Das Karma im einzelnen Menschen… Es gab Zeiten in der menschlichen Entwickelung, wo das alltägliche Bewußtsein in ganz anderer Weise verlief / Rudolf Steiner

Vorspann:
„Man kann sagen, daß dasjenige, was, allerdings in einer sehr traumhaften Art, ein natürlicher Bewußtseinszustand in alten Zeiten war – das Wissen von der übersinnlichen Welt und vom Karma -, allmählich sich abgedämmert, abgedämpft hat, und das, was von der übersinnlichen Welt an die Menschen herantreten sollte, dann Lehre der Mysterien geworden ist,
Denn heute ist es ja so, daß der Mensch von seinem Karma innerhalb des Bewußtseins, das er nun einmal hat als waches Tagesbewußtsein, nichts weiß.
Die Welt, in der er lebt vom Aufwachen bis zum Einschlafen, hält ihn davon ab, von seinem Karma unmittelbar elementarisch etwas zu wissen. Aber die Menschheit lebte nicht immer in diesem Bewußtseinszustande, der heute der sogenannte normale ist, sondern die Menschheit lebte in früheren Zeiten, auch in der nachatlantischen Erdenentwickelung, auch im alltäglichen Leben, in anderen Bewußtseinszuständen. Wir leben heute mit dem normalen Bewußtsein in drei Bewußtseinszuständen, die ich öfter charakterisiert habe: erstens das Wachbewußtsein, zweitens das Traumbewußtsein, wo noch einzelne Stücke der Tageserlebnisse reminiszenzenhaft vor dem Bewußtsein auftauchen, aber auch hineinspielen mancherlei Einschläge der geistigen Welt; und endlich als Drittes das völlige Schlafbewußtsein, in dem für die menschliche Seele ringsherum Dumpfheit, Dämmernis, Finsternis ist und das Bewußtsein sozusagen in die Bewußtlosigkeit hinuntersinkt. So war es nicht immer in der Menschheit. Es gab Zeiten in der menschlichen Entwickelung, wo das alltägliche Bewußtsein in ganz anderer Weise verlief…“

„…das unbedeutende Stück Mensch zum Beispiel sehen, das innerhalb der Haut eingeschlossen ist in Fleisch und Knochen und Gefäßen, was so, wie es von dem heutigen Tagesbewußtsein gesehen werden kann, das unbedeutendste Stück Mensch ist. Ganz begreiflich, daß doch bei sehr vielen die Tendenz entsteht, dieses unbedeutende Stück Mensch mit allerlei sogenannten schönen äußeren Bekleidungsstücken zu umhängen, damit es doch noch etwas sei, während man im tiefen Unterbewußtsein das Gefühl hat, daß es eigentlich unbedeutend ist und hineingehört in die leuchtend wärmende Bekleidung des Aurischen, des Astralischen, des Ich-Wesens.
Und als man zuerst diesen Übergang gefühlt hat vom Schauen des Menschen mit seiner Aura zum Schauen des gegenwärtigen unbedeutenden Menschen, da hat man schon in der Bekleidung nachzuahmen versucht, wie das ausschaut, was an dem Menschen aurisch ist; so daß die alten Moden – wenn ich das Wort gebrauchen darf – in gewissem Sinne Abbilder sind des Aurischen. Von den neueren Moden kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß sie es gar nicht sind.
Das Bewußtsein der übersinnlichen Welt hat die Form angenommen, daß der Mensch es in den chaotischen Träumen verträumt. Und das Karmabewußtsein verschläft er vollständig. Er würde das Karmabewußtsein haben, wenn der Teil des Bewußtseins, der traumlos ist zwisehen dem Einschlafen und Aufwachen, plötzlich ins Bewußtsein schießen würde. Dann wäre das Karmabewußtsein da.
So ist im Laufe der Menschheitsentwickelung seit der Zeit, die ich charakterisiert habe, im Laufe von zehntausend Jahren etwa, die Verwandlung vor sich gegangen, daß der Mensch das in der physischen Welt Geistige «verwacht» – denn wir «verwachen» auch das Geistige, nicht bloß, daß wir es verschlafen -, daß der Mensch das Geistige verwacht, die eigentliche geistige Welt verträumt, und das Karma verschläft.
Das ist etwas, was einmal zum Heraufkommen des Freiheitsbewußtseins notwendig geworden ist, wie ich öfter ausgeführt habe. Aber es muß die Menschheit aus ihrem gegenwärtigen Zustande wiederum herauskommen…“

AUS
Das Karma im einzelnen Menschen und in der Menschheitsentwickelung
Rudolf Steiner, GA 253

Erster Vortrag, London, 24. August 1924 (ohne Schluß)

Die Anschauung des Karma war eine Bewußtseinsrealität für die Menschen früherer Zeiten. Verglimmen des Karmabewußtseins, es geht über in Gelehrtheit, zum Beispiel in Alt-Ägypten. Übergang der Astralanschauung zum Aufwachen und Einschlafen. Durch die neuere InitiationsWissenschaft kann man zum verlorenen Erkennen zurückkehren.
Wie Karma im einzelnen Menschen und in der Menschheitsentwickelung auch heute verankert ist und wie sich einzelne karmische Tatsachen daraus besprechen lassen, es wird uns vor die Seele treten können, wenn wir dieser Besprechung eine Einleitung vorangehen lassen über die Ent-wickelung des menschlichen Bewußtseins aus Zuständen heraus, in denen die Menschen noch im gewöhnlichen Leben eine unmittelbare, elementare Wahrnehmung vom Karma hatten, zu anderen Zuständen des Bewußtseins, zu denen sie später kamen und in denen die unmittelbare Einsicht in das Karma verlorenging. Denn heute ist es ja so, daß
der Mensch von seinem Karma innerhalb des Bewußtseins, das er nun einmal hat als waches Tagesbewußtsein, nichts weiß. Die Welt, in der er lebt vom Aufwachen bis zum Einschlafen, hält ihn davon ab, von seinem Karma unmittelbar elementarisch etwas zu wissen.
Aber die Menschheit lebte nicht immer in diesem Bewußtseinszustande, der heute der sogenannte normale ist, sondern die Menschheit lebte in früheren Zeiten, auch in der nachatlantischen Erdenentwickelung, auch im alltäglichen Leben, in anderen Bewußtseinszuständen. Wir leben heute mit dem normalen Bewußtsein in drei Bewußtseinszuständen, die ich öfter charakterisiert habe: erstens das Wachbewußtsein, zweitens das Traumbewußtsein, wo noch einzelne Stücke der Tageserlebnisse reminiszenzenhaft vor dem Bewußtsein auftauchen, aber auch hineinspielen mancherlei Einschläge der geistigen Welt; und endlich als Drittes das völlige Schlafbewußtsein, in dem für die menschliche Seele ringsherum Dumpfheit, Dämmernis, Finsternis ist und das Bewußtsein sozusagen in die Bewußtlosigkeit hinuntersinkt. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
Tafel 4 1. Wachbewußtsein
1. Traumbewußtsein
1. Schlafbewußtsein.
So war es nicht immer in der Menschheit. Es gab Zeiten in der menschlichen Entwickelung, wo das alltägliche Bewußtsein in ganz anderer Weise verlief. Und wenn wir weit, ganz, ganz weit zurückgehen in die Zeiten, die unmittelbar folgten auf die atlantische Katastrophe, wo die Landoberflächen der Erde entstanden an den Stellen, wo früher Meer war, wo das Meer auftauchte an den Stellen, wo früher Land war, wo die Erde durchgehen mußte durch eine Periode der Vereisung, wenn wir diese Zeit nehmen, die unmittelbar auf die alte atlantische Katastrophe folgte, in der ausgebreitete alte Kulturen zugrunde gingen, wenn wir also zurückblicken in eine Zeit, die etwa acht- bis zehntausend Jahre hinter uns liegt, dann finden wir allerdings eine Menschheit, welche drei andere Bewußtseinszustande hatte. Jene Menschheit, welche die alte atlantische Katastrophe überlebte, sie hatte auch drei Bewußtseinszustande, aber diese waren wesentlich anderer Art.

Dieses nüchterne Alltagsbewußtsein vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wie es der heutige Mensch hat, wo er jeden anderen Menschen mit scharfen Konturen sieht, wo er auch die übrigen Wesen der Natur und Vorgänge der Natur mit scharfen Konturen sieht, diesen wachen Tagesbewußtseinszustand gab es allerdings in jenen alten Zeiten nicht; sondern man sah den Menschen ohne scharfe Konturen sich, fortsetzen nach allen Seiten ins Geistige, ins Aurische, und man sah im Aurischen auf seine Seele hin. Und auch die Tiere sah man mit mächtiger Aura. Man sah in der Aura ihre innerlichen Vorgänge, das Verdauen, das Atmen. Man sah die Pflanzen wie mit der Blüte heraufstrebend in eine Art Wolke, welche die Erde immerfort einhüllte. Alles war in verglimmendes astralisches Licht für dieses Bewußtsein getaucht. Und man kann schon davon sprechen, daß dieser Tagesbewußtseinszustand für jene alte, auf die atlantische Katastrophe folgende Menschheit der einer verglimmenden Astralanschauung der physischen Welt war.

Ich sage verglimmend, das heißt in seiner Leuchtekraft sich allmählich abschwächend, weil eben vor der atlantischen Katastrophe dieses Schauen in einem astralischen Leuchten viel stärker und intensiver war als heute. Aber das Hineinkommen in diesen Bewußtseinszustand, jenes Hinein-Aufwachen in diesen Bewußtseinszustand, denn mit einem Hinein-Aufwachen, wie es ja auch das heutige Aufwachen ist, läßt sich das vergleichen, jenes Hinein-Aufwachen in diesen Bewußtseinszustand des verglimmenden Astralschauens, das war anders als das Sich-Heraus-winden des heutigen Menschen aus dem Schlafzustand, wo die chaotischen Träume zunächst vor der Seele stehen, bevor der Mensch in den Tag eintritt.

Wenn diese Leute der alten Zeit aufwachten, dann war es so, als ob sich ihnen im Bewußtsein nachschöbe nun nicht bloß eine Traumeswelt, sondern eine Welt der Wirklichkeit, in die sie untergetaucht waren, von der sie auch wußten, daß sie aus ihr herauskommen und daß sie darinnen Umgang hatten mit Geistwesen, mit Geistwesen höherer Hierarchien, mit Geistwesen elementarischer Art. Es war wirklich dieses Aufwachen so, wie es ist, wenn der Mensch heute von einem Orte, an dem er vieles erlebt hat, an einen anderen Ort kommt, wo er sich im Umkreise von neuen Erlebnissen an all das erinnert, was er erlebt hat. Trat man in den Tag ein in jenen alten Zeiten, dann hatte man die neuen Tageserlebnisse, aber man hatte die geschilderte Erinnerung: man war an einem anderen Orte gewesen, wo man nur mit anderen Wesen zusammen war, wo man nicht unmittelbar mit den physischen Menschen zusammen war, die einen sonst mit den Tieren und Pflanzen umgeben, wo man umgeben war von den entkörperten Menschenseelen, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt leben, wo man zusammen war mit anderen Wesen, die niemals auf der Erde in irgendeiner Inkarnation leben.

Nachdem man eine gewisse Art von Bewohnern des Weltenalls verlassen hatte, fühlte man sich dann hereingestellt in eine andere Welt, in die Welt des physischen Erlebens zwischen Geburt und Tod. Aber man fühlte auch deutlich die Erinnerung an die geistige Welt, an jene Welt, die der Mensch durchläuft zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Man kann sagen: da trat herein in die verglimmende Astralanschauung die Anschauung der geistigen Welt.

So daß eigentlich dieser Bewußtseinszustand, wo der Mensch wie heute so zwischen rein physischen Wesenheiten steht, damals gar nicht vorhanden war. Es hatten damals schon die Menschen nicht bloß in einer Art von Träumen, sondern in einer sehr realen Wirklichkeitsvorstellung die Empfindung: sie sehen, wenn sie herauskommen in das Tagesbewußtsein, Bäume und Tiere und Berge und Felsen und Wolken, aber es ist dieselbe Welt, in der auch jene Geisteswesen und jene Menschenseelen leben, die nicht auf Erden verkörpert sind, die in der geistigen Welt leben, mit denen man zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt. Und dann bekamen sie die reale Vorstellung, diese Menschen: in jeden Baum, in jeden bemerkenswerten Felsen, in die Tiefe der Berge hinein und zu den Höhen der Wolken hinauf bewegen sich, während der Mensch aufwacht, diese Wesen hin, schlüpfen hinein, tauchen unter in die einzelnen Wesenheiten, in die Geschöpfe der äußeren physischen Natur.
Man ging in den Wald, man sah einen besonderen Baum. Man wußte dazumal: dahinein ist ein Nachtwesen geschlüpft, mit dem man zusammen war, und man sah deutlich, wie das der Initiierte heute noch sehen kann: in die physischen Lokalitäten hinein schlüpfen die geistigen Wesenheiten wie in ihre Häuser. Kein Wunder daher, daß dann alle diese Dinge in den Mythus übergingen und die Menschen davon sprachen, daß es Baumgeister, Quellengeister, Wolkengeister, Bergesgeister gibt. Sie sahen ja das, womit sie nächtlich zusammen waren, in die Berge, in die Wellen, in die Wolken, in die Pflanzen, in die Bäume hineinschlüpfen.

Das war die seelische Morgendämmerung, die damals dieses Hineinschlüpfen der Geistwelt in die physisch-sinnliche Welt sah. Von den hervorragenden, erhabenen Geistern sagte man würdevoll: sie haben in diesen physischen Lokalitäten ihre Ruhesitze während des Tages. Von den minderwertigeren Elementarwesen, die unter den Menschen, ja oftmals unter den Tieren leben in ihrer Evolutionsepoche, von denen sagte man: sie verstecken sich darinnen. Da drückte man die Sache neckisch aus. Aber das, was man da auf der einen Seite im Erhabenen, auf der anderen Seite in Ohnmacht, in Neckischheit ausdrückte, das entsprach genau dem Gefühle, das man gegenüber dieser seelischen Morgendämmerung hatte.

Nun aber stellen Sie sich vor, meine lieben Freunde, ein Mensch war in einer solchen geistigen Welt im letzten Teil des Schlafes da drinnen, und morgens ging es ihm auf; ganz klar, daß er drinnen war, wurde es ihm erst beim Aufwachen. Warum war das? Warum sah er eigentlich erst beim Aufwachen, als die Geister verschwanden, diese geistig-übersinnliche Welt, mit der er zusammen lebte zwischen dem Tode und einer neuen Geburt? Deshalb, weil – während dieser Zustand da war, während also der Mensch im letzten Teil des Schlafes in diesem Zustande der Anschauung der geistigen Welt war – der Mensch noch in einem dritten Zustande des Bewußtseins lebte. Da lebte er in einem Bewußtseinszustand, der nun wieder eine ganz andere Welt vor die Seele zauberte. Und zwar sah da der Mensch, während er sich während seines Erden daseins im Schlafe anschauend in der geistigen Welt befand, zurück auf die Evolution seines Karma.

Dieser dritte Bewußtseinszustand der Menschen, die unmittelbar auf die atlantische Katastrophe folgten, war die Anschauung des Karma. Die war ihnen eben in dieser Zeit einfach eine Realität. (Fortsetzung der Tafelanschrift:)
Tafel 4 1. Wachbewußtsein: verglimmende Astralanschauung
12 Traumbewußtsein: Anschauung der geistigen Welt
1. Schlafbewußtsein: Anschauung des Karma.

Und wie heute die drei Bewußtseinszustände: Wachbewußtsein, Traumbewußtsein, Schlaf bewußtsein, im täglichen Leben abwechseln, so wechselten dazumal für den Menschen die Zustände der verglimmenden Astralanschauung, der Anschauung der geistigen Welt, der Anschauung der Karma-Entwickelung ab.
Ja, es ist so, meine lieben Freunde, daß in diesen alten Zeiten die Anschauung des Karma einfach eine Bewußtseinsrealität für die Menschen war und daß man daher mit Recht sagen kann: es gab einmal eine Art von Bewußtsein in der Menschheit, durch das man einfach hinschaute auf die Realität des Karma.

Dann ging die Entwickelung in der folgenden Art weiter: Zuerst hörte dieser Schlaf, der aber dann ja kein Schlaf war, denn während man schlief, schaute man auf das Karma zurück – zuerst hörte also diese Anschauung in bezug auf das Karma auf. Sie verdunkelte sich. Und von dem Tatsächlichen des Karma blieben nur die Erkenntnisse der Eingeweihten, der Initiierten in den Mysterien zurück. Da wurde dann das, was früher geschaut wurde bei den Menschen als Karma-Erfahrung, es wurde dann Gelehrsamkeit. Was also eine alte Erfahrung war, meine lieben Freunde, wurde dann in späteren Zeiten Gelehrtheit. Denn es dämpfte sich, dumpfte sich ab innerhalb des altertümlichen Bewußtseins, und es verblieb der Menschheit nur – und so war es etwa in der Zeit, die uns als die alte chaldäische oder babylonische oder ägyptische geschildert wird – das Hinschauen auf die geistige Welt. So daß man um diese Zeit, also in den Jahrtausenden, die der christlichen Entwickelung vorangingen, in einem Menschheitsbewußtsein lebte, dem die Anschauung der übersinnlichen Welt noch durchaus natürlich war, in der aber vom Karma nur gelehrt wurde. Und begreiflich ist es daher, daß gerade in dieser Zeit, die der christlichen Entwickelung voranging, weil noch ein intensives Bewußtsein vorhanden war von der geistigen Welt, von der Welt, in welcher der Mensch ist zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, und weil verglommen und verdumpft war das Karmabewußtsein, begreiflich ist, daß man das Karmabewußtsein in der allgemeinen Menschheit ganz verlor, daß es sozusagen nicht da war, als die christliche Entwickelung einsetzte, und daß dann besonders stark der Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt betont wurde, wenn der Mensch entkörpert ist. Das verspüren wir ja so ganz besonders stark in dem, was uns als die alte ägyptische Anschauung entgegentritt: ein ungeheuer starkes Bewußtsein von der geistigen Welt, ein geläutertes, feines Bewußtsein von der Welt, in die der Mensch eintritt durch die Pforte des Todes, wenn er Osiris wird, aber kein Bewußtsein mehr von den wiederholten Erdenleben.

Dann kam allmählich die Zeit heran, die heute in der Menschheitsentwickelung ihren Höhepunkt hat, die eigentlich der Menschheit heute eigen ist. Die Astralanschauung ist zu unserem nüchtern-prosaischen Bewußtsein herabgesunken, das wir im normalen Leben zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen haben, wo wir nur das unbedeutende Stück Mensch zum Beispiel sehen, das innerhalb der Haut eingeschlossen ist in Fleisch und Knochen und Gefäßen, was so, wie es von dem heutigen Tagesbewußtsein gesehen werden kann, das unbedeutendste Stück Mensch ist. Ganz begreiflich, daß doch bei sehr vielen die Tendenz entsteht, dieses unbedeutende Stück Mensch mit allerlei sogenannten schönen äußeren Bekleidungsstücken zu umhängen, damit es doch noch etwas sei, während man im tiefen Unterbewußtsein das Gefühl hat, daß es eigentlich unbedeutend ist und hineingehört in die leuchtend wärmende Bekleidung des Aurischen, des Astralischen, des Ich-Wesens.

Und als man zuerst diesen Übergang gefühlt hat vom Schauen des Menschen mit seiner Aura zum Schauen des gegenwärtigen unbedeutenden Menschen, da hat man schon in der Bekleidung nachzuahmen versucht, wie das ausschaut, was an dem Menschen aurisch ist; so daß die alten Moden – wenn ich das Wort gebrauchen darf – in gewissem Sinne Abbilder sind des Aurischen. Von den neueren Moden kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß sie es gar nicht sind.
Das Bewußtsein der übersinnlichen Welt hat die Form angenommen, daß der Mensch es in den chaotischen Träumen verträumt. Und das Karmabewußtsein verschläft er vollständig. Er würde das Karmabewußtsein haben, wenn der Teil des Bewußtseins, der traumlos ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, plötzlich ins Bewußtsein schießen würde. Dann wäre das Karmabewußtsein da.

So ist im Laufe der Menschheitsentwickelung seit der Zeit, die ich charakterisiert habe, im Laufe von zehntausend Jahren etwa, die Verwandlung vor sich gegangen, daß der Mensch das in der physischen Welt Geistige «verwacht» – denn wir «verwachen» auch das Geistige, nicht bloß, daß wir es verschlafen -, daß der Mensch das Geistige verwacht, die eigentliche geistige Welt verträumt, und das Karma verschläft.

Das ist etwas, was einmal zum Heraufkommen des Freiheitsbewußtseins notwendig geworden ist, wie ich öfter ausgeführt habe. Aber es muß die Menschheit aus ihrem gegenwärtigen Zustande wiederum herauskommen.
Man kann sagen, daß dasjenige, was, allerdings in einer sehr traumhaften Art, ein natürlicher Bewußtseinszustand in alten Zeiten war – das Wissen von der übersinnlichen Welt und vom Karma -, allmählich sich abgedämmert, abgedämpft hat, und das, was von der übersinnlichen Welt an die Menschen herantreten sollte, dann Lehre der Mysterien geworden ist, während es sich innerhalb des neueren materialistischen Zeitalters ganz verloren hat. Aber innerhalb dieses materialistischen Zeitalters muß wiederum die Möglichkeit aufgehen, sowohl zu dem Bewußtsein der übersinnlichen Welt wie zu dem Bewußtsein von Karma die Brücke zu schaffen.
Das heißt aber mit anderen Worten, wenn man sich vor Augen stellt, wie mit dem seelischen Morgendämmern in uralten Zeiten jene geistigen Wesenheiten, in deren Gesellschaft man vom Einschlafen bis zum Aufwachen war, hineinschlüpften in Bäume und Wolken und Berge und Felsen, und der Mensch sich dann während des Tages sagen konnte, wenn er zu einem solchen Baum, zu einem solchen Felsen, zu einem solchen Quell ging: Da drinnen ist verzaubert ein geistiges Wesen, mit dem ich aber in meinem Schlafbewußtsein beisammen bin – so muß der Mensch zunächst durch das Aufnehmen der neueren Initiationswissenschaft dazu kommen, mit dem während des Tagwachens vorhandenen Bewußtsein gewissermaßen geist-erkennend im Anschauen aus jedem
Felsen, aus jedem Baum, aus jeder Wolke, aus jedem Stern, aus Sonne und Mond die verschiedenartigsten Geistwesen wieder herauszulocken.

Auf diesen Weg müssen wir uns heute begeben, uns vorbereiten dazu, daß ebenso, wie für die alten Menschen mit dem Aufwachen das Geistwesen, mit dem der Mensch in der Nacht beisammen war, in den Baum, in den Felsen hineingeschlüpft ist, so für die neuere Menschheit herausschlüpft aus Baum und Quell dasjenige, was an geistigem Wesen in Baum und Quelle verborgen ist. Und das kann sein. Das kann dadurch sein, daß der Mensch einfach den Standpunkt des gewohnten Vorurteiles ablegt, in den er sich eingelebt hat, in den die Kinder heute schon bis in die Kindergartenerziehung hinunter eingeführt werden, daß der Mensch ablegt diese Befangenheit, daß man mit dem gesunden Menschenverstand nicht hineinschauen kann in die geistige Welt. Wenn der Initiierte kommt und erzählt die Dinge, die in der geistigen Welt sind, und die Vorgänge, die in der geistigen Welt stattfinden, und wenn der Mensch auch heute noch nicht hineinschauen kann mit dem gewöhnlichen Bewußtsein: wenn er sich seines unbefangenen Menschenverstandes bedient, so kann dieser Menschenverstand durchleuchtet werden durch die Mitteilung von der geistigen Welt. Und das ist unter allen Umständen für jeden der erste rechte Schritt heute.

Dagegen spricht freilich vieles. Sehen Sie, nach einem der Vorträge, die ich über das Schauen der geistigen Welt in dem verflossenen Jahre hielt, erschien in einer nicht ganz unangesehenen Zeitung eine wohlwollende Besprechung – was eben «wohlwollend» und «angesehen» genannt werden kann mit Bezug auf die vehemente Gegnerschaft gegen die Anthroposophie in der Gegenwart. Nun hatte ich auch in diesem Vortrage darauf aufmerksam gemacht, daß man ja nicht gleich ein Hellseher zu sein braucht, um wirklich zu wissen von der geistigen Welt, sondern daß man mit seinem gesunden Menschenverstand durchaus die Dinge begreifen kann, wenn sie der Hellsehende mitteilt. Ich hatte das sehr stark betont. Und der Mann, der durchaus wohlwollend die Sache besprach, der schrieb den folgenden Satz. Er sagte: Den gesunden Menschenverstand, den will der Steiner anwenden auf die Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Solange dieser gesunde Menschenverstand gesund bleibt, so sagte der Mann, so lange weiß er sicher nichts von einer übersinnlichen Welt, und sobald er von einer übersinnlichen Welt weiß, dann ist er schon sicher nicht mehr gesund!

Ich habe vielleicht niemals mit einer solchen ehrlichen inneren Aufrichtigkeit aussprechen gehört, was eigentlich jeder, der heute vom «gesunden Menschenverstand» aus die Erkenntnis der übersinnlichen Welt ablehnt und von Grenzen der Erkenntnis in gewohntem Sinne spricht, behaupten müßte, wenn er ehrlich ist, innerlich ehrlich ist; denn entweder muß man die heutige Anschauung aufgeben, oder man muß dieses behaupten; anderes ist nicht innerlich ehrlich.

Der heutige Initiierte weiß eben durchaus zu sagen, wie aus jedem Stein erkennend im Bewußtsein erlöst wird ein Geisteswesen, wie andere Geisteswesen aus den Pflanzen erlöst werden. Sie treten einem entgegen, wenn man nicht bei der äußeren Sinnesanschauung stehenbleibt. Und jedes Mal, wenn man in die Natur geht, wenn man zum Beispiel zunächst, aus ihren Steinbehausungen hervorgehend, die koboldartigen Elementarwesen schaut, die überall, wo die Natur anfängt ein wenig elementar zu werden, drinnen stecken – dann, wenn man sich so bekannt macht und befreundet mit diesen Elementarwesen, dann sieht man bald auch hinter diesen Elementarwesen, namentlich hinter den Elementarwesen der mineralischen Welt, höhere Wesenheiten, die zuletzt hinaufführen bis zur ersten Hierarchie, bis zu den Seraphim, Cherubim und Thronen.

Und wenn konsequent die Übungen durchgeführt werden, die ich in dem Buche: «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», das ins Englische unter dem Titel «Initiation» übersetzt ist, angegeben habe, wenn man diese Übungen konsequent, mit großer innerer Energie, Opferwilligkeit und Hingabe macht, dann ist es eigentlich schon so, daß man, wenn man den gehörigen inneren Mut bekommt, zunächst auf so etwas kommt, daß in besonderen mineralischen Einschlägen draußen im Gebirge in einem Stück Stein ganze Welten von Elementarwesen verborgen sind. Die kommen nur so heraus, nach allen Seiten schlüpfen sie heraus, werden groß, und bezeugen, daß sie eigentlich nur zusammengerollt, zusammengeschoben in den Partien der elementarischen Welt sind. Es sind Wesenheiten zunächst innerhalb des mineralischen Naturgebietes, namentlich wo die Erde in den Zustand des «Grunelns» kommt, daß sie sich so frisch anfühlt, daß sie Erdenaroma hat, daß die Pflanzen auch Erdenaroma haben. Wenn man da eintritt in diese Welt der Elementarwesen, da ist es so, daß diese Elementarwesen schon einem angst und bange machen können. Und diese Elementarwesen, die da herauskommen, sind von einer unglaublichen Gescheitheit. Man muß die Bescheidenheit haben, wenn die Zwerge da heraus sich lösen aus den Naturtatsachen und Naturobjekten, sich zu sagen: Da stehst du nun, du dummer Mensch, wie gescheit ist doch diese Elementarwelt! –
Und weil im Ernste das doch viele Menschen nicht sagen mögen, weil sie ja nicht einmal sagen mögen, daß ein kleines Kind, das eben geboren worden ist, viel gescheiter ist als derjenige, der viel gelernt hat — wenn man es innerlich anschaut -, deshalb entziehen sich zunächst diese Elementarwesen dem Anblick des Menschen. Kann man aber auf sie eingehen, dann erweitert sich sozusagen der Horizont, und das, was vorne diese neckischen, einen mit ihrer Gescheitheit und Klugheit neckenden Zwerge eröffnen als Vordergrund, das trägt in einen Hintergrund hinein, der bis zu der ersten Hierarchie, bis zu den Seraphim, Cherubim und Thronen kommt.

Und wenn man sich das Bewußtsein schärft mit dem, was die Menschheit gelernt hat gerade durch die Naturwissenschaft in dem letzten Jahrhundert, dann kann man in diese Welt der Elementarwesen und von da aus in eine höhere Welt mit Hilfe der angegebenen Übungen erst recht eintreten. Und erwirbt man sich so an der Natur, an dem liebevoll sich Versenken in die Natur ein Bewußtsein, das nicht angekränkelt ist von dem, was heute anerkanntes autoritatives Wissen ist, dann steigt man allmählich wieder auf in der Initiationserkenntnis zu jenem Erkennen, das der Menschheit verlorengegangen ist.
Wer schließlich heute dazu kommt, daß ihm aus den Bäumen entgegentritt der Baumgeist, der für die Alten hineingeschlüpft ist am Morgen in der seelischen Morgendämmerung, der am Abend in der seelischen Abenddämmerung wiederum herabgesprüht ist, der kann dann auch in einer entsprechenden Weise an den Menschen herantreten und aus dem Menschen der Gegenwart hervorgehend schauen seine Gestaltungen in früheren Erdenleben mit der Evolution des Karma. Denn für den Menschen mündet dieses Anschauen in das Karma hinein.
Tafel 4 Für die mineralische Welt, wo zunächst die mit ihrer Klugheit neckenden Zwerge herauskommen, mündet das Anschauen bei den Seraphim, Cherubim und Thronen.
Für die Pflanzen mündet das Anschauen bei den Exusiai, Dynamis, Kyriotetes.
Für die Tiere mündet dieses Anschauen, wenn man ihre geistigen Wesen aus ihnen so hervorkommen sieht, in Archai, Archangeloi, Angeloi.
Für den Menschen mündet das in das Karma.
Hinter den in der Welt erscheinenden Seraphim, Cherubim und Thronen und hinter allen übrigen Wesen der höheren Hierarchien, hinter allen Elementarwesen, welche einen aus den Mineralien durch ihre Gescheitheit schockieren, einen aus den Pflanzenwesen durch ihre süße Zudringlichkeit vielleicht schockieren oder auch nicht schockieren, hinter dem, was aus dem Wüsten, zuweilen mit Vehemenz, mit Feuerglut, aber auch mit Fröstelndem aus den Tieren entgegentritt, hinter all dem, was da als Vordergrund erschienen ist, tritt dann die überwältigend großartige Erscheinung des Karma auf. Denn eigentlich liegt erst hinter all den Geheimnissen der Welt das Geheimnis des Karma für den Menschen.
Und wenn wir unsere Empfindung in der entsprechenden Weise so vorbereitet haben, werden wir nun in den nächsten Vorträgen, die ich noch hier an demselben Orte vor Ihnen halten kann, zu der Besprechung einzelner karmischer Tatsachen gehen können.

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