Was ist nun das wichtigste Erziehungsprinzip für dieses Lebensalter? Praktische Erziehungstipps… R.Steiner

„Denn heute weiß kein Mensch damit zu rechnen, daß die inneren Entwickelungsimpulse in den ersten Lebensjahren bis zum Zahnwechsel andere sind als in der dann folgenden Zeit bis zur Geschlechtsreife, und wieder andere nach der Geschlechtsreife; und niemand weiß auch heute, daß der Mensch, wenn es mit dem Leben abwärts geht, wenn er in der zweiten Lebenshälfte steht, wiederum Entwickelungszustände durchmacht. Wer denkt denn heute daran, daß der Mensch reifer wird im Leben, und daß der, welcher zum Beispiel in den höheren Vierziger- oder Fünfzigerjahren ist, durch seine Lebenserfahrung mehr zu sagen hat als der, welcher erst zwanzigjährig ist? Der Lebensverlauf ist ja etwas Reales. Er ist es allerdings heute für viele Menschen nicht, weil sie so erzogen und geschult werden, daß sie nicht mehr fähig sind, in der zweiten Lebenshälfte noch wirklich Erfahrungen zu machen.“

„Nicht das wird der Weg sein müssen, daß man, wie es jetzt ist, die Schulaufsicht vom Staate besorgen läßt, sondern der Weg wird der sein müssen, daß das geistige Leben auf Selbstverwaltung beruht.“

R.Steiner
—————————————————————————-

NEUNTER VORTRAG Stuttgart, 15, Juni 1919 aus
RUDOLF STEINER
Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192
Siebzehn Vorträge, gehalten in Stuttgart zwischen dem 21. April und 28. September 1919

Inhaltsübersicht:

—————————————————————————-
Und es ist eine Notwendigkeit, daß der Erzieher und Unterrichter, indem er sich mit der heranwachsenden Menschheit zu beschäftigen hat, etwas ahnt von dem Zeitalter und seinem Charakter, worin eben die heutige junge Generation der Menschheit hineinwächst…
Wie oft ist hier besprochen worden, wie sich drei aufeinander folgende Entwickelungsalter des Menschen mit Bezug auf die ganze Entfaltung der Menschennatur voneinander unterscheiden…
Wenn man den Menschen in diesem ersten Lebensalter erfassen will, dann muß man zuerst beachten, was die Grundlagen der menschlichen Vererbungsverhältnisse sind…
Dann aber ist für das erste Lebensalter zu beachten, daß der Mensch in dieser Zeit ganz und gar ein Nachahmewesen ist. Alles, was der Mensch bis so ungefähr in das siebente Jahr hinein sich aneignet, eignet er sich dadurch an, daß er ein nachahmendes Wesen ist…
Und viel mehr, als man gewöhnlich denkt, flößt sich mit der Sprache in den Grundcharakter des heranwachsenden Menschen ein. Die Sprache hat einen innerlichen, einen eigenen seelischen Charakter…
Das sind zwei Gegenpole: die äußerst bewegliche innere Entwickelung in der Sprache, und die äußere Verhärtung, wo sich gleichsam der Mensch dagegen aufbäumt und sagt: Ich bin auch noch da, ich will nicht bloß ein Abbild sein. – Und diese Verhärtung drückt sich aus in dem, was zuletzt in den zweiten Zähnen, in den Dauerzähnen, als Kulminationspunkt erscheint…
Was ist nun das wichtigste Erziehungsprinzip für dieses Lebensalter?…
Dann kommt das zweite Lebensalter, das vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife verläuft. Das ist die eigentliche Schulzeit. In dieser Schulzeit, ich habe es auch schon öfter erwähnt, da ist das Eigentümliche, daß ein ganz anderes im Leben des Menschen eintritt, als das Nachahmungsprinzip der ersten Lebensjahre…
Während der Mensch in den ersten sieben Lebensjahren ein Nachahmer ist, tritt er vom Zahnwechsel ab bis zur Geschlechtsreife in das Zeitalter, wo für ihn das Prinzip der Autorität das Maßgebende ist. In diesem Zeitalter verkommt etwas im Menschen, wenn nicht in gesunder Weise die Möglichkeit entwickelt wird, daß das Kind Vertrauen hat zu seinem Erzieher und Unterrichter…
Wer zwischen seinem siebten und vierzehnten Jahre nicht gelernt hat, zu den Menschen ein solches Vertrauen zu haben, daß er sich nach ihnen richtet, dem fehlt im kommenden Leben etwas an innerlicher Stärke und Willensenergie, die er haben muß, wenn er dem Leben wirklich gewachsen sein soll…
Aller Unterricht ist daher im Grunde genommen vorzugsweise darauf einzurichten, daß ihm zugrunde liegt dieses absolute Hinaufsehen zu dem Erzieher…
Derjenige, der am Abend immer die Notwendigkeit gespürt hat, soviel Bier zu trinken, daß er die nötige Bettschwere hat, der wird, nicht so sehr, weil er Bier getrunken hat, sondern weil er solche Neigungen hat, ganz anders die Schulzimmertür aufmachen…
Wir erlangen Autoritätsgefühl nur dann, wenn wir das an die Kinder übermitteln, was wir selber voll glauben können, wenn wir es natürlich auch für die Kinder in ganz andere Formen kleiden müssen…
Wenn man diejenigen Dinge, die in dem Programm des dreigliederigen sozialen Organismus liegen, den Menschen heute voll sagen würde, so würden sie manches noch in den weitesten Kreisen wie eine Art Wahnsinn ansehen. Denn sehen Sie, Selbstverwaltung wird zum Beispiel für das Unterrichtswesen verlangt, Abgliederung vom staatlichen und wirtschaftlichen Leben mit Bezug auf das eigentlich Geistige des Unterrichtswesens…
—————————————————————————-

NEUNTER VORTRAG
Stuttgart, 15, Juni 1919 (Text etwas gekürzt!)

In einem der Vorträge, die ich hier in der letzten Zeit gehalten habe, habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß in der Gegenwart Erziehungs- und Unterricht swesen nicht bloß verlangt eine gewisse hergebrachte Art von didaktisch-pädagogischen, wie man sie so nennt, Erkenntnissen und Fertigkeiten, sondern daß für den Erzieher und Unterrichter der Gegenwart vor allen Dingen nötig ist, einzudringen in die großen Kulturströmungen der Gegenwart.
Der Erzieher hat es ja mit der heranwachsenden Menschheit zu tun. Diese heranwachsende Menschheit wird noch an viel andere Fragen herantreten müssen und wird in sie hineinversetzt werden müssen, als diejenigen waren, die schon in der verflossenen Zeit bis zur Gegenwart erlebt worden sind. Und es ist eine Notwendigkeit, daß der Erzieher und Unterrichter, indem er sich mit der heranwachsenden Menschheit zu beschäftigen hat, etwas ahnt von dem Zeitalter und seinem Charakter, worin eben die heutige junge Generation der Menschheit hineinwächst…

Wie oft ist hier besprochen worden, wie sich drei aufeinander folgende Entwickelungsalter des Menschen mit Bezug auf die ganze Entfaltung der Menschennatur voneinander unterscheiden. Wir müssen, so sagte ich oftmals, im heranwachsenden Menschen genau unterscheiden das Lebensalter bis zu dem Zeitpunkt, wo er die Dauerzähne bekommt, das heißt bis zum Zahnwechsel. Dieser Zahnwechsel ist ein viel bedeutenderes Symptom für die ganze menschliche Entwicke-lung, als man gewöhnlich aus der heute nur an Äußerlichkeiten haftenden Naturwissenschaft annimmt. In diesen Äußerlichkeiten hat die Naturwissenschaft – das muß immer und immer wieder betont werden – die größten Triumphe gefeiert; in das Innere der Dinge vermag sie jedoch nicht einzudringen. Gerade weil sie so groß ist in bezug auf die Äußerlichkeiten, vermag sie in das Innere nicht einzudringen.

Wenn man den Menschen in diesem ersten Lebensalter erfassen will, dann muß man zuerst beachten, was die Grundlagen der menschlichen Vererbungsverhältnisse sind. Davon habe ich auch schon gesprochen. Diese Vererbungsverhältnisse werden nur ganz einseitig aufgefaßt, wenn man sie nur mit den Augen der gegenwärtigen Naturwissenschaft ansieht. Die Vererbung ist so, daß einen deutlich unterscheidbaren Einfluß haben: das mütterliche und das väterliche Element.
Das mütterliche Element ist das, was an den Menschen mehr die Charaktere des allgemeinen Volkstums, der Volkheit überliefert. Von der Mutter erbt der Mensch mehr das Allgemeine: daß er mit einem bestimmten Volkscharakter hineinwächst in ein Volkstum. Das Geheimnisvolle der Mutterschaft besteht darin, von Generation zu Generation durch die physischen Kräfte die Charaktere des Volkstums zu übertragen. Der spezielle Beitrag des Vatertums ist, in dieses Allgemeine hineinzuwerfen das Einzel-Individuelle des Menschen, das, was der Mensch als einzelner individueller Mensch ist. Erst dann, wenn man die Einzelheiten des menschlichen Charakters so betrachtet, wie es im Sinne der angedeuteten Vererbungsprinzipien geschehen ist, dann
wird man sich klar werden, was man eigentlich in einem neugeborenen Menschen vor sich hat.

Dann aber ist für das erste Lebensalter zu beachten, daß der Mensch in dieser Zeit ganz und gar ein Nachahmewesen ist. Alles, was der Mensch bis so ungefähr in das siebente Jahr hinein sich aneignet, eignet er sich dadurch an, daß er ein nachahmendes Wesen ist. Dadurch aber wird das Leben des heranwachsenden Kindes angeschlossen an die intimsten Kultureigenschaften eines Zeitalters. Diejenigen, die das Kind zunächst nachahmt, sind die Vorbilder des Kindes. Alles, was sie in sich tragen mit ihren innersten Eigentümlichkeiten, geht an die heranwachsende Generation über. Diese Nachahmung vollzieht sich ganz im Unterbewußtsein, aber sie ist eben ungeheuer bedeutungsvoll, und sie wird ganz besonders bedeutungsvoll von dem Augenblicke ab, wo das, was auch durch Nachahmung von dem Kinde gelernt wird, wo das Sprechenlernen eintritt.

Vor dem Sprechenlernen ist das Nachahmen zunächst noch ein Nachahmen im Äußeren; tritt das Sprechenlernen ein, dann erstreckt sich das Nachahmen in die inneren seelischen Eigenschaften hinein. Der heranwachsende Mensch wird dann denen angeähnelt, die um ihn sind. Und viel mehr, als man gewöhnlich denkt, flößt sich mit der Sprache in den Grundcharakter des heranwachsenden Menschen ein. Die Sprache hat einen innerlichen, einen eigenen seelischen Charakter, und ein gutes Stück nimmt das heranwachsende Kind von demjenigen Menschen seelisch auf, an dem es sich sprechend heranentwickelt. Diese Aufnahme ist sehr stark, sehr kräftig; sie geht bis in dasjenige hinein, was wir den astralischen Leib nennen. Sie ist so kräftig, daß sie einen Gegenpol braucht. Der ist da. Und in der unbefangenen Betrachtung dieses Gegenpoles zeigt sich eben jenes Geheimnis volle in der Natur- und Wesensentwickelung, zu dem die heutige äußerliche Naturbetrachtung nicht herandringen kann.

Wäre die äußere physische Natur – ich will mich so ausdrücken, wir haben ja kaum einen Ausdruck in der Sprache, um diese Dinge anzugeben -, wäre die äußere physische Natur weichlicher, als sie ist, so würde der Mensch durch das Aufnehmen der Sprache ganz und gar ein Abdruck desjenigen werden, von dem er sprechen lernt. Aber dagegen ist gleichsam ein Damm aufgerichtet dadurch, daß die physische Natur des Menschen in diesen ersten sieben Jahren innerlichst am allermeisten erhärtet. Und der Gipfel, der Kulminationspunkt dieser Erhärtung drückt sich in dem Durchstoßen eines Knöchrigen, der Dauerzähne, aus. Ein Durchstoßen eines Knöchrigen ist der Abschluß einer inneren Festigung des menschlichen physischen Leibes, die durch das ganze Lebensalter, von der Geburt, oder wenigstens von dem Entstehen der ersten Zähne, die reine Vererbungszähne sind, bis zu den Dauerzähnen hin verläuft. Das sind zwei Gegenpole: die äußerst bewegliche innere Entwickelung in der Sprache, und die äußere Verhärtung, wo sich gleichsam der Mensch dagegen aufbäumt und sagt: Ich bin auch noch da, ich will nicht bloß ein Abbild sein. – Und diese Verhärtung drückt sich aus in dem, was zuletzt in den zweiten Zähnen, in den Dauerzähnen, als Kulminationspunkt erscheint.

Dieser Prozeß spielt sich ab im ersten Lebensalter des Menschen. Was ist nun das wichtigste Erziehungsprinzip für dieses Lebensalter? Es ist das, was wir selbst sind. Wenn wir nicht darauf achtgeben, was wir selbst sind, bis in unser Innerstes hinein, so erziehen wir schlecht, denn die Entwickelung des Menschen beruht in diesem Lebensalter nicht so sehr darauf, was wir ihm jetzt sagen, sondern was wir ihm vormachen. Er ist ein nachahmender Mensch. Sie können es ja erleben, ich habe es schon erwähnt: Ein Kind in diesem Lebensalter, bevor der Zahnwechsel sich vollzogen hat, stiehlt zum Beispiel.
Die Eltern kommen und sind außer sich, daß es gestohlen hat. Durchschaut man die Verhältnisse, so fragt man:
Wie ist das eigentlich gekommen, daß das Kind gestohlen hat? Nun, es hat einfach irgendwo eine Schublade aufgemacht und Geld herausgenommen. Das erzählen einem dann die Leute. Durchschaut man die Verhältnisse, so muß man sagen: Macht euch keine Sorge darüber, denn das ist kein Diebstahl. Das Kind hat die ganze Zeit über gesehen, daß die Mutter einfach zu einer bestimmten Tageszeit an die Schublade gegangen ist und dort Geld herausgenommen hat. Es hat keine bestimmte Vorstellung darüber, es ist ein Nachahmer, es macht die Sachen nach; verwehrt man es ihm, so versteht es einfach noch nicht. Es ist gar nicht nötig, daß sich an diese Tat die herben Begriffe des Diebstahls sogleich anschließen. Es handelt sich eben darum, daß wir auf uns selber achtgeben und eingedenk dessen sind, daß das Kind in diesen Jahren ein Nachahmer ist.

Dann kommt das zweite Lebensalter, das vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife verläuft. Das ist die eigentliche Schulzeit. In dieser Schulzeit, ich habe es auch schon öfter erwähnt, da ist das Eigentümliche, daß ein ganz anderes im Leben des Menschen eintritt, als das Nachahmungsprinzip der ersten Lebensjahre. Man darf sich nicht beschwätzen lassen mit so allgemeinen Urteilen, wie man sie gerne eben geschwätzig sagt: Die Natur macht keine Sprünge. Das ist, wie es gewöhnlich gemeint ist, eigentlich ein Unsinn. Die Natur macht fortwährend Sprünge. Denken Sie nur, wie stark der Sprung ist bei der Pflanze vom grünen Laubblatt zum farbigen Blumenblatt. Wenn man meint, daß die Natur keinen Abgrund überspringt, mag es richtig sein; aber von einem stetigen Entwickeln ohne Diskontinuität kann in der Natur gar keine Rede sein.

So ist es auch für eine wirkliche Beobachtung mit der Entwickelung des Menschen. Während der Mensch in den ersten sieben Lebensjahren ein Nachahmer ist, tritt er vom Zahnwechsel ab bis zur Geschlechtsreife in das Zeitalter, wo für ihn das Prinzip der Autorität das Maßgebende ist. In diesem Zeitalter verkommt etwas im Menschen, wenn nicht in gesunder Weise die Möglichkeit entwickelt wird, daß das Kind Vertrauen hat zu seinem Erzieher und Unterrichter, daß es das noch nicht prüft mit dem noch nicht erwachten Verstände, was der Erzieher und Unterrichter sagt, sondern aus Vertrauen in die Autorität des Erziehers das macht, was es machen soll, weil der andere Mensch das sagt und hinstellt, was gemacht werden soll. Diese Dinge sind nicht nur unter den Gesichtspunkten zu betrachen, unter denen man heute alles mögliche im Leben verabsolutiert, und unter denen man am liebsten sogar schon das Kind zum absolut innerlich freien Wesen machen möchte. Will man das, tut man das in diesem Lebensalter, dann macht man den Menschen nicht frei, sondern haltlos für das Leben, ganz haltlos, innerlich leer. Wer zwischen seinem siebten und vierzehnten Jahre nicht gelernt hat, zu den Menschen ein solches Vertrauen zu haben, daß er sich nach ihnen richtet, dem fehlt im kommenden Leben etwas an innerlicher Stärke und Willensenergie, die er haben muß, wenn er dem Leben wirklich gewachsen sein soll.

Aller Unterricht ist daher im Grunde genommen vorzugsweise darauf einzurichten, daß ihm zugrunde liegt dieses absolute Hinaufsehen zu dem Erzieher. Das darf nicht eingepaukt, darf nicht eingeprügelt werden; das muß in der Qualität des Erziehenden und Unterrichtenden selbst liegen, und da geht die Sache bis ins Innerlichste hinein. Diese Dinge spielen sich nicht in derselben Sphäre ab, in der sich dasjenige abspielt, was wir als Erzieher dem Kinde sagen, sondern das spielt sich zunächst vorzugsweise durch das ab, was wir als Erzieher neben dem Kinde sind. Die Art, wie wir sprechen, der Ton der Rede, ob die Rede von Liebe durchzogen ist oder von bloßer Pedanterie, ob die Rede durchzogen ist von sachlichem Interesse oder von bloß äußerem Pflichtgefühl, das ist etwas unter der Oberfläche der Dinge Vibrierendes, das im Wechselspiel von autoritärem Wirken und Autoritäts-gefühl von der allergrößten Bedeutung ist. Dieses Verhältnis zwischen dem heranwachsenden Kinde und dem Erzieher oder Unterrichter ist ein viel innerlicheres, als man eigentlich denkt.
Das Kind ist nun schon frei vom bloßen Nachahmen, aber es muß hineinwachsen in das innerlichste, triebartige Zusammenleben mit dem Erzieher und Unterrichter.

Das ist auch bei den größten Schulklassen zu erreichen; da gilt nicht die Ausrede, daß es nicht zu erreichen wäre. Denn wer Lebensbeobachtung hat, der weiß, daß ein großer Unterschied ist zwischen zwei Lehrern, von denen der eine das Schulzimmer betritt, und der andere es betritt, ganz abgesehen davon, wie viele Kinder in diesem Schulzimmer sitzen. Derjenige, der am Abend, wie man es in deutschen Landen früher oftmals gehört hat, immer die Notwendigkeit gespürt hat, soviel Bier zu trinken, daß er die nötige Bettschwere hat – das ist eine Redensart, die man oft hören konnte -, der wird, nicht so sehr, weil er Bier getrunken hat, sondern weil er solche Neigungen hat, ganz anders die Schulzimmertür aufmachen und in das Zimmer hereintreten als der, welcher sich vielleicht die nötige Bettschwere am Abend vorher dadurch erworben hat, daß er, sagen wir, ein Ernsteres nachgedacht hat über diese oder jene Weltanschauungsfragen. Das ist nur ein Beispiel, das natürlich in hundertfacher
Weise variiert werden könnte. Erst wenn man die Wohltat, die ein Mensch dadurch empfängt, daß er zwischen seinem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife Autoritätsglauben hat entwickeln können und dürfen, erst wenn man diese Wohltat voll zu würdigen weiß, hat man eigentlich das richtige Urteil über das, was im Unterrichten und Erziehen in diesem Lebensalter des Menschen geschehen kann.

Man wird oftmals gefragt: Was soll man mit Kindern machen? Man sagt dann: Es ist in diesem oder jenem Lebensalter gut, den Kindern Märchen zu erzählen, sie Märchen nacherzählen zu lassen. Oder man sagt: In diesem Lebensalter soll man sich nicht so sehr in abstrakten Begriffen mit Kindern unterhalten, sondern mehr in Symbolen und Sinnbildern. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß man selbst die penibelsten Dinge mit Kindern besprechen kann, zum Beispiel die Unsterblichkeitsfrage. Man weist das Kind hin auf die Insektenpuppe, wie der Schmetterling ausfliegt, und weist darauf hin, daß geradeso, wie der Schmetterling aus der Puppe kommt, die Seele des Menschen durch die Pforte des Todes geht, aus dem physischen Leib in eine andere Daseinsgestalt. Ja, das ist gut, wenn man es dem Kinde sagt. Und doch erreicht man oftmals nicht irgendein erhebliches Ziel damit. Warum denn nicht? Weil man in vielen Fällen von dem Kinde verlangt, daß es daran glauben soll, und man selbst nicht daran glaubt, man selbst es für einen bloßen Vergleich hält. Das spielt aber im Unterbewußtsein eine erhebliche Rolle. Diese Dinge sind nicht bedeutungslos. Es liegt im Verhältnis von Mensch zu Mensch noch etwas anderes, als was sich im äußeren Begriff mitteilen läßt. Es liegt ein Verhältnis vom ganzen Menschen zum ganzen Menschen vor. Wenn Sie selbst nicht an ein solches Sinnbild glauben, dann gibt es keine Autorität für das Kind, dann sind Sie für das Kind kein Vorbild, wenn Sie sonst auch alles tun, um sich Ihre Autorität zu sichern. Sie werden freilich sagen: Ja, ich kann doch nicht daran glauben, daß der Übergang zum Tode, zum Post-mortem-Zustande, irgendwie real ausgedrückt wird durch das Ausschlüpfen des Schmetterlings aus der Puppe. – Nun, ich glaube daran, weil das tatsächlich wahr ist, weil tatsächlich die Dinge der Wirklichkeit reale Symbole sind, weil es in der Tat so ist, daß in der physischen Welt der Schmetterling aus der Puppe so hervorgeht ganz nach denselben Gesetzen, nach denen im Geistigen die unsterbliche Seele aus dem Leben durch die Pforte des Todes hervorgeht.

Aber solche Gesetze kennt die gegenwärtige Menschheit nicht, sie halt sie für Wischiwaschi. Sie hat den Glauben, daß sie den Kindern etwas beibringen muß, was für die Alten überwunden ist. Aber dann können wir nicht erziehen, dann können wir nicht unterrichten.

Wir erlangen Autoritätsgefühl nur dann, wenn wir das an die Kinder übermitteln, was wir selber voll glauben können, wenn wir es natürlich auch für die Kinder in ganz andere Formen kleiden müssen; aber darauf kommt es nicht an. Kein menschliches Verhältnis jedoch läßt sich herstellen, ohne daß bis ins Innerste hinein Aufrichtigkeit und nicht Lügenhaftigkeit herrsche. Und Wahrheit muß herrschen zwischen den Menschen in allen Verhältnissen.

Durch dieses Sich-Hinwenden zur Wahrheit werden wir auch allein das in die Welt bringen können, was jetzt in der Welt fehlt. Und weil es fehlt, deshalb ist das Unglück gekommen. Sehen Sie nicht überall in der Welt die Unwahrhaftigkeit wirken, ja sogar den Hang, die Sehnsucht zur Un-wahrhaftigkeit wirken? Wird denn in der Weltpolitik noch Wahrheit gesprochen? Nein, unter den gegenwärtigen Verhältnissen gar nicht! Aber wir müssen von dem untersten Menschenwesen an anfangen, wieder die Wahrheit zu züchten. Deshalb müssen wir hineinleuchten in die Geheimnisse des werdenden Menschen und fragen: Was verlangt der werdende Mensch gegenüber dem Erziehenden und Unterrichtenden von uns?

Wer in dem Lebensalter vom siebten bis vierzehnten, fünfzehnten Jahre nicht diese Möglichkeit entwickelt hat, zu einem anderen Menschen als zu seiner Autorität hinzuschauen, der ist für das nächste Lebensalter, das mit der Geschlechtsreife beginnt, vor allen Dingen nicht fähig, das Allerwichtigste zu entwickeln, was es für das Menschenleben gibt: das Gefühl der sozialen Liebe. Denn mit der Geschlechtsreife erwächst im Menschen nicht nur die geschlechtliche Liebe, sondern auch das, was überhaupt freie soziale Hingabe der einen Seele an die andere ist. Diese freie Hingabe der einen Seele an die andere muß sich aus etwas entwickeln; die muß sich zuerst aus der Hingabe durch das Autoritätsgefühl hindurchwinden. Das ist der Puppenzustand für alle soziale Liebe im Leben, daß wir erst durch das Autoritätsgefühl hindurchgehen. Liebeleere Menschen, antisoziale Menschen entstehen, wenn das Autoritätsgefühl zwischen dem siebten und vierzehnten, fünfzehnten Jahre nicht im Unterrichten und Erziehen lebt.

Das sind für die heutige Zeit Dinge von eminentester, von größter Wichtigkeit. Die Geschlechtsliebe ist nur gewissermaßen ein Spezi-fikum, ein Ausschnitt aus der allgemeinen Menschenliebe; sie ist das, was als das Individuelle, Besondere hervortritt und was mehr im physischen Leibe und ätherischen Leibe haftet, während allgemeine Menschenliebe mehr im astralischen Leibe und Ich haftet. Aber es erwacht auch die Fähigkeit zu sozialer Liebe, ohne die es keine sozialen Einrichtungen in der Welt gibt. Die erwacht erst auf der Grundlage des gesunden Autoritätswesens zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife, das heißt gerade während der Schulzeit des Menschen. Mögen die Menschen noch soviel reden von Einheitsschule – es ist ja ganz berechtigt, selbstverständlich -, mögen sie heute noch soviel davon reden, man solle Individualität entwickeln, und wie die Abstraktionen alle heißen, mit denen man sich heute ganz besonders pädagogische Popanze vormacht: worauf es ankommt ist, daß wir wieder die Möglichkeit gewinnen, ins Innere der Menschennatur hineinzuschauen, und vor allen Dingen ein Gefühl dafür erhalten, daß der Mensch überhaupt lebt.

Heute hat man ja gar kein Gefühl dafür, daß der Mensch ein Lebewesen ist, das sich in der Zeit entwickelt. Heute hat man nur ein Gefühl dafür, daß der Mensch etwas Zeitloses ist; denn man redet heute überhaupt nur vom Menschen, ohne zu berücksichtigen, daß er ein Werdewesen ist, daß mit jedem Lebensalter etwas Neues in seine ganze Entwickelung hineinzieht.
Wenn man diejenigen Dinge, die in dem Programm des dreigliede-rigen sozialen Organismus liegen, den Menschen heute voll sagen würde, so würden sie manches noch in den weitesten Kreisen wie eine Art Wahnsinn ansehen. Denn sehen Sie, Selbstverwaltung wird zum Beispiel für das Unterrichtswesen verlangt, Abgliederung vom staatlichen und wirtschaftlichen Leben mit Bezug auf das eigentlich Geistige des Unterrichtswesens. Dadurch wird es erst im emanzipierten Geistesleben möglich sein, den Menschen wieder zu seinem Recht kommen zu lassen. Denn heute weiß kein Mensch damit zu rechnen, daß die inneren Entwickelungsimpulse in den ersten Lebensjahren bis zum Zahnwechsel andere sind als in der dann folgenden Zeit bis zur Geschlechtsreife, und wieder andere nach der Geschlechtsreife; und niemand weiß auch heute, daß der Mensch, wenn es mit dem Leben abwärts geht, wenn er in der zweiten Lebenshälfte steht, wiederum Entwickelungszustände durchmacht.

Wer denkt denn heute daran, daß der Mensch reifer wird im Leben, und daß der, welcher zum Beispiel in den höheren Vierziger- oder Fünfzigerjahren ist, durch seine Lebenserfahrung mehr zu sagen hat als der, welcher erst zwanzigjährig ist? Der Lebensverlauf ist ja etwas Reales. Er ist es allerdings heute für viele Menschen nicht, weil sie so erzogen und geschult werden, daß sie nicht mehr fähig sind, in der zweiten Lebenshälfte noch wirklich Erfahrungen zu machen. Die Menschen werden heute gleichsam nicht älter als achtundzwanzig Jahre, dann vegetieren sie nur noch fort mit den Erfahrungen bis zum achtundzwanzigsten Jahre. Aber das muß nicht so sein! Der Mensch kann durch sein ganzes Leben hindurch ein Lernender, ein vom Leben Lernender sein. Dann muß er aber dazu erzogen sein; dann müssen während der Schulzeit in ihm die Kräfte entwickelt werden, die nur in dieser Zeit stark werden können, so daß sie vom späteren Leben nicht wieder gebrochen werden. Heute gehen die Menschen so herum, daß sie alle irgendwie einen Knick vom Leben bekommen. Warum bekommen sie den? Weil sie in der Zeit vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre nicht stark genug gemacht worden sind, um dem Leben standzuhalten.

Diese Zusammenhänge müssen durchaus beachtet werden, und andere Zusammenhänge dürfen nicht vergessen werden. Wenn wir recht alt werden, dann entwickeln wir in uns Eigenschaften, die mit unserm allerfrühesten Kindesalter zusammenhängen. Was wir da nachgeahmt haben, das entwickelt sich auf einer höheren Stufe gerade im spätesten Lebensalter. Und was wir in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife durchgemacht haben, tritt etwas früher auf, schon in den Vierzigerjahren. Und so entwickelt sich gerade das, was der Mensch in der allerfrühesten Kindheit durchmacht, in einem allerspätesten Lebensalter. Das menschliche Leben ist in seinem Werden eine reale Tatsache.

Und wir werden nicht früher eine wirkliche Sozialisierung bekommen, bevor wir nicht den Menschen menschlich nehmen. Wenn wir vom Menschen nichts anderes wissen, als daß er mit einundzwanzig Jahren mündig wird und dann fähig ist, in alle möglichen Körperschaften aufgenommen zu werden und über alles zu reden, dann werden wir niemals einen Sozialismus begründen; dann werden wir nur zum Nivellement eines Menschheitsabstraktums kommen. Deshalb muß auf den eigentlichen demokratischen Staat, wo jeder mündige Mensch jedem mündigen Menschen gegenübersteht, alles das beschränkt werden, was den Menschen angeht nach der Gleichheit aller Menschen, das heißt, was aus den bloßen Rechtsbegriffen herkommt. Gerade aus diesem Grunde, um die Wirklichkeit nicht abzutöten, müssen die Möglichkeiten wieder eintreten, daß dasjenige, was an das Werden des Menschen gebunden ist, der freien Entwickelung übergeben wird: Geistesleben und Wirtschaftsleben.
Es wird sich das schon herausbilden, daß wir auch im Geistesleben und im Wirtschaftsleben wieder Ältesten-Kollegien haben werden, weil man denen, welche alt geworden sind, doch mehr Verwaltungskunst zutrauen wird als denen, die noch jung sind. Nicht das wird der Weg sein müssen, daß man, wie es jetzt ist, die Schulaufsicht vom Staate besorgen läßt, sondern der Weg wird der sein müssen, daß das geistige Leben auf Selbstverwaltung beruht. Man hat ja oft das Gefühl dafür, daß ein Mensch, wenn er alt geworden ist, jetzt zu dem einen oder andren nicht mehr taugt, wofür er früher getaugt hat. In Österreich besteht zum Beispiel ein Gesetz, wonach die Universitätslehrer nur bis zum siebzigsten Jahre vortragen dürfen, dann wird ihnen höchstens noch ein Gnadenjahr bewilligt; dann aber dürfen sie nicht mehr vortragen. Ich glaube, dieses Gesetz ist immer noch vorhanden.

Ich kann ja sogar behaupten, daß es gut wäre, wenn man diese Altersgrenze noch weiter heruntersetzte. Dann aber müßte der Mensch, wenn er Universitätslehrer ist, erst eintreten in das Obhut- und Versorgeamt, in das Verwaltungsamt des Unterrichtes. Es müßte wieder das innige Band, von dem die Menschen heute schwefeln oder auch schwafeln – ich glaube, so sagt
man -, dieses innige Band zwischen Geist und Natur müßte wieder im Ernst gesucht werden. Man müßte nicht Einrichtungen treffen, die mit Ausschluß jeder Berücksichtigung des natürlichen Werdens getroffen werden, zum Beispiel mit Ausschluß des Umstandes, daß der Mensch nicht ein absolutes Wesen ist, das mit fünfunddreißig Jahren geboren wird, so alt bleibt und nicht älter wird als fünfunddreißig Jahre, sondern es müßte auf das Werden des Menschen alles gebaut werden.

Setzen wir den Fall: wir machen heute eine uns ganz gefällige sozialistische Einrichtung, so daß wir voll zufrieden sind nach der Auffassung, die wir heute von dem haben, was zwischen Mensch und Mensch in sozialer Beziehung sich abspielt. Und setzen wir voraus – was ja auch geschehen würde, wenn man nicht zu gleicher Zeit die Sozialisierung im geistigen Sinne auffassen würde -: ganz aus der heutigen Weltauffassung heraus würde sozialisiert. Dann würde etwas eintreten müssen, was bisher auch noch nicht in der Menschheitsentwickelung eingetreten ist: die nachwachsende Generation würde eine Generation von lauter Rebellen sein. Es würden die schlimmsten Revolutionäre sein, und sie müßten es sein aus dem einfachen Grunde, weil sie alle etwas Neues in die Welt bringen wollten, und wir alle hier nur das Alte konserviert hätten. Das zeigt, wie sehr man das Werden des Menschen berücksichtigen muß, wie man nicht bloß damit zu rechnen hat, daß der Mensch Mensch ist, sondern wie man daran zu denken hat, daß der Mensch ein Wesen ist, das als ein kleines Kind geboren wird, und das mit weißen Haaren, oder auch ohne Haare, stirbt. In diese Dinge schaut eben die heutige Naturwissenschaft noch nicht hinein, und von der heutigen Naturwissenschaft lernen wir für alle anderen Zweige des Lebens.

Ein ganz gutes, ja geniales, großartiges Nachbild der naturwissenschaftlichen Denkweise mit Bezug auf die sozialen Begriffe ist der Marxismus; er ist ganz Sozialwissenschaft gewordene Naturwissenschaft, deshalb auch im Grunde genommen absolut unfruchtbar. Denn der Marxismus lehrt, daß alles von selber kommen wird. Die Leute ärgern sich besonders, wie da so viel geschrieben wird über Neubildung im Sinne des dreigliedrigen sozialen Organismus.

Sie sagen, daß sie mit meiner Kritik der gegenwärtigen kapitalistischen Ordnung ganz einverstanden seien, daß die Dreigliederung selbst ihren vollen Beifall finde; aber, so sagen sie weiter, sie müßten das in jeder Art scharf bekämpfen. Das sind die Früchte der gegenwärtigen Geistesverfassung: die Leute sind eigentlich mit etwas ganz einverstanden, aber sie müssen es scharf bekämpfen. Das rührt davon her, daß wir auf alle Zweige des Lebens die naturwissenschaftliche Denkweise anwenden. Diese naturwissenschaftliche Denkweise ist deshalb so groß geworden, weil sie sich in ihrer Art auf die Erfassung des Toten beschränkt hat. Die Leute glauben nämlich nur, daß es ein Ideal ist, das man auch einmal verwirklicht sehen wird, im Laboratorium durch allerlei Zusammenfassung ein Lebendiges zustandezubringen.

Aber das wird nie geschehen durch die naturwissenschaftlichen Wege von heute, weil der naturwissenschaftliche Weg von heute nur auf tote Begriffe führt und nur groß gerade für das Begreifen des Toten ist. Aber mit diesem Begreifen des Toten kann man niemals Begriffe gewinnen für das Lebendige. Diese Möglichkeit müssen wir erreichen: Begriffe, Vorstellungen, Empfindungen, Willensimpulse zu finden für das Lebendige; und insbesondere auf dem Gebiet der Pädagogik ist das notwendig…

+++

…mehr zu Fragen der Pädagogik hier weiter

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*