Der Mythos der freien Presse – von Noam Chomsky

Der Mythos der freien Presse von Noam Chomsky
Pressefreiheit meint die Freiheit der Reichen und Mächtigen, ihre Meinung verbreiten zu lassen…

Die führenden Leute in diesen drei Bereichen sagen alle, ich zitiere sinngemäß: Die Masse der Bevölkerung besteht aus »ahnungslosen und lästigen Außenseitern«. Die müssen wir aus der öffentlichen Arena heraushalten, weil sie zu dumm sind und uns nur Schwierigkeiten machten, wenn sie sich beteiligten. Ihre Aufgabe ist es, zuzusehen und nicht am politischen Geschehen teilzunehmen. Sie dürfen ab und an zur Wahl gehen und ihre Stimme für einen von uns klugen Menschen abgeben. Aber dann sollen sie gefälligst nach Hause gehen und sich mit etwas anderem beschäftigen, Fußball gucken oder so. Jedenfalls sollen die »ahnungslosen und lästigen Außenseiter« sich mit ihrer Rolle als Zuschauer begnügen und nicht etwa mitmachen.
Also haben wir einerseits die qualifizierte Schicht derer, die dazu berufen sind, das Heft in der Hand zu halten, und dann noch den Rest, der draußen bleiben soll. Und wir sollten uns bloß nicht dem demokratischen Dogma unterwerfen, dass »die Menschen ihre eigenen Interessen am besten beurteilen können«

„Ich schreibe alles, was ich will. Dieses ganze Gerede über den Druck und die Beschränkungen, die angeblich herrschen, sind Unsinn. Niemand setzte mich je unter Druck.“
Und das ist völlig richtig – nur, dass es hier um etwas ganz anderes geht, nämlich um die Tatsache, dass sie ihre Position gar nicht innehätten, wenn sie nicht vorher schon unter Beweis gestellt hätten, dass niemand ihnen sagen muss, was sie schreiben sollen. Es ist längst klar, dass sie das genau wissen. Wenn sie sich als angehende Reporter für die verkehrte Art von Geschichten interessiert hätten, hätten sie es nie zu Positionen gebracht, in denen sie sagen können, was sie wollen.

…In nur zwei Sätzen lässt sich Orwell über die institutionelle Struktur der Medien aus. Er fragt: Weshalb kommt es zu einer solchen Zensur? Das liegt zum einen daran, dass die Presse vermögenden Leuten gehört, die wollen, dass nur gewisse Themen das Publikum erreichen. Und zum anderen, so Orwell, daran, dass jeder, der das Elite-Bildungssystem durchläuft, der die »richtigen« Schulen besucht, lernt, dass es gewisse Dinge gibt, die man nicht auszusprechen, und gewisse Gedanken, die man nicht zu denken hat. Das ist die Rolle, die Elite-Institutionen bei der Sozialisierung spielen. Wer sich nicht anpasst, fliegt zumeist raus. Diese zwei Sätze sagen im Grunde alles.

Die Massenmedien im eigentlichen Sinn haben im Wesentlichen die Funktion, die Leute von Wichtigerem fernzuhalten. Sollen die Leute sich mit etwas anderem beschäftigen, Hauptsache, sie stören uns nicht – wobei »wir« die Leute sind, die das Heft in der Hand halten. Wenn sie sich zum Beispiel für den Profisport interessieren, ist das ganz in Ordnung. Wenn jedermann Sport oder Sexskandale oder die Prominenten und ihre Probleme unglaublich wichtig findet, ist das okay. Es ist egal, wofür die Leute sich interessieren, solange es nichts Wichtiges ist. Die wichtigen Angelegenheiten bleiben den großen Tieren vorbehalten: »Wir« kümmern uns darum…
…Es gibt alle möglichen Arten von Filtermechanismen, um Leute loszuwerden, die lästig sind und unabhängig denken. Jeder, der studiert hat, weiß, dass das Bildungssystem darauf ausgerichtet ist, Konformität und Gehorsam zu belohnen. Wer sich dem verweigert, ist ein Querulant. Das Bildungssystem ist also eine Art Filtervorrichtung, die nur diejenigen durchlässt, die die Glaubensgrundsätze und die sie umgebende Machtstruktur in der Gesellschaft wirklich und wahrhaftig verinnerlicht haben. Die Elite-Institutionen wie zum Beispiel Harvard und Princeton sowie die kleinen exklusiven Universitäten sind darauf ausgerichtet, ihre Studenten zu sozialisieren. Wer also die Harvard-Universität besucht, durchläuft dort vor allem ein Verhaltenstraining. Man wird darauf getrimmt, sich wie ein Mitglied der Oberschicht zu verhalten, das Richtige zu denken und so weiter…
…Sie haben vielleicht George Orwells Farm der Tiere gelesen. Er hat es Mitte der vierziger Jahre geschrieben, eine Satire auf die Sowjetunion, einen totalitären Staat. Es war ein Riesenerfolg. Alle Welt war begeistert. Offenbar hatte er auch eine Einleitung zur Farm der Tiere verfasst, die nicht veröffentlicht wurde. Erst dreißig Jahre später gelangte sie ans Licht der Öffentlichkeit. Jemand hatte sie in seinem Nachlass entdeckt. Diese Einleitung handelte von der Zensur literarischer Werke in England. Orwell schrieb, dass sein Buch sich offensichtlich über die Sowjetunion und ihre totalitären Strukturen lustig mache. Aber er sagte auch, dass es in England gar nicht so viel anders zugehe…
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