten der drei Wirkensjahre des Christus Jesus wollen wir dabei gar nicht eingehen. Widerspruch auf Widerspruch könnten wir da finden.

Nun könnte man die Frage aufwerfen: Wie liegt denn eigentlich die Entwicklung des Urteils über die Evangelien im Laufe der christlichen Zeiten? War das immer so, daß die Menschen die Evangelien angesehen haben und darinnen vor allen Dingen die Widersprüche gesehen haben? – Wir müssen uns klar sein darüber, wie diese Ent-wickelung des Urteils über die Evangelien vor sich gegangen ist. Daß die Menschen die Evangelien so zur Hand haben wie heute, das ist ja noch nicht lange her. Verbreitet innerhalb der allgemeinen Menschheit sind die Evangelien erst kurze Zeit.

Vor der Erfindung der Buchdruckerkunst waren die Evangelien im Grunde nur in den Händen weniger Menschen und wahrhaftig nicht der unverständigsten, sondern derjenigen Menschen, die sich in der allergelehrtesten Weise damit befaßt haben, die eine Angelegenheit ihres Lebens daraus gemacht haben. Und es ist nicht so, daß da etwa immer mehr und mehr, je weiter wir in der Zeit rückwärtsgehen, die Leute gesagt hätten: Da sind Widersprüche -, sondern das gerade Gegenteil ist wahr. Je weiter wir zurückgehen, desto mehr zeigt sich, daß diese Widersprüche nicht empfunden werden, daß man die vier Evangelien nebeneinander gehabt und nicht die Widersprüche gesehen hat. Die ganze Stimmung, die die Leute gehabt haben gegenüber den Evangelien, war in den ersten christlichen Jahrhunderten ganz anders. Wollten wir diese Stimmung charakterisieren, dann müßten wir sagen, daß die Menschen der ersten christlichen Jahrhunderte erfüllt waren von einer ungeheuren Ehrfurcht gegenüber dem, was geschildert wird in den Evangelien. Durchdrungen war diese ganze Stimmung von einem Hinaufschauen zu der großen Gestalt des Christus Jesus.

Wie hat man nun die Evangelien empfunden? Wie hat man so etwas empfunden, daß im Evangelium des Matthäus etwas anderes erzählt wird als etwa im Evangelium des Lukas ? So ähnlich hat man empfunden, wie wenn heute – ich habe den Vergleich schon gebraucht in den verschiedenen Vorträgen, die da und dort gehalten worden sind -, wie wenn jemand einen Baum von einer Seite photographiert. Eine solche Photographie gibt eine Ansicht des Baumes. Wenn man damit unter die Leute ginge und wollte nach ihr eine Vorstellung des Baumes erzeugen, so wäre diese Vorstellung höchst einseitig. Und
man könnte schon mehr hoffen, eine richtige Vorstellung von dem Baum zu erwecken, wenn man ihn von vier Seiten photographierte. Dann würde man vier Bilder des einen Baumes zeigen. Diese würden sehr wenig miteinander übereinstimmen, sie würden sehr verschieden sein. Dennoch würde kein Mensch die Empfindung haben, daß es nicht sein könnte, daß diese vier Photographien die Bilder eines einzigen Baumes wären.
Es würde ein jeder sagen: Dadurch kann ich mir erst einigermaßen ein vollständiges Bild des Baumes machen, daß ich ihn von vier Seiten geschildert habe. – So ungefähr haben die Leute in den ersten christlichen Jahrhunderten empfunden gegenüber den Evangelien. Sie haben gesagt: Das ganze große Ereignis ist eben geschildert von vier Seiten aus, und wir bekommen ein vollständiges Bild von ihm, wenn wir wirklich diese vier Schilderungen zusammennehmen und uns dadurch sozusagen eine Gesamtansicht machen. Nur müssen wir uns dann klar sein darüber, wie eigentlich diese vier Seitenschilderungen sich zueinander verhalten. Es ist in der Tat das große Ereignis von vier verschiedenen Gesichtspunkten aus geschildert. Will man verstehen, was der einzelne Standpunkt schildert, so muß man sich folgendes einmal klarmachen.

Wir haben vor uns eine gewaltige Individualität, den Christus Jesus, eine Individualität, von der wir wissen aus den Schilderungen, die wir hier schon gegeben haben, daß sie aus der geistigen Welt heruntergestiegen ist und erschienen ist in Palästina im Beginne unserer Zeitrechnung. Was da als eine Individualität auf die Erde gekommen ist, nimmt sich nun so aus wie ein großes, umfassendes Ideal für jeden einzelnen Menschen.
Der einzelne Mensch strebt sozusagen hinauf, indem er in unendlicher Ferne über sich ahnt jene Vollkommenheit in einer Individualität, die in dem Christus Jesus ausgedrückt ist, und strebt diesem Ideal nach. Nun sieht der Mensch zunächst dasjenige, was er als sein Streben ansehen kann, in intellektueller, in moralischer Beziehung und so weiter. Aber er sieht noch mehr, wenn er eintritt in das, was wir die geisteswissenschaftliche Bewegung nennen. Da sieht er die Entwicklung in die geistige Welt hinein. Er weiß, daß der Mensch hinauswachsen kann über sein gewöhnliches Selbst, daß er zum Schauen in die geistige Welt hineinwachsen kann, daß er seine geistigen Sinne entwickeln kann, um hinaufzuleben in die geistige Welt. Das erkennt der Mensch.

In der Abhandlung «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» haben Sie eine Seite dieses Hinauflebens, des Eintretens in die geistigen Welten ein wenig geschildert, da haben Sie namentlich das geschildert, was man nennt «Spaltung der Persönlichkeit». Wenn der Mensch sich geistig entwickelt, so daß er nach und nach hineinwächst in die geistigen Welten, selbst zum Seher wird, so tritt in der Tat etwas Ähnliches ein wie eine Art Spaltung der Persönlichkeit. In der Persönlichkeit sind zunächst drei Kräfte ausgedrückt:
Denken, Fühlen und Wollen. Diese drei Kräfte sind beim gewöhnlichen Menschen sozusagen vereinigt; sie wirken zusammen, das Denken, Fühlen und Wollen. Sie gehen hinaus auf die Wiese, sehen eine Blume, das heißt, Sie haben eine Vorstellung der Blume; Sie haben gedacht. Die Blume gefällt Ihnen; Sie nennen sie schön, das heißt, Sie haben gefühlt. Mit dem Denken hat sich ein Gefühl verbunden. Sie pflücken die Blume ab und bringen sie nach Hause, das heißt, Sie haben sie begehrt. Und so verfließt eigentlich das gesamte äußere Leben des Menschen. Er stellt vor, denkt, fühlt und will, und die dreie gehen ineinander. Die Vorstellung ruft hervor das Gefühl, dieses das Wollen oder Verabscheuen und dergleichen. Wenn der Mensch sich nun hinaufentwickelt in die höheren Welten, sich zur Hellsichtigkeit, zur Teilnahme an den geistigen Welten entwickelt, dann findet eine Spaltung dieser drei Kräfte statt. Bei demjenigen, der auf einer gewissen Stufe des hellsichtigen Bewußtseins angelangt ist, ruft nicht jeder Gedanke ein Gefühl hervor, sondern der Gedanke tritt isoliert auf, und das Gefühl kann isoliert auftreten und das Wollen kann isoliert auftreten. Und der Mensch muß gerade deshalb, weil er sozusagen dann in drei Wesen geteilt ist – während Denken, Fühlen und Wollen sonst nur Kräfte sind in seiner Seele -, der Mensch muß um so stärker werden in seiner Individualität. Er muß nicht nur drei Kräfte dann ausgleichen, sondern Herr werden über drei Wesen, über ein wollendes Wesen, über ein fühlendes Wesen, über ein denkendes Wesen. Anführer muß er sein einer Schar dieser drei Wesenheiten. Ordnung muß er machen; er muß sie beherrschen, sonst tritt das ein, was von Übel wäre:
daß das Wollen ihn nach der einen Seite zerrt und das Denken nach der andern, und er ist dann wirklich gespalten und findet sich nicht mehr zurecht. Daher muß der Mensch in sich erstarken, kräftig werden, so daß er Herrscher sein kann in den Wesenheiten, die aus seinen Seelenkräften geworden sind. Wenn der Mensch sich also hinaufentwickelt in die höheren Welten, so spaltet er sich sozusagen in drei verschiedene Wesenheiten. Wenn die Wesenheiten uns von oben entgegenkommen aus den geistigen Welten und man sieht sie in ihrer eigentlichen Wesenheit, die man nur erkennen kann durch geistiges Anschauen, dann treten sie von vornherein scharf abgetrennt auf als denkende Wesen, wollende Wesen und fühlende Wesen. Das sind sie, wozu der Mensch sie hinaufentwickelt.

Insbesondere war das der Fall bei derjenigen großen Individualität, die als der Christus zu uns gekommen ist. Daher haben sich diejenigen, die den Christus zuerst geschildert haben, gesagt: Den Christus kann man nicht schildern, indem man nur einen einzigen Gesichtspunkt auswählt; man muß ihn schildern so, wie man zunächst ein denkendes, weisheiterfülltes Wesen sieht, dann, wie man ein wollendes Wesen sieht, und dann, wie man ein fühlendes Wesen sieht. Man muß ihn schildern vom Standpunkt der Weisheit, vom Standpunkt des Wol-lens, vom Standpunkt des Fühlens aus. So muß man schildern, haben die Leute gesagt.
Und dazu waren sie ganz besonders vorbereitet durch die ganze Erziehung, welche in alten Zeiten üblich war. Wenn ein Mensch überhaupt hat entwickelt werden sollen in die höheren Welten hinauf- heute ist für die ersten Stufen der Erlangung höherer Erkenntnisse etwas anderes notwendig; in alten Zeiten wurde etwas anders zu Werke gegangen -, wenn jemand reif war, hinaufgeführt zu werden, sozusagen zum Bürger der geistigen Welten gemacht zu werden, so hat man gesagt: Nun ja, der ist reif, hinaufgeführt zu werden in die höheren Welten. Sehen wir ihn aber genauer an I Sollen wir besonders in ihm entwickeln die Weisheit oder die Denkkräfte oder das Wollen?

Man hat in alten Geheimschulen nicht alle Kräfte gleichmäßig entwickelt, sondern hat sich, je nach dem Karma des Betreffenden, bei dem einen darauf verlegt, das Denken in die Hellsichtigkeit hinaufzu-
entwickeln, beim andern das Fühlen zum Hellfühlen, beim dritten das Wollen zu magischer Kraft. Daher hat man in alten Geheimschulen drei Klassen gehabt von entwickelten Fähigkeiten, solche Schüler, bei denen entwickelt war besonders die Fähigkeit, durchleuchtet zu sehen weisheitsvoll die geistige Welt – das waren diejenigen Menschen in den Mysterien, die man gefragt hat, wenn man hat wissen wollen, wie die Tatsachen in den höheren Welten sind und gesetzmäßig zusammenhängen. Wenn wir heute mit einem trivialen Ausdruck sprechen wollen, so können wir sagen, das waren die Fachleute des Erkennens innerhalb der Mysterien. Dann gab es eine andere Klasse von Eingeweihten. Bei denen war besonders das Fühlen ausgebildet. Damit dieses Fühlen besonders ausgebildet werden konnte, sah man ab von der Ausbildung des Erkennens und des Wollens bei ihnen und bildete das Fühlen für sich aus. Wenn das Fühlen besonders ausgebildet wird in einem Menschen, dann wird er dadurch zu demjenigen, was heute fast gar nicht mehr bekannt ist: er wird zum Heiler, zum Arzt.
Denn der Arzt hatte in alten Zeiten viel mehr eine von den Gefühlssphären ausgehende geistige Wirkung ausgeübt und die empfängliche Seele geheilt auf dem Wege des entwickelteren Füh-lens als heute. Dieses war die zweite Klasse der Eingeweihten. Sie hatten das Fühlen ausgebildet bis zur höchsten Opferwilligkeit, bis zur Hingabe aller Kräfte, die sie in sich hatten. Man teilte sich eben in der Arbeit. Wollte man wissen, was irgend jemandem fehlte, dann ging man zu denen, die die Weisheit ausgebildet hatten. Die stellten fest, was fehlt und was zu tun ist. Dann kamen diejenigen, die nicht sagen konnten, was dem Kranken fehlte, weil bei ihnen die Fähigkeit des Denkens nicht ausgebildet war; aber sie kamen und opferten ihre Kräfte, weil sie die Fühlenskräfte ausgebildet hatten. Das waren zugleich die Menschen, welche auch sonstige Funktionen hatten, welche bei Unglücksfällen oder bei ähnlichen Vorkommnissen etwa ihre Opferwilligkeit zeigten. Die dritte Kategorie der Eingeweihten waren die Magier. Das waren diejenigen, welche die Willenssphäre ausgebildet hatten. Sie hatten die äußeren Maßnahmen zu treffen. Die Magier hatten die Willenskräfte ausgebildet und konnten das ausführen, worum es sich handelte. So daß es dreierlei Eingeweihte gab:
Eingeweihte des Denkens, Eingeweihte des Fühlens und Eingeweihte des Wollens. Und eine vierte Klasse oder Kategorie, das waren diejenigen, bei denen in gewisser Weise versucht wurde, von jedem der drei übrigen etwas auszubilden, etwas von dem Denken, etwas von dem Fühlen und etwas von dem Wollen. Daher sind sie auf keinem Gebiete so weit gekommen wie die andern; aber bei ihnen stellte sich heraus, wie bei einer gewissen Einweihung in die drei Sphären die Dinge zusammenhängen. So daß man mächtige Eingeweihte der Weisheit hatte, mächtige Eingeweihte des Opferdienstes, mächtige Eingeweihte des Magiertums und eine vierte Kategorie, welche sozusagen von jeder der drei ersten etwas hatte.

Als nun der Christus Jesus sozusagen beschrieben werden sollte von allen Seiten aus, da fanden sich gerade – genauer kann das ein anderes Mal ausgeführt werden, heute kann es nur in großen Zügen geschehen – vier Leute, welche nun die bei ihm natürlich vereinigten Fähigkeiten von ihren vier Standpunkten aus schilderten. So war einer besonders eingeweiht in die Geheimnisse des Denkens. Der schilderte nun in dem Christus Jesus diejenigen Eigenschaften, die insbesondere ein solcher verstehen konnte, ein Eingeweihter der Weisheit. Er ließ die andern Seiten weg. Ein anderer war ein Eingeweihter des Fühlens. Er schilderte den Christus Jesus von der Seite des Fühlens, sozusagen als Arzt, als Heiler. Ein dritter war ein Eingeweihter des Magiertums. Er schilderte die Kräfte, die der Christus entfalten konnte zum Organisieren der gesamten Menschheit. Und ein vierter war ein Eingeweihter eben der vierten Klasse, bei dem die Kräfte untereinander wirkten, harmonisch wirkten. Der schilderte vorzugsweise die menschliche Arbeit des Christus Jesus. Er sah nicht die ganze Gewalt der Weisheit, des Opferdienstes, nicht die mächtige magische Stärke der Willenskraft des Christus Jesus; aber er sah, wie in Christus Jesus sich harmonisch zusammengesellten die drei Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens. Er schilderte den Menschen Christus Jesus.

So haben wir von vier Eingeweihten den Christus Jesus geschildert. Derjenige, der den Christus Jesus schilderte als ein Eingeweihter der Weisheit, das war der Schreiber des Johannes-Evangeliums; derjenige,
der ihn schilderte als ein Eingeweihter des Fühlens, das war der Schreiber des Lukas-Evangeliums; derjenige, der ihn schilderte hinsichtlich der magischen Stärke, das war der Schreiber des Markus-Evangeliums; und derjenige, der die harmonische Zusammengestaltung der niederen drei menschlichen Glieder schilderte, das war der Schreiber des Matthäus-Evangeliums. So hat jeder geschildert dasjenige an Christus Jesus, worin gerade er eingeweiht war.

So werden wir begreifen, daß wir ein vollständiges Bild gewinnen können des Christus Jesus dadurch, daß in den vier Evangelien geschildert ist das, was den vier Persönlichkeiten, die den vier Evangelien zugrunde liegen, besonders nahe lag. Wer die nötige Ehrfurcht hat vor einer solch großen Individualität, wie der Christus war, der wird sagen: Gerade dadurch kann ich ein umfassendes Bild gewinnen, daß die Schreiber der Evangelien, ein jeder, das Beste gegeben haben, was sie zu geben vermochten. Daher ist es aber auch notwendig, daß Sie dasjenige, was in der Geisteswissenschaft gesagt wird in Anlehnung an die vier Evangelien, an das vierte etwa oder das dritte oder das zweite oder das erste, daß Sie das nicht immer so nehmen, als ob Sie bei jedem solchen Kapitel die gesamte Wahrheit hätten über den Christus Jesus. Es könnte leicht die Meinung entstanden sein bei den verschiedenen Vorträgen, die gehalten worden sind da und dort: Jetzt ist der Christus Jesus geschildert, und es sei höchstens noch interessant, ihn mit Anknüpfung an ein anderes Evangelium zu schildern. So ist es nicht. Man bekommt ja das Bild nur von einer Seite, wenn man den Christus Jesus nach einem Evangelium schildert. Es muß abgewartet werden, bis im Laufe unserer spirituellen Bewegung der Christus Jesus in Anknüpfung an alle vier Evangelien geschildert worden ist. Dann erst haben Sie, was an gesamten Geheimnissen über ihn zu sagen ist.

Nun wird es uns jetzt obliegen, von einer gewissen einseitigen Schilderung auszugehen, um wiederum einmal etwas sozusagen zusammenzutragen zu einem Bilde von dem Christus Jesus, allerdings so, daß Sie wirklich das einhalten müssen, was eben gesagt worden ist. Sie dürfen nicht weggehen heute vom Vortrage und sagen: Nun ja, jetzt haben wir die Wahrheit in diesen Dingen -, sondern Sie müssen sich sagen: Es ist jetzt von einem Gesichtspunkte aus geschildert worden und das andere muß hinzugefügt werden und muß beleuchtet werden mit demjenigen, was von andern Gesichtspunkten aus gesagt wird.

In dem Christus Jesus haben wir tatsächlich ein Zusammenströmen aller früheren geistigen Strömungen der Menschheit und zu gleicher Zeit eine Neugeburt derselben. In dem Christus Jesus fließen zusammen alle geistigen Strömungen und werden neu geboren, in einem erhöhten Maße neu geboren. Nun könnten wir viele solche Strömungen der vorchristlichen Zeit erwähnen, die uns bei denjenigen Betrachtungen, die anknüpfen an die vier Evangelien, aus der Geisteswissenschaft entgegentreten, Strömungen, die wir zusammenfließen sehen im Christus-Ereignis; aber wir wollen zunächst nur auf drei Strömungen aufmerksam machen.
Da haben wir zunächst eine gewaltige Strömung, die seit uralten Zeiten in Asien tätig war. Das ist diejenige, die wir als den Zarathu-strismus bezeichnen können. Eine zweite geistige Strömung ist diejenige, die in Indien geblüht hat und einen gewissen Hochpunkt erreicht hat in dem Erscheinen des Gautama Buddha, sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Eine dritte geistige Strömung ist diejenige, die sich zum Ausdruck brachte im althebräischen Volk. So daß wir in Christus Jesus zusammenfließen haben die althebräische Geistesströmung, dann das, was in dem Gautama Buddha sich auslebte, und dasjenige, was an den Namen Zarathustra sich knüpfte. Wir könnten noch viele solche geistige Strömungen erwähnen, aber die Sache würde dadurch zu unübersichtlich werden.

Nun kommt in einer gewissen Weise in den vier Evangelien alles das zum Vorschein – wenn wir sie wirklich richtig verstehen -, was da eigentlich geschehen ist in Palästina im Beginne unserer Zeitrechnung. Es ist nicht die Aufgabe der Geisteswissenschaft, aus den Evangelien zu schöpfen, was sie zu sagen hat. Gar nichts von demjenigen, was von mir gesagt wird, ist etwa auf Grundlage der Evangelien geschöpft. Die einzige Urkunde für den Geistesforscher ist das, was man die Akasha-Chronik nennt, ist das, was man hellsichtig beobachten kann. Wären durch irgendeine Katastrophe alle Evangelien verlorengegangen, so könnte trotzdem alles gesagt werden, was in der Geisteswissenschaft über den Christus gesagt wird. Das fußt auf geistiger Forschung. Erst hinterher wird das, was diese geistige Forschung ergibt, mit dem verglichen, was in den Evangelien steht. Und das gerade gibt jene objektive Ehrfurcht vor den Evangelien, wenn man sieht dasjenige, was aus den Evangelien wiederum einem entgegentritt. Diesen Standpunkt dürfen Sie niemals außer acht lassen. Denn geschöpft wird gar nichts aus den Evangelien; deshalb ist auch das nicht aus den Evangelien geschöpft, was ich jetzt erzähle. Aber wir können es nachher vergleichen mit dem, was in den Evangelien steht, und wir werden es in Übereinstimmung finden.

Die eine der Geistes Strömungen, welche dann in das Christentum eingeflossen ist, ist diejenige, welche ihren Höhepunkt erreicht hat in der Persönlichkeit, die als Gautama Buddha etwa sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung in Indien inkarniert war. Was ist das für eine Individualität? Wir verstehen diese Individualität, wenn wir uns das Folgende vorhalten: Alles, was sich in der Menschheitsentwickelung nach und nach ergeben hat, ist eben ein Produkt, das sich entwickelt, sich nach und nach einlebt. Sie würden fehl gehen, wenn Sie glaubten, daß die Fähigkeiten des heutigen Menschen immer dagewesen wären. Heute gibt es zum Beispiel so etwas, was man die Stimme des Gewissens nennt. Das hat es nicht immer gegeben. Wir können geradezu mit Händen greifen, wann das Gewissen im Laufe der Menschheitsentwickelung entstanden ist.
Wenn Sie auf Äschylos zurückgehen, so finden Sie bei ihm nichts von einer Schilderung des Gewissens. Erst bei Euripides findet sich eine Schilderung des Gewissens. Das griechische Bewußtsein hat sich also zwischen diesen beiden erst ausgebildet den Begriff des Gewissens. Was der Mensch heute eine innere Stimme nennt, hat sich erst entwickelt. Vorher gab es innerhalb der Menschheit, wir können sagen, eine Art von hellseherischem Bewußtsein. Wenn da der Mensch irgend etwas getan hat, was er nicht hätte tun sollen, dann erschien ihm ein Bild wie ein Rachegeist, und der verfolgte ihn. Das war, was die Griechen die Furien nannten. Er sah wirklich die Früchte und die rächenden Geister seiner bösen Taten um sich herum. Diese Erscheinung, die außerhalb des Menschen war, hat sich hineingezogen in die menschliche Seele als Stimme des Gewissens. Und so sind auch die andern Fähigkeiten der Menschen nach und nach erst entstanden, und es ist nur eine Kurzsichtigkeit der Menschen, die nicht weiter sehen als ihre Nase reicht – sozusagen, was die äußere Wissenschaft reichlich tut -, wenn man glaubt, daß die Menschen immer waren, wie sie heute sind.

So haben die Menschen nicht gehabt, was wir nennen könnten die Lehre vom Mitleid und der Liebe. Da müssen wir uns vorstellen ganz anders die Vermittlung in alten Zeiten in bezug auf Mitleid und Liebe als heute. Heute kann der Mensch sozusagen in sich gehen. Er kann, wenn dieses oder jenes geschieht draußen, in sich aufkeimen lassen das Gefühl von Mitleid und Liebe, und er weiß, daß das gut ist.
Er kann die Grundsätze von Liebe und Mitleid in sich selber finden. Das war vor Zeiten nicht der Fall, sondern vor Zeiten wurde rein durch Suggestion von den dazu Beauftragten den Menschen eingeflößt, wie sie sich verhalten sollten. Die Menschen selber mußten geleitet werden. Es waren einzelne Leiter und Führer der Menschheit, die hinwiesen, wie sich die Menschen zu verhalten haben. Eingegeben wurde es von den Führern der Menschheit, was als Taten der Liebe und des Mitleids zu geschehen hatte. Und diejenigen, welche so die Führer waren auf dem Gebiet der Liebe und des Mitleids, standen wiederum unter höheren Führern und alle zusammen- unter einem Führer, den man den Bodhisattva von Liebe und Mitleid nennt. Der hatte die Mission, herunterzutragen die Lehre vom Mitleid und der Liebe. Aber dieser Bodhisattva, welcher der Führer war in bezug auf Mitleid und Liebe, war nicht so wie ein gewöhnlicher inkarnierter Mensch, sondern so, daß nicht seine ganze Wesenheit in dem physischen Menschen aufging. Er hatte sozusagen eine Verbindungsbrücke hinauf zur geistigen Welt.

Der Bodhisattva von Mitleid und Liebe lebte nur zum Teil im physischen Menschen, zum übrigen Teil reichte seine geistige Wesenheit hinauf in die geistigen Welten. Da trug er herunter die Impulse, die er einzuflößen hatte. Wollten wir das spirituell schildern, so müßten wir sagen: Da sah der Hellseher das Bild des Menschen, in dem
der Bodhisattva zum Teil verkörpert war, und hinter diesem eine mächtige geistig-astralische Gestalt, welche hinaufragte in die geistigen Welten und die nur zum Teil im physischen Leibe war. – So war dieser Bodhisattva. Dieser Bodhisattva war derselbe, der dann wiedergeboren wurde als der Königssohn Gautama Buddha in Indien, und zwar war das sozusagen für diesen Bodhisattva das Aufsteigen zu einer höheren Würde. Er hatte früher sozusagen sich selber leiten lassen von oben, hatte die Impulse empfangen von der geistigen Welt und sie weitergegeben.
In dieser Inkarnation aber, sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung, wurde er zur Buddhawürde erhoben im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens, das heißt, in dieser Inkarnation erlebte er das, daß seine ganze Individualität in den physischen Leib hineinging. Während er früher als Bodhisattva mit einem Teile draußen bleiben mußte, um die Brücke schlagen zu können, so war das der Fortschritt zur Buddhawürde, daß er ganz im Leibe inkarniert war. Dadurch konnte er nicht nur durch Inspiration die Lehre von dem Mitleid und der Liebe empfangen, sondern in sich selber schauen und als die eigene Stimme des Herzens diese Lehre empfangen. Das war die Erleuchtung des Buddha im neunundzwanzigsten Jahre seines Lebens unter dem Bodhibaum. Da war es, daß ihm aufging die Lehre von dem Mitleid und der Liebe unabhängig von den Zusammenhängen mit der geistigen Welt, als ein menschliches Seeleneigentum, daß er denken konnte die Lehre von dem Mitleid und der Liebe, die er ausgesprochen hat in dem achtfachen Pfad. Und die Predigt darauf ist die große Lehre von dem Mitleid und der Liebe zum ersten Mal aus einer menschlichen Brust heraus.

So muß es mit jeder menschlichen Fähigkeit geschehen. Einmal in der Menschheitsentwickelung muß bei einer Individualität eine Fähigkeit zuerst zum Ausdruck kommen; dann erst kann sie anfangen, bei den Menschen überhaupt nach und nach sich als eine eigene Fähigkeit zu entwickeln. Die Lehre von dem Mitleid und der Liebe konnte erst dadurch als etwas empfunden werden, was der Mensch aus sich selber herausholt, nachdem es einmal von einer Individualität gebracht worden ist. Das nennt man in der orientalischen Philosophie «das Rad drehen», das Rad von Dharma, von Mitleid und von Liebe.
Das ist geschehen durch dieses Hineinsenken der vollen Individualität des Bodhisattva in den Königs söhn Gautama Buddha. Von da an gibt es Menschen, die aus sich selber heraus finden können die Lehre vom Mitleid und der Liebe. Und es wird sich das so entwickeln, daß immer mehr und mehr Menschen in sich selber finden werden die Lehre vom Mitleid und der Liebe, und dreitausend Jahre nach unserer Zeitrechnung ungefähr wird eine genügende Anzahl von Menschen leben auf der Erde, die dasjenige, was Buddha gefunden hat, in ihren eigenen Herzen entwickeln. Dann wird die Mission des Buddha in dieser Beziehung auf der Erde erfüllt sein. Denn dazumal, als der Bodhisattva heruntergestiegen ist, um ein Buddha zu werden, da übernahm die Würde des Bodhisattva ein anderer. Bis dahin war das, was wir heute den Buddha nennen, ein Bodhisattva. Der nächste Rang nach dem Bodhisattva ist der des Buddha. Vom Bodhisattva wird das aufsteigende Wesen zum Buddha.

Die orientalische Philosophie drückte das so aus, daß sie sagte: Als der Bodhisattva herunterstieg auf die Erde, gab er die Krone des Bodhisattva an seinen Nachfolger ab. Dieser Nachfolger lebt heute noch als Bodhisattva. Er wird erst zur Buddhawürde emporsteigen dreitausend Jahre nach unserer jetzigen Gegenwart. Das ist derjenige, den die orientalische Philosophie den Maitreya-Buddha nennt. Dieser ist heute Bodhisattva und wird in dreitausend Jahren Maitreya-Buddha sein. Er hat eine andere Mission als der Gautama Buddha, die zusammenhängt mit Dingen, die die Menschen heute noch nicht aus sich heraus finden können. Das ist eine Linie der Entwickelung. So daß wir sagen können: Es ist tatsächlich aufgerückt jener Bodhisattva, der in sich enthält die Lehre von Mitleid und Liebe, zur Buddhawürde, und damit hat er seiner Mission einen gewaltigen Ruck gegeben. Dadurch, daß er dazumal, sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung, mit seiner ganzen Wesenheit in einem menschlichen Leibe war, hat er sich das Anrecht dazu erworben, nicht mehr in einem physischen Leib inkarniert zu werden auf der Erde. Tatsächlich war die Inkarnation von dazumal die letzte Inkarnation dieses Bodhisattva. Er brauchte nicht mehr im physischen Leib inkarniert zu werden, sondern brauchte nur noch herunterzusteigen bis zum Ätherleib.
Alle folgenden Verkörperungen des Buddha sind also nicht solche, daß man ihn äußerlich auf dem physischen Plan sehen kann, sondern solche, daß man ihn nur sehen kann durch diejenigen Kräfte, die den Menschen fähig machen, den Ätherleib zu sehen. In der ganzen folgenden Zeit also verkörpert sich der Buddha nur in einem Ätherleib. Dasjenige, was der Buddha der Menschheit zu bringen hatte, ließ er nun einfließen sechshundert Jahre nach seiner Gegenwart auf der Erde in dasjenige, was durch das Christentum angebahnt worden ist. Er brachte sozusagen als Opfer dem sich begründenden Christentum dar, was er zu bringen hatte, er ließ es einfließen wie einen geistigen Nebenstrom in den großen Gesamtstrom. Das ist diejenige Strömung, die im Buddha ihren Höhepunkt erreicht. Das ist die eine Strömung. Eine andere kam in der folgenden Weise zustande. Wir machen uns ein Bild von ihr, wenn wir eingehen ein wenig auf die Entwickelung der Menschheit selber. Sie wissen ja alle, daß nach der großen atlantischen Katastrophe die Menschen nicht solche Fähigkeiten hatten wie heute, sondern daß sie nach der großen atlantischen Katastrophe noch Reste hatten von einem alten dämmerhaften Hellsehen. Das logische Denken entwickelte sich erst nach und nach. Diejenige Kultur, die wir als die altindische bezeichnen, war durchaus eine aus ätherischem Hellsehen hervorgehende Kultur. Auch die Zarathustra-kultur war noch eine solche, in der man mit altem dämmerhaftem Hellsehen arbeitete, und auch die chaldäisch-ägyptischen Kulturen waren noch nicht Kulturen, wo so gedacht wurde wie heute. Da war alles noch Inspiration; es war alles noch nicht logisch durchdrungen, sondern alles mehr oder weniger inspirierte Imagination, was da in der chaldäischen Astrologie und in der Hermesweisheit zutage trat. Die menschliche logische Denkfähigkeit war in diesen Kulturen noch nicht entwickelt. Es war vielmehr vorbehalten einer ganz andern Strömung, gerade das, was man logische Kultur nennen könnte, denkerische Kultur nennen könnte, zu entwickeln. Die erste nachatlantische Kultur war noch durchaus aus ätherischem Hellsehen hervorgehend. Auch die Zarathustrakultur war noch eine solche, wenn auch nicht mehr so ausgeprägt. Ebenso beruhte die ägyptisch-chaldäische Kultur noch auf Inspiration. Das Denken jener Zeit war noch nicht von Logik durchdrungen; es war durchwirkt von Imaginationen, die in der Astrologie der Chaldäer, in der Hermesweisheit von Ägypten in großartigen Bildern zum Ausdruck kommen.

Die nachatlantischen Kulturen sind aus zwei Strömungen hervorgegangen. Abgesehen von dem, der nach Westen ging und das heutige Amerika bevölkerte, ergossen sich zwei Ströme auswandernder Menschen unter Leitung ihrer Führer nach Osten, der eine in nördlicher, der andere in südlicher Richtung.
Der nördliche, von welchem gewisse Teile in Europa zurückblieben, drang weiter bis nach Asien hinein. Während sich da neue Kulturen vorbereiteten und abspielten, lebte die europäische Bevölkerung wie abwartend durch die Jahrhunderte hindurch. Es waren ihre Kräfte gleichsam zurückgehalten für das, was kommen sollte. Sie waren in ihren wesentlichen Kulturelementen beeinflußt von jenem großen Eingeweihten, der sich dieses Feld bis in die sibirischen Gegenden hinein ausersehen hat, und den man den Eingeweihten Skythianos nennt. Von ihm waren inspiriert die Führer der europäischen Urkultur, welche nicht auf dem fußte, was als Denken in die Menschheit kam, sondern auf einer Aufnahmefähigkeit für ein Element, das in der Mitte stand zwischen dem, was man nennen könnte rezitativ-rhythmische Sprache und eine Art von Gesang, begleitet von einer eigentümlichen Musik, die heute nicht mehr vorkommt, sondern auf einem Zusammenspiel von pfeifenartigen Instrumenten beruhte. Es war ein eigenartiges Element, dessen letzter Rest in den Barden und Skalden lebte. Alles, was der griechische Apollo- und Orpheusmythos erzählt, hat sich von daher herausgebildet. Daneben wurden in Europa die praktischen Fähigkeiten herausgebildet durch Besiede-lung, Bebauung und so weiter.

Die andern Völkermassen sind unter der Führung des großen Sonnen eingeweihten nach Asien hinübergezogen. Der vorgeschobenste Posten hat unter der Führung der Rishis die erste nachatlantische Kultur gebildet. Weiter in Vorderasien entwickelte sich die älteste Zarathustrakultur; doch ist hier nicht die Rede von dem geschichtlichen Zarathustra. Was er hervorgerufen hat, ist in gewisser Weise entgegengesetzt dem alten Indertum. Das letztere war ganz auf ätherischem Hellsehen aufgebaut; der Zarathustra wandte seinen Blick zur Sonne. Er schaute den Geist der Sonne, die «große Aura», Ahuta Mazda. Es war Zarathustra der erste, der die Eigentümlichkeiten der nördlichen Kultur hier zum Ausdruck gebracht hat. Alles folgende baut sich darauf auf.

Der andere Zug, der herübergekommen war, der südliche, bildete die Grundlage für die chaldäisch-ägyptische Kultur, die durch ein Zusammenwachsen des einen mit dem andern entstanden ist. Man kann das schematisch darstellen: Das Indertum bedeutet die Ent-wickelung des menschlichen Ätherleibes; im Persertum entwickelte sich der Empfindungsleib; die ägyptisch-chaldäische Kultur gab die Empfindungsseele; sie ist im wesentlichen eine innere Kultur, macht einen innerlichen Weg durch. Und wie sich Empfindungsleib und Empfindungsseele zusammenschließen, so ist dies bei der ganzen Menschheit der Fall. Das zeigt sich gerade in der ägyptisch-chaldäi-schen Kultur. Ein Gleiches wird der Fall sein bei der Bewußtseinsseele und dem Geistselbst. Das kann nur geschehen durch den stattgefundenen Übergang der fortschreitenden Kultur in jene Gegend, in welcher die Geistigkeit noch zurückgehalten worden war: das kann nur in Europa geschehen. Dort war die Entwickelung zur Verstandesund Bewußtseinsseele hin noch zurückgehalten worden und hat sich erst nach dem Christus-Ereignis entwickelt. Dort wird auch in der Zukunft die Verschmelzung mit den Geistselbst-Eigenschaften stattfinden können. Das kann nur geschehen durch eine spirituelle Strömung wie die geisteswissenschaftliche. Das wird der sechste Zeitraum unserer Kultur bringen.

Während die beiden geschilderten Strömungen noch unter dem Einfluß des alten dämmerhaften Hellsehens standen, war der dritten Strömung, die mit den andern zusammengeflossen ist und das Christus-Ereignis vorbereitete, eine vierte Kulturströmung gefolgt, die man eine logisch-denkerische nennen könnte. Damit wir uns da ganz genau verstehen, müssen Sie ins Auge fassen, daß alles Hellsehen zustande kommt dadurch, daß in einer gewissen Weise der Ätherleib selbständig arbeitet, namentlich der Ätherleib des Gehirns. Wo streng zusammengeschlossen sind der Ätherleib des Gehirns und das physische Werkzeug des logischen Denkens, da kann nicht zustande kommen Hellsichtigkeit. Nur wenn der Ätherleib etwas zurückbehält, um selbständig zu sein, da kann Hellsehen zustande kommen.

Wenn der Ätherleib des Gehirns ganz verknüpft ist mit dem physischen Gehirn, da arbeitet er sich das Gehirn in der feinsten Weise aus; aber er engagiert sich auch in der Ausarbeitung des physischen Gehirns und es bleibt nichts zurück, um außerdem noch Hellsichtigkeit zu entwickeln. Es war aber notwendig, daß gerade jene Fähigkeit in die Menschheit ihren Einzug hielt, welche gebunden ist an das Gehirndenken, an das zusammenfassende Denken der Welterscheinungen durch das Gehirn. Dazu mußte in der Menschheit etwas eintreten, was man so charakterisieren kann, daß man sagt, es mußte ausgewählt werden aus der Menschheit gerade – nun, nehmen wir eine Individualität, bei der sozusagen am wenigsten vorhanden war dasjenige, was man altes Hellsehen nannte, bei der dagegen im höchsten Maße ausgebildet, ausziseliert, ausgemeißelt war das physische Werkzeug des Gehirns. Diese Individualität war imstande, die Erscheinungen der äußeren physischen Welt nach Maß, Zahl, Ordnung und Harmonie zu überschauen, die Einheit zu suchen in den äußerlich ausgebreiteten Erscheinungen.

Während also all die Angehörigen der früheren Kulturen sozusagen durch die Eingebungen von innen heraus etwas gewußt haben aus der geistigen Welt, mußte diese Individualität den Blick hinausrichten in den Umkreis der Erscheinungen, mußte sie kombinieren, logisch abwägen und sich sagen: Da draußen sind die Erscheinungen, alles ordnet sich zu einer Harmonie, wenn man alles überschaut in einem großen Einheitsbilde. – Dasjenige, was da als Einheit erscheint, das erschien als Einheit in der Außenwelt, als der Gott hinter den Erscheinungen des physischen Planes. Das war ein Unterschied gegenüber den andern Gottesanschauungen. Die andern Gottanschauer sagten sich: Es geht uns die Gottes Vorstellung auf von innen. Diese Individualität aber richtet den Blick überallhin, ordnete die Erscheinungen zusammen, sah sich an die verschiedenen Reiche der Natur, brachte sie unter eine Einheit, kurz, es war der große Ordner der Welterscheinungen nach Maß und Zahl, der da auserwählt wurde aus der gesamten Menschheit. Diese Individualität, die da auserlesen wurde aus der gesamten Menschheit, um zuerst unter allen zu überschauen die äußere physische Welt und die Einheit darin zu finden, das war Abraham. Abraham oder Abram war derjenige, der sozusagen von den geistig-göttlichen Mächten ausersehen war, diese besondere Mission zu empfangen, der Menschheit zu überliefern die an Maß und Zahl der äußeren Erscheinungen gebundenen Kräfte. Er ging aus der chaldäischen Kultur hervor. Die chaldäische Kultur selber hatte aus dem Hellsehen heraus ihre Astrologie erkannt.

Abraham, der Urvater der Arithmetik, ging hervor, um alles das durch Kombination zu finden, dadurch zu finden, daß das physische Gehirn hier einmal eine ganz besondere Ausziselierung erfahren hat. Dadurch war ihm eine ganz besondere Mission übertragen.

Nun müssen wir bedenken: Wie die Mission verlaufen sollte, das sollte ja nicht bei ihm allein bleiben, sondern Gemeingut der Menschheit werden. Aber das Denken war an das physische Gehirn gebunden, wie konnte es da Gemeingut werden? Nur dadurch konnte es Gemeingut werden, daß es sich wirklich übertrug durch physische Vererbung. Das heißt, es mußte geradezu von dieser Individualität ein Volk ausgehen, in dem sich vererbte diese besondere Eigentümlichkeit, solange sie als Mission in die Menschheit einziehen sollte. Ein Volk mußte ausgehen von ihr. Es mußte also ein Volk begründet werden, nicht bloß eine Kultur, wo etwas gelehrt worden war: Was man hellsichtig empfangen hat, kann man lehren. Was jetzt die Menschheit empfangen sollte, das mußte durch physische Vererbung auf die Nachkommen übertragen werden, damit es sich einleben konnte in allen Einzelheiten. Was sollte sich einleben? Es sollte sich das einleben, durch menschliche Kombination zu finden jene Ordnung, die zuerst in die Menschheit hineingetragen worden ist durch Abraham. Wenn man hinaufschaut in die Ordnung der Sterne, so kann man durch Kombination die Ordnung finden. Die Gedanken der Götter haben die Weisen der chaldäischen Astrologie nachgedacht. Nun handelte es sich darum, diesen besonderen Übergang zum Kombinieren, zum logischen Erfassen der Erscheinungen, in der Außenwelt zu finden.

Es mußte also vererbt werden eine Eigenschaft in dem physischen Menschenleibe, die aus der Arbeit des Denkens heraus selbst das ergab, was als Ordnung in dem Weltenraum herum ausgebreitet ist. Das wird sehr schön ausgedrückt, indem derjenige, der dem Abraham diese Mission überträgt, sagt: Deine Nachkommen sollen angeordnet sein nach der Ordnung, nach der Zahl der Sterne – was unsinnigerweise die Bibel übersetzt: «Deine Nachkommen sollen sein wie der Sand am Meer.» Es heißt nämlich, es soll in der Nachkommenschaft des Abraham eine Anordnung sein, es soll die Nachkommenschaft so gegliedert sein, daß in ihr ein Nachbild ist der Sterne am Himmel. Das ist auch ausgedrückt in den zwölf Söhnen des Jakob. Sie sind ein Abbild der zwölf Sternbilder. Da kommen die Maße herein, welche am Himmel vorgebildet sind. In der Generationsreihe soll das Abbild sein der Zahl am Himmel. Wie die Zahl in den Himmel eingeschrieben ist, so soll der Generationsreihe eingeschrieben sein die Ordnung der Zahl. Das ist die tiefe Weisheit, die in diesen Worten liegt, die törichterweise übersetzt ist: «Deine Nachkommen sollen sein wie der Sand am Meer.»

So sehen wir also, welchen Sinn diese ganze Mission des Abraham hat. Aber auch sonst drückt sich wunderbar symbolisch aus gleich dieser ganzen Mission dasjenige, was ein Abbild sein soll der Geheimnisse der Welt. Zunächst fragen wir uns das Folgende: Da soll ja geradezu sozusagen hingeopfert werden das, was altes dämmerhaftes Hellsehen ist. Es soll alles das, was von den frühesten Zeiten her begründet war in der Menschheit, hingeopfert werden. Das soll die innerste Gesinnung sein in dieser ganzen Mission, daß alles empfangen wird als eine Gabe von außen. Was entstehen soll, das soll durch die physische Nachkommenschaft entstehen. Durch sie soll diese Mission in die Welt eintreten. Abraham muß dies selbst als eine Gabe von Gott empfangen. Das geschieht dadurch, daß er zuerst aufgefordert wird, seinen Sohn Isaak zu opfern, und dann davon abgehalten wird. Was empfängt er da eigentlich aus der Hand Gottes? Da empfängt er seine ganze Mission. Denn hätte er den Isaak wirklich geopfert, so hätte er seine ganze Mission hingeopfert. Er bekommt sein Volk zurück, indem er den Isaak zurückbekommt. Er bekommt dasjenige, was er eigentlich geben soll der Welt, das empfängt er als Gabe der göttlichen Weltenordnung in Isaak. So ist das Ganze, was auf Abraham folgt, ein Geschenk des Gottes selber.
Das letzte, was noch vorhanden war an Hellsehergabe – Sie werden später einmal verstehen, wie sich die einzelnen Hellsehergaben wiederum ausdrücken; jede einzelne kann man beziehen auf eines der Sternbilder -, die letzte der Hellsehergaben, die freiwillig hingeopfert worden ist, ist an das Sternbild des Widders geknüpft. Daher sehen wir den Widder bei der Opferung des Isaak. Das ist ein symbolischer Ausdruck der Hinopferung der letzten Hellsehergabe für das Eintauschen dafür der Gabe, nach Zahl und Maß die äußeren Welterscheinungen beurteilen zu können. Das ist diese Sendung des Abraham.

Und wie setzt sich diese Sendung fort? Hingeopfert wird die letzte Hellsehergabe, ausgestoßen muß das werden aus dieser Mission, und wenn es sich noch als Erbschaft zeigt, da wird es sozusagen nicht geduldet innerhalb der gerade fortlaufenden Linie. Bei Joseph zeigt sich ein Rückfall. Der hat seine Träume, der hat die alte Hellsehergabe. Die Brüder stoßen ihn aus. Da zeigt sich, wie diese ganze Mission straff gezogen war: Joseph wird ausgestoßen. Er wandert nach Ägypten, um dort gerade jene Verbindung anzuknüpfen, die jetzt notwendig war, die Verbindung mit dem andern Flügel unserer ganzen Kulturentwickelung, mit der ägyptischen Kultur. Joseph hatte in sich vereinigt dasjenige, was allgemeiner Charakter war innerhalb dieser Mission und zugleich Reste des alten Hellsehens. Er hat in Ägypten eine vollständige Umwälzung hervorgerufen dadurch, daß er korrigiert hat die niedergehende ägyptische Kultur im Sinne seiner Hellsehergabe. Er hat seine Gabe in den Dienst äußerer Einrichtungen gestellt. Das ist dasjenige, was der Kulturmission des Joseph in Ägypten zugrunde liegt.

Und jetzt sehen wir ein eigentümliches Schauspiel. Jetzt sehen wir, wie diejenigen, welche die Missionare waren für das äußere Denken nach Maß und Zahl, nicht mehr auf dem früheren Wege sind, wie sie durch Joseph gerade den äußeren Zusammenhang suchen, indem sie das, was sie nicht hervorbringen konnten aus sich selber, im Widerstrahl suchten in Ägypten. Da ziehen sie hin, da nehmen sie das auf -die Nachkommen des Abraham nehmen in Ägypten auf, was sie brauchen. Daher kann es ihnen kommen. Da ziehen sie dann hin. Was nun zur Weiterorganisation notwendig ist dieser Mission, das wird, weil es nicht von innen hervorgebracht werden kann, durch die ägyptische Einweihung von außen gegeben. Moses bringt das von außen her entgegen und verbindet die ägyptische Kultur mit dieser besonderen Mission des Abraham. Und nun sehen wir, wie das sich fortpflanzt von Generation zu Generation, was menschliches Erfassen der Außenwelt ist, was Erkennen der Außenwelt nach Maß, Gewicht und Zahl ist. Ein neues Element ist eingetreten. Das verpflanzt sich durch die Blutsverwandtschaft und kann sich nur so fortpflanzen, denn es ist gebunden an das, was sich vererben muß. Das ist die zweite der Strömungen.

Die dritte der Strömungen ist diejenige, die sich anschließt an Zarathustra, ist das, was zum Ausdruck gekommen ist im uralten Persertum und sich weiterverbreitet hat nach Vorderasien, was wir in den verschiedenen Vorträgen schon kennengelernt haben. Diese drei Strömungen sind es, die da zusammenfließen in dem Christus Jesus. Mit allen drei Strömungen mußte die Individualität, die der Christus Jesus ist, zu tun haben. Sie müssen sich in ihm vereinigen. Wie geschieht das? Das geschieht auf folgende komplizierte Weise. Da haben wir uns zunächst einmal zu vergegenwärtigen, daß das eine, was einfließen soll in die allgemeine Weltenströmung, sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung in Indien sich abgespielt hat. Zu gleicher Zeit ungefähr hat sich auch etwas innerhalb der babylonisch-chaldäi-schen Kultur abgespielt dadurch, daß Zarathustra wieder erschienen ist unter dem Namen Zarathos oder Nazarathos im alten Chaldäa. Dort hat er als großer Lehrer gerade in der Zeit gelebt und gewirkt, als einige der auserlesenen Lehrer und Führer des althebräischen Volkes in die babylonische Gefangenschaft geführt worden sind, denn da herein fällt auch die Zeit, wo die Juden in die Gefangenschaft geführt worden sind. Da sehen Sie, wie dazumal die erste Berührung stattfand des hebräischen Volkes mit Zarathos und wie das hebräische Volk durch seine Glieder stand unter dem persönlichen Einfluß des wiedergeborenen Zarathustra oder Zoroaster. Da spielten sich die Ereignisse so ab, wie dies in der Bibel geschildert wird. Da geschah folgendes. Im Beginn unserer Zeitrechnung gab es zwei Elternpaare, die
beide Joseph und Maria hießen. Das eine Elternpaar wohnte in Nazareth, das andere in Bethlehem. Der Mann des einen Elternpaares stammte ab von der salomonischen Linie des Hauses David – das war der Mann des bethlehemitischen Paares. Das andere Elternpaar in Nazareth stammte ab aus der nathanischen Linie des Hauses David. Salomo und Nathan sind die beiden Söhne Davids. – Beide Elternpaare haben einen Sohn bekommen. Dem nazarenischen Elternpaar wird eben der nazarenische Jesusknabe geboren, den das Lukas-Evangelium schildert, und dem bethlehemitischen Elternpaar wird der bethlehemitische Jesusknabe geboren, den das Matthäus-Evangelium schildert. So daß wir zwei Jesusknaben haben im Beginne unserer Zeitrechnung.

Verfolgen wir den bethlehemitischen Jesusknaben! Wie ist er eigentlich sozusagen als physisches Kind zustande gekommen? Als physisches Kind sehen wir in der physischen Abstammungslinie, die der Schreiber des Matthäus-Evangeliums sehr schön hinaufführt bis zu Abraham, es abstammen aus dieser Linie. Wir müßten den Zug verfolgen von Ur in Chaldäa herüber nach dem Lande Kanaan, dann herüber nach Ägypten und wiederum zurück nach Kanaan. Das würde ungefähr geben den Zug des israelitischen Volkes von Chaldäa herüber nach Palästina, hinüber nach Ägypten und wiederum zurück. Das waren die Vorfahren des bethlehemitischen Jesusknaben.
Und indem er das Blut dieser Vorfahren in sich trug, hat er sozusagen diesen Zug durchgemacht. Jene Individualität, welche sich nun verkörpern wollte in diesem bethlehemitischen Jesusknaben, die machte, wenn auch verkürzt, rasch denselben Weg durch. Das war jene Individualität, die als Zarathustra gewirkt hat im alten Chaldäa. So kam in dem Moment, wo der bethlehemitische Jesusknabe geboren war, eine geistige Individualität, die genau die Züge des Abraham zuerst nachmachte geistig von Chaldäa nach Kanaan. Hier wurde sie hineingeboren in den bethlehemitischen Jesusknaben. Dann mußte sie kurz den Zug nachmachen nach Ägypten und wiederum zurück später, bis sie sich in Nazareth niederließ. Da haben Sie die Individualität, die sozusagen geistig den ganzen Zug des Volkes Israel durchmachte. Sie können diesen Zug durchgehen, den Sie geschildert haben in derBibel, und Sie werden finden, daß es stimmt.
Die Bibel schildert besser als alle äußeren Urkunden. Was in der Akasha-Chronik zu finden ist für den hellseherischen Blick, das wird durch die Bibel gedeckt: der Zug, den das israelitische Volk durchgemacht hat von Chaldäa nach Kanaan hinüber nach Ägypten und zurück. Und wunderbar sind überall die Parallelen. Wer führt die Juden nach Ägypten? Die Träume eines Joseph führen sie hinüber. Wer führt den bethlehemiti-schen Jesusknaben nach Ägypten? Die Träume auch eines Joseph, seines Vaters. Bis zu diesen Einzelheiten gehen diese Parallelen. Es ist wiederum eine besondere Hellsehergabe, die geblieben ist, die die Verbindung herstellt.

In diesen bethlehemitischen Jesusknaben wird also hineingeboren, nachdem er empfangen hat das Element, das durch Abraham in die Menschheit gekommen ist durch Vererbung, die Individualität des Zarathustra. Und diejenigen, die in den chaldäischen Geheimschulen verbunden waren mit Zarathustra, die verfolgen jetzt den Weg. In der geistigen Welt geht vor ihnen her ihr Stern: Zoroaster selber, der hingeht, um geboren zu werden in Bethlehem. Sie können sie verfolgen, die drei Magier, sie treten auf in der Bibel. Sie kennen ihn, der da lebt im bethlehemitischen Jesusknaben.
Das ist der eine der Jesusknaben, der bethlehemitische. In dem andern Jesusknaben, der nur durch eine Reise eben auch in Bethlehem geboren worden ist, da lebt allerdings nun etwas ganz anderes, da lebt etwas, das sich schon dadurch ankündigt, daß dieser Jesusknabe in allen seinen Eigenschaften anders war als der bethlehemitische Jesusknabe. Der bethlehemitische Jesusknabe zeigt sich von Anfang an als ein außerordentlich über alles Menschenmaß hinausgehend begabter Mensch, denn er hatte eine gewaltige Individualität in sich. Er war begabt für alles dasjenige, was die Menschheit sich an Kulturmitteln bisher erobert hatte.
Er zeigte sich für alles, was man aus der Umgebung lernen konnte, außerordentlich begabt. Der nazarenische Jesusknabe war gar nicht begabt für die äußeren Dinge der Kultur. Er hatte nur eine tief, tief gemütvolle Innerlichkeit. Gerade die Eigenschaft des Seelisch-Gemütvollen war in ihm ausgebildet. Er war aber dagegen nicht begabt, um das zu lernen, was äußerlich an Kulturmittein vorhanden war. Dafür hatte er keine Neigung. Er hatte etwas, wovon sich die Menschen gar keine Ahnung machen können, in bezug auf Unterscheidung von Gut und Böse. Aber es war ihm fremd, was auf der Erde an Kultur entstanden war. Das war aus dem Grunde ihm fremd, weil in ihm etwas geboren worden war, das die ganze Menschheitsentwickelung nicht mitgemacht hatte.

Wir verstehen das, wenn wir uns folgendes überlegen. In der alten lemurischen Zeit hat stattgefunden innerhalb der Menschheit dasjenige, was wir den luziferischen Einfluß nennen. Da haben sich die luziferischen Mächte eingeschlichen in den Astralleib des Menschen. Dadurch ist die Menschheit geworden, was sie geworden ist. Nun mußten dazumal die leitenden Mächte vom Ätherleib des Menschen ein Stück zurückbehalten, damit dieses nicht infiziert wurde von alldem, was der astralische Leib ihm geben konnte, der unter dem luziferischen Einfluß stand. Es wurde ein Teil des Ätherleibes dem Einfluß des Astralleibes entzogen dadurch, daß der Mensch einen Einfluß nur behielt auf seinen Ätherleib, insofern er ein wollendes und fühlendes Wesen ist, nicht aber in bezug auf alles Denkerische. Das wurde sozusagen zurückbehalten und aus der geistig-göttlichen Welt von oben herunter geleitet. Daher haben die Menschen vom Anfang ihres Erdenwerdens sozusagen ihre individuellen Begierden und persönlichen Gefühle, und sie konnten nicht ihre persönlichen Gedanken haben, auch nicht den Ausdruck der persönlichen Gedanken, die Sprache. Das Denken war ein solches, das durch eine durchgehende Geistigkeit bei allen gleich geleitet worden ist. Dadurch denken alle gleich. Aber auch die Sprache wurde von den Volksgöttern wenigstens geleitet, so daß nicht jeder Mensch seine eigene Sprache hat. Dasjenige also, was sich im Sprachgeist ausdrückt, wurde in bezug auf den Ätherleib entrückt der Willkür der einzelnen Persönlichkeit, das wurde zurückgehalten.

Was damals in der lemurischen Zeit zurückbehalten worden ist, die Paradiesesmythe erzählt es: Der Mensch hat genossen vom Baum der Erkenntnis, aber nicht vom Baum des Lebens; hat eine eigene Willkür gekriegt in bezug auf das Wollen; aber was damals den Menschen nicht gegeben worden ist, das wurde jetzt durch geheimnisvolle Vorgänge übertragen an diesen Jesusknaben, an den nazarenischen Jesusknaben, dessen Ätherleib das war. Da war dasjenige, was der Menschheit im Anbeginn entzogen worden war, und das hinderte den nazarenischen Jesusknaben, Interesse an dem zu haben, was sich die Menschheit erarbeitet hatte an Kultur. Er hatte etwas viel Ursprünglicheres, was erinnerte an die Zeit, wo die Menschheit noch nicht in die Sünde der Willkür des einzelnen verfallen war. Das drückt der Schreiber des Lukas-Evangeliums aus dadurch, daß er den Stammbaum bis zu Adam hinaufführt. So daß also in dem nazarenischen Jesusknaben etwas erscheint, was in Adam gesunken war, was dem luziferischen Einfluß entzogen war. Was die Menschheit vor diesem luziferischen Einfluß war, das war in diesem nazarenischen Jesusknaben.

Diese beiden Jesusknaben lebten nebeneinander. Als sie beide zwölf Jahre alt waren, geschah folgendes. Da entschloß sich der Zarathustra in dem bethlehemitischen Jesusknaben, hinüberzugehen mit seiner Individualität in den nazarenischen Jesusknaben. Das wird angedeutet in der Bibel in dem Ereignis, das man nennt das Verlorengehen des zwölfjährigen Jesus, wo da die Eltern erstaunt sind, ihn wiederum zu finden. Er war ganz anders, als er vorher war, der nazarenische Jesusknabe. Jetzt auf einmal hat er Interesse an der äußeren Kultur, weil Zarathustras Individualität in ihm war. Das war in jenem Zeitmoment geschehen, der in der Bibel geschildert ist bei dem Verlorengehen des zwölfjährigen Jesus. Es war noch etwas anderes geschehen. Bei der Geburt des nazarenischen Jesusknaben senkte sich in den astralischen Leib herunter dasjenige, was wir nennen können die spätere Verkörperung des Buddha. Der Buddha in seinem Ätherleib bei seiner Wiederverkörperung war verbunden nun von der Geburt an mit diesem nazarenischen Jesusknaben, so daß wir in der Aura des nazarenischen Jesusknaben im astralischen Leibe den Buddha haben. Das wird im Lukas-Evangelium tiefsinnig angedeutet.
Es wird erzählt in der indischen Legende, daß es gab einen merkwürdigen Weisen zur Zeit, als der Königssohn Gautama Buddha geboren wurde, der der Buddha werden sollte. Da lebte Asita. Der hatte erfahren, durch seine hellseherischen Fähigkeiten, daß jetzt der Bodhisattva geboren worden sei. Er sah sich den Knaben an im Königsschlosse und war voller
Enthusiasmus. Er fing an zu weinen. Warum weinest du? – fragt ihn der König. O König, es steht nichts bevor von Unglück etwa, im Gegenteil: derjenige, der da geboren worden ist, der ist der Bodhi-sattva und wird der Buddha werden. Ich weine, weil ich als alter Mann nicht mehr erleben kann, diesen Buddha zu schauen. – Dann stirbt Asita. Der Bodhisattva wird zum Buddha. Der Buddha steigt herab und vereinigt sich mit der Aura des nazarenischen Jesusknaben, um sein Scherflein beizutragen zu dem großen Ereignis in Palästina. Zur selben Zeit wird durch eine karmische Verknüpfung wiedergeboren der alte Asita.
Er wird der alte Simeon. Und dieser sieht jetzt den Buddha, der dieses aus einem Bodhisattva geworden war. Was er damals in Indien, sechshundert Jahre vor unserer Zeitrechnung, nicht hat sehen können, das Buddha werden, jetzt sah er es, als in der Aura des nazarenischen Jesusknaben, den er auf seinen Armen hält, der Buddha schwebte, und jetzt sagte er das schöne Wort: «Nun lassest du, Herr, deinen Diener in Frieden fahren, denn ich habe meinen Meister gesehen», den Buddha in der Aura des Jesusknaben.

So sehen wir, wie die drei Strömungen zusammenfließen: durch das Blut herunter die Strömung des Abraham, durch die Individualität des bethlehemitischen Jesusknaben die Zarathustra-Strömung, und die dritte Strömung dadurch, daß der Buddha in seinen Ätherleib oder Nirmanakaya herniederschwebt und gesehen wird von den Hirten. So sehen wir diese drei Strömungen zusammenfließen. Und wie diese weiterleben innerhalb des Christentums, wie derjenige, der dann lebt in dem mit der Individualität des Zarathustra begabten nazarenischen Jesusknaben, diese Strömungen weiterführt, kann nur ein anderes Mal dargestellt werden.

Gesagt soll noch werden, daß, nachdem die Zarathustra-Individualität herübergegangen ist in die Persönlichkeit, in den Körper des nazarenischen Jesusknaben, daß da allmählich der bethlehemitische Jesusknabe dahinsiechte und bald starb.
Das Wichtige ist, daß Sie verstehen, wie diese Führung der Zarathustra-Individualität in den Jesusknaben sich vollzogen hat. Sie wissen, daß die Entwickelung des Menschen so vor sich geht, daß von der Geburt bis zum siebenten Lebensjahr die Entwickelung des physischen Leibes vor sich geht, vom siebenten bis vierzehnten Jahre die Entwicklung des Ätherleibes stattfindet, die besondere Entfaltung, und daß dann der Astralleib geboren wird. Ein besonderes Ich, eine Egoität, wie sie ja in der lemurischen Zeit geboren wurde im Menschen, war gar nicht im nazarenischen Jesusknaben. Hätte er sich fortentwickelt, ohne daß der Zarathustra hinübergegangen wäre, so hätte kein Ich geboren werden können. Er hatte, was als heilige drei Glieder, wie sie waren vor dem Sündenfall, zusammengefügt worden war: physischer Leib, Ätherleib und Astralleib, und bekam erst da die Begabung mit dem Ich durch den Zarathustra. Das alles gliederte sich in wunderbarer Weise zusammen. In den Evangelien haben wir die Tatsachen widergespiegelt, die in der Akasha-Chronik zu finden sind.

Ich habe nur skizzenhaft erzählen können einzelne Züge des Zu-sammenströmens dieser großen, gewaltigen Geistes ströme des Buddha, des Zarathustra und des althebräischen Stromes da in Vorderasien, wo im Beginne unserer Zeitrechnung das Christentum diese drei Strömungen wieder geboren hat. Das sind ein paar Linien, die wir ein andermal fortsetzen können.

+++

…aus der gleichen Vortragsreihe:

BUDDHA UND DIE ZWEI JESUSKNABEN – DIE VIER EVANGELIEN – MISSION DES ALTHEBRÄISCHEN VOLKES / R.Steiner
hier weiter

Wege zu einem vertieften Christusverständnis und zur Pflege eines meditativen Lebens – Fred Poeppig
hier weiter

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