Rudolf Steiner: Das „soziale Hauptgesetz und das soziologische Grundgesetz“

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Adam Szymanskis interessante Zusammenfassung:

Das soziale Hauptgesetz und das soziologische Grundgesetz

Das soziale Hauptgesetz von Rudolf Steiner – in eigener Formulierung – klingt etwa so:
“ Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeiten Menschen ist umso größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt und je mehr seine Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.“

Hier passend zum Text:

„Welche Staats- und Gesellschaftsform kann die allein erstrebenswerte sein, wenn alle soziale Entwicklung auf einen Individuallisierungssprozess hinausläuft? Die Antwort kann allzu schwierig nicht sein. Der Staat und die Gesellschaft, die sich als Selbstzweck ansehen, müssen die Herrschaft über das Individuum anstreben, gleichgültig, wie diese Herrschaft ausgeübt wird, ob auf absolutistische, konstitutionelle oder republikanische Weise. Sieht sich der Staat nicht mehr als Selbstzweck an, sondern als Mittel, so wird er sein Herrschaftsanspruch auch nicht mehr betonen. Er wird sich so einrichten, dass der Einzelne in größtmöglicher Weise zur Geltung kommt. Sein Ideal wird die Herrschaftslosigkeit sein. Er wird eine Gemeinschaft sein, die für sich gar nichts, für den Einzelnen alles will“

Adam Szymanski:
Wenn ich mir die Gegenwart anschaue, sehe ich mich und uns vor vielen Fragen und Aufgaben gestellt, die ihre Beantwortung und Bewältigung noch harren. Es geht u. A. auch um die folgende Frage: wie der Einzelne im Ganzen, wie die Gesamtheit gegenüber ihren Mitglieder ihre Aufgabe versteht und erfüllt.
Ich möchte in diesem Zusammenhang hier auf ein Gesetz verweisen, den R. Steiner aufgestellt hat und der als das Das soziologische Grundgesetz bekannt ist:

“ Die Menschheit strebt im Anfang der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen.“

Um vorweg einigen Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich hinzu nur noch ein paar Sätze aus dem sehr bemerkenswerten Buche von Dieter Brüll: “ Der anthroposophische Sozialimpuls“ zitieren.

„Dieses Gesetz stellt in einzigen Satz die Quintessenz des wichtigsten Abschnittes der irdischen Entwicklung der Menschheit dar. Immer wieder hat Steiner beschrieben, wie die Menschheit in vorchristlichen Zeiten von geistigen Mächten geführt wurde, wie sie aber allmählich dieser Führung entwuchs und wie mit dem Mysterium von Golgatha ein neuer Einschlag in die Erdenentwicklung kam, der den Menschen befähigen kann, nach und nach die Verbindung mit der geistigen Welt selbständig wiederherstellen, um sich als Ichwesen der spirituellen Ordnung bewusst einzugliedern. In der Sekundärliteratur wurde dieser Prozess meistens als individueller beschrieben, d.h. als ein aus der persönlichen Entwicklung des einzelnen Menschen hervorgehendes Geschehen. Bei der Behandlung des soziologischen Grundgesetzes weist Steiner aber eindringlich auf die mit der persönlichen Entwicklung einhergehenden gesellschaftlichen Formen hin. In Zusammenschau mit den vielen Stellen, an denen er darauf hindeutet, dass ein individueller Erlösungsweg zwar nicht unmöglich, aber luziferisch ist und letztendlich die individuelle Entwicklung zu einem vorzeitigen Abschluss kommen lässt, erscheint das Mitwirken an jenen Formen als eine für die Menschheitszukunft notwendige Aufgabe. Man darf also hier von der soziologischen Ergänzung der Darstellung der individuellen Bewusstseinsentwicklung sprechen. Die Frage, die das soziologische Grundgesetz aufwirft, ist keine geringere als: Welche Gesellschaftsformen sind den verschiedenen Entwicklungsstadien der Menschen angemessen? Diese Frage enthält zwei Komponenten: Welche Gesellschaftsformen bildete sich der Individuationsprozess? und Wie kann der Mensch Gesellschaftsformen so bilden, dass sie die Individuation zeitgemäß, d.h. nach jeweiligen Stand der Entwicklung, fordern.
Steiner setzt sich in den beiden Aufsätzen, die das soziologische Grundgesetz enthalten, mit dem Buch von Ludwig Stein „Die soziale Frage im Lichte der Philosophie“ (Stuttgart 1897) auseinander, in welchem der Verfasser der Unterordnung der Interessen des Einzelnen unter die des Staates das Wort redet. Es ist daher erklärlich, dass das soziologische Grundgesetz an erster Stelle anhand der Entwicklung der Staatsform illustriert wird: „Welche Staats- und Gesellschaftsform kann die allein erstrebenswerte sein, wenn alle soziale Entwicklung auf einen Individuallisierungssprozess hinausläuft? Die Antwort kann allzu schwierig nicht sein. Der Staat und die Gesellschaft, die sich als Selbstzweck ansehen, müssen die Herrschaft über das Individuum anstreben, gleichgültig, wie diese Herrschaft ausgeübt wird, ob auf absolutistische, konstitutionelle oder republikanische Weise. Sieht sich der Staat nicht mehr als Selbstzweck an, sondern als Mittel, so wird er sein Herrschaftsanspruch auch nicht mehr betonen. Er wird sich so einrichten, dass der Einzelne in größtmöglicher Weise zur Geltung kommt. Sein Ideal wird die Herrschaftslosigkeit sein. Er wird eine Gemeinschaft sein, die für sich gar nichts, für den Einzelnen alles will“
Das soziologische Grundgesetz ist aber weder in seiner Formulierung, noch durch die Worte, mit denen es uns verdeutlicht wird, auf Staatsformen beschränkt: „Wenn man unsere Zeit versteht, so darf man sagen, die Fortgeschrittensten streben solche Gemeinschaftsformen an, dass durch die Arten des Zusammenlebens das Individuum so wenig wie möglich in seinem Eigenleben behindert wird. Es schwindet immer mehr das Bewusstsein, dass die Gemeinschaften Selbstzweck sein können. Sie sollen Mittel zur Entwicklung der Individualitäten werden. Der Staat zum Beispiel soll eine solche Einrichtung erhalten, dass er der freien Entfaltung der Einzelpersönlichkeit den möglichst großen Spielraum gewährt.“

…weiterführende Themen:

Die „Soziale Dreigliederung“. Eine Alternative aus der Krise
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