Nebenübungen für die Charakterschulung / Rudolf Steiner

Nebenübungen für die Charakterschulung – Wie lauten die sogenannten sechs Nebenübungen?
Welche Wirkung haben sie?

Rudolf Steiner hat in seinem Selbsterziehungsbuch mit dem Titel „Wie erlangt man Erkenntnisse der Höheren Welten?“1 einen ganzen Übungskanon für die seelische und geistige Entwicklung aufgestellt. Besonders lohnend sind ganz elementare Grundübungen, die „die sechs Nebenübungen“ genannt werden. Steiner sagt über sie, dass sie der menschlichen Persönlichkeit Stärke und Sicherheit mit auf den Weg geben können. Man kann sich z.B. für jede dieser Übungen ein bis zwei Monate Zeit nehmen und damit arbeiten, bis man etwas vertraut damit geworden ist, bevor man zur nächsten übergeht. Dabei empfiehlt es sich, diese Übungen in den Tagesrückblick am Abend zu integrieren und sich die Frage vorzulegen, wie es einem mit der Übung ging, worauf man am nächsten Tag achten möchte etc.

1. Folgerichtigkeit im Gedankenleben („Gedankenkontrolle“)

Man fragt sich:

Wodurch wird mein Denken gelenkt?

Bin ich es wirklich selber, der denkt?

Was veranlasst mich, bestimmte Gedanken zu haben?

War wirklich ich es, die/der gedacht hat, oder habe ich nur jede Menge Informationen aufgenommen, ohne einen einzigen selbstständigen Gedanken daran zu knüpfen?

Bewusstes Meditieren bedeutet ja in erster Linie selbst zu denken, geistig authentisch zu werden, sich wirklich selbst auf den Weg zu machen. Christian Morgenstern drückte es in einem seiner Gedichte so aus:

„Die zur Wahrheit wandern, wandern allein…“

Jeder kommt aus ganz eigenen Lebenszusammenhängen und Erfahrungen, hat seine eigene Biografie, seine eigene Art, wie er denken und sprechen gelernt hat. Auf dem eigenen Weg zur Wahrheit hinzufinden, macht den Menschen besonders und authentisch – aber es vereinzelt ihn auch, lässt ihn „allein wandern“.

Wenn sich aber viele auf den Weg zu sich selbst, zur Wahrheit machen, begegnen sie sich in dieser Wahrheitssuche und bilden zunehmend geistige Gemeinschaften (vgl. Gemeinschaft(sbildung): Quellen der Gemeinschaftsbildung im Ätherischen). Das ist das Schönste und Kostbarste, was man erleben kann: die Liebe und Hinwendung zu einem anderen Menschen in der reinsten, der selbstlosesten Form – entzündet und genährt von dem echten Interesse an der Wahrheit, an dem, was wirklich ist. Diese Verbundenheit im Geist der Wahrheitssuche ist das Gegenteil der Abhängigkeit von einer Gruppe und ihren Meinungen.

Durch die erste der genannten Nebenübungen soll der Mensch unterscheiden lernen, ob er selbst denkt oder sich einer gängigen Meinung nur anschließt. Und insbesondere, ob er die dem Denken selber innewohnende Folgerichtigkeit und Logik entdecken und handhaben lernt.

2. Autonomie und Folgerichtigkeit im Handeln (Handlungskontrolle)

Hier gilt es, sich zu fragen:

Wer bestimmt mein Handeln?

Bin ich in meinem stark außengesteuerten Leben, in dem ich von Verpflichtung zu Verpflichtung haste und kaum noch Spielraum habe für Eigenes, dennoch Herr meiner Handlungen?

Wenn nicht, wer bestimmt sie?

Wenn jemand z.B. einer solchen Außensteuerung unterworfen ist, kann man sich fragen:

Wie muss ich es angreifen, dass es mich nicht überfordert?

Was kann ich vielleicht doch abgeben oder ändern?

Und: Kann ich Motive finden, durch die die mir vielleicht nicht wesentlich erscheinenden, aber aufreibenden Tätigkeiten mir wichtig werden, meine „eigenen“, selbstgewollten werden?

Als einmal ein Zen-Meister gefragt wurde – Wie kannst Du so viel leisten? Warum brauchst Du so wenig Schlaf? So wenig Nahrung? –, antwortete er: Das liegt daran: Wenn ich liege, liege ich, wenn ich sitze, sitze ich, wenn ich stehe, stehe ich und wenn ich gehe, gehe i c h.

Wenn ich es selber bin, der handelt, wenn ich mich identifizieren kann – dann sind die Handlungen unter meiner Führung und ich bin es, der sie verantwortet (vgl. Identität und Ich: Identifikation und Schicksal).

3. Motivation und/oder die „Kontrolle der Gefühle“

Als Kinderärztin, die jahrelang viele Kinder und Familien betreute, wurde ich einmal von einer Hausfrau und Mutter gefragt, ob ich ihr nicht einen Rat geben könnte in Bezug auf die leidige Hausarbeit, die für sie zu einer tödlichen Routine geworden wäre. Sie hätte nicht das Geld, diese Arbeiten an jemand anderen abzugeben und müsste sie deshalb selbst erledigen, würde aber viel lieber etwas anderes machen.

Ich riet ihr, sich zu überlegen, welche spezifisch menschlichen Qualitäten und Charaktereigenschaften sie sich erwerben würde, wenn sie sich vornähme, drei Jahre lang so gut und liebevoll, wie sie könnte, diese ungeliebte Arbeit zu erledigen. Denn beim Reinigen, Ordnen, für Nahrung und Kleidung Sorgen geht es nicht nur um archetypische Tätigkeiten zum Erhalt des Lebens, sondern auch um Urbilder zentraler Seelenübungen: um Reinigung/Läuterung/Katharsis, um die Fähigkeiten sich zu sammeln, innerlich Ordnung zu schaffen, über die eigenen Bedürfnisse hinaussehen zu können, sich für andere einzusetzen etc.

Ich riet ihr außerdem, die Situation nach drei Jahren neu anzuschauen und Bilanz zu ziehen, wie diese Übung sich auf die Entwicklung der Beteiligten ausgewirkt hat und inwieweit sich die genannten Qualitäten entwickeln konnten.

Wenn Sie eine solche Anregung aufgreifen, wird es Ihnen wahrscheinlich gehen wie dieser Frau:

Sie werden viel weniger Zeit brauchen für dieselbe Arbeit.
Sie werden sich in einen fröhlicheren Menschen verwandeln, weil sie wissen, warum Sie tun, was Sie tun.
Sie werden sich nach der Arbeit nicht erschöpft fühlen, sondern gekräftigt.

Ihr ganzes Leben wird eine andere Qualität bekommen, weil das, was Sie denken und das, was Sie tun, plötzlich übereinstimmen. Der größte Krafträuber ist unser Gespalten-Sein, wenn wir das eine denken und das andere tun. Dann erkaltet das Gefühlsleben und neigt zu Selbstmitleid und Sentimentalität (vgl. Gefühle und Fühlen: Müde, kraftlos, unkonzentriert – Was sind die Ursachen?).

Wir können uns bei dieser Übung immer wieder folgende Fragen stellen:

Beherrsche ich meine Stimmungen?

Kann ich mich selbst „stimmen“?

Kann ich bestimmen, wie ich auf andere zugehe? Wie ich durch den Tag gehe?

Agiere ich oder reagiere ich in meinem Gefühl?

Man kann sich dadurch selbst ganz neu als „Unternehmer“ im eigenen Seelenleben entdecken. Das kann total Spaß machen.

Es gibt noch drei weitere Übungen, die die sozialen Fähigkeiten schulen.

4. Positivität oder die Fähigkeit aktiver Toleranz

Die vierte Übung ist eine echte Gesundungsübung. Es geht bei dieser Übung darum, zu merken, dass alles, was man tut, zwei Seiten hat. Denn es gibt nichts, was nicht zwei Seiten hätte. Wenn einem die negative Seite einer Sache sofort ins Auge springt, muss man die positive bewusst suchen. Umgekehrt, wenn einem das Positive sofort auffällt – das kommt ja manchmal auch vor –, ist es wichtig, sich den Schatten, die andere Seite davon, ebenfalls anzuschauen.

Wenn jemand z.B. eine Weiterbildung besucht, so ist dies sicher positiv – es gibt jedoch sicher Menschen, die in dieser Zeit auf uns verzichten oder die uns vertreten müssen. Leben, Gesundheit und Mitmenschlichkeit werden gefördert, wenn wir lernen, immer auch das Positive zu sehen und es dadurch zu verstärken und so daran zu arbeiten, dass die Wirkung des Negativen abnimmt. Wir haben die Möglichkeit, am Schmerz zu erwachen, um es besser machen zu können und uns vom Positiven, von der Freude, Kraft geben zu lassen.

5. Unbefangenheit – oder das Vertrauen in die Welt, in der wir leben

Die fünfte Übung ist die „Anti-Vorurteilsübung“. Auch wenn ich genau zu wissen meine, was mein Gegenüber sagen will, versuche ich geistesgegenwärtig zu bleiben und mich nicht von meinen vergangenen Erfahrungen und Erlebnissen beeinflussen zu lassen. Ich öffne mich, schaue den anderen an und selbst wenn er wirklich sagt, was ich erwartet habe, kann ich auf Folgendes achten:

Wie hat er es gesagt?

Habe ich diesmal die Möglichkeit, noch einmal nachzufragen, damit er merkt, dass ich wirklich verstehen will, warum er gewisse Dinge ständig wiederholt?

An diesem Punkt verändert sich etwas in der Beziehung. Vielleicht werden dadurch andere Entwicklungen möglich. Die Übung der Unbefangenheit gibt einer Beziehung neue Chancen und setzt neue Entwicklungsakzente. Durch diese Übung werden aber auch Sicherheiten, Bewährtes, zur Disposition gestellt.

Grundsätzlich gilt: Je tiefer mein Vertrauen in das Leben, die Entwicklung und „die Welt“, umso unbefangener kann ich sein, umso offener, neue Erfahrungen zu machen.

6. Auf das Gleichgewicht unter diesen neuen Fähigkeiten achten

Die sechste Übung besteht darin, die fünf anderen Übungen situationsabhängig beherrschen und anwenden zu lernen. Das ist nochmals eine eigene Kunst, ist Lebenskunst: Das tun, was der Augenblick erfordert. Was das ist, kann ich vorher gar nicht wissen. Ob es das Richtige war, weiß ich meist erst hinterher. Auch ist es wichtig, dass sich nicht eine der neuen Fähigkeiten auf Kosten der anderen entwickelt.
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s. dazu auch den Text von R.Steiner: hier weiter

weitere Meditationsanleitungen: http://www.infameditation.de/anthroposophische-meditation/beispiele/

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…Arbeitsmaterial!:
Seien wir „selbstlose Egoisten!“ Aphorismen, Gedankensplitter zur Gestaltung der eigenen Biographie
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…Info zu Anthroposophie und Rudolf Steiner:
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