Vortrag an der LM-Universität in München – Thema: Kunst heute und deren Aufgabe

Vortrag an der Universität in München von M.Amthor
mit anschließender Ausstellung 27.11.17:

Die Resonanz: Mit tls. völligem Unverständnis bis hin zum „das musste mal gesagt werden“ reichten die Kommentare – gerade einige der anwesenden Profs taten es sich schwer, diesen Gedankengängen zu folgen- es ist eindeutig zu erkennen, dass unseren Zeitgenossen die Flexibilität – den Kontext einer Sache – das „imaginative Anschauen“ – von der Pike an ausgetrieben wird (R.Steiner: Es wird eine Zeit des Denkverbotes kommen).

Hier ein Kurzauszug meines Vortrages:

„Die Rufe der Farben“

Unter diesem Titel läuft diese Veranstaltung, den ich gerne noch ergänzen würde mit folgendem Untertitel: Mut zur Farbe! Was zu vielen Gemälden hier passen würde!
Grundsätzliches zur Entwicklung der Kunst über die Jahrtausende in China hat ja schon Frau Wang in ihrem Vortrag dargestellt, und so möchte ich hier mehr auf die Frage eingehen:
Was bedeutet Kunst heute – allgemein betrachtet – und die Aufgabe des künstlerischen Arbeitens…

Vorweg einige provokante Gedanken zur Zeitsituation:

…der Tod des Kulturellen spiegelt sich besonders in der Kunst wieder.
In Theater oder Literaturproduktionen ebenso wie in den quantitativ weit überwiegenden Filmproduktionen sowie bei Malern und Bildhauern findet man als Symptom eine wie zwanghaft erscheinende Hinneigung zu den Themen Zerstörung, Perversion, Krankheit und Tod. Aber darin spiegelt sich im Grunde nichts anderes als der gesamte „Herbst“ des Kulturlebens. Man könnte auch von einer Zeit des Untergehens, des Verfallens sprechen.
Alles scheint machbar, immer schriller und schockierender müssen die Reize sein, um heute noch Aufmerksamkeit zu erreichen.

Ja, man könnte auch von einer Zeit ohne Tabus sprechen.

Ein anderes Symptom für den Todeszustand ist die Tatsache, dass es wohl noch nie eine Zeit gegeben hat, in der das Reproduzieren von Kulturprodukten derartig im Vordergrund stand. Das deutet auf einen für unsere Zeit charakteristischen Zug hin: Sie ist zunächst unschöpferisch, ihre Ideen sind abstrakt, ihre Vorstellungen sind schattenhaft. Sie kann zunächst nur „Renaissancen“ oder Reproduktionen hervorbringen.

Neue, schöpferische Kräfte müssen erst wieder erworben werden … nach dem Motto:
Kunst kommt von Können, aber wenn man es kann, ist es keine Kunst mehr…

Andernfalls gleitet das Kulturleben – wie vielfach zu sehen – in die Perversion, welches interessanterweise eine hohe Faszination auszustrahlen scheint.
Ist es möglich, ein Heilmittel zu finden, um die Kultur vom Wühlen im Aas, von der endzeitlichen Freude an der Selbstzerstörung des Menschlichen zu befreien und den individuellen Menschen in die Lage zu versetzen, neue schöpferische Kräfte zu entfalten?

Lassen Sie mich dazu kurz auf die Thematik der Polaritäten eingehen.

Polaritäten sind überall zu erkennen: in Licht und Dunkelheit, Wachstum und Zerfall, Böse und Gutes, Schlafen und Wachen…
Ohne das Eine kann das Andere nicht bestehen.

Aber auch unser Bewusstsein bewegt sich zwischen zwei Polen – nur ist es hier viel schwieriger, dies zu erkennen:

Der eine Pol führt zur Verfestigung, Absonderung, in starren Konturen und leblosen Formen.

Ganz deutlich zeigt sich dies z.B. darin, dass der Mensch heute als ein – wenn auch komplizierter – Bioapperat betrachtet wird – seelische Erscheinungen wie das Denken, Fühlen und Wollen sind nur noch Aussonderungen der physischen Organe.

Die Zuwendung unseres Denkens auf die Materie, auf das Tote wirkt im Seelischen und zeigt sich dann im Verhalten – man wird z.B. zum Philister oder Paragraphenreiter, zum sturen Egoisten.
Gerne definiert man sich dann über angesammelte materielle Güter – wie z.B. meine Villa, meine Yacht, Titel oder Orden. Depressionen, Angstzustände können die Folgen sein.

Angst kommt von Enge. Könnte man hier vielleicht sagen, dass uns der Materialismus in die seelische Enge treibt?

Und diese Enge wirkt sich dann bis zu körperlichen krankhaften Deformationen aus…
wie z.B. im Bereich der Herzerkrankungen, Verfestigungen im Stoffwechselbereich bis hin zum Krebs, in welcher die Zellen sich sozusagen auf einen Egotripp begeben, und sich Aussondern aus dem gesunden Miteinander der Organe. Sowie die vielen chronischen Erkrankungen…

Der andere Pol führt in die Auflösung, Zerstreuung, die Verherrlichung unseres kleinen Egos mit Hilfe von Konsum, Spass und Unterhaltungen jeder Art. Auch Drogen spielen hier eine unterstützende Rolle.

Im seelischen Bereich sehen wir – als Gegenpol – die sog. Spassgesellschaft – wir wollen nach 8 Stunden Arbeitseinsatz im Hamsterrad die Seele baumeln lassen. Der Mensch wird zum konsumierenden Träumer – er lebt von den von Spezialisten vorbereiteten Werbebotschaften – und den verdummenden Soaps im TV, die eine heile Welt vorgaukeln.
Auch die hysterischen Erkrankungen passen in diese Bildbeschreibung.

Bei der Manifestation in körperlichen Erkrankungen sprechen wir dann von entzündlichen Prozessen wie Fieber, Asthma usw.

Zusammengefasst könnte man von einer Art Weltflucht sprechen, jenseits aller Realitäten….

Diese kurze Auflistung sollte dazu dienen, uns klar zu machen, dass wir in einer Zeitepoche leben, in der wir alle mit diesen Kräften in Verbindung stehen: Weltverhaftung einerseits – und Weltflucht andererseits.
Aber ohne diese Polaritäten – möchte ich einmal behaupten – hätten wir keine Freiheit.

Die Freiheit, unsere Biographie entsprechend selbstbewusst zu gestalten, wird ein wesentlicher Faktor in der Zukunft sein. Das festhalten an Autoritäten – früher war es die Kirche – heute nennt man es die moderne Wissenschaft – sind nur Hemmnisse für ein selbstgestaltetes Leben.

Denn Sie wissen: Speziealisten sind Menschen, die von immer weniger immer mehr verstehen, bis sie von gar nichts alles verstehen…

Vorraussetzung allerdings ist, dass wir uns dieser polaren Kräfte bewusst werden. Was heute immer schwieriger wird, da das System, in dem wir leben, diese beiden Pole gezielt einsetzt und damit das eigenständige Denken unterminiert!

Vom Kindergarten bis in die modernen Lehranstalten wird uns eingebleut, dass die Welt aus unbeseelten Atomen besteht und der Mensch ein Zufallsprodukt der Evolution sei – eben nur ein höheres Tier – programmiert durch Vererbung und Umwelt.

Langsam müßten wir diese reduzierten Gedankengänge neuere Erkenntnisse entgegen setzen – wie sie ja auch immer mehr in der Quantenphysik zur Erscheinung treten:
Nicht die Materie ist der Ursprung aller Dinge, sondern der Geist!

Oder gibt es hier jemanden, der bezweifelt, dass erst ein Bauplan – also etwas geistiges – vorhanden sein muss, bevor ein Haus entsteht?

Halten wir fest:

Wir stehen als Mensch zwischen den beiden Polaritäten Weltflucht – Weltverhaftung – Auflösung und Verfestigung – und hier gilt es, die eigene Mitte zu finden – und mit diesen Kräften bewusst zu arbeiten!

Und damit komme ich wieder zum Thema Kunst.
Künstlerisch tätig sein ist m.E. nicht beschränkt auf die bekannten Kunst-Aktivitäten, sonder muss weiter gedacht werden: Jeder Mensch ist Künstler – egal wo er steht – es gilt nur, hier die Potentiale zu entwickeln und sich der Polaritäten im Leben bewusst zu werden.

Beispiel: Habe ich heraus gefunden, dass ich z.B. ein sehr strukturierter Mensch bin, der kopfig an die Aufgaben des Lebens herangeht, ja – dass evtl. sogar gewisse Zwänge vorliegen – wäre es sinnvoll, die Kräfte des anderen Pols in mir zu entwickeln.

Und umgekehrt: Meine Lebensdevise ist – take it easy – nimm´s locker, nur keine Bodenhaftung – sich nicht festlegen wollen – hier wäre der andere Pol zu entwickeln.

Bewusst Leben bedeutet – die Gegebenheiten, die schicksalsmäßig auf einen zukommen, im Kontext zu betrachten und dann bewußt mit den auflösenden und verfestigenden Einseitigkeiten umzugehen…

Durch die moderne Psychologie wissen wir, das alles, was wir in uns hinein nehmen, im Unterbewussten gespeichert wird. Einfach gesprochen: nicht nur wesentlich ist es, was wir essen, auch was wir wahrnehmen, was wir denken, wie wir denken, ist Gestalter unseres Schicksals.
Was wir heute denken, sind wir morgen!

…Und damit das Leben als Prozess, als Tool betrachten, um an sich zu arbeiten – um aus den Einseitigkeiten unserer Subjektivität herauszukommen…

Sprechen wir doch auch von einer Art Seelenhygiene, die immer notwendiger wird! !!

Und hier reicht uns die Kunst ihre hilfreiche Hand,
sofern wir z.B. für das Malen, Zeichnen, Bildhauern einen Freiraum schaffen, ohne Zweckmäßigkeit, ohne Zeitdruck, ohne persönliche – meist subjektive Resultate anzustreben (Geld, Orden oder im Licht der Presse zu stehen)

sondern

den Prozess – das Tun als DAS WESENTLICHE ansehen. Farben, Ton, Stein, Holz, – das Material sagt uns – wo es lang zu gehen hat…

Das meditative Eingehen auf den Stoff ist eine der Möglichkeiten, die Prozesse der Auflösung oder der Verhärtung bewusst kennen zu lernen und Verwandelnd damit gestalterisch tätig zu werden!

Künstlerisches Arbeiten bedeutet zugleich mit und an der Seele zu arbeiten…
Man kann auch hier von einer Seelenhygiene sprechen, da wir lernen, aus unserer Mitte heraus zu arbeiten – um innerlich in den notwendigen – gesundenden Gleichgewichtsprozess zu gelangen – um dem Chaos in der Jetztzeit Vitalität und Lebensfreude entgegen zu setzen!!

Kunst wirkt – bis in die Gesundung der Physis hinein!

Meine Damen und Herren, nochmals:
Vielleicht ist der Ausspruch jetzt etwas deutlicher zu verstehen:
Kunst kommt von Können, aber wenn man es kann, ist es keine Kunst mehr…

„Das ICH zwischen Ahriman und Lucifer“… Polaritäten bestimmen unser Bewusstsein.

Polaritäten sichtbar machen – z.B. in der Architektur:
Kristaline, verfestigende, tote Formen:

Polar entgegen gesetzt hierzu, sprossende – verflüchtigende Formen:

Stitched Panorama

..die Mitte findend:

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