Seelenerlebnisse nach dem Tode. Die Wirkungen unserer Taten im anderen Wesen erleben wir jetzt selber… Rudolf Steiner

DRITTER und VIERTER VORTRAG
München, 29. November 1915:

aus:
Rudolf Steiner – Mitteleuropa zwischen Ost und West
Kosmische und menschliche Geschichte Sechster Band
GA 174

Seelenerlebnisse nach dem Tode. Nachtodliches Ich-Bewußtsein durch den Rückblick auf das vergangene Leben. Das Rückwärtsdurchlaufen der Schlaferlebnisse unmittelbar nach dem Tode. Das Wirken der früh Gestorbenen in der geistigen Welt.

Dritter Vortrag – gekürzt:

„…Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, da ist es ja, ich möchte sagen, unserer Seele zunächst gelegen, zu erfahren, wie er, nachdem er seinen physischen Leib auf dem Schauplatz des Erdenseins zurückgelassen hat, dann in die geistigen Welten, gewissermaßen diese physischen Welten verlassend, hinansteigt. Wenn wir geisteswissenschaftliche Überzeugungen gewonnen haben, dann empfinden wir das Durchschreiten der Todespforte bei einem Menschen wie ein Verlassen der physischen Welt. Wenn nun der geistesforscherische Blick auf das Erlebnis des Todes gerichtet wird, das heißt auf das Hindurchgehen eines Menschen durch die Todespforte, dann stellt sich diesem geistesforscherischen Blick allerdings die Sache etwas anders dar. Hauptsächlich kommt ja dabei das in Betracht, was der sogenannte Tote selber als Erlebnis hat, wie er in seinem Innersten das Durchschreiten der Todespforte empfindet und erlebt, und wie es sich für ihn dann weiter gestaltet zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und da muß gesagt werden: Was durch die Todespforte schreitet, das ist, wie wir wissen, zunächst der Ätherleib mit dem astralischen Leib und dem Ich. – Nun fühlt aber der Tote, indem er in dieser Dreiheit seines Wesens zunächst die geistige Welt betritt, den Schauplatz der physischen Welt und darauf stehend diejenigen Menschen, mit denen er sich verbunden fühlte im Leben, und auch alles das, womit er sich sonst verbunden gefühlt hat, eigentlich so, als wenn ihn das alles verließe, als wenn es sich unter ihm gewissermaßen wegbewegte. Und dann fühlt derjenige, der durch die Todespforte geschritten ist und sich einlebt mit seinem Ätherleib in die ätherische Welt, sich eins werdend mit dieser ätherischen Welt. Und auch das wissen wir schon:

Vor seinem Blick tritt eine Art Überschau über das Erleben auf der Erde in der letzten Inkarnation auf. Dieses Erleben ist wirklich mit einer Art universellen Traumerlebens zu vergleichen. In wogenden, webenden Bildern, die vielsagend, vielbedeutend sind, läuft das Leben eben tagelang ab. Man möchte sagen, es vergrößert sich dieses Lebenspanorama, indem der Tote fühlt: Bis dahin schaust du; dein Leben webt sich ab, flutet ab. Und jenseits dieses flutenden Lebens verläßt dich der Schauplatz, auf dem du bisher gestanden hast.

Dieses ist ein ganz ätherisches Erleben. Während wir, wenn wir hier physisch-sinnlich erleben, auf das Feste, das Derbe mit unseren Sinnen aufstoßen und genau wissen: das sinnlich Erlebte ist da draußen und wir erfühlen uns in den Grenzen unserer Haut -, erlebt der durch die Todespforte Geschrittene sein Dasein und seinen Zusammenhang mit der Welt so, daß er nicht in so starker Weise unterscheidet; er fühlt gewissermaßen das, was er als Lebenstableau hat, als ein Stück seines Selbstes. Ja, es ist dieses Lebenstableau überhaupt zunächst seine Welt. Er überschaut das, was er durchlebt hat, in einem großen Lebenspanorama, als seine nächste Welt, in der er zunächst ist. Gewissermaßen entsinkt ihm das irdische Dasein, und es preßt sich aus diesem entsinkenden irdischen Dasein das heraus, was er seit seiner Geburt innerhalb dieses irdischen Daseins erlebt hat, und das läuft ab so wie ein mächtiges, lebendiges intensiv lebendiges, nicht mit dumpfem Traumbewußtsein, sondern mit deutlichem Bewußtsein durchzogenes Bilderpanorama, wobei eben nicht etwa bloß Bilder gesehen werden, sondern wobei alles das wieder auflebt, was wir auch in anderer Weise innerhalb des Lebens erfahren haben.
Jedes einzelne Gespräch, das wir mit Menschen gehabt haben: wir hören es wieder; alles das, was wir mit Menschen zusammen erfahren haben, was wir ausgetauscht haben an Empfindungen mit ihnen: wir erfahren es wieder. Dadurch, daß alles flutendes Leben ist, ist jener Lebensreichtum möglich, der, in einige Tage zusammengedrängt, eine völlige Überschau – die eigentlich immer gleichzeitig vor uns ist – über das gibt, was wir in einem manchmal
langen Erdenleben durchgemacht haben. Und wir machen es so durch, daß wir dann wissen:
Früher, auf der Erde, hast du das so durchlebt, daß Erlebnis nach Erlebnis gekommen ist. Du hattest ein Erlebnis, standest drinnen in einem Lebenszusammenhang. Der flutete dahin, blieb zum Teil in deiner Erinnerung, wurde zum Teil vergessen. Dann trat Neues ein, und so setzte sich durch Jahre hindurch der Lebensstrom zusammen. Jetzt ist das alles gleichzeitig vor dem seelischen Auge stehend, und jetzt ist das alles, man möchte sagen, in dem zur Welt erweiterten Selbst drinnen.

In diesen Tagen nach dem Tode unterscheidet man nicht Welt und Ich, sondern beide fließen zusammen, und die Welt ist eben das Selbsterlebte. Es ist sonst zunächst nichts da als das Selbsterlebte, in dem auch alles drinnen ist, was wir mit anderen Menschen im Erdendasein durchlebt haben. Und dann fühlen wir, wie wenn das äußerlich ätherisch Stoffliche, das anfangs wie der Träger dieser Bilderwelt erscheint, von uns fortginge, und wie wenn diese Bilderwelt nicht mehr wie eine geschaute wäre, sondern wie eine, die wir jetzt ganz und gar mit unserem eigenen Wesen verbunden haben, die ganz und gar unser Inneres jetzt bildet. Und dadurch, daß wir sie gleichsam in uns aufsaugen, sind wir in der Lage, wiederum die übrige geistige Welt zu empfinden, zu erleben, mit unserem Bewußtsein zu überschauen.

Nun treten nach und nach in der übrigen geistigen Welt die Menschenseelen auf, die entweder vor uns durch die Pforte des Todes gegangen sind und nun auch da sind, oder die Menschenseelen, die noch unten sind im physischen Leib, im irdischen Dasein. Man schaut diese Menschenseelen von der geistigen Welt aus, indem man sie in ihrem Geistig-Seelischen schaut. Das Physische ist allerdings nur für physische Organe wahrnehmbar, aber das Geistig-Seelische, das das Physische auskleidet, ist dann auch im Menschen wiederum vor unserem Seelenblick aufsteigend. Wir fühlen uns viel inniger mit all dem verbunden, was jetzt von uns erlebt wird, als wir uns verbunden fühlen konnten da, wo doch eigentlich, nämlich auf der Erde,, durch den physischen Leib trennende Schranken sind.

Nur eben eines müssen wir immer festhalten: Die Worte, die ja alle für die Verhältnisse des physischen Planes geprägt sind, müssen
wir sorgfältig wählen, wenn wir das Geistige bezeichnen wollen, denn das Erleben in der geistigen Welt ist eben nun einmal ein viel intimeres als das Erleben hier auf dem physischen Plan. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie ein Gedanke, der ein Erlebtes darstellt, das lange hinter uns liegt, an dieses Erlebnis erinnernd wieder herauftaucht, wie dieser Gedanke aus uns selber heraufkommt, wenn wir uns das lebhaft vorstellen und uns jetzt, ich möchte sagen, die Wirklichkeitsinhalte eines solchen schattenhaften Erinnerungserlebens denken, dann bekommen wir allmählich eine Vorstellung, wie eigentlich die geistige Wirklichkeit vor uns auftritt, nachdem wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Sie kommt ja in der Regel nicht so von außen an uns heran wie die Erlebnisse der physisch-sinnlichen Welt. Die Imaginationen kommen schon so herauf, nur mit unendlich viel größerer Lebendigkeit als die Erinnerungsbilder, aber so, daß wir unser Ich und die Imaginationen nicht so unterscheiden, wie wir uns hier unterscheiden von der Außenwelt. Sie kommen aus uns herauf wie Erinnerungsbilder, aber so, daß wir wissen:
Das, was da am Horizonte unseres Bewußtseins aufsteigt, ist Realität. Da steigt eine Imagination auf: wir wissen sie mit uns so verbunden wie hier auf dem physischen Plan das Erinnerungsbild. Sie steigt auf mit aller Lebendigkeit. Wir wissen aber, wir sind mit ihr verbunden, unser Ich ist drinnen. So steigt die Seele aufwärts, so fühlen wir uns im Verein mit den Seelen und den Seelenwesen der höheren Hierarchien, die allmählich da aufsteigen. Es kommt schon die geistige Welt, ich möchte sagen, aus dem unbestimmten Dämmerdunkel an die eigene Seele heran, wie Erinnerungsbilder an sie herankommen, die in unserer Seele auftauchen. Nur daß die Erinnerungsbilder eben ganz dämmerig sind und nur ein äußeres Wirkliches abbilden, während die Imaginationen, die auftreten, dann zu sprechenden Imaginationen werden, indem sie sich wesenhaft ankündigen durch ihre im Geist sich enthüllende Sprache, die dann für uns wird zur Offenbarung der Seelen, der Geister, mit denen wir weiterhin in der mannigfaltigsten Weise wärmer, inniger zusammen sind als wir mit einem Menschen hier auf dem physischen Plan zusammen sein können.

Man muß sich nun ganz besonders klarmachen, welche Bedeutung
das allererste Erlebnis hat, das der Mensch durchmacht, wenn er durch die Pforte des Todes schreitet.

Dieses Zurückblicken auf das letzte Leben, das hat eine große, eine ungeheure Bedeutung für das ganze nunmehr folgende Erleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und wir können uns diese Bedeutung klarmachen, wenn wir daran denken, wie wir eigentlich zu unserem Ich-Bewußtsein kommen in dem physischen Erdenleben; nicht zu unserem Ich, sondern zu unserem Ich-Bewußtsein. Wie wir zum Ich kommen, wissen wir ja aus unserem geisteswissenschaftlichen Studium: Die Geister der Form verleihen uns dieses Ich, indem wir fortgeschritten sind vom Mondendasein zum Erdendasein. Aber dieses Ich ist ja zunächst unterbewußt. Es wird bewußt dadurch, daß es sich im physischen Leibe spiegelt. Wie spiegelt es sich hier auf dem physischen Plan? Nun, Sie wissen ja, schon im gewöhnlichen Traumerlebnis können Sie es sehen: Das Ich wird seiner im Traumerlebnis nur sehr selten klar bewußt; es verschwimmt das Ich mit den Erlebnissen, mit den Bildern des Traumes, die auftauchen. Wodurch erleben wir während des Tagwachens das Ich-Bewußtsein? Machen Sie sich klar, wie eigentlich doch dieses Ich-Bewußtsein zusammenhängt mit allen äußeren Wahrnehmungen und allem äußeren Erleben. Wenn wir mit der Hand so durch die Luft fahren, verspüren wir nichts. Im Augenblick, wo wir aufstoßen, verspüren wir etwas. Aber wir verspüren eigentlich das eigene Erlebnis, verspüren dasjenige, was wir durch unsere Finger erleben. Im Stoßen an die Außenwelt werden wir unser Ich gewahr. Und in anderem Sinn werden wir beim Aufwachen eigentlich dadurch unser Ich gewahr, daß wir aus dem Schlafbewußtsein heraus untertauchen in unseren physischen Leib, zusammenstoßen mit unserem physischen Leib. In diesem Zusammenstoßen mit dem physischen Leib wird das Ich-Bewußtsein eigentlich vor die Seele gerufen.
Seien wir uns doch klar, daß das Ich-Bewußtsein nicht verwechselt werden darf mit dem Ich. Das Ich bleibt zunächst im Unterbewußtsein, könnte man sagen, unvollständig. Wie das Ich wirklich ist, wird der Mensch erst während der Vulkanzeit erfahren. Aber das Ich erlangt das Erdenbewußtsein dadurch, daß es mit dem Astralleib untertaucht in den Ätherleib und physischen Leib…“

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Vierter Vortrag

„Ganz anders ist dieses in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. So wenig man im normalen Bewußtsein auf die eigene Geburt zurückschauen kann, so sehr schaut man mit diesem erinnerten Lebenspanorama immer den Moment seines Todes. Und so wahr als sich die Geburt auslöscht für das Erdenbewußtsein, so wahr steht im rückschauenden Bewußtsein vor dem Seelenleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt immer das Ereignis des Todes, aber jetzt angesehen von der anderen Seite. Hier auf dem physischen Plan sieht ja der Mensch das Erlebnis des Todes nur von der einen Seite. Da hat es manche schauerliche Seite. Aber man darf nicht daraus schließen, es wäre nun schrecklich, daß der, welcher weiterlebt, immerdar zurückschauen müsse nach dem Todeserlebnis. Denn dieses ist von dort aus gesehen das schönste, größte, bedeutsamste Erlebnis, das überhaupt eine Menschenseele haben kann, weil es immerdar in strahlender Weise zeigt, wie der Geist siegt über das materielle Dasein. Ein alles Bewußtsein Belebendes, Erhebendes und Erhöhendes hat diese fortdauernde Rückschau auf das Todeserlebnis. Vorzugsweise dieses Todeserlebnis ist es, durch das die Seele sich sagt: Ich lebe hier in der geistigen Welt, mit der geistigen Welt. – Dadurch, daß die Seele die Kraft hat, sich dieses zu sagen, hat dieses Todeserlebnis für das nach dem Tode beginnende Leben eine ungeheure Bedeutung.
Ich sagte: Der Mensch fühlt, wie sein Leib und alles das, was auf der Erde da war, ihn verläßt, und er fühlt, wie er jetzt durch innere Tätigkeit sein Bewußtsein ausgleichen muß, wie er für sein Bewußtsein etwas leisten muß, was er früher für dasselbe durch das Werkzeug des Leibes geleistet bekommen hat. Ich kann ohne den Leib in mir bewußt leben: die Möglichkeit, diesen Gedanken zu fassen, erzeugt eben ein viel stärkeres Bewußtsein, als man innerhalb des Erdenlebens es haben kann. Und diese Überzeugung bringt uns der Tod bei, daß man erfühlen kann: Der Leib geht weg, aber jetzt beginnt eine Zeit, wo du nicht angewiesen bist, auf deinen Leib zu stoßen, um dich als Ich zu fühlen, jetzt beginnt eine Zeit, wo du gewissermaßen die geistigen Kräfte selber in deine Seelenhülle hineingießest, so daß du dich fortwährend zum Bewußtsein aufrufst. – Indem man erkennt, wie dieses Sich-zum-Bewußtsein-Aufrufen da sein kann, wenn einem der Leib entrissen wird, hat man den Lebenseindruck des inneren Daseinsschaffens.

Das beginnt mit dem Tode, wo man anfangen muß, ohne den Leib sich als ein Ich zu erleben. Das ist der Ausgangspunkt, weiter ohne den Leib sich als ein Ich zu fühlen, indem man rückblickt auf das Todeserlebnis. Wenn der geistesforscherische Blick dadurch, daß er die geistige Welt in sich aufleben läßt, es dahin bringt, daß eben Seelen, die durch die Pforte des Todes gegangen sind, wie in dem Inneren auf dem Bewußtseinsfeld in den Imaginationen auftauchen, dann lernt man erkennen, wie der Tote erlebt. Man lernt Unterschiede erkennen, die da auftreten. Man kann immer natürlich nur einzelnes beschreiben. Einen solchen Unterschied wollen wir einmal ins Auge fassen.

Man lernt erkennen, wie auf dem Schauplatz der Seelenbeobachtung nach dem Tode Menschenseelen auftreten. Von zweierlei Art sind diese Menschenseelen: solche Menschenseelen, die früher schon eingetreten sind in die geistige Welt, vor unserem Tode, die wir also schon drinnen als entkörperte Seelen finden, und solche Seelen, die noch im Leibe verkörpert auf Erden sind. Auch diese, die noch auf Erden sind, sind wir imstande ebenso mitzuerleben. Indem der Schauplatz des irdischen Daseins von uns entschwindet, bleibt uns die Möglichkeit, mit dem, was seelisch war, uns noch verbunden zu wissen. Es entschwindet uns nur das Physische, unsere Seele erweitert sich, vereinigt sich mit dem weiten All, und dadurch gerade ist die Möglichkeit gegeben, auch indem uns das Physische gleichsam enteilt, uns mit dem Seelischen noch verbunden zu wissen und es zu erleben.

Aber es ist nun ein Unterschied zwischen dem Erleben der einen Seelenart und der anderen Seelenart. Wenn wir eine Menschenseele erleben in der geistigen Welt, dann erleben wir sie ja natürlich nicht so -man braucht das kaum zu sagen, aber diejenigen, die noch gar nichts begriffen haben von dem Schauen in der geistigen Welt, glauben das -, daß man ihr gegenübertritt, wie man einem äußeren Wesen gegenübertritt; sondern man erlebt sie so, daß man das Wesen im Bewußtsein auftauchen fühlt. Und nun haben wir bei einer Seele, welche schon entkörpert ist, die schon durch die Pforte des Todes gegangen ist und der wir begegnen, das innere Erlebnis, daß sie da ist. Damit beginnt der Eindruck. Wir wissen: Da ist eine Seele. Aber wir müssen gleichsam uns in sie hineinleben, hineinfühlen. Wir müssen die Imagination so bekommen von ihr, daß wir uns am Schaffen der Imagination beteiligt fühlen.

Es ist wirklich so, daß man die Sache in folgender Weise beschreiben möchte: Man fühlt sich in der geistigen Welt. Es tritt das Bewußtsein auf: Du bist jetzt nicht allein, eine Seele naht dir. — Nun ist es so, wie wenn man in der physischen Welt einen Gedanken unsichtbar in der Seele trägt. Man will ihn aber sichtbar machen. Da nimmt man eine Kreide und zeichnet den Gedanken auf, macht ein Bild davon. So ist es wirklich zunächst bei den Erlebnissen in der geistigen Welt. Man weiß: es ist ein reales Geistwesen da. Um die Seele zu sehen, muß man erst mit ihr so in Berührung kommen, daß man sie gleichsam als Imagination in den Geistraum hineinzeichnet. Das tut man auch, aber man weiß sich tätig im Schaffen der Imagination. Und wenn sie durch die Sphärenmusik, durch die sie ihr Wesen zu unserem Wesen sprechen läßt, so sprechen will, wie der Mensch hier durch seine Sprache seine Seele uns in der physischen Welt ankündigt, wenn sie die Sphärenmusik aus sich ertönen läßt, dann fühlt man auch, daß man nicht passiv bleiben kann. Wenn Sie die Sprache eines Menschen hören und Sie wollen nicht dabei denken, so brauchen Sie sie nicht zu verstehen. Mittun muß man, wenn man sie verstehen will. So muß man überall hier auch mittun. Man lebt sich so zusammen, aktiv, tätig; man weiß, daß man jedes Stück der Erscheinung des Wesens einer Seele, das man so vor sich haben kann, miterzeugen muß als Erscheinung. Die Erscheinung erzeugt man, nicht das Wesen. Es wird dann auch der Fall eintreten, wo man sich nicht so stark tätig fühlt, daß man weiß: Jetzt ist eine Menschenseele da. Aber diese drangt durch sich, ohne daß wir so stark uns beteiligen wie in dem eben beschriebenen Fall, zur Imagination. Die Imagination entsteht mehr durch sich selbst vor uns. Dann stehen wir einer Seele gegenüber, die noch auf Erden verkörpert ist. Und indem der Mensch durch die Pforte des Todes geschritten ist und allmählich in der geistigen Welt weiterlebt, lernt er an dieser Art und Weise, wie er sich zu den Seelen stellt, die Unterschiede zwischen Seelen kennen, die er eben in der geistigen Welt trifft, und solchen, die er sich auf die Erde versetzt zu denken hat.

Damit habe ich einen der Unterschiede angegeben, wie im unmittelbaren Erleben die Erfahrungen sich abspielen, die man in der geistigen Welt macht. Und so sind auch Erlebnisse, innere Erlebnisse notwendig zu unterscheiden, ob man nun Menschenseelen erlebt, oder ob man die Seelen der Wesen der höheren Hierarchien erlebt. Fassen Sie das, was ich Ihnen beschrieben habe, als Erlebnis von Menschenseelen einmal auf. Ich sagte: Man erlebt Menschenseelen entweder so, daß man die Imaginationen schafft oder nachschafft, oder indem sie sich mehr oder weniger selbst erschaffen. Dann aber kann das Erlebnis auch so sein: Man weiß, ein Wesen ist da. Dieses Wesen muß auch als Imagination, es muß auch im Erlebnis vor uns stehen, wenn wir mit ihm so recht Zusammensein wollen. Aber es wird uns nicht in derselben Weise unmittelbar möglich sein, die Imagination zu erzeugen, wie in den eben beschriebenen Fällen, wo sie sich im einen Fall sogar von selbst aufbaut. Wir müssen, indem wir eben das Erlebnis haben: Ein Wesen ist da -, noch etwas ganz anderes in uns entwickeln. Wir müssen die Empfindung in uns entwickeln: Wir lassen dieses Wesen in uns schaffen. Wir geben unsere Kräfte her, damit die Kräfte dieses Wesens selber hereinströmen. – Während wir also bei der Menschenseele uns selber als schaffend in der Imagination fühlen, fühlen wir bei Wesen der höheren Hierarchien, der Angeloi, der Archangeloi, wie diese Wesen in uns die Imagination schaffen. Und so leben wir uns allmählich in dieses Miterfahren der geistigen Welt hinein.

Wir wissen ja auch, daß im Konkreten dieses Miterfahren so geschieht, daß durch eine lange Reihe von Jahren hindurch – wir haben ihre Länge im Verhältnis zum letzten Erdenleben schon öfter betrachtet – das Leben wieder rückwärts durchlaufen wird. Erst haben wir ein paar Tage das Lebenspanorama, dann beginnen wir zurückzuerleben das Erdenleben, aber in anderer Art, als wir es hier erlebt haben zwischen der Geburt und dem Tod. Wir erleben das letzte zuerst, das, was wir vorher erlebt haben, erleben wir dann, und so zurück im Geist bis zu der Geburt. Wir erleben es so, daß wir unser Leben ansehen, aber von der anderen Seite jetzt. Ich kann sagen, daß wir es ansehen von der Seite der Wirkungen. Nehmen wir etwas Grobes an, ich habe irgendeinmal im Leben einem Menschen gesagt: Du bist ein unedler
Mensch -, oder ich habe ihn in irgendeiner Weise verletzt.
Da habe ich etwas erlebt während des Lebens. Was ich erlebt habe, ist etwas anderes, als was er erlebt hat. Das verletzte Gefühl, das Gekränktsein, den Schmerz, das Leid hatte er erlebt. Jetzt im Durchleben nach dem Tode in der seelischen Welt erlebt man selber das, was man getan, in seinen Wirkungen. Das Leid, das der andere gehabt hat, indem wir ihn beschimpft haben, dieses Leid, diesen Schmerz erleben wir selbst an uns. Die Wirkungen unserer Taten im anderen Wesen erleben wir, indem wir so zurückleben. Wir bekommen eine gewisse Anschauung von diesem Erleben nach dem Tode, wenn wir den Blick auf etwas richten, was sich dem Geistesforscher enthüllen kann als ein Zusammenhang dieses Erlebens nach dem Tode mit dem Erleben hier in der physischen Welt.

Was ich jetzt bespreche, ist etwas, das uns so recht darauf aufmerksam machen kann, wie der Geistesforscher nach und nach zu seinen Ergebnissen kommt, und wie es ein Vorurteil ist, wenn man meint, irgend jemand, der die Schwelle zur geistigen Welt übertreten hat, kenne nun die geistige Welt aus eigener Anschauung, und jetzt könne man ihn alles fragen. Wir müssen es ja immer wieder und wiederum erleben, wenn der Geistesforscher über dieses \md jenes spricht, namentlich in der Öffentlichkeit, und man — wie es ja von gewissen Gesichtspunkten aus ganz wünschenswert erscheinen kann —, eine Fragenbeantwortung gibt, wie über alle Dinge im Himmel und auf Erden und der ganzen Unendlichkeit gefragt wird, indem man voraussetzt: Wer überhaupt in die geistige Welt hineinschaut, der weiß nun schon alles, alles, was man überhaupt da wissen kann. – Das ist ungefähr gerade so gescheit, wie wenn jemand hier sagen,.würde: Du hast ja Augen, du kennst München, also beschreibe mir Kalifornien! —

Es ist wirklich in der geistigen Welt ganz genau so, daß man Schritt für Schritt sich das aneignen muß, was aus der geistigen Welt heraus gefaßt werden soll, und es ist Naivität, wenn man glaubt, daß dort nicht auch alles erst Schritt für Schritt angeschaut werden muß. Nun ist es in der geistigen Welt noch anders als hier in der physischen Welt. Hier in der physischen Welt, wenn man also, ich will sagen, noch niemals in Heidelberg war und nun Heidelberg beschreiben will, so fährt man hin, nicht wahr, man setzt sich in Bewegung. In der geistigen Welt müssen die Dinge zu uns kommen, da müssen wir in der Seele die Wartekraft, die innere Erlebekraft entwickeln.

Die Dinge treten in unseren Gesichtskreis herein, wenn wir uns fähig dazu gemacht haben. Das Heidelberg der geistigen Welt muß zu uns kommen, wir müssen unsere Seele bereitmachen dazu. Es ist immer in gewissem Sinn von dem abhängig, womit wir begnadet werden, ob wir über dieses und jenes in der geistigen Welt etwas erfahren können. So kann der Geistesforscher nach und nach über die Geheimnisse der geistigen Welt ja unterrichtet werden.

Nun möchte ich von einem gewissen Gesichtspunkt aus ein geistes-forscherisches Ergebnis heute besprechen, das ich noch nicht von diesem Gesichtspunkt aus hier besprochen habe. Wenn man, nachdem man gewisse innere, also geistige Beobachtungskräfte sich erschlossen hat, das seelische Erleben des Menschen beobachtet, wie er zwischen Einschlafen und Aufwachen in der geistigen Welt ist, wenn man da den schlafenden Menschen als Seele beobachtet, wie er außerhalb seines physischen Leibes ist – man lernt mancherlei kennen, aber man muß von einem gewissen Gesichtspunkt aus hinschauen lernen, wenn man gerade etwas erfassen will -, dann merkt man, daß der Mensch im Schlaf in seiner Seele eigentlich fortwährend tätig ist, viel tätiger als während des Wachens. Während des Wachens bedient sich der Mensch dessen, was sein Leib an Tätigkeit entwickelt, und in das versetzt er sich hinein als Seele, darin lebt er. Im Schlaf dagegen lebt er in seiner eigenen Tätigkeit. Und wenn man dies verfolgt, so findet man, daß der Mensch im Schlaf auf andere Art noch einmal das durchlebt, was er in der physischen Welt vom Aufwachen bis zum Einschlafen durchlebt hat. Nehmen wir an, ich habe irgend etwas getan, habe dieses oder jenes gelesen: im Schlaf erlebe ich das ganze Lesen wieder, ich gehe alles wieder durch. Wir haben nur heute noch kein solches Bewußtsein im normalen Leben, daß dieses auch Ich-bewußt wird, aber deshalb spielt es sich dennoch in der Seele ab, zwar nur dumpf, aber es geht dahin, daß die Seele eigentlich nun dasjenige tätig verarbeitet, was sie am Tag erlebt hat. Umgestaltet werden die Gedanken so, wie sie uns fruchtbar werden können in der Seele. Wir verarbeiten als Lebensfrüchte das, was wir am Tag uns erarbeitet haben. Immer tätig die Lebensfrüchte, die Lebensergebnisse uns einarbeiten: das ist dasjenige, was wir während des Schlafes tun.

Dann kann der Geistesforscher etwas entdecken. Wenn er dieses Schlaferlebnis, das der Mensch hier hat, vergleicht mit den Erlebnissen, die der Mensch nun in den Jahren oder Jahrzehnten hat, nachdem er durch die Todespforte geschritten ist und so rückwärts sein Leben durchwandert, da ist es interessant, daß der Mensch sein Leben so durchwandert, daß er eigentlich die Nächte durchlebt, nicht die Tage. Wie er in jeder Nacht zurückgeblickt hat auf den Tag, das erlebt er jetzt in der Seelenwelt. Es ist dasselbe, was man im wachen Bewußtsein erlebt hat, aber vom Schlaf aus gesehen. Das erleben wir so, daß es sehr merkwürdig ist. Man denkt ja darüber meistens nicht nach, aber eigentlich erstreckt sich unsere Erinnerung hier im physischen Leben nur über die Tageserlebnisse. Wir erinnern uns an das, was wir im Wachbewußtsein haben. Jetzt, nach dem Tode, erinnern wir uns gerade an das, was wir in den Nächten wiedererlebt haben, was wir im Erdenleben durchgemacht hatten. Da tritt die bewußte Erinnerung an die Nachterlebnisse auf. Das habe ich früher nicht so deutlich ausgesprochen, einfach deshalb nicht, weil ich es nicht gewußt habe. Solche Dinge ergeben sich einem in einem aufeinanderfolgenden Geistesforschen.

Aber eines tritt uns da zutage, was wichtig ist, wichtig für das Bewußtsein, das wir in uns erzeugen sollen in unserem gemeinschaftlichen Arbeiten in den Zweigen. Ich habe früher – Sie können das nachlesen — von einem anderen Gesichtspunkt aus aufmerksam gemacht auf die Tatsache, daß das Leben im Seelenlande ungefähr ein Drittel der Zeit beträgt, die man durchlebt hat zwischen der Geburt und dem Tode. Es sind Gründe dafür angegeben in den Büchern. Aber diese Gründe sind von einem anderen Gesichtspunkte aus angegeben, als der ist, den ich jetzt angebe. Man durchlebt das Leben der Nächte. Wie lange schläft man denn eigentlich normalerweise? Man verschläft ein Drittel seines Lebens. Es stimmt ungefähr, daß man ein Drittel seines Lebens schläft. Indem man nun nach dem Tode die Nächte durchschreitet, dauert das ein Drittel des Erdenlebens. Das hängt zusammen mit dem Durchschreiten der Nächte. Das ist ungeheuer interessant und wichtig. Denn noch aus ganz anderen Gründen heraus wurde das bisher angegeben. Ich habe das wieder verzeichnet zum Beispiel in der «GeheimWissenschaft im Umriß»: ein Drittel des Erdenlebens dauert das nochmalige Durchleben desselben nach dem Tode, das Kamaloka-leben. Jetzt, von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus, an den früher gar nicht gedacht wurde, stellt sich wieder heraus: Dieses Kama-lokaleben ist ein Drittel des Erdenlebens -, von dem Gesichtspunkte aus, daß man die Nächte durchlebt. Sehen Sie, das sind solche Dinge, die, wenn sie immer wieder und wiederum auftreten, so ungeheuer tragend und kräftigend als beweisende Kräfte sind für das, was die Geisteswissenschaft dem Menschen geben kann. Man sucht eine Wahrheit von einem gewissen Ausgangspunkte aus, kommt dazu: Das Ka-malokaleben dauert ein Drittel des Erdenlebens. – Dann findet man von einem ganz anderen Gesichtspunkte aus dasselbe Ergebnis. Diese Ergebnisse stützen sich. Das tritt uns immer wieder entgegen, und das gibt eben jene Sicherheit, die auch dem wird, der noch nicht selber forschen kann. Auf dieses Zusammenstimmen habe ich schon oftmals aufmerksam gemacht.“

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Das Erleben des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Rudolf Steiner
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Anthroposophische Geisteswissenschaft: „Wer nicht die Schulung durchgemacht hat durch die moderne Naturwissenschaft, der kann im Grunde genommen nur Nebuloses auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft hervorbringen“.
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„Sie suchten sich die ganze Generation zusammen, damit zuletzt dasjenige herauskomme, was Ihre Mutter und Ihr Vater sein konnten.“ R.Steiner
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„Es ist, als ob der Mensch sein eigenes Wesen in den Kosmos nun hineintrüge. Das, was er während des Tagwachens, während des nächtlichen unbewußten Erdenlebens durchgemacht hat, trägt er in den Kosmos hinein, das braucht der Kosmos.“ R.Steiner
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