Leonardo da Vincis «Abendmahl» und die Auseinandersetzung mit dem Bösen

Ahriman-Lucifer und der freie Mensch - ganzes Bild unter www.amthor-art.de

Ein Wesen, das nur gut sein kann, gewissermaßen dazu verurteilt ist, gut zu sein, mag Güte haben, doch es mangelt ihm die Freiheit. Die höhere Form der Güte, die aus Freiheit emporblüht, geht ihm noch ab. Diese Form ist es aber, die der Mensch zu entwickeln hat. Deswegen ist nur das frei erwirkte Gute ein wahrhaft menschliches Gutes.

Leonardo da Vincis «Abendmahl» und die Auseinandersetzung mit dem Bösen in der fünften nachatlantischen Kulturperiode

1. Der Ewigkeitsmoment auf dem «Abendmahl» Leonardo da Vincis weltbekanntes Gemälde ist nicht nur in künstlerischer und kompositioneller Hinsicht eines der schönsten und tiefsten Kunstwerke des Abendlandes; es konfrontiert den Betrachter auch immer wieder neu mit dem Phänomen und mit dem Rätsel des Bösen. Dieses Böse ist keineswegs nur in der Gestalt des Judas zu suchen, obwohl dieser als dessen besonderer Repräsentant hervorgehoben zu sein scheint. Nur dem oberflächlichen Blick könnte das Gemälde als Ausdruck des Gegensatzes von Gut und Böse erscheinen, wobei das Gute in Christus zentriert und auf die übrigen Gestalten verteilt, das Böse auf Judas beschränkt wäre. Leonardos reifer Geist dachte viel umfassender…

…So stellte Leonardo da Vinci den grandiosen Ewigkeitsaugenblick in einer Weise dar, dass sich nicht nur jeder Jünger, sondern auch jeder dieses Gemälde betrachtende Mensch dazu aufgefordert sehen kann, die reale Neigung zum Bösen in sich selber zu erforschen. Wir können uns also als im Betrachten des «Abendmahles» dazu angeregt fühlen, jede pharisäerhafte Haltung gegenüber dem Bösen abzustreifen. Diese Haltung besteht ja darin, das Böse immer «draußen», im «andern» zu suchen und mit Erleichterung zu glauben, in Judas einen «Sündenbock» für das Böse in der Welt gefunden zu haben, die «Achse» des Bösen gewissermaßen, die von den sie umgebenden «Guten», zu denen sich der Pharisäer selbstverständlich dazurechnet, beherrscht, besiegt, zum Stillstand gebracht und «ausgemerzt» werden soll. So regt «Das Abendmahl» die Auseinandersetzung mit den realen Neigungen zum Bösen, mit der realen Fähigkeit zu bösen Gedanken und der Möglichkeit zu bösen Taten an, wie sie in jeder Menschenseele liegen.

Ohne Judastat kein Golgatha
Doch es ist Christus, der durch das Reichen des Bissens den Anlass bietet, dass Judas von Satan erfasst und nun erst zum wirklichen Verräter wird. Christus zieht in dem entscheidenden Augenblicke die schützende Hand von Judas ab, und nun erst kann und muss sich dessen mangelndes Christus-Verständnis ungehemmt auswirken. Es fehlt ihm, wie bereits gesagt, die Einsicht in den Freiheitscharakter von Christi Wirken und damit auch die Einsicht, dass dessen Verständnis deshalb auch nur frei erlangt und nicht erzwungen werden kann. Dieser Fehler – dieses Wort nicht im abstrakten Sinn genommen, sondern in dem, dass Judas etwas Entscheidendes zum Christusverständnis wirklich fehlt – ist das Tor für die satanische Macht. Hat es in Christi Macht gestanden, den Verrat des Judas zu verhindern? Ganz zweifellos hätte der Verrat des Judasverhindert werden können. Wie aber der Verrat als solcher? Wie hätte es ohne einen Verrat ein Golgatha geben können…
…der ganze Beitrag: Abendmahl

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Das Böse – Polarität und Steigerung – und: Was ist die Bewusstseinsseele? Michael Kalisch
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