Zusammengetragene „Schnippsel“ zur Erkenntnistheorie von R. Steiner

„Wenn Sie die alten Mythen durchgehen, so werden Sie immer finden, sogar bis in die biblische Schöpfungsgeschichte herein: es sind Genesis-Mythen, auf die da hingewiesen wird, weil man nach dem Ursprung der Welt vorzugsweise zunächst suchte, aber auch bei diesem Suchen nach dem Ursprung der Welt im Wesentlichen stehen blieb. Diese ganze Stimmung der Menschenseele, sie war dadurch gegeben, dass eben der Mensch in seiner Gedankenwelt von den Geistern der Form abhängig war. Bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert herein, und in den Nachwirkungen noch bis ins 15. Jahrhundert waren gewissermaßen die Geister der Form in der Weltenordnung – wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf – vollberechtigt, die ganze Gedankenregierung, die Gedankenverwaltung zu haben, und das Denken, die Gedankenentfaltung von außen an den Menschen heranzubringen. Seit jener Zeit ist es anders geworden. Seit jener Zeit haben die Exusiai, die Geister der Form eben die Gedankenverwaltung an die Archai abgegeben. Aber wie verwalten die Archai diese Gedanken? Nun nicht mehr so, wenn sie selbst sie verwalten, dass sie den Menschen sie einflößen, dass sie den Menschen sie von außen hineinlegen, sondern dass sie den Menschen selber die Möglichkeit geben, diese Gedanken zu entwickeln. – Wie kann das sein? Das kann eben dadurch sein, dass wir Menschen ja alle durch eine große Anzahl von Erdenleben durchgegangen sind. In jenen älteren Zeiten, in denen die Exusiai mit Recht die Gedanken von außen heranbrachten, waren die Menschen noch nicht durch so viele Erdenleben gegangen wie in der jetzigen Zeit. Da konnten sie noch nicht in sich, wenn sie wirklich den Impuls dazu in sich rege machten, die eigene Aktivität finden, um die Gedankenkraft in sich selber zu erzeugen. Wir leben heute, sagen wir, in der so und so vielten Erdeninkarnation. Und wenn wir nur den Willen dazu haben – denn auf den Willen kommt es an -, dann können wir in uns dasjenige finden, was Kraft ist, eine eigene Gedankenwelt aus uns heraus zu erzeugen, eine individuelle Gedankenwelt, wie ich es auch in der «Philosophie der Freiheit» ausgeführt habe.

Aber nehmen Sie nun diesen Gedanken völlig ernst! Denken Sie daran, dass wir in das Zeitalter eingetreten sind, in dem der Mensch aus seinem eigenen Inneren heraus beschäftigt ist, seine Gedanken sich zu erarbeiten, seine Gedanken zu formen. Er steht aber nun auch als einzelner in der Welt da. Diese Gedanken würden gewissermaßen isoliert in der Welt dastehen, keine Bedeutung für den Kosmos haben, wenn nicht geistige Wesenheiten da wären, welche den Gedanken, den sich der Mensch in seiner Freiheit erarbeitet, nun in der rechten Weise als Kraft und Impuls dem Kosmos einfügten. Und so haben wir den Fortschritt, der gegeben ist von der Gedankenverwaltung durch die Geister der Form zu jener durch die Geister der Persönlichkeit.

Die Geister der Form haben gewissermaßen aus dem allgemeinen kosmischen Reservoir der Gedanken diese Gedanken herausgeschöpft, um sie von außen an den Menschen heranzubringen. Der Mensch hat die Weltengedanken in sich aufgenommen, musste sich fühlen als eine Art von Geschöpf, das sich fortbewegt innerhalb der von den Geistern der Form im Kosmos erzeugten Fluten und Wellen. Da war die Gedankenwelt so im Kosmos darinnen, dass sie ihre Harmonie auf den Menschen selber übertrug. Aber der Mensch war ein unfreies Wesen innerhalb des Kosmos. Nun hat der Mensch die Freiheit erlangt, seine eigenen Gedanken sich zu erarbeiten; sie würden aber alle im Kosmos Gedanken-Eremiten bleiben, wenn sie nun nicht aufgenommen und in die kosmische Harmonie wiederum zurückgetragen würden. Und das geschieht eben durch die Archai in unserem Zeitalter.

Hier ist die Grundlage dafür geschaffen, jenen ungeheuer bedeutsamen historischen Zwiespalt, der heraufgekommen ist in der neueren Zeit und der die Menschenseelen in so unendliche Verwirrung gebracht hat, zu lösen. Sehen wir denn nicht diesen Zwiespalt? Ich habe Ihnen von andern Gesichtspunkten aus öfter erwähnt, wie der Mensch auf der einen Seite lernt, dass der ganze Kosmos von einer Naturordnung durchzogen ist, dass diese Naturordnung auch in die eigene menschliche Wesenheit hereinspielt, dass da einstmals ein Urnebelgebilde war, aus dem sich Sonne und Planeten herausgeballt haben, aus dem sich wieder der Mensch selber herausgeballt hat. Sehen wir nicht auf der einen Seite das System der kosmischen Naturgesetze, in das der Mensch sich eingespannt fühlt? Und sehen wir nicht auf der andern Seite, wie der Mensch, um seine wirkliche Menschenwürde zu wahren, darauf angewiesen ist, indem er nun dasteht als naturgegebenes Wesen, in sich rege zu machen den Gedanken an eine moralische Weltenordnung, auf dass seine moralischen Impulse nicht verfliegen im Weltenall, sondern Realität haben? […]

Der Mensch macht sich das heute nicht klar, weil er nicht ehrlich genug dazu ist. Aber alles, was er aus der heutigen Zivilisation entnimmt, müsste ihn dazu führen, an diesem ungeheuer bedeutsamen Zwiespalt in seiner Weltanschauung zu kranken – nur weiß er es nicht -, daran zu kranken, dass eine natürliche Welt da ist, der er unterworfen ist, dass er annehmen muss eine sittliche Welt, und dass er keine Möglichkeit hat aus seiner heutigen Anschauung heraus, den sittlichen Ideen eine Realität zuzuschreiben.

So war es nicht für eine ältere Menschheit. Eine ältere Menschheit empfand, dass sie ihre sittlichen Ideen von den Göttern hatte. Das war in der Zeit, als eben die Exusiai, die Geister der Form dem Menschen die Gedanken einflößten, also auch die sittlichen Gedanken. Da wusste der Mensch, dass wahrhaftig, möge auch die Erde dem Wärmetod verfallen, in der Zukunft da sein werden die göttlich-geistigen Wesenheiten, welche aus dem ganzen Kosmos heraus die Weltgedanken haben. So dass der Mensch wusste: nicht er macht die Gedanken, sie sind so da, wie die äußeren Naturvorgänge da sind; sie mussten also eine immerwährende Existenz haben wie die äußeren Naturvorgänge.

Man muss sich das nur ganz klarmachen, dass heute viele Menschen eben immer mehr und mehr mit dem Leben nicht fertigwerden. Die einen gestehen sich das – es sind vielleicht noch die besten -, die andern gestehen sich das nicht, aber durch ihr Handeln entsteht das allgemeine Weltenchaos, in das wir hineingeraten sind.

Aber alles, was heute als Weltenchaos, als Weltenunordnung da ist, das ist die tatsächliche Folge dieses inneren Zwiespaltes, dieses Nichtwissens, inwiefern die moralische Weltenordnung eine Realität hat. Es möchten sich die Menschen stumpf machen gegenüber den großen Weltfragen, da sie sich nicht aufraffen wollen, sich zu gestehen, wo der Zwiespalt eigentlich liegt. Sie möchten ihn am liebsten vergessen.

Nun, mit dem, was man heute unsere äußere Zivilisation nennt, lässt sich der Zwiespalt nicht lösen. Er lässt sich allein lösen auf demjenigen Boden einer geistigen Weltanschauung, der durch die Anthroposophie gesucht wird. Und da kommt man eben dazu, einzusehen, wie Archai da sind, welche nunmehr die Aufgabe im Kosmos, in der kosmischen Führung erhalten haben, die Gedanken der Menschen, die nun isoliert, durch innere Arbeit in der Seele entstehen, wirklich überall anzuknüpfen an die Weltenvorgänge, sie überall einzuordnen.

Und in einer großartigen, gewaltigen Weise findet der Mensch wiederum den Boden für die moralische Weltenordnung gerade auf diese Weise. Wie findet er ihn? Nun, der Mensch könnte nicht frei werden, wenn er nicht das Gefühl entwickeln könnte: Du entfaltest deine Gedanken aus deiner eigenen Individualität heraus; du bist der Erarbeiter deiner Gedanken.

Aber damit reißen wir zu gleicher Zeit die Gedanken los vom Kosmos. Es war gewissermaßen in alten Zeiten so: Wenn ich hier das Meer der kosmischen Gedanken aufzeichne (siehe 1. Zeichnung, gelb) und da die Menschen wären, die ich schematisch so zeichne (rot), dann müsste ich dasjenige, was in jedem Menschen als sein Teil der kosmischen Gedankenwelt hineinkäme, so zeichnen (gelb). Der Mensch hing an der kosmischen Gedankenwelt, sie senkte sich in ihn hinein. Dass es so sein konnte, ergab sich aus dem Wirken der Geister der Form. Das ist im Laufe der Menschheitsentwickelung anders geworden. Wir haben hier das Meer der kosmischen Gedanken (siehe 2. Zeichnung, gelb), die Verwaltung ist übergegangen an die Archai. Wenn ich nun da unten die einzelnen Menschen zeichne, so ist dasjenige abgeschnürt, was ihre Gedanken sind; es hängt nicht mehr mit den kosmischen Gedanken zusammen. – Das muss so sein. Denn niemals könnte der Mensch ein freies Wesen werden, wenn er nicht seine Gedankenwelt abrisse vom Kosmos. Er muss sie abreißen, um ein freies Wesen zu werden; dann aber müssen sie wieder angeknüpft werden. Was also notwendig ist, das ist die Verwaltung dieser Gedanken – die ja zunächst das menschliche Leben nicht unmittelbar angeht (grün), sondern den Kosmos angeht – durch die Archai, die Geister der Persönlichkeit.

Aber nun nehmen wir diesen Gedanken in moralischer Gesinnung, und fühlen wir, wie dieser Gedanke in moralischer Gesinnung so wird, dass wir uns sagen: Wir werden, wenn wir die geistige Welt betreten – sei es, wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, sei es sonst wo, oder in der Erdenzukunft -, zusammentreffen mit den Geistern der Persönlichkeit, mit den Archai. Wir werden dann wahrnehmen können, was sie haben machen können mit unseren Gedanken, die zunächst um unserer Freiheit willen in uns isoliert waren. Und da werden wir unseren Menschenwert und unsere Menschenwürde an dem erkennen, was die Archai, die Geister der Persönlichkeit aus unseren Gedanken haben machen können. Und es wendet sich der kosmische Gedanke unmittelbar an moralische Gesinnung, an moralische Impulsivität.

Es kann aus der richtig erfassten Anthroposophie heute durchaus überall die moralische Impulsivität entspringen. Es muss nur mit dem ganzen Menschen dasjenige erfasst werden, was Anthroposophie ist. Erfassen wir diesen Gedanken, den Gedanken der Verantwortlichkeit
gegenüber den normal sich entwickelnden Archai, erfassen wir diese unsere geistige Beziehung im Kosmos richtig, dann leben wir uns auch richtig in unser Zeitalter herein, dann werden wir richtige Menschen unseres Zeitalters. Und dann werden wir in der richtigen Weise hinschauen auf das, was uns ja immer umgibt: nicht nur eine sinnliche Welt, sondern auch eine geistige Welt. Wir werden hinschauen auf diese geistigen Wesenheiten, die Archai, denen gegenüber der Mensch verantwortlich werden soll, wenn er in der richtigen Weise würdig seine Menschheitsentwickelung durchmachen will im Laufe der Erdenzeiten. Wir werden sehen, wie in der heutigen Zeit dem, was einmal die notwendige Weltenordnung war, auch noch gegenübersteht alles das, was übriggeblieben ist an solchen Geistern der Form, die noch immer die Gedanken in der alten Weise verwalten wollen. Und das ist der wichtigste Zivilisationseinschlag in unserer Zeit! Das sind die eigentlichen tieferen Aufgaben des Menschen: durch seine richtige Stellung zu den Archai, zu den Geistern der Persönlichkeit, frei zu werden, damit er auch die richtige Stellung zu den Geistern der Form gewinne, die heute mit der Gedankenverwaltung, die sie ebenso noch machen wollen wie früher, nicht im Rechte sind, die aber einstmals in ihrem Rechte waren. Und wir werden auf der einen Seite dasjenige finden, was in der Welt heute das Leben schwierig macht, wir werden aber auch überall die Wege aus den Schwierigkeiten der Welt heraus finden. Nur müssen wir diese Wege als freie Menschen suchen. Denn wenn wir keinen Willen haben zur freien Gedankenentwickelung, was sollen dann die Archai mit uns anfangen?

Dasjenige, worauf es ankommt in unserem Zeitalter, das ist, dass der Mensch wirklich ein freies Wesen sein will. Meistens will er es ja zunächst noch nicht. Er muss sich erst hineinfinden, es zu wollen. Dem Menschen wird es heute noch schwer, sich als freies Wesen zu wollen. Er möchte eigentlich am liebsten, dass er das, was ihm gefällt, wünschen kann, und dass dann die richtigen Geister da wären, die seine Wünsche auf eine unsichtbare übersinnliche Art ausführen. Dann würde er sich vielleicht frei fühlen, menschenwürdig fühlen! Wir brauchen nur ein paar Inkarnationen herankommen zu lassen, gar nicht einmal
so lange Zeit, nur etwa das Jahr 2800 oder 3000, dann werden wir uns gar nicht mehr verzeihen können in einer nächsten Inkarnation – wo wir ja zurückschauen werden auf die frühere Inkarnation -, dass wir einmal menschliche Freiheit verwechselt haben mit Förderung der menschlichen Bequemlichkeit durch nachsichtige Götter!

Diese zwei Dinge verwechselt ja der Mensch heute: Freiheit, und Nachsicht von gütigen Göttern mit der menschlichen Bequemlichkeit, mit den bequemen menschlichen Wünschen. Heute wollen das viele Menschen noch, dass es gütige Götter gibt, die ihnen ihre Wünsche ohne viel Zutun ausführen. Wie gesagt, wir brauchen nur das Jahr 2800 oder 3000 herankommen zu lassen, in einer nächsten Inkarnation werden wir das dann sehr verachten. Aber gerade wenn wir heute richtige moralische Gesinnung entwickeln, so muss sie auch verbunden sein mit einer gewissen moralischen Stärke, welche die Freiheit wirklich will – die innere Freiheit zunächst; die äußere wird sich dann schon in der richtigen Weise entwickeln, wenn der Wille zur inneren Freiheit vorhanden ist. Dazu ist aber notwendig, dass man nun in rechter Weise beobachten kann, wo denn diese unberechtigten Geister der Form überall tätig sind.

Nun, sie sind überall tätig. Ich könnte mir denken – der menschliche Intellekt hat ja solch einen luziferischen Hang -, dass es nun Menschen gäbe, die da sagen: Ja, es wäre doch viel vernünftiger für die göttliche Weltenordnung, wenn diese zurückgebliebenen Geister der Form da nicht wirtschaften würden, gar nicht da wären! – Menschen, die so denken, denen rate ich, als vernünftiger Mensch auch zu denken, dass sie sich nähren könnten, ohne dass sich der Darm zu gleicher Zeit mit unangenehmen Stoffen anfüllt. Das eine ist eben nicht möglich ohne das andere. Und so ist es in der Welt nicht möglich, dass die Dinge, die groß und gewaltig die Würde des Menschen bedingen, da seien ohne ihre entsprechenden Korrelate.

Wo sehen wir denn nun zurückgebliebene Geister der Form tätig? In erster Linie sehen wir sie heute tätig in den nationalen Chauvinismen, die über die ganze Welt sich verbreiten, da, wo die Gedanken der Menschen sich nicht aus unmittelbarer innerster menschlicher Zentralität
heraus entwickeln, sondern aus dem Blute heraus, aus dem, was aus den Instinkten aufflutet.

In dieser Beziehung gibt es zweierlei Verhalten zu der Nationalität. Das eine ist dieses: Man verachtet die normalen Archai und gibt sich einfach demjenigen hin, was die zurückgebliebenen Geister der Form aus den Nationalitäten machen. Man wächst dann einfach aus der Nationalität herauf, pocht in chauvinistischer Weise auf das, was man dadurch geworden ist, dass man aus dem Blute einer Nationalität heraus geboren ist. Man redet aus der Nationalität heraus, seine Gedanken bekommt man mit der Sprache dieser Nationalität; mit der besonderen Form dieser Sprache bekommt man auch seine Gedankenformen. Man steigt auf aus demjenigen, was die Geister der Form aus den Nationalitäten gemacht haben.

Und wenn man nun nachgeben will diesen zurückgebliebenen Geistern der Form und zu gleicher Zeit ein furchtbar ehrgeiziger Mensch ist, der durch das Schicksal an einen besonderen Posten gestellt ist, dann fabriziert man, gerade mit Rücksicht auf die nationalen Chauvinismen der Welt, «Vierzehn Punkte» und findet dann Anhänger, welche diese vierzehn Punkte Woodrow Wilsons als dasjenige betrachten, was der Welt etwas Großartiges geben soll.

In Wahrheit gesehen, was waren sie, diese vierzehn Punkte Woodrow Wilsons? Sie waren etwas, was der Welt hingeworfen werden sollte, damit sie frönen kann dem, was die zurückgebliebenen Geister der Form ausgießen wollen über die verschiedenen Naturgrundlagen der Nationen. Sie waren unmittelbar von da her inspiriert.

Man kann über alle diese Dinge reden von den verschiedensten Niveaus aus. Ganz dasselbe, was ich heute auf einem Niveau sage, das der Charakteristik von Archai und Exusiai entspricht, ganz dasselbe habe ich vor Jahren immer gesagt, um die Weltbedeutung dieser vierzehn Punkte von Woodrow Wilson zu charakterisieren, durch welche, weil sie die Welt in Illusionen gewiegt haben, so ungeheuer viel Unglück und Chaos in die Welt gekommen ist.

Ferner sehen wir heute, wie das, was von diesen zurückgebliebenen Geistern der Form ausgeht, sich geltend macht in der einseitigen naturwissenschaftlich-materialistischen Weltanschauung, wo ein wahrer Horror vorhanden ist – besser gesagt, eine scheußliche Angst davor besteht -, in die Aktivität der Gedanken überzugehen. Man soll sich heute nur einmal vorstellen, was für einen furchtbaren Spektakel ein richtiger Professor machen würde, wenn irgendein Student im Laboratorium ins Mikroskop schaute und irgendeinen Gedanken hervorbringen wollte. Das gibt es nicht! Da muss man sorgfältig nur dasjenige verzeichnen, was die äußere sinnliche Beobachtung gibt, gar nicht wissend, dass die ja nur die Hälfte der Wirklichkeit gibt, die andere Hälfte der Wirklichkeit wird eben im eigenen menschlichen Schaffen von Gedanken erzeugt. Da muss man aber wissen, was die gegenwärtige Mission der richtig entwickelten Archai ist. Es muss in der Wissenschaft, die verdorben wird durch die zurückbleibenden Geister der Form, geltend gemacht werden die richtige Mission der Geister der Persönlichkeit. Davor besteht heute die denkbar größte Angst.“

Rudolf Steiner in der GA 222 („Die Impulsierung des weltgeschichtlichen Geschehens durch geistige Mächte“), S. 78 ff.

Suche im Denken den Willen
und du findest dich selbst:
Denn des eigenen Wesens Weben
gehet dir auf
Suche im Wollen die Gedanken
und du findest die Welt:
Denn die Weltgedanken:
kraftend enthüllen sich dir!

Rudolf Steiner

Adler, Löwe, Kuh – als Bild des Menschen
„Die Sonne erhält ja ihre Kraft dadurch, dass sie in Beziehung tritt zu den verschiedenen Gegenden des Universums. Ausgedrückt wird diese Beziehung dadurch, dass der Mensch mit seinen Erkenntnissen die Sonnenwirkungen bezieht auf den sogenannten Tierkreis, so dass, wenn der Sonnenschein zur Erde fällt aus dem Löwen, aus der Waage, aus dem Skorpion, er immer etwas anderes für die Erde bedeutet. Aber er bedeutet auch etwas anderes für die Erde, je nachdem er verstärkt oder entkräftet wird durch die anderen Planeten unseres Planetensystems. Und da bestehen verschiedene Beziehungen zu den verschiedenen Planeten unseres Planetensystems. Es bestehen andere Beziehungen zu den sogenannten äußeren Planeten Mars, Jupiter, Saturn, und andere Beziehungen zu den sogenannten inneren Planeten Merkur, Venus und dem Mond.
Wenn wir nun die Organisation des Adlers ins Auge fassen, dann haben wir vor allen Dingen darauf zu sehen, inwiefern die Sonnenkräfte modifiziert werden, verstärkt oder geschwächt werden durch das Zusammenwirken der Sonne mit Saturn, Jupiter, Mars. Nicht umsonst spricht die Legende davon, dass der Adler eigentlich Jupiters Vogel ist. Der Jupiter steht überhaupt da als Repräsentant für die äußeren Planeten. Wenn wir uns schematisch das hinzeichnen, um was es sich dabei handelt, dann müssen wir uns hinzeichnen die Sphäre, die im Weltenraum, im Kosmos der Saturn hat, die Sphäre, die der Jupiter hat, die Sphäre, die der Mars hat.
Stellen wir das einmal vor unser Auge hin: die Saturnsphäre, die Jupitersphäre, die Marssphäre; dann finden wir den Übergang zur Sonnensphäre, und wir haben sozusagen im Äußersten unseres Planetensystems ein Zusammenwirken von Sonne, Mars, Jupiter, Saturn. Und wenn wir den Adler in den Lüften kreisen sehen, dann sprechen wir durchaus eine Realität aus, wenn wir sagen: Diejenigen Kräfte, die von der Sonne aus die Luft durchströmen, so dass sie zusammengesetzt sind aus dem Zusammenwirken von Sonne mit Mars, Jupiter und Saturn, die sind es, die in der ganzen Gestalt, in der Wesenheit des Adlers leben. Sie leben aber zugleich in dem Gebilde des menschlichen Hauptes. U n d wenn wir den Menschen hineinstellen in Bezug auf sein wirkliches Dasein – man möchte sagen, auf Erden ist er ja nur in seinem Miniaturbilde – in das Weltenall, dann müssen wir ihn hineinstellen in die Adlersphäre seinem Haupte nach. Wir müssen uns also den Menschen seinem Haupte nach hineingestellt vorstellen in die Adlersphäre, und haben damit dasjenige im Menschen gegeben, was mit den Kräften nach oben zusammenhängt.
Der Löwe ist der Repräsentant desjenigen Getiers, das im eigentlichen Sinne Sonnengetier ist, wo die Sonne gewissermaßen ihre eigene Kraft entfaltet. Der Löwe gedeiht am besten, wenn die Gestirne über der Sonne, die Gestirne unter der Sonne so in Konstellation vorhanden
sind, dass sie am wenigsten Einfluss auf die Sonne selber ausüben. Dann entsteht jenes Eigentümliche, was ich Ihnen gestern beschrieben habe, dass die Kräfte der Sonne selber, die die Luft durchdringen, gerade ein solches Atmungssystem in dem Löwen anregen, dass dieses Atmungssystem in seinem Rhythmus in vollständigem Gleichgewichte ist mit dem Blutzirkulationsrhythmus, nicht der Zahl nach, aber der Dynamik nach. Das gleicht sich beim Löwen wunderschön aus. Der Löwe setzt der Blutzirkulation die Atmungshemmung entgegen, und die Blutzirkulation regt fortwährend die Atmungsströmung an. Ich sagte Ihnen, dass man das der Form nach sogar in der Gestaltung des Löwenmauls sehen kann. Da drückt sich diese wunderbare Beziehung des Blutrhythmus und des Atmungsrhythmus der Form nach schon aus. Man kann es sehen aus dem eigentümlichen, in sich ruhenden und doch wiederum kühn nach auswärts gewendeten Blick des Löwen. Aber dasjenige, was da im Löwen im Blick lebt, lebt wiederum angeschlossen an die anderen Elemente der Menschennatur, an die Hauptesorganisation, an die Stoffwechselorganisation, in der Brust- oder Herzorganisation, in der rhythmischen Organisation des Menschen.
Stellen wir daher vor uns hin die eigentliche Sonnenwirkung, so müssen wir der Sonnensphäre entsprechend den Menschen uns so einzeichnen, dass wir sein Herz, die dazugehörige Lunge in die Region der Sonnenwirksamkeit stellen, und wir haben in diesem Gebiete die Löwennatur des Menschen.
Wenn wir übergehen zu den inneren Planeten, zu den erdennahen Planeten, dann haben wir zunächst die Merkursphäre, welche es nun schon zu tun hat namentlich mit den feineren Partien des Stoffwechselsystems, des Stoffwechselorganismus des Menschen, da wo die Nahrungsstoffe umgewandelt werden in den lymphartigen Stoff, wo sie dann übertragen werden in die Blutzirkulation hinein.
Wenn wir dann weitergehen, kommen wir in die Region des Venuswirkens. Wir kommen zu den etwas gröberen Partien des Stoffwechselsystems des Menschen, wir kommen zu dem, was im menschlichen Organismus die aufgenommenen Nahrungsmittel zunächst verarbeitet vom Magen aus. Wir kommen dann in die Sphäre des Mondes. Ich zeichne diese Folge so, wie sie heute in der Astronomie üblich ist; ich könnte sie auch anders zeichnen. Wir kommen also nun in die Sphäre des Mondes und kommen da in diejenige Region, wo auf den Menschen wirkt und gewirkt wird in jenen Stoffwechselvorgängen, die mit dem Monde zusammenhängen.
Wir haben den Menschen auf diese Weise hineingestellt in das gesamte Weltenall. Indem wir uns an diejenigen kosmischen Wirkungen wenden, die die Sonne im Verein mit Merkur, Venus, Mond vollführt, kommen wir dann hinein in das Gebiet, das die Kräfte enthält, die jenes Getier aufnimmt, das uns repräsentiert wird durch die Kuh in dem Sinne, wie ich das gestern auseinandergesetzt habe. Da haben wir das was die Sonne nicht durch sich selbst machen kann, sondern was die Sonne machen kann, wenn sie durch die erdennahen Planeten in ihren Kräften gerade an die Erde herangeführt wird. Wenn diese Kräfte alle dann wirken, wenn sie nicht nur die Luft durchströmen, sondern die Oberfläche der Erde in verschiedener Art durchsetzen, dann wirken diese Kräfte herauf aus den Erdentiefen. Und das, was da heraufwirkt aus den Erdentiefen, das gehört der Region an, die wir äußerlich verkörpert sehen eben in der Organisation der Kuh.
Die Kuh ist das Verdauungstier. Aber die Kuh ist zugleich dasjenige Tier, welches die Verdauung in einer solchen Weise ausführt, dass in diesem Verdauungsvorgange die irdische Abbildung eines wirklich Überirdischen liegt, dass dieser ganze Verdauungsvorgang der Kuh durchsetzt ist von einer Astralität, hell und wunderbar abbildend den ganzen Kosmos. Es ist – wie ich schon gestern sagte – eine ganze Welt in diesem astralischen Organismus der Kuh, aber alles getragen von Schwere, alles so eingerichtet, dass die Schwere der Erde sich auswirken kann. Sie brauchen nur zu bedenken, dass die Kuh genötigt ist, jeden Tag etwa ein Achtel ihres Körpergewichtes an Nahrungsstoffen aufzunehmen. Der Mensch kann sich mit einem Vierzigstel begnügen und gesund bleiben dabei. Die Kuh braucht also, damit sie ihre Organisation voll ausfüllen kann, Erdenschwere. Ihre Organisation ist daraufhin orientiert, dass die Stoffe Schwere haben. Ein Achtel muss jeden Tag an Schwere ausgewechselt werden bei der Kuh. Das bindet die Kuh mit ihren Materien an die Erde, während sie durch ihre Astralität zu gleicher Zeit eben ein Abbild der Höhen, des Kosmos ist.
Deshalb ist die Kuh für den Bekenner der Hindureligion – wie ich gestern sagte – ein so verehrungswürdiges Objekt, weil er sich sagen kann: Die Kuh lebt hier auf der Erde; allein indem sie hier auf der Erde lebt, bildet sie in der physischen Schwere-Materie ab, man kann schon sagen, ein Überirdisches, wenn man im Sinne des Bekenners der Hindureligion redet. Und es ist durchaus so, dass die menschliche Natur dann ihre Normalorganisation hat, wenn der Mensch diese drei in Adler, Löwe und Kuh vereinseitigten kosmischen Wirkungen in Harmonie bringen kann, wenn er also wirklich der Zusammenfluss der Adler-, Löwen- und Kuh- oder Stierwirkungen ist. Aber nach dem allgemeinen Weltengang leben wir in einer Zeit, in welcher der Entwickelung der Welt eine gewisse – wenn ich mich so ausdrücken darf – Gefahr droht: die Gefahr, dass die einseitigen Wirkungen auch wirklich im Menschen einseitig zum Ausdrucke kommen. Seit dem 14., 15. Jahrhundert, bis in unsere Tage sich immer mehr und mehr verstärkend, ist die Sache so in der irdischen Menschheitsentwickelung, dass die Adlerwirkungen das menschliche Haupt einseitig in Anspruch nehmen wollen, die Löwenwirkungen den menschlichen Rhythmus einseitig in Anspruch nehmen wollen, die Kuhwirkungen den menschlichen Stoffwechsel und das ganze menschliche Wirken auf Erden einseitig in Anspruch nehmen wollen.
Das ist die Signatur unserer Zeit, dass der Mensch sozusagen durch die kosmischen Mächte dreigeteilt werden soll, und dass immer die eine Form der kosmischen Mächte das Bestreben hat, die anderen Elemente zu unterdrücken.“
Rudolf Steiner in der GA 230 („Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes“), S. 28 ff.

Die Aufgabe der anthroposophischen Bewegung
Es ist im wesentlichen die Aufgabe der anthroposophischen Bewegung, uns bekanntzumachen mit Welten, die uns täglich und stündlich umgeben, mit Welten, innerhalb derer wir leben, von denen wir aber unter gewöhnlichen Verhältnissen nichts wissen. Nicht mit Welten, die jenseits der unsrigen Hegen, will uns die Anthroposophie bekanntmachen, nicht mit Welten, die an uns unzugänglichen Orten zu finden sind, sondern mit denjenigen Welten, die in unsere Welt fortwährend hereinragen, die uns immer umgeben, die uns aber unbekannt bleiben, weil unsere Organe dafür nicht aufgeschlossen sind. Zunächst können wir von diesen Welten nur sprechen. Wir können auf sie nur hindeuten und dazu auffordern, teilzunehmen an denjenigen Arbeiten, durch welche sich dem Menschen die Sinne erschließen zu diesen höheren Welten, so daß er diese höheren Welten wahrzunehmen vermag, so wie er heute nur die gewöhnliche Welt wahrzunehmen imstande ist.
Rudolf Steiner – GA 88 – Über die astrale Welt und das Devachan – Berlin, 28 Oktober 1903 (Seite 20)

Es ist von der allergrößten Bedeutung zu wissen, dass die gewöhnlichen Denkkräfte des Menschen die verfeinerten Gestaltungs- und Wachstumskräfte sind. Im Gestalten und Wachsen des menschlichen Organismus offenbart sich ein Geistiges. Denn dieses Geistige erscheint dann im Lebensverlaufe als die geistige Denkkraft.
„Die Anthroposophie bildet, bevor sie über das Geistige Aussagen macht, die Methoden aus, die sie berechtigen, solche Aussagen zu machen. Um einen Einblick in diese Methoden zu bekommen, bedenke man das Folgende: Alle Ergebnisse der gegenwärtig anerkannten Naturwissenschaft sind im Grunde aus den Eindrücken der menschlichen Sinne gewonnen. Denn wenn auch der Mensch im Experiment oder in der Beobachtung mit Werkzeugen das erweitert, was die Sinne ihm geben können, so kommt dadurch nichts wesentlich Neues zu den Erfahrungen über die Welt hinzu, in der der Mensch durch seine Sinne lebt.
Aber auch durch das Denken, insofern dieses bei der Erforschung der physischen Welt tätig ist, kommt nichts Neues zu dem sinnenfällig Gegebenen hinzu. Das Denken kombiniert, analysiert usw. die Sinneseindrücke, um zu Gesetzen (Naturgesetzen) zu gelangen; aber es muss sich der Erforscher der Sinneswelt sagen: dieses Denken, das da aus mir hervorquillt, fügt etwas Wirkliches zu dem Wirklichen der Sinneswelt nicht hinzu.
Das aber wird sogleich anders, wenn man nicht bei dem Denken stehen bleibt, zu dem es der Mensch zunächst durch Leben und Erziehung bringt. Man kann dieses Denken in sich verstärken, erkraften. Man kann einfache, leicht überschaubare Gedanken in den Mittelpunkt des Bewusstseins stellen, und dann, mit Ausschluss aller anderen Gedanken, alle Kraft der Seele auf solchen Vorstellungen halten. Wie ein Muskel erstarkt, wenn er immer wieder in der Richtung der gleichen Kraft angespannt wird, so erstarkt die seelische Kraft mit Bezug auf dasjenige Gebiet, das sonst im Denken waltet, wenn sie in der angegebenen Art Übungen macht. Man muss betonen, dass diesen Übungen einfache, leicht überschaubare Gedanken zugrunde liegen müssen. Denn die Seele darf, während sie solche Übungen macht, keinerlei Einflüssen eines halb oder ganz Unbewußten ausgesetzt sein. (Wir können hier nur das Prinzip solcher Übungen angeben; eine ausführliche Darstellung und Anleitung, wie solche Übungen im Einzelnen zu machen sind, findet man in Rudolf Steiners «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», in dessen «Geheimwissenschaft» und in anderen anthroposophischen Schriften.)
Es liegt nahe, den Einwand zu erheben, dass jemand, der sich so mit aller Kraft bestimmten, in den Mittelpunkt des Bewusstseins gerückten Gedanken hingibt, allerlei Autosuggestionen und dergleichen ausgesetzt ist, und dass er einfach in das Gebiet der Einbildung hineinkommt. Allein Anthroposophie zeigt zugleich, wie die Übungen verlaufen müssen, damit dieser Einwand völlig unberechtigt ist. Sie zeigt, wie man innerhalb des Bewusstseins in vollbesonnener Art während des Übens so fortschreitet wie beim Lösen eines arithmetischen oder geometrischen Problems. Wie da das Bewusstsein nirgends ins Unbewusste ausgleiten kann, so auch nicht während des angedeuteten Übens, wenn die anthroposophischen Anleitungen richtig befolgt werden.
Im Verfolge dieses Übens kommt man zu einer Verstärkung der Denkkraft, von der man vorher keine Ahnung hatte. Man fühlt die waltende Denkkraft in sich wie einen neuen Inhalt seines Menschenwesens. Und zugleich mit diesem Inhalt des eigenen Menschenwesens offenbart sich ein Weltinhalt, den man vorher vielleicht geahnt, aber nicht durch Erfahrung gekannt hat. Sieht man einmal in Augenblicken der Selbstbeobachtung auf das gewöhnliche Denken hin, so findet man die Gedanken schattenhaft, blass gegenüber den Eindrücken, die die Sinne geben.
Was man jetzt in der verstärkten Denkkraft wahrnimmt, ist durchaus nicht blass und schattenhaft; es ist vollinhaltlich, konkret-bildhaft; es ist von einer viel intensiveren Wirklichkeit als der Inhalt der Sinneseindrücke. Es geht dem Menschen eine neue Welt auf, indem er auf die angegebene Art die Kraft seiner Wahrnehmungsfähigkeit erweitert hat.
Indem der Mensch in dieser Welt wahrnehmen lernt, wie er früher nur innerhalb der sinnlichen Welt wahrnehmen konnte, wird ihm klar, dass alle Naturgesetze, die er vorher gekannt hatte, nur in der physischen Welt gelten; und dass das Wesen der Welt, die er jetzt betreten hat, darin besteht, dass ihre Gesetze andere, ja die entgegengesetzten gegenüber denen der physischen Welt sind. In dieser Welt gilt nicht das Gesetz der Anziehungskraft der Erde, sondern im Gegenteil, es tritt eine Kraft auf, die nicht von dem Mittelpunkt der Erde nach auswärts wirkt, sondern umgekehrt so, dass ihre Richtung von dem Umkreis des Weltalls her nach dem Mittelpunkt der Erde geht. Und entsprechend ist es mit den andern Kräften der physischen Welt.
In der Anthroposophie wird die durch Übung erlangte Fähigkeit des Menschen, diese Welt zu schauen, die imaginative Erkenntnis-Kraft genannt. Imaginativ nicht aus dem Grunde, weil man es mit «Einbildungen» zu tun habe, sondern weil der Inhalt des Bewusstseins nicht mit Gedankenschatten, sondern mit Bildern erfüllt ist. Und wie man sich durch die Sinneswahrnehmung im unmittelbaren Erleben in einer Wirklichkeit fühlt, so auch in der Seelentätigkeit des imaginativen Erkennens. Die Welt, auf die sich diese Erkenntnis bezieht, wird von der Anthroposophie die ätherische Welt genannt. Es handelt sich dabei nicht um den hypothetischen Äther der gegenwärtigen Physik, sondern um ein wirklich geistig Geschautes. Der Name wird im Einklange mit älteren instinktiven Ahnungen dieser Welt gegeben. Diese haben gegenüber dem, was gegenwärtig klar erkannt werden kann, keinen Erkenntniswert mehr; aber will man etwas bezeichnen, so braucht man Namen.
Innerhalb dieser Ätherwelt ist eine neben der physischen Leiblichkeit des Menschen bestehende ätherische Leiblichkeit wahrnehmbar.
Diese ätherische Leiblichkeit ist etwas, das sich ihrem Wesen nach auch in der Pflanzenwelt findet. Die Pflanzen haben ihren Ätherleib. Die physischen Gesetze gelten tatsächlich nur für die Welt des leblosen Mineralischen.
Die Pflanzenwelt ist auf der Erde dadurch möglich, dass es Substanzen im Irdischen gibt, die nicht innerhalb der physischen Gesetze beschlossen bleiben, sondern die alle physische Gesetzmäßigkeit ablegen und eine solche annehmen können, die dieser entgegengesetzt ist. Die physischen Gesetze wirken wie ausströmend von der Erde; die ätherischen wirken wie von allen Seiten des Weltumfanges auf die Erde zuströmend. Man begreift das Werden der Pflanzenwelt nur, wenn man in ihr das Zusammenwirken des Irdisch-Physischen und des Kosmisch-Ätherischen sieht.
Und so ist es mit Bezug auf den Ätherleib des Menschen. Durch ihn geschieht im Menschen etwas, das nicht in der Fortsetzung des gesetzmäßigen Wirkens der Kräfte des physischen Leibes liegt, sondern das zur Grundlage hat, dass die physischen Stoffe, indem sie in das Ätherische einströmen, sich zuerst ihrer physischen Kräfte entledigen.
Diese im Ätherleibe wirksamen Kräfte betätigen sich im Beginne des menschlichen Erdenlebens – am deutlichsten während der Embryonalzeit – als Gestaltungs- und Wachstumskräfte. Im Verlaufe des Erdenlebens emanzipiert sich ein Teil dieser Kräfte von der Betätigung in Gestaltung und Wachstum und wird Denkkräfte, eben jene Kräfte, die für das gewöhnliche Bewusstsein die schattenhafte Gedankenwelt hervorbringen.
Es ist von der allergrößten Bedeutung zu wissen, dass die gewöhnlichen Denkkräfte des Menschen die verfeinerten Gestaltungs- und Wachstumskräfte sind. Im Gestalten und Wachsen des menschlichen Organismus offenbart sich ein Geistiges. Denn dieses Geistige erscheint dann im Lebensverlaufe als die geistige Denkkraft.
Und diese Denkkraft ist nur ein Teil der im Ätherischen webenden menschlichen Gestaltungs- und Wachstumskraft. Der andere Teil bleibt seiner im menschlichen Lebensbeginne innegehabten Aufgabe getreu. Nur weil der Mensch, wenn seine Gestaltung und sein Wachstum vorgerückt, das ist, bis zu einem gewissen Grade abgeschlossen sind, sich noch weiter entwickelt, kann das Ätherisch-Geistige, das im Organismus webt und lebt, im weiteren Leben als Denkkraft auftreten.
So offenbart sich der imaginativen geistigen Anschauung die bildsame (plastische) Kraft als ein Ätherisch-Geistiges von der einen Seite, das von der andern Seite als der Seelen-Inhalt des Denkens auftritt.“
Rudolf Steiner und Ita Wegman in der GA 27 („Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen“), S. 8 ff.

C.Albert Friedenreich:
Der ganze Mensch ist auf das Denken hin organisiert, und zwar vom Göttergedanken her. Er ist in der Tat ein sinnliches Abbild der Gottheit. und wollen wir die göttliche Weisheit, welche am Menschen geschaffen hat, erfassen, müssen wir uns in unserem Geistig- (Imagination, Inspiration und Intuition) Seelischen (Denken, Fühlen, Wollen) so verwandeln und steigern, dass unser individualisiertes Bewusstsein jenes Urbildliche der Menschheitsschöpfung wieder wahrnehmen kann. Unser interlektuelles Denken, welches nur sinnliche Wahrnehmungen fassen kannist unzureichend. Es gibt uns aber für unsere Zukunftsentwicklung das nötige Selbstbewusstsein, auf dessen Urgrund erst das spirituelle Denken entwickelt werden muss…
Wohl ruht tief im Seelenraum (versteckt!) jenes uralte Götterdenken, wie verzaubert, aber wir müssen es durch geduldiges uns intensivwes Üben unter Beibehaltung des errugenen Selbstbewusstseins erwecken…

H.Erhard Lauer – Ausschnitt aus: Ein Leben im Frühlicht des Geistes (zum Thema Dreigliederung im Geistigen, Seelischen und Körperlichen):

Egoismus/Seelenstärke
Nicht dadurch kann der Mensch stark und kräftig werden, daß er vom Morgen bis zum Abend darüber nachbrütet: Was soll ich jetzt denken? Was soll ich jetzt tun? Was tut mir nun wieder weh? – und so weiter, sondern dadurch, daß er auf sein Herz wirken läßt, was an Schönheit und Größe in der ganzen Umgebung ist, daß er Verständnis und Interesse hat für alles, was in andern Herzen warm erglüht, oder was andere Menschen entbehren. In dem Aufsteigenlassen derjenigen Gefühle, welche Verständnis, lebendigen Anteil entwickeln mit unserer Umwelt, bilden wir Lebenskräfte in der Gefühlswelt in uns selber aus. Da überwinden wir den engherzigen Egoismus und erhöhen und bereichern unser Ich, indem wir es in Einklang stellen mit unserer Umwelt.
[…] So lange der Mensch nur wollen kann für sich selber, so lange seine Willensimpulse nur das anstreben, was seinem eigenen Wesen förderlich ist, wird er sich immer in sich unbefriedigt fühlen. Erst wenn er in der Außenwelt sieht das Spiegelbild seines Willensentschlusses, wenn sich da die Verwirklichung seiner Willensimpulse abspielt, kann er sagen, daß er sein Wollen mit dem in Einklang gebracht hat, was in der Umwelt geschieht. Da ist es in der Tat so, daß unsere eigene Stärke und Kraft nicht an dem ausgebildet wird, was wir für uns selber wollen, sondern daß wir wollen für die Umwelt, für die anderen Menschen; daß sich unser Wille realisiert und als Spiegelbild wieder in uns hereinscheint. Wie das Licht das Auge aus uns herausbildet, so bildet sich unsere Seelenstärke aus uns selber heraus durch die Welt unserer Taten, unseres Wirkens.
Rudolf Steiner – GA 58 – Metamorphosen des Seelenlebens/Pfade der Seelenerlebnisse – Erster Teil – Berlin, 25 November 1909 (Seite 235-236)

Urselbst,
von dem alles ausgegangen,
Urselbst,
Zu dem alles zurückkehrt,
Urselbst,
Das in mir lebt – Zu dir strebe ich hin.
R.Steiner

Das medizinische Papsttum
Um das Kranksein oder wenigstens um diese oder jene Form des Krankseins kümmert sich ja der Mensch in der Regel erst dann, wenn er von dieser oder jener Krankheit befallen ist, und da interessiert ihn dann im Grunde genommen auch nicht viel anderes als zumeist nur die Heilung, das heißt es interessiert ihn die Tatsache, daß er geheilt werde. Das, wie er geheilt werde, ist ihm zuweilen höchst gleichgültig, und es ist ihm auch höchst angenehm, wenn er sich um dieses «Wie» nicht weiter zu kümmern braucht. Dazu sind ja die da, die dazu von den entsprechenden Stellen eben angestellt sind, so denken die meisten unserer Zeitgenossen. Auf diesem Gebiet herrscht ein viel ärgerer Autoritätsglaube innerhalb unserer Zeitströmung, als er eigentlich auf religiösem Gebiete je geherrscht hat. Das medizinische Papsttum, gleichgültig, wie es sich da oder dort gestaltet, ist ein solches, welches sich bis heute schon in der intensivsten Weise geltend macht und das sich in Zukunft noch viel mehr geltend machen wird.
Rudolf Steiner – GA 107 – Geisteswissenschaftliche Menschenkunde – Berlin, 10 November 1908 (Seite 99)

…wird laufend aktualisiert

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