Die Jahresfeste, die Sprachentwicklung, der Christus-Impuls und: Nach dem Tod lebt das Ich als Geistig-Seelisches unter geistig-seelischen Götterwesen – Rudolf Steiner

…es wird dringend empfohlen, sich vor dieser Thematik mit den anthroposophischen Grundlagen zu beschäftigen:
Die Theosopie eignet sich sehr gut, um sich in das Verständnis des anthroposophischen Weltbildes einzuleben. Hier ein kurzer Textauszug: hier weiter
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Inhaltsübersicht:
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Das Verhältnis, welches die moderne Menschheit zu den Festeszeiten des Jahres hat…
Das gefährlichste Charakteristikon der Gegenwart ist nicht, daß die Menschen vom Materialismus angesteckt sind, sondern das viel gefährlichere Charakteristikon ist die Oberflächlichkeit unseres Zeitalters…
Die Martinsgans… Aber so waren diese Dinge mit Bezug auf die eigentlichen Festesstimmungen in alten Zeiten nicht gemeint, sondern sie waren abgestimmt auf Seelenhunger und Seelensättigung.
Sollen Feste wieder aufleben, dann muß das natürlich aus einem viel bewußteren Zustande heraus geschehen…
Der Sommer gehört der Entwickelung der Vegetation, der Winter gehört dem Zurücktreten, dem Sich-Verkriechen der Vegetation…
Wir wissen, daß einstmals die Erde und die Sonne ein Körper waren…
…daß schon die Sprache ihn bei jedem Aussprechen eines Wortes empfinden läßt:
er gehört einer geistigen Welt an,
und was als Worte seiner Seele in seiner Sprache erklingt, das muß, weil es eben aus der Menschenseele kommt, irgendwelche Beziehung haben zu Geistern…
Der Mensch verliert immer mehr und mehr seinen notwendigen Zusammenhang mit diesen Archangeloi, wenn er den Idealismus aus seiner Sprache verschwinden läßt…
Und wenn man unbefangen genug ist, kann man in den auslaufenden natürlichen Sprachen, insbesondere je weiter man vom Osten nach dem Westen geht, vernehmen, wie diese Sprachen ein absterbendes Element in sich tragen, wie sie immer mehr und mehr zur Hülle werden…
Im Urbeginne war das Wort…
…Michael-Kraft, die Willenskraft ersprießen, welche sich klar ist darüber, daß das Geistige dort Platz nimmt, wo das Physisch-Materielle abgelähmt wird…
Die entwicklung des Kindes: Gehen-Sprechen-Denken…
Ich will nun nicht von andern Erlebnissen der Menschheit in der alten atlantischen Zeit sprechen…
Die Entwicklung des Musikalischen…
Der Mensch wäre gar nicht richtig Mensch geworden, wenn er nicht heruntergestiegen wäre zum Ergreifen des materiellen Lebens. Gerade dadurch, daß er das Geistige im Materiellen ergriff, wurde der Mensch das seiner selbst bewußte, freie Ich-Wesen…
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aus:

RUDOLF STEINER GA224
Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen
Individualitäten

Kapitel:
Die Verinnerlichung der Jahresfeste – Johannistimmung — Der geschärfte Johanniblick – Dornach, 24.Juni 1923
Wiedergewinnung des lebendigen Sprachquells durch den Christus-Impuls – Der Michael-Gedanke als Anruf des menschlichen Willens
Dornach, 13. April 1923
Die Schaffung eines Michael-Festes aus dem Geiste heraus – Die Rätsel des inneren Menschen

JOHANNISTIMMUNG – DER GESCHÄRFTE JOHANNIBLICK
Dornach, 24. Juni 1923)

In dem kurzen Vortrage, den ich heute nachmittag der Eurythmieaufführung vorangehen ließ, habe ich bereits darauf hingewiesen, wie man auch an dem Verhältnis, welches die moderne Menschheit zu den Festeszeiten des Jahres hat, sehen kann, wie wir in den Materialismus hineinkommen. Allerdings muß man dann die Anschauung von dem Materialismus viel tiefer fassen, als das gewöhnlich der Fall ist. Das gefährlichste Charakteristikon der Gegenwart ist nicht, daß die Menschen vom Materialismus angesteckt sind, sondern das viel gefährlichere Charakteristikon ist die Oberflächlichkeit unseres Zeitalters.

Diese Oberflächlichkeit ist nicht nur gegenüber geistigen Weltanschauungen vorhanden, sondern sie ist auch mit Bezug auf den Materialismus selbst vorhanden. Man nimmt ihn in den oberflächlichen Erscheinungen. So habe ich zum Beispiel heute nachmittag darauf aufmerksam gemacht, wie in den verschiedenen Zeiten des Jahres so etwas wie die Stimmungen, denen die Menschen in älteren Zeiten noch hingegeben waren, auch in den festlichen Veranstaltungen in diesen älteren Zeiten zur Offenbarung kamen.
Man legte in das Wintersonnenwendefest, in das Frühlingsfest, in das Johannifest, in das Michaeli-Fest, in jene ganz bestimmten, kultusähnlichen oder wenigstens von Kultusähnlichem durchdrungenen Veranstaltungen, doch verschiedene Stimmungen hinein, die den Menschen überkommen müssen, wenn er den Jahreslauf bewußt miterlebt.

Dadurch gab man der menschlichen Seele dasjenige, was man dem Menschen heute nur dem Leibe nach gibt. Den Tageslauf machen wir ja alle noch mit. Wenn die Sonne ihr Morgengold ihrer eigenen Offenbarung als Morgendämmerung voranschickt, dann essen wir unser Frühstück. Wenn die Sonne am höchsten steht, wenn sie ganz besonders liebevoll ihre Wärme und ihr Licht ausgießt über die Erdenmenschheit, dann geben wir uns der Mittagsmahlzeit hin, nun, und so weiter durch Five o’clock tea und Souper hindurch. Wir machen in diesen Festesveranstaltungen des Tages den Tageslauf der Sonne mit, indem wir selbst diesen feurigen Ritt der Sonne um die Welt in uns mitempfinden. Wir empfinden das mit, was die Sonne vollführt bei ihrem feurigen Ritt um die Welt, indem wir Hunger und Sättigung absolvieren. Und so ist die Stimmung für den menschlichen physischen Organismus in einer ganz dezidierten Weise zu bestimmten Tageszeiten da.

Wir könnten Frühstück, Mittagsmahl, Teetrinken, Abendbrotessen die Feste des Tages nennen. Der menschliche physische Organismus macht dasjenige mit, was im Verhältnis der Erde zum Kosmos sich abspielt.
In einer ähnlichen Weise hat man in älteren Zeiten, als das Seelenleben aus den alten instinktiven Hellseherzuständen heraus intensiver empfunden worden ist, den Jahreslauf mitgemacht. Es haben sogar gewisse Dinge aus der einen Sphäre in die andere hineingespielt. Sie brauchen sich nur zu erinnern an dasjenige, was von diesen Dingen noch geblieben ist: Ostereier, Martinsgänse und so weiter. Da spielt die untere Region, die leibliche Region in die seelische Region, die eigentlich den Jahreslauf eben auch auf seelische Art miterleben muß, hinein. Nun, am ehesten wäre ein materialistisches Zeitalter noch zu haben, ich will nicht gerade sagen für Ostereier, aber für Martinsgänse und dergleichen wäre man ja auch im Jahreslaufe zu haben.

Aber so waren diese Dinge mit Bezug auf die eigentlichen Festesstimmungen in alten Zeiten nicht gemeint, sondern sie waren abgestimmt auf Seelenhunger und Seelensättigung. Die Seele des Menschen brauchte etwas anderes zur Weihnachtszeit, etwas anderes zur Osterzeit, zur Johannizeit und zur Michaelizeit. Und man kann wirklich das, was in den Veranstaltungen der Festlichkeiten lag, vergleichen mit einer Art Rücksichtnahme auf den Hunger der Seele gerade in den auttretenden Jahresabschnitten und mit einer Sättigung der Seele in diesen Jahresabschnitten.
Nun kann man also sagen: Schauen wir auf den Tageslauf der Sonne, so können wir auf ihn dasjenige beziehen, was unserem Leibe frommt. Schauen wir auf den Jahreslauf der Sonne, so können wir auf ihn dasjenige beziehen, was unserer Seele frommt.

Sollen Feste wieder aufleben, dann muß das natürlich aus einem viel bewußteren Zustande heraus geschehen: aus einem solchen Erwachen der Seele, wie sie durch die anthroposophische Weltgesinnung angestrebt wird. Wir können nicht bloß historisch die alten Festeszeiten erneuern, wir müssen sie durch die neueren Erkenntnisse und Anschauungen der Welt aus unserem eigenen Seelenwesen heraus wieder finden. Wir unterscheiden aber außer dem Leibe und außer der Seele ja am Menschen auch den Geist.

Nun wird es dem modernen Menschen schon schwer, überhaupt sich noch bestimmten Vorstellungen hinzugeben, wenn von Seele gesprochen wird. Da verschwimmt die Geschichte ins Unbestimmte. Nicht nur, daß man es ja erlebt hat, wie im 19. Jahrhundert angefangen wurde zu sprechen von einer Psychologie, einer Seelenlehre ohne Seele.

…Nun können wir wirklich sagen: Von diesem Zusammenhang seiner Seele mit dem Jahreslauf der Sonne weiß der moderne Mensch nichts mehr. Er ist auch in dieser Beziehung Materialist geworden. Er hält sich an die Festeszeiten des Leibes, die dem Tageslauf der Sonne folgen. Die Feste werden aus traditioneller Gewohnheit wohl begangen, aber lebendig werden sie nicht empfunden. Und wir haben außer dem, daß wir einen Leib, eine Seele – oder im Sinne von Fritz Mauthner ein Geseel – haben, ja auch Geist.
Nun gibt es im Weltenlauf wiederum dasjenige, was die historischen Epochen sind. Diese historischen Epochen, die über den Jahreslauf hinausreichen, Jahrhunderte umfassen, die lebt wiederum der menschliche Geist mit, wenn er sie mitempfindet. In alten Zeiten hat man sie sehr wohl erlebt. Wer in der richtigen Weise geistgetragen einzugehen weiß auf die Art und Weise, wie man in den älteren Zeiten sich hineingedacht hat in den Zeitenlauf, der weiß, wie überall gesagt worden ist: Zu dieser oder jener Zeitenwende sei irgendeine Persönlichkeit erschienen, die wiederum einmal Geistiges aus den Höhen der Welt geoffenbart hat. Und dann hat sich dieses Geistige eingelebt, wie im Physischen sich das Sonnenlicht einlebt. Kam dann eine solche Epoche in die Abenddämmerung, dann trat wiederum etwas Neues auf.

Diese historischen Epochen hängen so mit der Geistesentwickelung der Menschheit zusammen, wie der Jahreslauf der Sonne mit der Seelenentwickelung zusammenhängt. Natürlich, gerade wenn die Geistesentwickelung wiederum in lebendiger Weise erfaßt werden muß, so muß es dadurch geschehen, daß man in bewußter geistiger Erkenntnis wiederum verstehen lernt, wie Umschwünge, Metamorphosen im Werdegang der Menschheit eintreten. Heute möchte man dieses Eintreten von Metamorphosen ganz und gar übersehen. Man ist äußerlich irgendwie berührt von den Wirkungen, aber man möchte innerlich nicht eingehen auf die Umschwünge, die aus dem Geiste heraus kommen und die sich in den äußeren Weltereignissen ausleben.

Man sollte nur einmal darauf hinsehen, wie in unserer Zeit eine gewisse Denkrichtung, eine Empfindungs- und Gefühlsrichtung auftritt bei den Kindern, bei den jungen Leuten, die der früheren Generation noch fremd waren; wie große Umschwünge geschehen, die, wenn man auf die richtigen Elemente hinschaut, im Werdegang der Menschheit durchaus dem Werdegang des Jahres zu vergleichen sind. Daher sollte man auf dasjenige hören, was die einzelnen Zeitalter als ihre Bedürfnisse verkünden, sollte hinhorchen, wenn ein neues Zeitalter heraufkommt und von dem Menschen etwas anderes verlangt, als frühere Zeitalter verlangt haben. Aber gerade dafür haben ja die Menschen heute nur im geringsten Maße ein Organ.

Die großen Zusammenhänge des Lebens können uns vor die Seele treten, wenn wir in der richtigen Weise gerade wiederum aus unserem Gegenwartsbewußtsein heraus an die Festesstimmungen herandringen, wenn wir zum Beispiel so etwas wie Johannistimmung wirklich in unsere Seele dringen lassen, und wenn wir versuchen, aus der Johannistimmung heraus dasjenige für unsere Seele zu gewinnen, bei dem eine Förderung, eine Unterstützung unseres Eingehens dadurch stattfindet, daß uns der Kosmos zu Hilfe kommt.

Gewiß, der modernen Menschheit sind die Dinge, die mit dem Großen der Weltentwickelung zusammenhängen, mehr oder weniger gleichgültig geworden. Man hat heute kein Herz mehr für die Erkenntnisse der großen Weltzusammenhänge. Da zeigt sich das Eindringen des Geistes der Kleinlichkeit, ich möchte sagen das Eindringen des Geistes der Mikroskopie und des Atomisierens in Erscheinungen, die, wenn man von ihnen heute so redet, wie ich es hier tun muß, natürlich den Eindruck des Paradoxen hervorrufen.

Ich möchte auf eine bestimmte Erscheinung gerade im Zusammenhang mit der Johannistimmung hinweisen. Der Zusammenhang wird etwas fernerliegend sein, aber ich möchte darauf hinweisen. Was ist, selbst wenn man kein sehr entwickeltes Organ hat für den Jahreslauf, selbstverständlicher, als daß man von dem Pflanzenwachstum, von dem Baumwachstum den Eindruck hat: Wenn der Frühling kommt, dann sprießt und sproßt das Grüne, es entwickelt sich immer mehr und mehr das Wachsen, das Sprießen, das Sprossen, Blatt geht in Blüte über. Das ganze rege Wachsen, das den Eindruck macht, als wenn der Kosmos mit seinen Sonnenwirkungen die Erde aufriefe, sich dem All zu öffnen, dieses Ganze tritt dann ein zur Johannizeit.

Dann beginnt wiederum ein Zurücktreten des Sprießens und Sprossens. Da nähern wir uns der Zeit, wo die Erde ihre Wachstumskräfte in sich selber zusammenzieht, wo die Erde sich dem Kosmos entzieht. Wie natürlich ist es, daß man aus dem Eindruck, den man so von dem Jahreslauf empfängt, sich die Vorstellung bildet, daß zum Winter die Schneedecke gehört, daß es zum Winter gehört, daß die Pflanzen sich sozusagen mit ihrem Wesen in den Boden der Erde verkriechen, daß es zum Sommer gehört, daß die Pflanzen herauskommen, dem Kosmos entgegenwachsen. Was ist natürlicher, als daß man die Vorstellung entwickelt – wenn das auch in einem tieferen Sinne gerade im entgegengesetzten Sinne richtig ist -:
die Pflanzen schlafen im Winter, sie wachen im Sommer.
Ich will über dieses Schlafen und Wachen jetzt nicht als von richtigen und unrichtigen Begriffen sprechen. Ich will nur von den Eindrücken sprechen, die man bekommt, so daß die Menschen die Vorstellung haben: Der Sommer gehört der Entwickelung der Vegetation, der Winter gehört dem Zurücktreten, dem Sich-Verkriechen der Vegetation. Immerhin bildet sich da eine Art Weltempfindung heraus für den Menschen. Man gerät in das Gefühl eines Zusammenhanges hinein mit der wärmenden und leuchtenden Kraft der Sonne, wenn man diese wärmende und leuchtende Kraft der Sonne wieder erblickt in der grünenden und blühenden Pflanzendecke der Erde, und man gerät in eine Empfindung hinein, als wenn man im Winter ein Erdeneremit gegenüber dem Kosmos wäre, wenn die Pflanzendecke nicht da ist und der Schneemantel die Erde abschließt vom Kosmos, zur Innentätigkeit aufruft. Kurz, indem man so fühlt und empfindet, reißt man sich mit seinem Erdenbewußtsein gewissermaßen von dem Erdendasein ab. Man versetzt sich dadurch in größere Verhältnisse des Weltenalls.

Nun kommt aber die moderne Forschung, die ich hiermit nicht kritisiere – was ich jetzt sagen werde, soll sogar in bezug auf Forschung selbst nicht ein Abkanzeln, sondern ein Lob sein -, nun kommt die moderne Forschung und zuckt die Achseln, wenn von großen kosmischen Zusammenhängen die Rede ist. Warum sollte man denn sich gehoben fühlen zur göttlich erleuchtenden, erwärmenden Kraft der Sonne, wenn die Bäume ausschlagen, grün werden, wenn die Erde sich mit der Pflanzendecke bedeckt? Warum sollte man denn an diesen aus der Erde herauswachsenden Pflanzen einen Zusammenhang mit dem Weltenall empfinden müssen? Es stört einen. Kosmische Empfindungen stören einen. Man bringt das mit seinem materialistischen Bewußtsein gar nicht mehr in Einklang, solche Empfindungen zu haben. Die Pflanze ist doch Pflanze. Es ist wie ein Eigensinn der Pflanze, daß sie just nur im Frühling blüht, im Sommer zum Fruchten sich bereit erklärt. Wie geht denn das zu ? Man soll da nicht bloß mit der Pflanze zu tun haben, sondern mit der ganzen Welt?

Wenn man über diese Dinge fühlen, empfinden oder erkennen soll, da soll man mit der ganzen Welt zu tun haben, nicht bloß mit der Pflanze! So etwas schickt sich doch nicht! Gibt man sich doch schon Mühe, nicht mit den Stoffen zu tun zu haben, die so in Pulverform oder in Kristallform vorhanden sind, sondern mit den Atomstrukturen, mit dem Atomkern, mit der elektromagnetischen Atmosphäre und so weiter! Man bemüht sich also, mit etwas Abgeschlossenem zu tun zu haben, nicht mit etwas, was da in vieles hinausweist. Der Pflanze soll man nun zugestehen, man brauche eine Empfindung, die in den Kosmos hinausreicht! Etwas Schreckliches ist es doch, wenn man sein Gesichtsfeld nicht einengen kann auf das bloße einzelne Objekt! Man ist das doch so gewöhnt: Wenn man mikroskopiert, da ist doch auch alles ringsherum abgeschlossen, da ist nur das kleine Gesichtsfeld da; es geht alles so im Kleinen, Abgeschlossenen vor sich. Man muß doch auch die Pflanze für sich betrachten können, nicht im Zusammenhang mit dem Kosmos!

Und siehe da, um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert gelang den Forschern gerade auf diesem Gebiete etwas Außerordentliches. Man hat ja ganz gewiß von einzelnen Pflanzen im Verhältnis zu Warmhäusern, Treibhäusern und so weiter schon gewußt, daß man das Sommerliche und Winterliche überwinden kann, aber im ganzen ist man um diese Wende des 19. zum 20. Jahrhundert zu wenig darüber hinausgekommen gewesen, daß die Pflanzen doch eine gewisse Winterruhe brauchen. Es wurden Diskussionen in dieser Zeit geführt, wie es sich mit den Tropenpflanzen verhält. Diejenigen Forscher, welche nichts mehr wissen wollten von einem Zusammenhang mit dem Kosmos, die behaupteten, die Tropenpflanzen wachsen das ganze Jahr hindurch. Die andern, die noch am alten konservativen Anschauen festhielten, die sagten: Ja, wenn man da in die üppige grüne Tropenwelt kommt, dann denkt man das nur aus dem Grunde, weil die Pflanzen zu verschiedenen Zeiten ihre Winterruhe halten, manche nur bis zu acht Tagen. So sieht man das nicht, wenn gerade eine bestimmte Art in der Ruhe ist. Es entstanden ausführliche Diskussionen darüber, wie es sich mit den Tropenpflanzen verhält. Kurz, man merkte etwas von einer ungeheuren Unbehaglichkeit diesem Zusammenhang der Pflanzenwelt mit dem Kosmos gegenüber.

Nun hat man in dieser Richtung, gerade um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, die interessantesten, geistreichsten Versuche gemacht, und es ist wirklich gelungen, einer ganzen Anzahl nicht nur einzelner einjähriger Pflanzen, sondern sogar Bäumen, die viel stärker sind, ihren Eigensinn auszutreiben, ihren kosmischen Eigensinn. Es ist gelungen, Pflanzen, die man als einjährige kannte, durch Herstellung gewisser Bedingungen zu mehrjährigen zu machen, also die Abhängigkeit von den kosmischen Verhältnissen zu überwinden. Es ist bei der größten Anzahl unserer in gemäßigten Klimaten vorkommenden Waldbäume tatsächlich gelungen, Verhältnisse herbeizuführen, die bewirkten, Bäume, von denen man geglaubt hat, sie müssen diese Winterzeit haben, im Winter entblättert und dürr dastehen, zu immer fortwährendem Grünen zu bringen. Denn das war die Voraussetzung gewisser materialistischer Erklärungen. In dieser Beziehung ist wirklich außerordentlich Geistvolles geleistet worden.

Man war darauf gekommen, daß man den Bäumen das Kosmische austreiben kann, wenn man die Bäume in geschlossene Räume bringt und den Boden ordentlich mit Nährsalzen nährt, so daß die Pflanzen, die sonst in der Winterzeit, wo der Boden so nährsalzarm ist, nichts finden, nun auch da ihre Nährsalze finden. Wenn man genügende Feuchtigkeit hineinbringt, genügend Wärme, genügend Licht, so wachsen die Bäume.
Nur ein einziger Baum im Umkreis Mitteleuropas hat sich noch im Beginne des 20. Jahrhunderts diesem Forschertrieb widersetzt. Es war die Buche, die Blutbuche. Sie wurde von allen Seiten gehetzt, sie solle sich nun auch in geschlossene Räume einsperren lassen! Sie wurde mit den nötigen Nährsalzen, mit der nötigen Feuchtigkeit und Wärme versehen – sie blieb eigensinnig, sie verlangte trotzdem ihre Winterruhe. Aber sie war nur noch ganz allein.
Und nun haben wir in diesem 20. Jahrhundert, im Jahre 1914 zu verzeichnen – ich will jetzt nicht etwa vom Ausgang des Weltkrieges sprechen, sondern von einem andern großen historischen Ereignis -das Große, Gewaltige, daß es dem auf diesem Gebiete außerordentlich vom Forschen begünstigten Forscher Klebs gelungen ist, auch der Buche ihren kosmischen Eigensinn auszutreiben. Es gelang ihm ganz einfach, die Buche in geschlossenen Räumen zu ziehen, ihr die nötigen Bedingungen zu verschaffen in geschlossenen Räumen: das gehörige Sonnenlicht, das man messen konnte. Und siehe da, die Buche widerstand nicht, sie fügte sich auch demjenigen, was die Forscher wollten.

Ich führe nicht eine Erscheinung an, über die ich einen Grund habe, abkanzelnd zu sprechen, denn wer sollte nicht Bewunderung haben für einen solchen ungeheuren Forscherfleiß. Außerdem würde es selbstverständlich Tollheit sein, die Dinge widerlegen zu wollen. Sie sind da, sie sind so, sie sind durchaus so. Also um Zustimmungen oder Widerlegungen handelt es sich dabei durchaus nicht, aber es handelt sich um etwas anderes.

Warum sollte es denn nicht auch gelingen, wenn man irgendwo auf einem neutralen Boden die nötigen Bedingungen für Haarwuchs fände, Haarwuchs außerhalb des Menschen und der Tiere zu erzeugen? Warum denn nicht? Es brauchen nur die entsprechenden Bedingungen irgendwie hergestellt zu werden. Ich weiß zwar, daß es manchem schon in unserer Zeit lieber wäre, wenn ihm die Haare auf dem Kopfe wüchsen, als wenn man sie äußerlich durch irgendeine Kultur hervorbringen würde! Aber wir könnten uns doch denken, daß auch das gelänge. Dann würden wir scheinbar nicht mehr nötig haben, irgendwie mit dem Kosmos dasjenige, was auf der Erde geschieht, in einen Zusammenhang zu bringen.

Man kann vor der Forschung selbstverständlich allen schuldigen Respekt haben, aber man muß in diese Dinge doch tiefer hineinsehen. Abgesehen von dem, was ich vor einiger Zeit hier über das Wesen der Elemente entwickelte, möchte ich heute das Folgende sagen. Man muß sich klar sein darüber, daß zum Beispiel folgendes der Fall ist.

Wir wissen, daß einstmals die Erde und die Sonne ein Körper waren. Das ist allerdings lange, sehr lange her: in der Saturnzeit, Sonnenzeit war es. Dann war eine kurze Wiederholung dieses Zustandes während der Erdenzeit. Aber dennoch ist etwas in der Erde zurückgeblieben, das dahin gehört. Das holen wir heute wieder heraus. Und wir holen es nicht nur aus dem Wiederholungszustande heraus, der sich während unserer Erdenzeit zugetragen hat, indem wir mit Steinkohle unsere Räume heizen, sondern wir holen es heraus, indem wir die Elektrizität benützen. Denn aus jenen Zeiten, in denen nach der alten Saturnzeit, zur Sonnenzeit, Sonne und Erde eines waren, da ist der Grund zu dem gelegt worden, daß wir auf der Erde Elektrizität haben. Wir haben mit der Elektrizität eine mit der Erde altverbundene Kraft, die Sonnenkraft ist, in der Erde verborgene Sonnenkraft.
Warum sollte denn nicht, wenn man ihr nur stark genug zu Leibe geht, selbst die eigensinnige Buche sich herbeilassen, statt daß sie die aus dem Kosmos hereinströmende Sonnenkraft benützt, die aus der Erde in Form der Elektrizität heraus gewonnene Sonnenleuchtkraft zu benützen!
Aber gerade wenn man diese Dinge ins Auge faßt, dann wird man so recht merken, wie man eine Vertiefung unserer ganzen Erkenntnis braucht. Solange die Menschen glauben konnten, die Sonnenkraft komme nur aus dem Kosmos, so lange kamen sie beim Pflanzenwachstum aus der unmittelbaren gegenwärtigen Anschauung jedes Jahres zu einem Bewußtsein ihres kosmischen Zusammenhanges. In dem jetzigen Zeitalter, wo man unter materialistischen Gesichtspunkten dasjenige von dem Kosmos lostrennen möchte, was auf so leichte Weise als kosmische Wirkung geschaut werden kann, muß man, wenn man die scheinbare Selbständigkeit der Pflanze anschaut, eine Wissenschaft haben, die sich erinnert, daß jener kosmische Zusammenhang zwischen Erde und Sonne in älteren Zeiten vorhanden war, aber in einer andern Form. Wir brauchen eben, indem wir auf der einen Seite wie mikroskopisch eingeschränkt werden, auf der andern Seite eine um so intensivere Weite des Blickes, und gerade an den Einzelheiten zeigt es sich, wie wir diese Weite des Blickes brauchen.
Es handelt sich gar nicht darum, daß wir auf anthroposophischem Boden uns etwa in einer laienhaften Weise auflehnen gegen den Fortschritt der Forschung. Aber indem der Fortschritt der Forschung immer mehr und mehr durch seine eigene Natur dahin führen muß, uns zu jener Regenwurmnatur zu bringen, von der ich oftmals hier gesprochen habe, so daß wir keinen freien Ausblick in die Weiten haben, müssen wir den weiteren Blick, den großen kosmischen historischen Blick gewinnen, so daß wir den Zusammenhang zwischen der Erde und der Sonne uns nicht nur in der gegenwärtigen Erdenzeit zum Bewußtsein bringen können, sondern in jener längst vergangenen Zeit, die wir in der kosmischen Entwickelung der Erde die Sonnenzeit nennen. Wir brauchen überall den Gegenpol. Nicht das Keifen gegen die Forschung, sondern den spirituellen, den geistigen Gegenpol brauchen wir. Das ist der richtige Standpunkt, den wir einnehmen müssen. Und ich möchte sagen, es ist auch eine Johannistimmung, wenn wir uns dieses in unser Gemüt einschreiben, wenn wir uns klarwerden darüber, wie wir jetzt geradezu in einer welthistorischen Johannistimmung leben müssen, wie wir den Blick hinauswenden müssen in die Weiten des Kosmos. Das brauchen wir. Das brauchen wir gerade in spiritueller Erkenntnisbeziehung. Mit dem bloßen Reden vom Geistigen ist heute nichts getan, sondern einzig und allein mit dem wirklichen Eindringen in die konkreten Erscheinungen der geistigen Welt. Dasjenige, was aus der kosmischen Entwickelung der Erde herausgeholt wird, indem man aufmerksam macht auf Saturn-, Sonnen-, Monden-, Erdenentwickelung und so weiter, das hat eine ungeheure Tragweite in bezug auf die Erkenntnis auch in historischer Beziehung.
Wenn uns auf der einen Seite die materialistische Wissenschaft in solch glänzenden Forschungsresultaten, wie es die von Klebs sind, darauf aufmerksam macht, daß selbst die eigensinnige Buche dazu gebracht werden kann, das Sonnenlicht zu entbehren und unter elektrischem Lichte ihr Wachstum im Winter zu treiben, wie sie es sonst nur unter dem Einfluß des Sonnenlichtes macht, dann führt uns dies, wenn wir keine spirituelle Erkenntnis haben, dahin, daß wir alles in der Welt zerbröckeln, unser Gesichtsfeld einengen. Da steht jetzt die Buche vor uns, das elektrische Licht fördert ihr Wachstum, aber wir wissen nichts als dieses, was sich uns auf dem engsten Felde ergibt.
Werden wir mit spiritueller Erkenntnis ausgerüstet, dann sagen wir uns etwas anderes. Dann sagen wir uns: Wenn der Klebs der Buche das gegenwärtige Sonnenlicht entzieht, dann muß er ihr in Form der Elektrizität das uralte Sonnenlicht geben. – Dann wird nicht unser Blick eingeengt, sondern im Gegenteil, unser Blick wird erst ins Ungeheure erweitert. Ach was – sagen die Menschen leicht, die nichts mehr von dem seelischen Verlauf des Jahres wissen wollen -, ein Tag ist wie der andere: Frühstück, Mittagsmahl, Teezeit, Souperzeit; es ist ja gut, wenn es zu Weihnachten etwas Besseres gibt, aber im Grunde genommen geht es so Tag für Tag das ganze Jahr hindurch. -Man sieht nur noch auf den Tag, das heißt auf das äußerlich Materielle des Menschen: Ach was, kosmische Zusammenhänge! Emanzipieren wir uns von einer solchen Weltanschauung! Machen wir uns doch klar, daß selbst dieeigensinnigeBuchedenKosmos nicht mehr braucht, daß wir ihr, wenn wir sie in ein geschlossenes Gefängnis sperren, doch nur in genügender Stärke elektrisches Licht beizubringen brauchen, dann wächst sie ohne die Sonne! – Nein, sie wächst eben nicht ohne die Sonne. Wir müssen nur in der richtigen Weise die Sonne aufzusuchen wissen, wenn wir so etwas tun. Wir müssen uns aber dann auch klar sein darüber, daß es nun doch etwas anderes ist, eine andere Beziehung. Mit weitem Blicke geschaut, stellt es sich schon heraus, daß es doch etwas anderes ist, ob wir die Buche im kosmischen Sonnenlichte gedeihen lassen, oder ob wir ihr das ahrimanisch gewordene, aus uralten Zeiten stammende Licht geben. Und wir erinnern uns an das, was wir oftmals gesagt haben von dem normal in der Entwickelung Fortgehenden, und dem Luziferischen auf der einen Seite, dem Ahri-manischen auf der andern Seite.
Wenn wir einen genügenden Blick für dieses haben, dann werden wir uns nicht die Finger ablecken vor lauter Gescheitheit, daß wir nun den kosmischen Eigensinn der Buche überwunden haben, sondern wir werden viel weiter gehen. Wir werden nun zu den Säften der Buche vorgehen und werden untersuchen die Wirkung auf den menschlichen Organismus, werden die Wirkung auf den menschlichen Organismus bei derjenigen Buche untersuchen, der wir ihren Eigensinn gelassen haben, und bei derjenigen Buche, der wir mit dem elektrischen Licht ihren Eigensinn genommen haben, und werden von der heilkräftigen Wirkung der einen Buche und der andern Buche vielleicht etwas ganz Besonderes erfahren. Da müssen wir dann auf das Geistige eingehen!
Aber wie kümmert man sich heute um diese Dinge? Man hat ein bewunderungswürdiges Forscherinteresse. Man setzt sich in ein Schulzimmer, ist Experimentalpsychologe, schreibt allerlei Worte auf, die gemerkt werden müssen, prüft das Gedächtnis, experimentiert an den Kindern herum, bekommt ungeheuer Interessantes heraus. Hat man einmal das Interesse für irgend etwas geweckt, so sind selbstverständlich alle Dinge in der Welt interessant, es kommt nur auf den subjektiven Standpunkt an. Warum sollte man es nicht dahin bringen, daß einem eine Markensammlung viel interessanter ist als eine botanische Sammlung? Da das der Fall sein kann, warum sollte einem denn nicht auf einem andern Gebiete auch so etwas passieren können? Warum sollten einem denn die Folterqualen, denen da die Kinder unterworfen werden, wenn man mit ihnen experimentiert, kein Interesse abgewinnen können? Aber überall fragt es sich, ob es da nicht höhere Verpflichtungen gibt, ob es überhaupt tunlich ist, daß man in einem gewissen Lebensalter mit den Kindern so herumexperimentiert. Die Frage entsteht, was man da verdirbt. Und die noch stärkere Frage entsteht, was man an den Lehrern verdirbt, wenn man, statt von ihnen ein lebendiges, herzliches Verhältnis zu verlangen, ein experimentelles Interesse aus den Ergebnissen der experimentierenden Psychologie verlangt. So kommt es wirklich darauf an, ob, wenn man sich mit einer solchen Forschung in ein richtiges Verhältnis zu der Sinneswelt versetzt, man sich damit auch in ein richtiges Verhältnis zu der übersinnlichen Welt versetzt.
Nun ja, wird es jetzt bei gewissen Leuten grölen können, die von der notwendigen Objektivität der Forschung sprechen: Der will also behaupten, daß es irgendwelche Geister gibt, die es unmoralisch finden, wenn der Klebs der Buche in dieser Weise ihren Eigensinn nimmt! –

Das fällt mir gar nicht ein. Es fällt mir nicht im Traume ein. Das alles, was gemacht wird, soll gemacht werden, aber man muß das Gegengewicht dazu haben. Und in einer Zeit, in der man sich in bezug auf das Buchenbäumewachstum emanzipiert von der kosmischen Empfindung, muß auf der andern Seite, in einer Zivilisation, die solche Dinge in sich aufnimmt, auch eine Empfindung dafür vorhanden sein, wie der geistige Fortgang im Werden der Menschheit geschieht. Man muß Epochensinn haben in einer Zeit, wie es die unsrige ist. Nicht die Forschung will ich einschränken, aber empfunden muß werden, daß dem etwas anderes gegenüberstehen muß. Es muß dem gegenüberstehen ein offenes Herz dafür, daß zu gewissen Zeiten immer diese und jene Dinge aus der geistigen Welt heraus sich offenbaren. Wenn auf der einen Seite der materialistische Sinn überwuchert und es zu starken und großen Ergebnissen bringt, so müßten gerade diejenigen, die ein Interesse haben an solchen Ergebnissen, auch ihr Interesse an den Forschungsresultaten über die geistige Welt haben.
Dies aber liegt im Inneren der Natur des Christentums. Das richtig angeschaute Christentum sieht nach dem Mysterium von Golgatha fortwirkend im Erdendasein in dem Wesen des Christus die Christus-Kraft, den Christus-Impuls. Und das bedeutet, daß man auch dann, wenn Herbststimmung kommt, wenn alles dürr und öde wird, wenn das Sprießende und Sprossende in der Sinnesnatur aufhört, dann gerade das Sprießen und Sprossen des Geistes wahrnimmt, wenn man in dem sich entblätternden Baum das Aufglitzern und Aufleuchten derjenigen Geister empfinden kann, die nun den Menschen durch den Winter begleiten.
Aber ebenso muß man empfinden lernen, wie in einem Zeitalter, das sich von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit Recht darüber hermacht, die Einzelheiten aufzufassen, in bezug auf die Einzelheiten den Blick einzuengen, der Blick auch auf das Große, Umfassende fallen muß. Das ist gegenüber dem Christentum die Johannistimmung. Wir müssen empfindend verstehen, daß die Johannistimmung der Ausgangspunkt ist für dasjenige Geschehen, das in dem Worte liegt: «Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.»
Das heißt, der Eindruck auf den Menschen von alledem, was erobert wird durch die Sinnesforschung, dieser Eindruck muß abnehmen. Und gerade, indem man immer mehr und mehr ins Sinnlich-Einzelne eindringt, muß der Eindruck des Geistigen immer stärker und stärker werden. Die Sonne des Geistes muß immer mehr in das menschliche Herz hineinleuchten, je mehr die in der Sinneswelt wirkende Sonne abnimmt.
Johannistimmung müssen wir empfinden als den Eingang in Geistesimpulse und als den Ausgang aus Sinnesimpulsen. Johannistimmung müssen wir als etwas empfinden lernen, worin es webt und weht, geistig-dämonisch weht aus dem Sinnlichen ins Geistige, aus dem Geistigen ins Sinnliche. Und wir müssen durch die Johannistimmung unseren Geist leicht gestalten lernen, so daß er nicht nur pechartig klebt an den festen Konturen der Ideen, sondern daß er in webende, wehende, lebendige Ideen sich hineinfindet. Wir müssen merken können das Aufglimmen des Sinnlichen, das Verglimmen des Sinnlichen, das Aufglimmen des Geistigen im verglimmenden Sinnlichen. Wir müssen das Symbol des Aufleuchtens der Johanniswürmchen durchaus empfinden als etwas, das auch im Abdämpfen der Beleuchtung seine Bedeutung hat.
Das Johanniswürmchen leuchtet auf, das Johanniswürmchen leuchtet wieder ab. Aber indem es ableuchtet, läßt es lebendig in uns zurück das Leben und Weben des Geistigen im dämmerigen Sinnlichen. Und wenn wir in der Natur überall die geistigen kleinen Springwellen sehen, so wie wir symbolisch im Sinnlichen das Aufglühen und Wiederabdämpfen der Johanniswürmchen sehen, dann werden wir, wenn wir dieses mit vollem, hellem, klarem Bewußtsein können, für unser Zeitalter die richtige Johannistimmung finden. Und diese richtige Johannistimmung brauchen wir, denn wir müssen durch unser Zeitalter so hindurchgehen, wenn wir nicht in den völligen Abstieg kommen wollen, daß der Geist sich glühend beleben lernt, und daß wir dem glühend belebten Geistigen sinnvoll folgen lernen.

Johannistimmung – der Menschen- und Erdenzukunft entgegen! Nicht mehr die alte Stimmung, die nur das Sprießen und Sprossen des Äußerlichen versteht, die froh ist, wenn sie dieses Sprießen und Sprossen auch noch einsperren kann, unter elektrisches Licht dasjenige setzen kann, was sonst froh im Sonnenlichte gediehen ist. Wir müssen vielmehr das Aufblitzen und Aufblühen des Geistes erkennen lernen, so daß uns das elektrische Licht weniger wichtig wird, als es in der Gegenwart ist; daß wir aber dadurch den Blick, den Johanniblick, geschärft bekommen für jenes alte Sonnenlicht, das uns erscheint, wenn wir den großen geistigen Horizont eröffnen, nicht nur den engen Erdenhorizont, sondern den großen Horizont vom Saturn bis zum Vulkan.
Wenn wir in der richtigen Weise das Licht, das uns auf diesem großen Horizont erscheint, auf uns wirken lassen, dann werden alle Kleinigkeiten unseres Zeitalters uns eben in diesem Lichte erscheinen können, dann werden wir vorwärts- und aufwärtskommen. Sonst aber, wenn wir uns dazu nicht entschließen, werden wir rückwärts- und abwärtskommen.

Es handelt sich heute überall um menschliche Freiheit, um menschliches Wollen. Es handelt sich heute überall um die selbständige menschliche Entscheidung zwischen vorwärts oder rückwärts, zwischen aufwärts oder abwärts.

WIEDERGEWINNUNG DES LEBENDIGEN SPRACHQUELLS DURCH DEN CHRISTUS-IMPULS
DER MICHAEL-GEDANKE ALS ANRUF DES MENSCHLICHEN WILLENS

Dornach, 13. April 1923

Wenn Sie sich an verschiedenes erinnern, das ich hier im Laufe der letzten Betrachtungen vorgebracht habe, so werden Sie vor Ihre Seele hinstellen können die Beziehung der menschlichen Sprache, des Sprechenkönnens des Menschen zu denjenigen Wesen, die wir gewöhnt worden sind, in der geistigen Welt zur Hierarchie der Archangeloi, der Erzengel zu rechnen. Erinnern Sie sich, wie ich in einer der vorangehenden Betrachtungen ausgeführt habe, welche Bedeutung es für den Menschen hat, wenn er die Worte seiner Sprache so gestaltet, daß diese Worte nur zu rein materiellen Dingen Beziehung haben, daß also die Sprache gewissermaßen einen materialistischen Charakter annimmt, oder wenn er die Sprache so gestaltet, daß er im Sprechen einen gewissen Idealismus entwickelt, daß schon die Sprache ihn bei jedem Aussprechen eines Wortes empfinden läßt:
er gehört einer geistigen Welt an, und was als Worte seiner Seele in seiner Sprache erklingt, das muß, weil es eben aus der Menschenseele kommt, irgendwelche Beziehung haben zu Geistern.

Je nachdem das eine oder das andere der Fall ist, sagte ich Ihnen, kommt der Mensch zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in die rechte oder unrechte Beziehung zu den Erzengelwesen, zu den Wesen, die wir als Archangeloi bezeichnen. Der Mensch verliert immer mehr und mehr seinen notwendigen Zusammenhang mit diesen Archangeloi, wenn er den Idealismus aus seiner Sprache verschwinden läßt. Ich erinnere an diese Tatsache deshalb, weil ich eines wenigstens herausheben möchte, was die Beziehung des menschlichen Sprechens überhaupt zu der Hierarchie der Archangeloi vor Ihre Seele stellen kann.
Nun hat das menschliche Sprechen, die menschliche Sprache im Laufe der Menschheitsentwickelung eine Geschichte durchgemacht, wie im Grunde genommen alle Entwickelung, insofern sie den Mensehen betrifft. Wir haben das für die verschiedensten Entwickelungstatsachen des Menschenwesens kennengelernt. Was ich nun heute auseinandersetzen möchte, das bezieht sich nicht auf die eine oder die andere Sprache. Die Zeitperioden, auf die wir in bezug auf die eine oder andere tiefste Entwickelung der Sprache verweisen müssen, sind so lang, daß selbst primitive Sprachen heute schon denselben Charakter tragen in bezug auf das, was wir heute auseinandersetzen wollen, wie zivilisierte Sprachen. So daß also heute nicht hingewiesen wird auf die Differenzen, die unter den einzelnen Sprachen bestehen, sondern auf jene Umwandlungen, auf jene Metamorphosen, welche das menschliche Sprechen überhaupt im Laufe der Menschheitsentwickelung auf Erden durchgemacht hat.
Wenn wir heute das Verhältnis des Menschen zu seiner Sprache ins Auge fassen, so finden wir ja, daß wir eigentlich in den Worten der Sprache kaum mehr anderes haben als Zeichen für das, was außer uns ist und worauf mit den Worten der Sprache hingewiesen werden soll.
Sie wissen, wir haben im Laufe unserer anthroposophischen Betrachtungen auch auf ein intimeres Verhältnis des Wortes zur Sache hingewiesen. Aber solch ein intimes Verhältnis wird ja heute kaum mehr von den Menschen gefühlt. Die Worte sind mehr oder weniger nur äußere Zeichen für das, was mit ihnen gemeint ist. Wer fühlt denn zum Beispiel heute, wie in dem Worte «Blitz» tatsächlich etwas liegt, was, wenn das Wort ausgesprochen wird, seinem Laute nach von dem menschlichen Gemüte so erlebt werden kann, wie das Zucken des Blitzes durch den Raum erlebt wird. Man fühlt ja die Sache heute mehr oder weniger so, daß eben dieses Lautgefüge «Blitz» das Zeichen für die zuckende Lichterscheinung des Blitzes bedeutet. Das war aber nicht immer so, sondern wenn wir zurückgehen – wir brauchen dabei wohl nur in die älteren Zeiten des Griechentums zurückzugehen -, dann finden wir, daß das Verhältnis des Menschen zur Sprache nicht ein solches Zeichenhaftes, Gedankenhaftes war, sondern daß der Mensch selbst in der Tat an der Lautgestaltung seiner Worte mit seinem Gemüte beteiligt war. Für die nördlichen Sprachen brauchen wir nicht einmal so weit zurückzugehen.
Heute ist das Gefühl dafür abgelähmt, daß das Wort «Pflug» so erlebt werden kann wie die Tätigkeit, die mit diesem Ackerinstrumente ausgeführt wird. Es ist das Wort ein Zeichen geworden. Aber vor verhältnismäßig kurzer Zeit – wir brauchen vielleicht nur an kaum eineinhalb Jahrtausende zu denken -, da wurden die Worte noch in den nördlicheren Gegenden Europas so gefühlt, daß tatsächlich das Gefühl beim Pflügen ein ähnliches war, wie innerlich das Gefühl war bei dem Worte, das dazumal den Pflug bezeichnete. Es war also damals an der Empfindung vom Worte weniger der Gedanke beteiligt, sondern es war das Gefühl des Menschen daran beteiligt.

Und wenn wir in ganz alte Zeiten der Menschheit zurückgehen, dann finden wir, daß nicht nur das Gefühl daran beteiligt ist, sondern daß der Wille intensiv bei der Wortbildung beteiligt ist. Aber wenn wir jene Zeit betrachten wollen, in der die Menschen vor allen Dingen ihr Willensverhältnis zu der äußeren Natur betrachteten, indem sie in der Sprache lebten, da müssen wir schon zurückgehen bis in die späteren atlantischen Zeiten. Es sind eben durchaus lange Zeitepochen, in denen sich die Sprache in der Weise, wie ich es eben jetzt angedeutet habe, entwickelt. Und in der Sprache lebt ja der Sprachgenius. Die Sprache unterliegt ja nicht der menschlichen Willkür in ihrer Entwickelung, sondern in der Sprache lebt der Sprachgenius. Und der Sprachgenius gehört im wesentlichen der Hierarchie der Archangeloi an. Indem der Mensch spricht, also sozusagen um die Erde herum eine Atmosphäre bereitet, in der die zur Sprache artikulierten Lautbildungen des Menschen leben, ist diese Sprachatmosphäre das Element der Archangeloi. Deshalb sind die Archangeloi die Volksgeister, wie Sie aus einem Vortragszyklus von mir wissen können.
Es ist also eigentlich dasjenige, was in der menschlichen Sprachentwickelung auf Erden erscheint, innig zusammenhängend mit der Entwickelung der Archangeloi. Man möchte sagen: Was sich in der Sprachentwickelung ausdrückt, ist ein Bild der Archangeloientwicke-lung. Wir sind, wenn wir auch nur das, was irdisch ist, betrachten, durchaus nicht davon ausgeschlossen, die Entwickelung der höheren geistigen Wesenheiten kennenzulernen. Wir müssen nur in der richtigen Weise wissen, wie wir bestimmte Erscheinungen und Tatsachen auf gewisse höhere geistige Wesenheiten beziehen müssen. Wir müssen nur klar hineinschauen, wie in der Umwandlung der Sprachfähigkeit der Menschen auf Erden die fortlaufende Entwickelung der Archangeloi sich ausdrückt, sich offenbart.

…In der Götterwelt geht etwas vor, dessen irdisches Abbild das Ereignis von Golgatha ist. Und deshalb hängt mit dem Ereignis von Golgatha unter vielem andern auch das zusammen, daß, wenn die Menschen nach und nach immer mehr und mehr den Christus-Impuls aufnehmen, sie durch den Christus-Impuls wiederum den lebendigen Sprachquell erhalten.
Wir haben heute, man möchte sagen, die auslaufenden bloß natürlichen Sprachen. Und wenn man unbefangen genug ist, kann man in den auslaufenden natürlichen Sprachen, insbesondere je weiter man vom Osten nach dem Westen geht, vernehmen, wie diese Sprachen ein absterbendes Element in sich tragen, wie sie immer mehr und mehr zur Hülle werden. In Asien ist es noch weniger der Fall, gegen den Westen hin aber ist es immer mehr und mehr so, daß die Sprachen ein absterbendes Element in sich tragen.

Eine Belebung des Sprachschöpferischen im Menschenwesen kann nur dadurch eintreten, daß die Menschen immer mehr den Christus-Impuls als ein Lebendiges wieder ergreifen, damit der Christus-Impuls gerade das Sprachschöpferische werde.
Und unter all den Dingen, die man anführen muß, wenn man die Bedeutung des Christus-Impulses für die Menschheitsentwickelung darlegen will, ist auch dieses, daß die Menschheit in der Zeit, in der sie zur Freiheit aufrückte, herauskam aus dem göttlich-geistigen Durchströmt- und Durchwebtsein der Sprachen. Wäre die Sprache so geblieben, wie sie im alten Griechenland war, der Mensch hätte sich nicht zur Freiheit entwickeln können. Es brauchte einmal, ich möchte sagen, dieses Absurde, daß die Sprache nur zum Zeichen da ist, daß die Archangeloi die Möglichkeit verloren haben, die Imaginationen aus der Gegenwart zu bilden, daß sie aus der Vergangenheit sie bilden mußten. In dieser Zeit, an deren Beginn sich der Christus angekündigt hat, in der er niederschreiben ließ das Geheimnis seines Wesens und seiner Tätigkeit in den Evangelien, in dieser Zeit ist aber die Christus-Erkenntnis nicht vollständig unter die Menschen gekommen, weil sie nicht geistig genug, weil sie oftmals nur traditionell war. Erst wenn das Wort des Evangeliums belebt wird von einem Christus-Verständnis aus, das in der Gegenwart selber von dem fortwirkenden, immer auf den Menschen Einfluß habenden Christus kommt, erst dann wird auch die sprachbildende Kraft von diesem Christus-Impuls, von dem lebendigen Christus-Impuls ausgehen.
Aber schreiben wir jetzt auf, was ich Ihnen hier angedeutet habe (siehe Schema). Machen wir uns ganz klar, daß da oben etwas vorgeht, wodurch Götter erhöht werden, daß da unten etwas vorgeht, wodurch die Menschen den Christus-Impuls immer mehr haben, aber auch immer mehr zur Freiheit vorrücken. Stellen wir uns nur vor, daß, indem der Mensch eine Erhöhung durchmacht, diese Erhöhung des Menschen auch eine Erhöhung der höheren Hierarchien ausmacht. Seien wir uns klar darüber, daß die Imaginationen der Archangeloi gegenwärtig lebendige Imaginationen werden, wenn die Archangeloi immer mehr hineinbekommen von dem Christus, der seinen Wohnplatz in den Herzen der Menschen auf der Erde gefunden haben wird, der als ein Impuls in die Imaginationen der Erzengel einzieht.

Es wird dann eine ganz andere Art der sprachbildenden Kraft kommen. Eine besondere Art der sprachbildenden Kraft wird eben kommen…

Ich will die Entwickelung einer bestimmten Strömung in der Menschheit ins Auge fassen, in die eine Götterströmung hineinverwoben ist. Ich gehe bis zum Ursprung zurück, bis zu den Urbeginnen. «Im Urbeginne war das Wort.» Wo war denn das Wort, als wir eine Willenssprache hatten als Menschheit? Ja, das Wort war bei Gott und mußte durch Intuition bei Gott gesucht werden. «Und das Wort war bei Gott.» Aber die Archangeloi mußten sich durch Intuition in das Wesen der zweiten Hierarchie hineinversetzen. Das Wesen, das sie da in sich selber überfließen ließen, das war das Wort: «Und ein Gott war das Wort.»
Im Urbeginne war das Wort,
Und das Wort war bei Gott,
Und ein Gott war das Wort.

Wir sehen, wie innig dasjenige, was fortfloß in der Entwickelung, die ihre Kulmination im Mysterium von Golgatha hatte, zusammenhing mit dem Logos oder dem Wort. Aber das Ganze hängt ja zusammen mit dem universellen Ereignis der Menschwerdung und des Durchgehens durch den Tod von selten des Christus. In der Zeit, in der man so sagte: «Im Urbeginne war das Wort, und das Wort war bei Gott, und ein Gott war das Wort», fühlte man das Wort vor allen Dingen im Seelischen weben. Nun kam durch das Mysterium von Golgatha eine Zeit, wo der Christus in einem Menschenleibe da war -den Christus sah man durch das Wort -, wo das Wort eingezogen war in den physischen Menschen: «Und das Wort ist Fleisch geworden.»

Tiefe Entwickelungswahrheiten, welche in einer Beobachtung der geistigen Welt besteht, wiederfindet, liegen in demjenigen, was im älteren Schrifttum steht. Aber man muß sich nur klar sein darüber, dieses ältere Schrifttum muß mit jener Ehrerbietung erfaßt werden, durch die man sich sagt: Ich kann immer tiefer und tiefer hineindringen, wenn ich in den Dingen selber erst forsche. – Da kommt man hinein in die tiefere Bedeutung des älteren Schrifttums. Und steigt man hinein in die tiefere Bedeutung des alten Schrifttums, dann steigt man auch in das geistige Leben selber hinein.

Und wieviel gäbe es in dieser Beziehung in unserer heutigen Gegenwart für eine Michael-Kultur, für eine Kultur, welche sich anfeuern ließe von dem, was ich in den verflossenen Betrachtungen den Michael-Gedanken genannt habe! Der Michael-Gedanke soll ja vorzugsweise lebendig werden durch ein Herbstfest. Die Blätter fallen, welk geworden, von den Bäumen, die Pflanzen werden welk, verdorren, das Leben mineralisiert sich. Dasjenige, was der Mensch im vorhergehenden Jahreslaufe gesehen hat als Sprießendes, Sprossendes, als Lebendiges, nimmt den Tod, das Untergehende in sich auf, das sich Mine-ralisierende. Da muß im Menschen die Michael-Kraft, die Willenskraft ersprießen, welche sich klar ist darüber, daß das Geistige dort Platz nimmt, wo das Physisch-Materielle abgelähmt wird und nach und nach erstirbt.
Ein Fest der Impulsivität müßte als ein Abbild des in das welkende Naturgeschehen hineingestellten, seine Seele aber zu um so größerer Aktivität bringenden Menschen das herbstliche Michael-Fest Ende September werden. Und wird es das, dann wird alle menschliche Tätigkeit befruchtet.

Was kann man doch heute alles erfahren! Man braucht nur auf ganz kurze Zeiten zurückzugreifen. Da gibt es Erfahrungen in Hülle und Fülle, die einem die Menschen entgegenbringen. Auf allen Gebieten, zum Beispiel auf dem Gebiete der Sprache, sagen einem die Menschen: Ja, ich soll die Sprachen studieren, aber da kommt gar nichts dabei heraus, da steht alles so nebeneinander, da ist gar nichts Geistiges darin.
Also es ist wirklich so, gerade wenn Menschen in ihrer Jugend, sagen wir, vom Gymnasium kommen; nun ja, da sind sie noch nicht so weit erwacht, aber jetzt sollen sie nachdenken, jetzt sollen sie an die Universität gehen und sollen Sprachen studieren. Und nun überlegen sie sich, wie dann das fortgehen wird, was sie schon im Studium der Sprachen aufgenommen haben: da wird ihnen schwummelig vor den Augen vor dem, was ihnen da blüht.

Ja, alle Ansätze sind dazu vorhanden, jene Wunder kennenzulernen, die man kennenlernt, wenn man hinaufschaut von der heutigen Gedankensprache durch die Gefühlssprache zu der Willenssprache, wenn man da das Göttliche, das Erzengelartige waltend und webend schaut, wenn man es schaut, wie es heute, ich möchte sagen, in den Leichnamen der Sprachen sich zeigt. Wenn da wiederum das Leben der Urbeginne hineinflösse, das gäbe etwas Großartiges!

Der Michael-Gedanke ist nicht so etwas, daß sich ein paar Leute vornehmen können: Wir machen halt so ein Herbstfest; das ist sehr schön, dann sind wir die ganz Fortschrittlichen. – Der Michael-Gedanke ist etwas, was mit den innersten und stärksten Impulsen des menschlichen Willens rechnen muß, und das Fest kann nur ein solches sein, was ebenso dem menschlichen Leben einen mächtigen Ruck gibt, wie in älteren Zeiten, wo man noch die festesbildenden Kräfte hatte, wo die Einsetzung des Weihnachtsfestes oder des Osterfestes den Menschen einen Lebensruck gab.

DIE SCHAFFUNG EINES MICHAEL-FESTES
AUS DEM GEISTE HERAUS DIE RÄTSEL DES INNEREN MENSCHEN

Berlin, 23. Mai 1923

…Ich möchte ausgehen von einer Betrachtung des in die Welt hereintretenden Menschen, des Menschen, der heruntergestiegen ist aus dem vorirdischen Dasein und seine ersten Schritte hier im Erdenleben macht. Wir wissen, daß bei diesem Eintritt in das Erdenleben ein Zustand unsere Seele beherrscht, der doch eine gewisse Ähnlichkeit hat mit dem immer sich wiederholenden Zustande des menschlichen Schlaflebens. Wie das gewöhnliche Bewußtsein beim Aufwachen eine Erinnerung nicht hat an das, was das menschliche Seelisch-Geistige vom Einschlafen bis zum Aufwachen durchgemacht hat – mit Ausnahme der bunten Mannigfaltigkeit der Träume, die aber auch eigentlich, wie wir ja wissen, dahinfluten mit dem Einschlafen oder mit dem Aufwachen, die eigentlich für das gewöhnliche Bewußtsein nicht herauskommen aus dem tiefen Schlafe -, wie also das gewöhnliche Bewußtsein sich an diese Zustände nicht erinnert, so hat ja dieses selbe Bewußtsein für das ganze Erdenleben nur eine Erinnerung bis zurück zu einem gewissen Zeitpunkte der Kindheit. Bei dem einen liegt er etwas früher, bei dem andern etwas später. Was davor liegt im Erdenleben, ist eigentlich für das gewöhnliche Bewußtsein so verhüllt wie die Ereignisse des Schlafzustandes. Es ist ja richtig, das Kind ist nicht in einem wirklichen Schlafe, es ist in einer Art träumerischer, unbestimmter inneren Tätigkeit, aber für das ganze spätere Leben ist dieser Zustand zunächst wenigstens einem traumerfüllten Schlafe nicht ganz fernliegend.

Nun greifen aber drei Tätigkeiten, drei Dinge, die das Kind lernt, in dieser Zeit ein: dasjenige, was wir gewöhnlich zusammenfassen mit dem Ausdrucke Gehenlernen, dann das, was mit dem Sprechenlernen und das, was mit dem Denkenlernen für das Kind verbunden ist. Nun bezeichnen wir mit dem Ausdrucke Gehenlernen in einer außerordentlich abgekürzten und eben aus unserer Bequemlichkeit stammenden Weise eigentlich etwas, was außerordentlich kompliziert ist. Wir müssen nur daran denken, wie das Kind zunächst in völliger Ungeschicklichkeit in das Leben hereintritt, wie es nach und nach die Möglichkeit gewinnt, seine eigene Gleichgewichtslage in den Raum hineinzupassen, in dem es sich durch das ganze Leben hindurch bewegen soll. Es ist ja nicht bloß ein Gehenlernen, was wir beim Kinde wahrnehmen, sondern ein Aufsuchen der Gleichgewichtslage des irdischen Lebens, und verbunden mit diesem Gehenlernen ist der Gebrauch der Bewegungsgliedmaßen überhaupt. Für den, der für eine solche Sache das richtige Anschauungsvermögen hat, drücken sich in diesem Gehenlernen eigentlich die merkwürdigsten, großartigsten Lebensrätsel aus. Eine ganze Welt drückt sich aus in der Art und Weise, wie das Kind vom Kriechen zum Aufrichten, zum Füßchenstellen, aber auch zu allem andern, zum Aufrichten des Hauptes, zum Gebrauch der Arme und Gliedmaßen kommt. Und wer dann, ich möchte sagen, intimer da hineinsieht, wie das eine Kind das Füßchen mehr mit der Ferse aufstellt, das andere mehr dazu neigt, mit den Zehen aufzutreten, der wird vielleicht eine Ahnung bekommen von dem, was ich Ihnen gerade heute mit Bezug auf die genannten drei Tätigkeiten und ihren Zusammenhang mit der geistigen Welt werde auszuführen haben. Ich möchte nur vorher erst äußerlich diese drei Tätigkeiten noch charakterisieren.
Auf Grundlage dieses Gleichgewichtsuchens, dieses Suchens -wenn ich mich jetzt etwas gelehrter, vielleicht auch etwas geschwollener ausdrücken darf- nach einer Dynamik des Lebens, auf Grundlage dieses Suchens bildet sich dann das Sprechenlernen aus. Denn wer beobachten kann, weiß ganz genau: die normale Entwickelung des Kindes geht so, daß sich das Sprechenlernen auf Grundlage des Gehen- und Greifenlernens entwickelt. Zunächst wird man schon am Sprechenlernen merken, wie das feste oder leichte Auftreten des Kindes sich auch ausdrückt in dem Sprechtakt, in dem Betonen der Silben, in der Kraft der Sprache. Und man wird ferner merken, wie die Modulation der Worte, wie die Konturierung der Worte einen gewissen Parallelismus hat mit der Art und Weise, wie das Kind lernt, geschickt oder ungeschickt seine Fingerchen zu biegen oder geradezuhalten. Aber wer dann das ganze Innere des menschlichen Organismus beobachten kann, der wird wissen können, wie nicht nur, was ja auch die heutige Entwickelungslehre zugibt, rechtshändige Menschen in der linken dritten Stirnwindung, in der sogenannten Brocaschen Windung, das Sprachzentrum haben – was ganz einfach physiologisch den charakteristischen Zusammenhang zwischen der Sprache und dem Greifvermögen, wenn ich mich des Pleonasmus bedienen darf: des ganzen Handhabungsvermögens des Armes und der Hand vergegenwärtigt -, sondern er weiß auch, wie intim die Bewegung der Stimmbänder, die ganze Einstellung des Sprachorganismus genau denselben Charakter annimmt, den die Geh- und Greifbewegungen annehmen. Aber es kann sich bei der normalen kindlichen Entwickelung das Sprechen, das ja in Nachahmung der Umgebung entwickelt wird, gar nicht entwickeln, ohne daß die Grundlage des Aufsuchens der Gleichgewichtslage im Leben erst da ist.
Und das Denken! Ja, die feineren Organe des Gehirns, die dem Denken zugrunde liegen, sie entwickeln sich wieder aus der Sprachorganisation. Es soll nur niemand glauben, daß sich in der normalen kindlichen Entwickelung das Denken vor dem Sprechen entwickeln könnte. Wer aufzupassen vermag, der wird finden: Die Sprache ist zunächst nicht ein Ausdruck von Gedanken beim Kind. Ganz und gar nicht! Es wäre lächerlich, das zu glauben. Sondern die Sprache ist beim Kinde ein Ausdruck des Fühlens, des Empfindens, des Seelenlebens. Daher werden Sie sehen, daß es zunächst die Empfindungsworte sind, alles, was Empfindungen sind, was das Kind durch die Sprache zuerst ausdrückt. Und wenn das Kind «Mama» oder «Papa» sagt, so sind es die Gefühle zu Mama oder Papa, die es meint, nicht irgendein Begriff oder Gedanke. Das Denken entwickelt sich erst aus der Sprache heraus. Allerdings verschiebt sich beim Menschen manches, so daß man dann sagt: Dieses Kind hat sprechen gelernt vor dem Gehenlernen. Aber es ist dies nicht die normale Entwickelung, und man sollte sogar bei der Erziehung durchaus darauf sehen, daß die normale Entwickelungsreihe wirklich eingehalten werde: Gehen, Sprechen, Denken.
Aber den wirklichen Charakter dieser Tätigkeiten des Kindes wird man eigentlich erst gewahr, wenn man die andere Seite des menschlichen Lebens beobachtet, wenn man nämlich beobachtet, wie sich diese Tätigkeiten im späteren Leben im Schlafe verhalten, denn aus dem Schlafe oder wenigstens aus dem traumhaften Schlafe des Kindes, wie ich angedeutet habe, gehen diese Tätigkeiten hervor. Aber was machen denn nun diese Tätigkeiten während des späteren Erdenlebens ?

Es ist im allgemeinen dem heutigen wissenschaftlichen Leben nicht möglich, auf diese Dinge einzugehen. Das heutige wissenschaftliche Leben kennt ja eigentlich nur die Außenseite der Menschenwesenheit und kennt nicht die inneren Zusammenhänge des Menschen mit dem Weltenwesen, insofern das Weltenwesen geistig ist. Auf allen Gebieten hat sich die Menschheitszivilisation – wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf – oder sagen wir die Menschheitskultur, zu einem gewissen Materialismus oder Naturalismus entwickelt. Glauben Sie nicht, daß ich hier gegen den Materialismus keifen will. Wenn der Materialismus in der Menschheitszivilisation nicht gekommen wäre, so wären die Menschen nicht frei geworden. Der Materialismus ist also eine notwendige Entwickelungsepoche in der Menschheit. Aber heute muß man sich darüber klarwerden, welche Wege wir gehen müssen, auch weiter in die Zukunft hinein. Und darüber müssen wir uns auf allen Gebieten klarwerden. Damit das besser illustriert ist, was ich Ihnen nun zu sagen habe, möchte ich Ihnen dies an einem Beispiel veranschaulichen.
Sie wissen alle und können es aus meinen Schriften erfahren, daß die Erdenmenschheit, bevor sie diejenigen Kulturepochen durchgemacht hat, die der heutigen noch halbwegs ähnlich sind – die uralt indische, die urpersische, die ägyptisch-chaldäische, die griechisch-lateinische und dann die unsrige -, vordem durchgegangen ist durch die sogenannte atlantische Katastrophe. Und während dieser atlantischen Katastrophe war die Menschheit, die heute europäische, asiatische und amerikanische Kulturmenschheit ist, im wesentlichen ansässig auf einem Kontinente, der heute Meer ist, nämlich der Atlantische Ozean. Dort war damals im wesentlichen Land, und die Menschheit hat sich vor sehr langer Zeit auf diesem atlantischen Lande entwickelt. Sie können ja das, was die Menschheit da durchgemacht hat, auch in meinen Schriften und Zyklen nachlesen.

Ich will nun nicht von andern Erlebnissen der Menschheit in der alten atlantischen Zeit sprechen, als gerade von musikalischen Erlebnissen. Das ganze musikalische Erleben der alten Atlantier müßte einem heutigen Menschen, wenn er es hören könnte – er kann es ja nicht hören -, völlig grotesk, kurios erscheinen, denn das, was die alten Atlantier in der Musik aufgesucht haben, das waren zum Beispiel Septimenakkorde. Diese Septimenakkorde hatten für die Atlantier die Eigentümlichkeit, daß die Seelen dieser Urmenschen – in deren Leibern wir ja alle drinnensteckten, denn in den wiederholten Erdenleben haben wir ja diese Zeit selbst auch durchgemacht – sofort aus ihren Leibern heraus entrückt waren, wenn sie in ihrer Musik lebten, die vorzugsweise die Septimenakkorde berücksichtigte. Sie kannten keine andere Gemütsstimmung in der Musik als das Entrücktsein, das Enthusiasmiertsein, das Mit-dem-Gotte-Durchdrungensein. Und sofort, wenn ihre außerordentlich einfachen Instrumente erklangen, die übrigens nur Begleitinstrumente zum Singen waren, dann fühlte sich eigentlich solch ein Atlantier herumwebend und -lebend in der geistigen Außenwelt.
Nun kam die atlantische Katastrophe. Bei allen Nachatlantiern entwickelte sich zunächst die Vorliebe für Quintenfolgen. Sie wissen ja wahrscheinlich, daß die Quinte noch lange Zeit in der musikalischen Entwickelung die ausgedehnteste Rolle spielte; noch im alten Griechenland zum Beispiel spielte die Quinte eine ganz ausgebreitete Rolle. Die Vorliebe für Quintenfolgen hatte die Eigentümlichkeit zur Folge, daß zwar die Menschen, indem sie musikalisch erlebten, sich allerdings jetzt nicht mehr außerhalb ihres Leibes fühlten, aber in ihrem Leibe sich seelisch-geistig fühlten. Sie vergaßen völlig während des musikalischen Erlebens das physische Erleben. Sie fühlten sich zwar sozusagen innerhalb ihrer Haut, aber ihre Haut ganz ausgefüllt mit Seele und Geist. Das war die Wirkung der Musik, und die wenigsten Menschen werden es glauben, daß fast noch bis zum 10., 11. nachchristlichen Jahrhundert die naturgemäße Musik so war, wie ich es beschrieb, denn dann erst traten die Begabungen der Menschen für Terzen ein, die große und die kleine Terz, und für das Dur- und Mollmäßige. Das ist verhältnismäßig spät gekommen, aber mit diesem Spätkommen gestaltete sich zugleich das innerliche Erleben des Musikalischen heraus. Der Mensch blieb jetzt bei sich im Musikalischen.

So wie die übrige Kultur in dieser Zeit von dem Geistigen herunterstrebte zum Materiellen, so strebte der Mensch im Musikalischen von dem Erleben des Geistigen, in das er aufging in den alten Zeiten, wenn er überhaupt Musik erlebte, hin zu dem Erleben des Musikalischen in sich, nicht mehr bis zur Haut, sondern ganz in sich. In dieser Weise waren auch die Dur- und Mollstimmungen erst damals heraufgekommen, die im wesentlichen eigentlich erst möglich sind, wenn der Mensch das Musikalische innerlich erlebt.

So kann man auf allen Gebieten verfolgen, wie sich der Mensch von dem Geistigen herunter zu der Materie, aber auch zu sich entwickelt hat. Deshalb darf man nicht in einer philiströs-banausischen Weise immer nur sagen: Ach, der Materialismus ist so etwas Minderwertiges, aus dem muß der Mensch heraus. –

Der Mensch wäre gar nicht richtig Mensch geworden, wenn er nicht heruntergestiegen wäre zum Ergreifen des materiellen Lebens. Gerade dadurch, daß er das Geistige im Materiellen ergriff, wurde der Mensch das seiner selbst bewußte, freie Ich-Wesen. Und heute müssen wir mit Hilfe der anthroposophischen Geisteswissenschaft wiederum zurück den Weg in die geistige Welt finden, müssen ihn auf allen Gebieten finden…

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Das Weinachtsfest…
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Die Himmelfahrtsoffenbarung und das Pfingstgeheimnis / RudolfSteiner
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