Das gewöhnliche und das höhere Bewusstsein – im Zusammenhang mit dem Christuserlebnis / R.Steiner

Steiner, Rudolf:
Philosophie, Kosmologie, Religion.
GA 25
Auto-Referate zu den zehn Vorträgen des «Französischen Kurses» vom 6. Bis 13. September 1922.
Dornach (CH), Rudolf-Steiner-Verlag, 1956.

Drei m.E. zusammengehörende Vorträge:
VIII. Das gewöhnliche und das höhere Bewusstsein
IX. Das Ereignis des Todes im Zusammenhang mit dem Christus
X. Das Erleben des Willensteils in seiner Wirkung über den Tod hinaus
Hinweis:
Die ersten 4 Vorträge findet Ihr hier: I – IV – hier weiter
…die Vorträge V – VII findet Ihr hier: hier weiter

Z.Info – Kapitelübersicht aus GA 25:

I. Die drei Schritte der Anthroposophie
II. Seelenübungen des Denkens, Fühlens und Wollens
III. Imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnismethoden
IV. Erkenntnisgrundlagen einer wahren Kosmologie, Philosophie und Religion
V. Schlaferlebnisse der Seele
VI. Der Übergang vom seelisch-geistigen Dasein der Menschenentwickelung zum sinnlich-physischen
VII. Christus in seinem Zusammenhang mit der Menschheit
VIII. Das gewöhnliche und das höhere Bewusstsein
IX. Das Ereignis des Todes im Zusammenhang mit dem Christus
X. Das Erleben des Willensteils in seiner Wirkung über den Tod hinaus

Kurzinfo/Inhaltsübersicht der nachfolg. 3 Kapitel:
VIII. Das gewöhnliche und das höhere Bewusstsein
IX. Das Ereignis des Todes im Zusammenhang mit dem Christus
X. Das Erleben des Willensteils in seiner Wirkung über den Tod hinaus
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Im Schlafzustande hört für das gewöhnliche Bewußtsein das Sinnes-Erleben auf, und auch die seelische Betätigung in Denken, Fühlen und Wollen. Damit entfällt dem Menschen dasjenige, was er als sein «Selbst» zusammenfaßt…
Indem durch die Seelenübungen das Denken wieder entzündet wird, nachdem man durch das Nicht-Denken hindurchgegangen und dadurch zum Imaginieren gekommen ist, erlebt man den Inhalt des ganzen Lebenslaufes von der Geburt bis zum jeweilig gegenwärtigen Augenblicke als das eigene «Ich»…
Wie man in der Sinneswahrnehmung den Sinn nach den Dingen hinlenkt, die im Raume nebeneinander sind, so lenkt man die erwachte Aktivität der Seele im Imaginieren nach den verschiedenen Geschehnissen des eigenen Lebenslaufes hin. Man hat den zeitlichen Verlauf als Einheit vor sich. Der Inhalt des Werdens tritt als ein augenblicklich Gegenwärtiges auf…
Aber man hat im höheren Bewußtsein etwas anderes als die Erinnerungen des gewöhnlichen Bewußtseins. Man hat die Tätigkeit des vorher diesem Bewußtsein unbekannten ätherischen Organismus vor sich…
Aber man hat im höheren Bewußtsein etwas anderes als die Erinnerungen des gewöhnlichen Bewußtseins. Man hat die Tätigkeit des vorher diesem Bewußtsein unbekannten ätherischen Organismus vor sich. Die Erinnerungen des gewöhnlichen Bewußtseins sind nur Bilder dessen, was der Mensch durch seinen physischen Organismus mit der Aussenwelt erlebt hat. Das imaginative Bewußtsein aber erlebt die Tätigkeit, welche der ätherische Organismus am physischen Organismus vollbracht hat…
In dem visionären Erleben ist das Bewußtsein nicht wie bei der Imagination mit einem neuen Inhalt erfüllt, der zu dem alten hinzukommt, sondern es ist verwandelt; der alte Inhalt kann neben dem neuen nicht gegenwärtig gemacht werden. Der Imaginierende hat seinen gewöhnlichen Menschen neben sich; der Visionär hat sich ganz in einen andern Menschen verwandelt…
Es kommt immer wieder vor, daß die imaginative Erkenntnis so beurteilt wird, als ob sie zu einem Visionären führte. Ein solches muß gerade der wahre Geistesforscher im strengsten Sinne von sich weisen…
Bei ihm waltet in jedem Augenblicke die volle Kontrolle des imaginativ Erlebten durch das gewöhnliche Denken…
Der Visionär steckt tiefer in seinen physischen Körperfunktionen darinnen als derjenige, der auf gewöhnliche Art seine Sinneswahrnehmungen erlebt…
Tritt die Imagination ein, dann wird das gewöhnliche Denken als etwas erkannt, das keinen substantiellen Bestand in sich hat. Als der substantielle Inhalt dieses gewöhnlichen Denkens ergibt sich dasjenige, was man mit der Imagination in das Bewußtsein einführt…
Die bewußten Gedanken des gewöhnlichen Seelenlebens sind die von dem physischen Organismus Schlafzustande des unbewußten Imaginierens. Und das Substantielle dieses Imaginierens ist der ätherische Organismus, der in der irdischen Lebensentwickelung des Menschen sich offenbart…
Mit der Inspiration tritt ein neues Element in das Bewußtsein ein…
…sobald die Seele in inspirierter Erkenntnis ist, wird auch der astralische Organismus angeschaut. Denn die Seele lebt jetzt in ihrem ewigen Wesenskerne…
Sie sieht, wie der geistige Wesenskern des Menschen in den physischen, ätherischen und astralischen Organismus untertaucht…
Das Wollen hat einen andern Charakter als das Denken…
Man kommt aber nicht zu dem Schicksal des Ich-Bewußtseins. Dieses kann nur im Zusammenhange mit dem Christusproblem behandelt werden…
Das Seelenleben im Erdendasein vollzieht sich in den Tatsachen des Denkens, Fühlens und Wollens. Im Denken erscheint ein Spiegelbild dessen, was der astralische Organismus und die Ich-Wesenheit innerhalb der physisch-sinnlichen Welt erleben. Ein anderes Erleben dieser höhern Glieder der Menschenwesenheit geschieht während des Schlafzustandes…
Was hinter der reflektierenden Tätigkeit des Denkens im physischen Organismus vor sich geht, das kann durch [71] das gewöhnliche Bewußtsein nicht wahrgenommen werden, sondern nur das Ergebnis, welches die als Gedanken sich darstellenden reflektierten Bilder sind…
Im ätherischen Organismus ist die äußere Welt im Menschen tätig. Im astralischen Organismus ist dasjenige nachwirkend tätig, was der Mensch im vorirdischen Dasein erlebt hat…
…den fortwährend sich vollziehenden Todeswirkungen verdankt man das gewöhnliche Bewußtsein. Denn in dem ersterbenden Leben der Kopforganisation liegt dasjenige, was geeignet wird, die Seelentätigkeit als Gedanken-Erleben zu reflektieren…
Ist im Tode der physische Organismus abgeworfen, sind die physischen rhythmischen Prozesse nicht mehr im Menschen-Erleben da, dann tritt in das kosmische Bewußtsein die Anschauung von dem, was die Taten des Menschen vor der geistig-kosmischen Welt bedeuten…
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VIII. Das gewöhnliche und das höhere Bewusstsein
[62] Im Schlafzustande hört für das gewöhnliche Bewußtsein das Sinnes-Erleben auf, und auch die seelische Betätigung in Denken, Fühlen und Wollen. Damit entfällt dem Menschen dasjenige, was er als sein «Selbst» zusammenfaßt.

Durch die in den vorangehenden Betrachtungen charakterisierten Seelenübungen wird von einem höheren Bewußtsein zunächst das Denken erfaßt. Man kann dieses Erfassen nicht bewirken, ohne das Denken zuerst verloren zu haben. Im Erfolg bewirkenden Meditieren erlebt man diesen Verlust des Denkens. Man fühlt sich zwar innerlich als wesenhaft; es tritt ein unbestimmtes inneres Erleben ein; aber man kann sich zunächst nicht selbst mit einem so starken Sein erleben, daß man dieses Innensein in denkender Tätigkeit erfassen könnte.

Diese Möglichkeit tritt erst nach und nach ein. Die innere Aktivität wächst; und die Kraft des Denkens wird von einer andern Seite entzündet als im gewöhnlichen Bewußtsein. Man erlebt sich in diesem gewöhnlichen Bewußtsein immer nur in einem gegenwartigen Augenblicke.
Indem durch die Seelenübungen das Denken wieder entzündet wird, nachdem man durch das Nicht-Denken hindurchgegangen und dadurch zum Imaginieren gekommen ist, erlebt man den Inhalt des ganzen Lebenslaufes von der Geburt bis zum jeweilig gegenwärtigen Augenblicke als das eigene «Ich». Auch die Erinnerungen des gewöhnlichen Bewußtseins sind Erlebnisse des gegenwärtigen Augenblickes. Sie sind Bilder, die gegenwärtig erlebt werden, und die durch ihren Inhalt auf Vergangenes nur hinweisen. [63]
Solche Erinnerung entfällt zuerst beim Eintritte des Imaginierens. Das Vergangene wird dann angeschaut, wie wenn es ein Gegenwärtiges wäre. Wie man in der Sinneswahrnehmung den Sinn nach den Dingen hinlenkt, die im Raume nebeneinander sind, so lenkt man die erwachte Aktivität der Seele im Imaginieren nach den verschiedenen Geschehnissen des eigenen Lebenslaufes hin. Man hat den zeitlichen Verlauf als Einheit vor sich. Der Inhalt des Werdens tritt als ein augenblicklich Gegenwärtiges auf.

Aber man hat im höheren Bewußtsein etwas anderes als die Erinnerungen des gewöhnlichen Bewußtseins. Man hat die Tätigkeit des vorher diesem Bewußtsein unbekannten ätherischen Organismus vor sich. Die Erinnerungen des gewöhnlichen Bewußtseins sind nur Bilder dessen, was der Mensch durch seinen physischen Organismus mit der Aussenwelt erlebt hat. Das imaginative Bewußtsein aber erlebt die Tätigkeit, welche der ätherische Organismus am physischen Organismus vollbracht hat.

Das Auftauchen dieses Erlebens geschieht so, daß man das Gefühl hat, es steigt aus den Seelentiefen etwas herauf, das vorher in der eigenen Wesenheit zwar gesteckt hat, das aber nicht in das Bewußtsein herauf seine Wellen getrieben hat.
Alles dieses muß in voller Besonnenheit erlebt werden. Das ist der Fall, wenn das gewöhnliche Bewußtsein neben dem imaginativen vollkommen erhalten bleibt. Man muß die Erlebnisse, die man an der Wechselwirkung zwischen ätherischem und physischem Organismus müht, stets in Beziehung bringen können zu dem entsprechenden Erinnerungsleben des gewöhnlichen Bewußtseins. Wer das nicht kann, hat es nicht mit einer [64] Imagination zu tun, sondern mit einem visionären Erleben.

In dem visionären Erleben ist das Bewußtsein nicht wie bei der Imagination mit einem neuen Inhalt erfüllt, der zu dem alten hinzukommt, sondern es ist verwandelt; der alte Inhalt kann neben dem neuen nicht gegenwärtig gemacht werden. Der Imaginierende hat seinen gewöhnlichen Menschen neben sich; der Visionär hat sich ganz in einen andern Menschen verwandelt.
Wer die anthroposophische Forschung von außen kritisiert, muß das beachten.

Es kommt immer wieder vor, daß die imaginative Erkenntnis so beurteilt wird, als ob sie zu einem Visionären führte. Ein solches muß gerade der wahre Geistesforscher im strengsten Sinne von sich weisen. Er setzt nicht an die Stelle des gewöhnlichen Bewußtseins ein visionäres; sondern er gliedert dem gewöhnlichen das imaginative ein.

Bei ihm waltet in jedem Augenblicke die volle Kontrolle des imaginativ Erlebten durch das gewöhnliche Denken. Das visionäre Vorstellen ist ein stärkeres Hineinleben des «Ich» in den physischen Organismus, als das beim gewöhnlichen Bewußtsein der Fall ist. Das Imaginieren ist ein wirkliches Heraustreten aus dem physischen Organismus; und es bleibt daneben der gewöhnliche Bestand der Seele in dem physischen Organismus bewußt erhalten. Man wird bewußt in einem Teile der Seele, der vorher unbewußt war; aber der Seelenteil, der vorher im physischen Organismus bewußt war, bleibt in dem gleichen seelischen Erleben.
Das Wechselverhältnis zwischen dem Erleben des Imaginierten und demjenigen des gewöhnlichen Bewußtseins ist ein ebenso besonnenes Erfahren der Seele wie das Hin- und Herlenken [65] der Seelentätigkeit von einer Vorstellung zur andern im gewöhnlichen Bewußtsein. Berücksichtigt man dieses, so wird man die imaginative Erkenntnis nicht so beurteilen, als ob sie etwas Visionäres wäre.

Sie ist, im Gegenteil, dazu geeignet, alle Neigungen zum Visionären zu vertreiben. Aber der imaginativ Erkennende ist auch in der Lage, einzusehen, daß in den Visionen nicht körperfreie Erlebnisse gegeben sind, sondern solche, die in einem viel höheren Grade vom Körper abhängig sind als die Sinneserlebnisse. Denn er kann den Charakter der Visionen mit dem der wirklich körperfreien Imaginationen vergleichen. Der Visionär steckt tiefer in seinen physischen Körperfunktionen darinnen als derjenige, der auf gewöhnliche Art seine Sinneswahrnehmungen erlebt.

Tritt die Imagination ein, dann wird das gewöhnliche Denken als etwas erkannt, das keinen substantiellen Bestand in sich hat. Als der substantielle Inhalt dieses gewöhnlichen Denkens ergibt sich dasjenige, was man mit der Imagination in das Bewußtsein einführt. Das gewöhnliche Denken läßt sich in der Tat vergleichen mit einem Spiegelbild. Aber während im gewöhnlichen Bewußtsein das Spiegelbild entsteht, ist das auf unbewußte Art lebendig, was in der Imagination auftritt. Man imaginiert auch im gewöhnlichen Seelenleben; aber unbewußt. Imaginierte man nicht, so dächte man nicht.
Die bewußten Gedanken des gewöhnlichen Seelenlebens sind die von dem physischen Organismus reflektierten Spiegelbilder des unbewußten Imaginierens. Und das Substantielle dieses Imaginierens ist der ätherische Organismus, der in der irdischen Lebensentwickelung des Menschen sich offenbart. [66] Mit der Inspiration tritt ein neues Element in das Bewußtsein ein. Von dem eigenen menschlichen Lebenslauf muß, um zur Inspiration zu kommen, so abstrahiert werden, wie das in den vorigen Betrachtungen dargestellt worden ist. Aber die Kraft der Aktivität, welche sich die Seele durch das Imaginieren errungen hat, bleibt dabei erhalten. Im Besitze dieser Kraft kann die Seele zu Vorstellungen von demjenigen gelangen, was im Weltall dem ätherischen Organismus ebenso zugrunde liegt, wie dieser dem physischen.

Und damit wird die Seele vor ihre eigene ewige Wesenheit gestellt. Im gewöhnlichen Bewußtsein ist es so, daß die Seele, wenn sie vorstellend aktiv werden will, dies nur kann, indem sie den physischen Organismus ergreift. Sie taucht in denselben unter, und er reflektiert ihr in den Vorstellungsbildern dasjenige, was sie mit ihrem ätherischen Organismus erlebt.
Diesen selbst erlebt sie aber in seiner Tätigkeit nicht. Im imaginativen Bewußtsein wird dann dieser ätherische Organismus selbst erlebt. Aber es geschieht dies dadurch, daß die Seele mit ihrem Erleben zu dem astralen Organismus weiter zurückgegangen ist. Solange die Seele bloß imaginiert, lebt sie im astralischen Organismus unbewußt, und der physische und ätherische werden angeschaut; sobald die Seele in inspirierter Erkenntnis ist, wird auch der astralische Organismus angeschaut. Denn die Seele lebt jetzt in ihrem ewigen Wesenskerne. Diesen anzuschauen, vermag die Seele durch das Fortschreiten zur intuitiven Erkenntnis. Durch diese lebt sie in der geistigen Welt, wie sie im gewöhnlichen Dasein in ihrem physischen Organismus lebt. [67]
Die Seele erkennt auf diese Art, wie physischer, ätherischer und astralischer Organismus aus der geistigen Welt sich herausbilden. Aber sie kann auch das Fortwirken des Geistigen an der Organisation des Erdenwesens «Mensch» beobachten. Sie sieht, wie der geistige Wesenskern des Menschen in den physischen, ätherischen und astralischen Organismus untertaucht.
Dieses Untertauchen ist nicht etwa ein Hineinschlüpfen eines Geistigen in ein Physisches, so daß das erstere dann das letztere bewohnte. Nein, es ist ein Verwandeln eines Teiles der Menschenseele in die physische und ätherische Organisation. Dieser Teil der Menschenseele verschwindet während des Erdenlebens, indem er sich in den physischen und ätherischen Organismus verwandelt.

Es ist derjenige Teil der Seele, von dem gewöhnlichen Bewußtsein in seinem Abglanz durch das Denken erlebt wird. Aber die Seele taucht auf einer andern Seite wieder auf. Es ist das der Fall mit demjenigen ihrer Teile, der im Erdendasein als Wollen erlebt wird.

Das Wollen hat einen andern Charakter als das Denken. Im Wollen trägt der Mensch auch während des gewöhnlichen Wachlebens einen schlafenden Teil in sich. Das Gedachte steht klar vor der Seele. Der Mensch ist denkend wirklich ein vollerwachter. Das ist beim Wollen nicht der Fall. Der Wille wird durch den Gedanken angeregt. Soweit der Gedanke reicht, reicht auch das wache Bewußtsein. Aber dann taucht der Willensakt unter in den menschlichen Organismus. Bewege ich durch den Willen meine Hand, so habe ich im gewöhnlichen Bewußtsein den veranlassenden Gedanken als Anfang und die Anschauung der Hand-Erhebung mit allen begleitenden gefühlsmäßigen Seelenerlebnissen als Ende der [68] Willenswirkung. Die Mitte bleibt unbewußt. Was aber in den Tiefen des Organismus vor sich geht, wenn ein Wollen im Menschen abläuft, das entzieht sich dem gewöhnlichen Bewußtseins geradeso wie die Erlebnisse des Schlafes. Der Mensch hat immerfort – auch im Wachen – einen schlafenden Teil in sich.

Dieser Teil ist dasjenige, in dem vom Geist-Seelischen während des Erdendaseins das weiterlebt, was sich nicht in den physischen Organismus verwandelt. Man erschaut diese Verhältnisse, wenn durch die in den vorigen Betrachtungen geschilderten Willensübungen die wahre Intuition herbeigeführt worden ist. Dann erkennt man hinter dem Wollen den ewigen Teil der Menschenseele. Dieser verwandelt sich in die Kopforganisation; er verschwindet in deren Form und Leben während des Erdenlebens, und taucht auf der andern Seite wieder auf, um durch den Tod hindurchzugehen und wieder zur Mitarbeit an einem zukünftigen physischen Erdenkörper und Erdenleben reif zu werden. Damit dringt diese Betrachtung an das Ereignis des Todes im Menschenleben heran, das in der nächsten Betrachtung weiter geschildert werden soll.
Denn man kommt durch die Anschauung, die ich heute entwickelt habe, nur zu dem Fortleben des Wollens und zu einer Erkenntnis eines Seelenteiles aus der Vergangenheit, der sich in die menschliche Kopforganisation verwandelt. Man kommt aber nicht zu dem Schicksal des Ich-Bewußtseins. Dieses kann nur im Zusammenhange mit dem Christusproblem behandelt werden. Daher wird die entsprechende Betrachtung wieder zu einer Anschauung der Geheimnisse des Christentums zurückführen. [69] Die gewöhnliche Ideen-Philosophie verläuft in Gedanken; aber man hat in diesen Gedanken kein Leben, keine Substanz. Man erhält die Substanz, wenn einem in der Imagination der physische Organismus entfällt.

Vorher waren eben die Gedanken der Philosophie nur Spiegelbilder in der geschilderten Art. Gestaltet man diese zur Philosophie aus, so muß man deren Unwirkliches empfinden, wenn man sich unbefangen in sie einlebt. Man empfindet dann ahnend den Moment, der hier charakterisiert worden ist als der, in dem das erinnerte Denken ganz verschwindet. Augustinus und Descartes haben das empfunden, aber es sich ungenügend als «Zweifeln» gedeutet. Es erhält aber die Philosophie Leben, wenn die Einheit des Lebenslaufes substantiiert in der Seele auftaucht. Das hat Bergson empfunden und in seiner Idee der «Dauer» zum Ausdrucke gebracht. Aber er ist von diesem Punkte aus nicht weitergegangen. Wie es, aus diesen Verhältnissen heraus, mit der Kosmologie und Religionserkenntnis steht, soll im weiteren betrachtet werden.
 
IX. Das Ereignis des Todes im Zusammenhang im Zusammenhang mit dem Christus
[70] Das Seelenleben im Erdendasein vollzieht sich in den Tatsachen des Denkens, Fühlens und Wollens. Im Denken erscheint ein Spiegelbild dessen, was der astralische Organismus und die Ich-Wesenheit innerhalb der physisch-sinnlichen Welt erleben. Ein anderes Erleben dieser höhern Glieder der Menschenwesenheit geschieht während des Schlafzustandes.
Aber dieses Erleben bleibt im Erdendasein unbewußt.
Die Seele ist da in ihrem Innern zu schwach, um ihren eigenen Inhalt sich selbst vor das Bewußtsein zu stellen. Sobald das schauende Bewußtsein diesen Inhalt erlebt, stellt er sich als ein rein geistig-seelischer dar.

Mit dem Erwachen treten der astralische Organismus und die Ich-Wesenheit in den ätherischen und physischen Organismus ein. Durch das Denken werden die Sinneswahrnehmungen im ätherischen Organismus erlebt. Aber in diesem Erleben ist nicht die Welt wirksam, die den Menschen umgibt, sondern eine Nachbildung dieser Welt. In dieser Nachbildung offenbart sich die Summe der bildenden Kräfte, die dem Erden-Lebenslauf des Menschen zugrunde liegen.

In jedem Lebensaugenblicke ist eine solche Nachbildung der Außenwelt im Menschen vorhanden. Der Mensch erlebt diese Nachbildung durch das Denken nicht direkt, sondern es stellt sich deren Reflexion durch den physischen Organismus als Gedanken-inhalt vor das gewöhnliche Bewußtsein.
Was hinter der reflektierenden Tätigkeit des Denkens im physischen Organismus vor sich geht, das kann durch [71] das gewöhnliche Bewußtsein nicht wahrgenommen werden, sondern nur das Ergebnis, welches die als Gedanken sich darstellenden reflektierten Bilder sind. Diese nicht wahrgenommenen Vorgänge im physischen Organismus sind Tätigkeiten des ätherischen und astralischen Organismus und der Ich-Wesenheit. Der Mensch nimmt in seinen Gedanken dasjenige wahr, was er selbst als seelisch-geistiges Wesen in seinem physischen Organismus bewirkt.
Im ätherischen Organismus lebt eine Nachbildung der äußeren Welt als eine innere Tätigkeit, die den physischen Organismus erfüllt.

Im astralischen Organismus lebt ein Nachbild des vorirdischen Daseins; in der Ich-Wesenheit lebt der ewige Wesenskern des Menschen.

Im ätherischen Organismus ist die äußere Welt im Menschen tätig. Im astralischen Organismus ist dasjenige nachwirkend tätig, was der Mensch im vorirdischen Dasein erlebt hat. Diese Tätigkeit ist ihrem Wesen nach während des Erdendaseins keine andere geworden, als sie während des vorirdischen Daseins war. Sie war eine solche, die im geistig verwandelten physischen Organismus sich vollzog.

Im Wachzustand ist sie eine ähnliche. Die innere Kopforganisation des Menschen ist in einem fortwährenden Bestreben begriffen, aus dem physischen Zustand in einen geistigen umgewandelt zu werden. Aber diese Umwandlung tritt während des Erdendaseins nur als Anlage auf. Die physische Organisation leistet Widerstand. In dem Augenblicke, in dem der astralische Organismus in seiner umwandelnden Tätigkeit an dem Punkte angekommen ist, an dem die innere physische Kopforganisation [72] als physische zerfallen müßte, tritt der Schlafzustand ein. Dieser führt der inneren Kopforganisation aus dem übrigen physischen Organismus wieder die Kräfte zu, durch die sie in der physischen Welt bestehen kann.

Diese Kräfte liegen im ätherischen Organismus. Dieser wird während des Wachzustandes innerhalb der Kopf-Organisation immer undifferenzierter; während des Schlafzustandes differenziert er sich innerlich zu bestimmten Gestaltungen. In diesen Gestaltungen offenbaren sich die Kräfte, die während des Erdendaseins für den physischen Organismus aufbauend wirken.

In der Kopforganisation vollzieht sich also während des Wachzustandes eine zweifache Tätigkeit: eine aufbauende durch den ätherischen Organismus und eine abbauende, das ist eine solche, welche die physische Organisation zerstört. Diese Zerstörung wird durch den astralischen Organismus bewirkt.

Durch diese astralische Tätigkeit hat der Mensch den Tod während seines Erdendaseins dauernd in sich. Dieser Tod wird nur jeden Tag durch die ihm entgegenwirkenden Kräfte besiegt. Aber den fortwährend sich vollziehenden Todeswirkungen verdankt man das gewöhnliche Bewußtsein. Denn in dem ersterbenden Leben der Kopforganisation liegt dasjenige, was geeignet wird, die Seelentätigkeit als Gedanken-Erleben zu reflektieren.
Eine zum Leben drängende organisch-sprossende Tätigkeit kann kein Gedankenweben hervorbringen. Dazu ist eine nach dem Sterben hin tendierende notwendig. Die organisch-sprossende Tätigkeit dämpft das Gedankenweben zur Betäubung oder Bewußtlosigkeit herab. [73] Was sich im physischen Tode einmal mit dem ganzen menschlichen Organismus vollzieht, das begleitet das menschliche Dasein während des Erdenlebens als eine Anlage, ja als ein sich fortwährend bildender Anfang des Sterbens immer fort. Und diesem Ersterben in sich verdankt der Mensch sein gewöhnliches Bewußtsein. Vor dieses Bewußtsein stellen sich der ätherische und der physische Organismus hin wie undurchsichtige Wesenheiten; der Mensch schaut nicht sie, sondern die Gedankenspiegelbilder, die sie ihm zurückwerfen und die er in seiner Seele erlebt.

Die physische und ätherische Organisation verdecken ihm die astralische Organisation und die Ich-Wesenheit. Weil das Bewußtsein der Seele durch die Reflexion des physischen Organismus im gewöhnlichen Erdendasein erfüllt ist, kann der Mensch seine ätherische und astralische Organisation sowie seine Ich-Wesenheit nicht wahrnehmen.

Mit dem Tode löst sich der physische Organismus von dem ätherischen und astralischen und von der Ich-Wesenheit los. Der Mensch trägt nun seinen ätherischen und astralischen Organismus sowie seine Ich-Wesenheit an sich. Durch das Wegfallen des physischen Organismus ist für das Bewußtwerden der ätherischen Organisation durch den Menschen kein Hindernis mehr da. Vor die Menschenseele tritt das Bild des eben verflossenen Erdenlebens. Denn dieses Bild ist nur der Ausdruck der gestaltenden Bildekräfte, welche in ihrer Summe den ätherischen Leib darstellen.
Was so im ätherischen Leib lebt, ist aus dem ätherischen Wesen des Kosmos in den Menschen hineingewoben. [74] Es kann sich nie ganz vom Kosmos ablösen. Es setzt sich das kosmisch-ätherische Geschehen in die menschliche Organisation herein fort; und die innermenschliche Fortsetzung ist der Ätherorganismus.
Daher kommt es, daß in dem Momente, in dem nach dem Tode der Mensch in seiner ätherischen Organisation sich bewußt wird, dieses Bewußtsein auch schon beginnt, sich in ein kosmisches Bewußtsein umzuwandeln. Der Mensch fühlt den Weltenäther geradeso wie seinen Ätherorganismus als etwas, was in seiner eigenen Wesenheit ist.
Das heißt aber in Wirklichkeit: der Ätherleib löst sich nach ganz kurzer Zeit im Weltenäther auf. Der Mensch behält sein Inneres, das während des Erdendaseins an den physischen und ätherischen Organismus gebunden war, seinen astralischen Organismus und seine Ich-Wesenheit zurück.

Die astralische Wesenheit ist nie ganz in den physischen Organismus eingegliedert. Die Kopforganisation stellt eine völlige Umwandlung dieses astralischen Organismus und der Ich-Wesenheit dar. Aber in allem, was rhythmische Organisation des Menschen ist, in dem Atmungsvorgange, der Blutzirkulation und in den andern rhythmischen Prozessen leben die astralische Organisation und die Ich-Wesenheit mit einer gewissen Selbständigkeit fort.

Deren Tätigkeiten werden durch diese Prozesse nicht so reflektiert wie durch die Kopforganisation. Mit den rhythmischen Vorgängen vereinigen sich die astralische Organisation und die Ich-Wesenheit. Es entsteht da eine geistig-physische Wesenheit, die im gewöhnlichen Bewußtsein als Gefühlsleben zur Erscheinung kommt. In dem Gefühlsleben verbindet sich dasjenige, was der Mensch durch seine Gedanken mit der Sinneswelt zusammen [75] erlebt, mit dem astralischen Organismus und der Ich-Wesenheit.

Man muß diese Verbindung in ihren Einzelheiten betrachten. Man nehme an: der Mensch vollbringe etwas in der Sinnenwelt. Es bleibt für sein Seelenleben nicht bei dem äußeren Geschehen. Er beurteilt die eigene Tat. Dieses Beurteilen geschieht aber nicht im Gedankenleben allein, sondern der Impuls dazu kommt aus dem astralischen Organismus, der in der Vereinigung mit den rhythmischen Vorgängen sich auch im physischen Dasein offenbart. In das Gedankenleben, das in Reflexbildern verläuft, fügt sich ein Abglanz des moralischen Urteilens ein. Dieser Abglanz erscheint innerhalb der reflektierten Gedankenwelt selbst mit dem Charakter der bloß reflektierten Gedankenwesenheit.
Im astralisch-rhythmischen Organismus lebt er aber in seiner Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit tritt während des Erdendaseins nicht in das gewöhnliche Bewußtsein ein. Der Eintritt wird dadurch verhindert, dass die physischen rhythmischen Prozesse stärker gefühlt werden als ihre geistigen Begleitprozesse. Ist im Tode der physische Organismus abgeworfen, sind die physischen rhythmischen Prozesse nicht mehr im Menschen-Erleben da, dann tritt in das kosmische Bewußtsein die Anschauung von dem, was die Taten des Menschen vor der geistig-kosmischen Welt bedeuten. Dieses kosmische Bewußtsein bildet sich aus, nachdem der ätherische Organismus ausgeschieden ist. Der Mensch schaut sich in diesem Zustande selbst als moralische Gestaltung an, wie er sich im Erdendasein als physische Gestaltung angesehen hat.
Er hat jetzt ein Inneres, das gestaltet ist von der moralischen Qualität seiner Erdenbetätigung. [76] Er schaut seinen astralischen Organismus an. Aber in diesen astralischen Organismus leuchtet die geistig-kosmische Welt hinein. Was sie zu den im Erdendasein vollbrachten Menschentaten sagt, das steht als ein Tatsachenbild vor der Menschenseele.
Der Mensch tritt mit dem Tode in eine Form des Erlebens ein, in der er einen andern Rhythmus erlebt als im Erdendasein. Dieser Rhythmus erscheint wie in einer kosmischen Nachbildung der Erdenbetätigung.
Und in dieses Nach-Erleben strömt fortwährend das Leben des Geist-Kosmos herein wie im Erdenleben die Atemluft in die Lunge. In dem bewußten kosmischen Erleben erscheint ein Rhythmus, von dem der physische ein Abbild ist. Durch den kosmischen Rhythmus gliedert sich, was durch den Menschen im Erdendasein geschieht, als eine Welt mit moralischen Qualitäten in eine amoralische Welt ein. Und der Mensch erlebt nach seinem Tode diesen im Schoße des Kosmos sich ausbildenden moralischen Wesenskern eines künftigen Kosmos, der nicht nur wie der gegenwärtige in einer rein natürlichen Ordnung sich ausleben wird, sondern in einer moralisch-natürlichen.

Die Grundempfindung, welche die Seele durchzieht während dieses Erlebens in einer werdenden kosmischen Welt, ist ihr durch die Frage gegeben: werde ich würdig sein, mich in einem kommenden Dasein in die moralisch-natürliche Weltordnung einzugliedern.

Ich habe die Welt der Erlebnisse, die in dieser Art der Mensch nach dem Tode durchmacht, in meinem Buche «Theosophie» die «Seelenwelt» genannt. Das durch die Inspiration auftretende Bewußtsein von dieser Welt gibt erst den Inhalt für eine wahre Kosmologie, wie eine imaginative [77] Erkenntnis des realen menschlichen Lebenslaufes den Inhalt ergibt für eine wahre Philosophie.

Aus demjenigen kosmischen Bewußtsein heraus, in das die kosmische Nachwirkung der menschlichen Erdentaten hineinwirkt, können nicht die ausreichenden Impulse gewonnen werden, aus denen die Menschenseele im Geistigen den kommenden physischen Organismus vorbereiten kann. Dieser Organismus würde verdorben werden, wenn die Seele in der Seelenwelt verbleiben würde. Sie muß in eine Welt des Erlebens eintreten, in der die außermenschlichen geistigen Impulse des Kosmos wirken. Ich habe diese Welt in dem genannten Buche das «Geisterland» genannt.

Die alten Initiierten konnten aus ihrem durch die Initiation erworbenen Wissen ihren Bekennern sagen: das geistige Wesen, das in der physischen Welt in der Sonne seinen Abglanz hat, werdet ihr nach dem Tode in der geistigen Welt finden. Es wird euch aus der Seelenwelt in das Geisterland führen. Ihr werdet durch seine Führung gereinigt werden, so daß ihr im Geisterland fähig werdet, einen weltgemäßen physischen Organismus vorzubereiten.

Die Initiierten zur Zeit des Mysteriums von Golgatha und die der ersten christlichen Jahrhunderte mußten zu ihren Bekennern sagen: Der Grad des Ich-Bewußtseins, den ihr während des Erdendaseins erlanget, wird durch sein eigenes Wesen auf Erden so hell, daß sein Gegenpol, der nach dem Tode auftritt, so dunkel ist, daß ihr den geistigen Sonnenführer nicht sehen könntet. Deshalb ist das Sonnenwesen als Christus auf die Erde herabgestiegen und hat das Mysterium von Golgatha vollbracht. Durchdringet [78] ihr euch nun schon während der Erdenzeit mit einem lebendigen Gefühle eures Zusammenhanges mit dem Mysterium von Golgatha, so wird dessen Sinn dem Erdenleben eingegliedert und wirkt in der Menschenwesenheit nach dem Tode fort. Ihr könnt dann den Christusführer durch diese Nachwirkung erkennen. –

Vom vierten Jahrhundert an ist dieses alte initiierte Wissen innerhalb der Menschheitsentwickelung verlorengegangen. Eine erneute christliche Religionserkenntnis muß auch das Wirken Christi für die Menschheit bis in die Erlebnisse nach dem Tode hinaus aus der Inspiration wieder in die kosmologische Wissenschaft einführen. Wie das im Wollen verborgene Geschehen des menschlichen Erdendaseins bis nach dem Tode hinaus wirkt, das zu schildern bleibt nun die Aufgabe der nächsten Darstellung.
 
X. Das Erleben des Willensteils der Seele in seiner Wirkung bis über den Tod hinaus
[79] Wenn das gewöhnliche Bewußtsein den Willen in Tätigkeit versetzt, so ist ein Teil des astralischen Organismus besonders wirksam, der mit dem physischen Organismus in einer loseren Verbindung steht als derjenige, der dem Fühlen entspricht.
Und dieser dem Fühlen entsprechende Teil des Astralorganismus ist schon loser mit dem physischen Organismus verbunden als der dem Denken entsprechende. Zugleich liegt in dem Astralorganismus des Willens die wahre Wesenheit des «Ich».
Während dem Gefühl ein Seelisch-Geistiges entspricht, das mit dem rhythmischen Teil des physischen Organismus fortwährend in tätiger Verbindung ist, durchdringt der Willensteil der Seele den Stoffwechsel-Organismus und die Gliedmaßen-Organisation zwar fortwährend; aber er ist mit diesen Gliedern des Menschenwesens in einer tätigen Verbindung nur, während sich ein Wollen vollzieht.

Die Beziehung des denkenden Seelenteiles zur Kopf-Organisation ist ein Hingegebensein des Geistig-Seelischen an das Physische. Die Beziehung der fühlenden Seele an die rhythmische Organisation ist ein abwechselndes Hingegebensein und Sich-wieder-Zurückziehen. Der Willensteil aber steht zum Physischen in einer Beziehung, die er zunächst als ein unbewußtes Seelisches erlebt. Es ist ein unbewußtes Begehren nach dem physischen und ätherischen Geschehen. Dieser Willensteil geht durch seine eigene Wesenheit nicht in die physische Tätigkeit auf.
Er hält sich von ihr zurück und bleibt seelisch-geistig lebend. [80] Nur wenn der denkende Seelenteil seine Tätigkeit in die Stoffwechsel- und Gliedmaßen-Organisation hinein erstreckt, dann wird der Willensteil angeregt, sich an die physische und ätherische Organisation hinzugeben und in ihr tätig zu sein.

Dem denkenden Seelenteil liegt eine abbauende Tätigkeit des physischen Organismus zugrunde. Im Bilden von Gedanken erstreckt sich dieser Abbau nur auf die Kopf-Organisation. Wenn ein Willensmäßiges entstehen soll, so ergreift die abbauende Tätigkeit die Stoffwechsel- und die Gliedmaßen-Organisation. Die Gedankenkraft strömt in den Rumpf- und Gliedmaßen-Organismus ein, in denen ihr eine abbauende Tätigkeit des physischen Organismus entspricht. Das regt den Willensteil der Seele an, dem Abbau einen Aufbau, der auflösenden organischen Tätigkeit eine bildende, gestaltende entgegenzusetzen.

Tod und Leben kämpfen so im Menschenwesen. Im Denken offenbart sich eine stets im Absterben begriffene organische Tätigkeit; im Wollen offenbart sich ein Lebenweckendes, Lebenerschaffendes.

Bei denjenigen Seelenübungen, welche mit dem Ziele der übersinnlichen Anschauung als Willensübungen unternommen werden, tritt ein Erfolg nur ein, wenn sie zu einem innerlichen Schmerzerlebnis werden. Wer seinen Willen zu einer erhöhten Energie bringt, bei dem stellt sich ein Leidgefühl ein. In älteren Epochen der Menschheitsentwickelung wurde dieser Schmerz unmittelbar durch asketische Übungen herbeigeführt. Durch diese wurde der Körper in einen Zustand versetzt, der es dem Seelischen schwer machte, sich an ihn hinzugeben. Dadurch wurde der Willensteil der Seele von dem Körper [81] losgerissen und zum selbständigen Erleben der geistigen Welt angeregt.

Diese Art von Übungen ist derjenigen Menschenorganisation, die im gegenwärtigen Zeitpunkt der Erdenentwickelung erreicht ist, nicht mehr angemessen. Der menschliche Organismus ist jetzt so beschaffen, daß man ihn als die Grundlage der Ich-Entwickelung stört, wenn man die alten Übungen zur Askese anstellt. Man muß jetzt das Gegenteil machen. Die Seelenübungen, die in der gegenwärtigen Zeit notwendig sind, um den Willensteil der Seele leibfrei zu machen, bildeten den Gegenstand einer Charakteristik in den vorangehenden Darstellungen. Sie bringen die Erstarkung dieses Seelenteiles nicht von der Körperseite her zustande, sondern von der Seelenseite. Sie erkraften das Seelisch-Geistige im Menschen und lassen das Physisch-Körperliche unberührt.

Man kann schon vom gewöhnlichen Bewußtsein aus sehen, wie das Schmerzerlebnis mit der Entwickelung der seelischen Erfahrungen zusammenhängt. Jeder, der sich einiges an Erkenntnissen höherer Art errungen hat, wird sagen: Für die glücklichen, lustbringenden Einschläge in mein Leben bin ich dem Schicksal dankbar; meine in wahrer Wirklichkeit wurzelnden Lebens-Erkenntnisse verdanke ich aber meinen bitteren, meinen leidvollen Erlebnissen.

Soll der Willensteil der Seele verstärkt werden, wie es zur Erlangung der intuitiven Erkenntnis notwendig ist, dann muß zunächst das Begehren verstärkt werden, das im gewöhnlichen Menschenleben durch den physischen Organismus sich auslebt. Es geschieht dieses durch die charakterisierten Übungen. Wird dieses Begehren dann so, [82] daß der physische Organismus in seinem Erdenbestande für dasselbe keine Grundlage sein kann, dann geht das Erleben des Willensteiles der Seele in die geistige Welt über; und das intuitive Anschauen tritt ein. Es wird also für dieses Anschauen der geistig-ewige Teil des Seelenlebens seiner selbst bewußt. Wie das im Körper lebende Bewußtsein diesen in sich erlebt, so erlebt das geistige Bewußtsein den Inhalt einer geistigen Welt.

In dem Wechselgeschehen von Aufbau und Abbau der menschlichen Organisation, wie es sich in der denkenden, fühlenden und wollenden Menschheitsorganisation offenbart, muß man den mehr oder weniger normalen menschlichen Lebenslauf des Erdendaseins sehen. Er ist in der Kindheit anders als beim erwachsenen Menschen. Ein Durchschauen, wie die abbauenden und aufbauenden Kräfte in der Kindheit wirken und welche Wirkung auf sie durch die Erziehung und den Unterricht ausgeübt werden, ist die Aufgabe einer wahren Pädagogik. Eine solche kann nur entstehen aus der im Übersinnlichen wurzelnden Erkenntnis der vollständigen Menschennatur nach deren körperlichem, seelischem und geistigem Wesen.

Eine Erkenntnis, die nur in den Grenzen des naturwissenschaftlich Erreichbaren sich hält, kann nicht die Grundlage einer wahren Pädagogik sein.

In dem kranken Menschen ist der mehr oder weniger normale Verlauf des Wechselverhältnisses zwischen aufbauenden und abbauenden Kräften für den ganzen Organismus oder für einzelne Organe gestört. Es überwiegt da entweder der Aufbau in einem wuchernden Leben, oder der Abbau in ertötenden Bildungen einzelner Organe oder [83] Vorgänge.

Überschauen, was da vorgeht, kann nur derjenige, welcher die totale Menschenorganisation nach physischem, ätherischem, astralischem Organismus und Ich-Wesenheit erkennt. Und die Mittel zur Heilung können auch nur durch eine solche Erkenntnis gefunden werden.

Denn in den Reichen der äußeren Welt sind mineralische und pflanzliche Wesen vorhanden, in denen man bei aufbauender Erkenntnis Kräfte erkennt, die einer bestimmten Art von zu stark aufbauenden oder abbauenden Kräften im Organismus entgegenwirken. Ebenso kann ein solches Entgegenwirken in gewissen Verrichtungen des Organismus selbst gefunden werden, die für den gesunden Zustand nicht ausgeführt oder angeregt werden. Eine wahre medizinische Erkenntnis, eine echte Pathologie und Therapie können nur auf einer Geist, Seele und Leib umfassenden Menschen-Erkenntnis auferbaut sein, welche die Ergebnisse der Imagination, Inspiration und Intuition verwertet. Heute nennt man die Forderung nach einer solchen Medizin noch kindlich. Man tut dieses, weil man auf dem Gesichtspunkt einer bloßen Sinneswissenschaft steht.

Von diesem Standpunkt aus ist das ganz begreiflich, denn man ahnt von ihm aus nicht, wieviel mehr man wissen muß für eine Erkenntnis des ganzen Menschen als für diejenige des bloßen Menschenkörpers. Man kann wirklich sagen, daß Anthroposophie die Einwände ihrer Gegner kennt und zu würdigen versteht. Gerade deshalb aber weiß sie auch, wie schwer diese Gegner durch sie zu überzeugen sind.

Der Willensteil der Seele erlebt dasjenige mit, was in dem Gefühlsteil vor sich geht. Dieses Erleben vollzieht sich für das gewöhnliche Seelenleben unbewußt. Aber es [84] geht in den Tiefen der Menschenorganisation als ein Tatsachenzusammenhang vor sich. Da gestaltet sich das durch Gefühl und Wille vollzogene Bewerten der menschlichen Erdentätigkeit zu dem Streben um, der minderwertigen Tat eine wertvolle im weiteren Erleben entgegenzusetzen. Es wird die ganze moralische Qualität des Menschen unbewußt erlebt; und aus diesem Erleben formt sich eine Art geistig-seelischer Wesenheit, die während des Erdendaseins in der unbewußten Region des Menschenwesens heranwächst.
Sie stellt dasjenige dar, was sich als zu erreichendes Ziel aus dem Erdendasein ergibt, Ziel dem aber der Mensch in diesem nicht gelangen kann, weil der physische und ätherische Organismus, die aus dem vorigen Erdenleben ihre bestimmte Gestaltung haben, dies nicht ermöglichen. Es lebt deshalb in dem Menschen durch diese geistig-seelische Wesenheit das Bestreben, einen andern physischen und ätherischen Organismus zu bilden, durch den das moralische Ergebnis des Erdendaseins im weiteren Erleben umgestaltet werden kann.
Die Bildung eines solchen physischen und ätherischen Organismus kann nur bewirkt werden, indem der Mensch die gekennzeichnete geistig-seelische Wesenheit durch die Pforte des Todes in die übersinnliche Welt trägt.

Unmittelbar nach dem Tode hat der seelisch-geistige Mensch kurze Zeit den ätherischen Organismus an sich.
Da tritt in dem Bewußtsein nur eine Andeutung des im Erdenleben entstandenen, unbewußten moralischen geistig-seelischen Wert-Wesens auf. Denn der Mensch ist da ganz in die Anschauung des ätherischen Kosmos versunken. In dem folgenden längeren Erlebnis zustande (den [85] ich in meiner «Theosophie» die Seelenwelt genannt habe) ist zwar ein deutliches Bewußtsein dieser moralischen Wertwesenheit vorhanden, aber noch nicht die Kraft, das Wirken an dem Aufbau des Geistkeimes für den folgenden physischen Erdenorganismus zu beginnen. Der Mensch hat da noch eine Tendenz, wegen seiner im Erdenleben erworbenen moralischen Qualität nach diesem zurückzublicken. Nach einer gewissen Zeit kann der Mensch den Übergang zu einem Erlebniszustande finden, in dem diese Tendenz nicht mehr vorhanden ist.
(Ich habe die Region, die der Mensch da durchlebt, in meiner «Theosophie» als das eigentliche Geistgebiet bezeichnet.) Vom Gesichtspunkte des übersinnlichen Gedankeninhaltes, den der Mensch – nach dem Tode – im kosmischen Bewußtsein erringt, kann man sagen: der Mensch lebt eine Zeitlang nach dem Tode noch der Erde zugewandt, indem er sich mit den geistigen Kräften durchdringt, die in den physischen Mondenerscheinungen ihr sinnliches Abbild haben.
Er hat sich zwar äußerlich von der Erde losgelöst, hängt aber indirekt durch seinen geistig-seelischen Inhalt mit ihr zusammen. Mit den gekennzeichneten geistigen Mondenkräften durchdringt sich alles, was der Mensch während des Erdendaseins an moralisch-geistiger Bewertung zu einem realen Wert-Wesen in seinem astralischen Organismus – oder wie oben gesagt ist: in der unbewußten Region des gefühls- und willensgemäßen Seelenlebens – ausgestaltet.

Dieses moralisch-geistige Wertwesen hat eine inhaltliche Verwandtschaft mit den geistigen Mondenkräften. Und diese sind es, die den Menschen an der Erde festhalten. Zur Ausgestaltung des Geistkeimes für den physischen Organismus des nächsten Erdenlebens [86] muß er sich aber auch geistig-seelisch von der Erde trennen. Das kann er nur, wenn er sich auch aus dem Bereiche der Mondenkräfte löst. In diesem Bereiche muß er das mit ihm verwandte moralische Wertwesen zurücklassen. Denn das Wirken für den künftigen physischen Organismus im Zusammenhange mit den geistigen Wesen der übersinnlichen Welt muß unbeschwert durch jenes Wesen geschehen.
Diese Loslösung aus dem Gebiet der geistigen Mondenkräfte kann der Mensch nicht durch die ihm eigenen geistig-seelischen Kräfte erreichen. Sie muß sich aber doch vollziehen.

Vor dem Mysterium von Golgatha war es so, daß die Initiationswissenschaft den Menschen sagen konnte: In einem gewissen Zeitpunkte des nachirdischen Daseins muß das menschliche Erleben der Mondensphäre entzogen werden, das den Menschen im Bereich des Planetenlebens erhält.

Der Mensch kann dieses Entziehen nicht selbst bewirken. Da aber tritt das Wesen, dessen physischer Abglanz die Sonne ist, für ihn ein und führt ihn in eine reine Geistsphäre, in der es selbst, nicht aber die geistige Mondwesenheit wirksam ist. Der Mensch erlebt ein Sternendasein so, daß er die geistigen Urbilder der Fixsternkonstellationen gewissermaßen von der andern Seite, von der Peripherie des Kosmos aus schaut.
Dieses Schauen ist, wenn sich ihm auch die Sterne offenbaren, doch ein unräumliches. Mit den Kräften, von denen der Mensch jetzt durchdrungen ist, erwächst ihm die Möglichkeit, den Geist-Keim des physischen Organismus aus dem Kosmos heraus zu gestalten. Göttliches vollbringt in ihm Göttliches. [87] Ist der Geist-Keim gereift, so beginnt der Herunterstieg zu einem erneuten Erdendasein. Der Mensch tritt wieder in die Mondensphäre ein.
Er findet da die moralisch-geistige Wert-Wesenheit, die er beim Eintritt in das reine Sternendasein zurückgelassen hat; und er gliedert sie seinem seelisch-geistigen Wesen ein, um sie zur Grundlage seines schicksalgemäßen (kosmisch bestimmten) folgenden Erdenlebens zu machen.
Die Initiationswissenschaft des Christentums ergibt etwas anderes. Im Aufnehmen der Kraft, welche für die Seele aus dem anschauenden und tätigen Gefühls-Miterleben des irdischen Christuslebens und des Mysteriums von Golgatha erwächst, erringt der Mensch schon auf der Erde, nicht erst durch das Sonnenwesen nach dem Tode, die Fähigkeit, sich in einem bestimmten Zeitpunkte des nachirdischen Daseins dem Mondeneinfluß zu entziehen und in die reine Sternensphäre einzutreten.
Diese Fähigkeit ist das geistige, nach dem Tode erlebte Gegenbild der durch das Ichbewußtsein im Erdenleben herbeigeführten Freiheit. Der Mensch übernimmt dann in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sein in der Mondensphäre zurückgelassenes moralisch-geistiges Wertwesen als den Bildner seines Schicksals, das er dadurch während des folgenden Erdendaseins in Freiheit erleben kann.
Er trägt auch in Freiheit die irdische Nachwirkung seines zwischen Tod und Geburt durchlebten gottdurchdrungenen Daseins als religiöses Bewußtsein in sich.

Eine neuere Initiationswissenschaft kann das durchschauen und die Wirksamkeit des Christus im menschlichen Dasein erkennen. Sie fügt zu einer lebensvollen [88] Philosophie und einer Kosmologie, die den Geist-Kosmos miterkennt, eine Religionserkenntnis, welche den Christus als den Mittler eines erneuten religiösen Bewußtseins, als den Weltenführer in der Freiheit, anerkennt.
Skizzenhaft habe ich in diesen Darstellungen nur die mögliche Entstehung einer Philosophie, Kosmologie und Religionserkenntnis darstellen können. Es würde noch vieles zu sagen sein, wenn die Skizze zum farbigen Bilde werden sollte.

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Christus Jesus in Anknüpfung an alle vier Evangelien. Dann erst haben Sie, was an gesamten Geheimnissen über ihn zu sagen ist… Rudolf Steiner
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„…auf dem ökumenischen Konzil in Konstantinopel ist eben der Geist durch die Kirche abgeschafft worden.“ Und was bedeutet Gewissen? R.Steiner
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Wege zu einem vertieften Christusverständnis und zur Pflege eines meditativen Lebens – Fred Poeppig
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