Der Niedergang der europäischen Kultur als gesetzmäßiger Notwendigkeit und ihre Überwindung durch eine neue Geistigkeit / Rudolf Steiner

Titel: Ahriman Bildgroesse: Ca. 102x80 cm. Technik: Ölfarbe, Pastellkreide auf Leinwand mit geschnitztem Holzrahmen.

Zwölfter Vortrag:
„Was wir uns nämlich immer wiederum klar machen müssen, wenn wir vorurteilslos und unbefangen den eigentlichen Charakter unserer Gegenwartskultur betrachten, das ist, daß diese Gegenwartskultur ganz und gar beruht auf der Art des Denkens, Empfindens und Fühlens, die aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung fließen kann. Diese naturwissenschaftliche Weltanschauung hat auf dem Boden, für den sie geeignet ist, große, gewaltige Menschheitsfortschritte hervorgebracht, und es wäre höchst töricht, diese großen, gewaltigen Menschheitsfortschritte irgendwie abzukanzeln, abzukritisieren. Erst derjenige, der sie voll anerkennt, der von dieser Seite aus voll auf naturwissenschaftlichem Boden steht, hat ein Recht dazu, wie ich öfter gesagt habe, auch auf das andere hinzusehen, was naturwissenschaftliche Weltanschauung nicht geben kann.“

RUDOLF STEINER
Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen

(Siebzehn Vorträge, gehalten in Stuttgart zwischen dem 21. April und 28. September 1919) GA 192

Zwölfter Vortrag, 6. Juli 1919
Inhaltsübersicht:
Der Niedergang der europäischen Kultur als gesetzmäßiger Notwendigkeit. Das Wissen von dem geistigen Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos in den alten Weltanschauungen bis zu Kepler. Der geschichtlich notwendige Übergang zu der materialistischen Naturwissenschaft. Die Jahre um 1859 als Knotenpunkt der Entwicklung. Die «Psycho-Physik» von Theodor Fechner. Die Entdeckung der Spektralanalyse durch Kirchhoff und Bunsen. Die Feiern zum hundertsten Geburtstag Schillers. Das Buch über politische Ökonomie von Karl Marx. Der Verlust der alten Raumesanschauung und die Gewinnung einer Zeitanschauung vom Menschenwesen. Ein Wortlaut Benedetto Croces über die Kunst. Das Erbe des Kapitalismus im Kommunismus Rußlands. Ein
Beispiel für die Niedergangsimpulse unserer Zeit. Ihre Überwindung durch eine neue Geistigkeit.

ZWÖLFTER VORTRAG
Stuttgart, 6. Juli 1919

Heute vor acht Tagen habe ich hier versucht, von einem gewissen Standpunkte aus auseinanderzusetzen, warum die europäische Kultur heute vor einem Abgrunde steht, warum sie sich in den Niedergang hineinbewegt.
Es ist in der Gegenwart zweifellos das Allerwichtigste, ein volles Bewußtsein davon sich anzueignen, welche Niedergangskräfte in dieser europäischen Kultur drinnen walten. Gerade in diesem Punkte ist es notwendig, daß man sich keinerlei Art von Illusion hingibt, denn das Hingeben an Illusionen ist es gerade, das uns in die gegenwärtige europäische Lage hineingebracht hat (1.Weltkrieg, admin), das Hingeben an Illusionen, welche man eigentlich immer für einen Ausfluß wirklicher Praxis gehalten hat, und die doch eben nichts weiter sind als Illusionen, weil sie aus ganz engen Erfahrungsumrissen, aus ganz engen Erfahrungsflächen hergeholt sind, und weil sie absehen von einer wirklich durchdringenden Erfahrung.
Es würde aber eine ganz falsche Art von Anschauung sein, wenn man meinen wollte, eine Kritik dieser Tatsachen reiche aus. Davon kann gar nicht die Rede sein, daß heute eine bloße Kritik dieser Dinge ausreicht. Man muß vielmehr sehen, welches der eigentliche historische, der geschichtliche Zusammenhang ist. Denn in einem gewissen Sinne wird man durch diesen geschichtlichen Zusammenhang erkennen, daß ein zeitweiliger Niedergang der europäischen Kultur gewissermaßen, wenigstens der Zeitströmung dieser Kultur nach, eine Notwendigkeit ist, eine ganz gesetzmäßige Notwendigkeit ist.

Und zum Wiederaufbau wird man auf keine andere Weise kommen als dadurch, daß man diese Notwendigkeit einsieht und nicht bei einer bloßen Kritik stehenbleibt. Aber, wie gesagt, auch die innere Ehrlichkeit muß man haben, wirklich über Illusionen hinauszuwollen. Illusionen sind bequem für das augenblickliche Leben, oftmals aber sind sie zerstörend für die wirkliche Weiterentwickelung der Menschheit. Und ich möchte heute eine gewisse Betrachtung vor Ihnen anstellen, die sozusagen eine Art Resümee werden wird über dasjenige, was man sich seit Jahren hier auf geisteswissenschaftlichem Boden innerlich aneignen konnte, und was geeignet sein dürfte, über solche Illusionen der Gegenwart hinweg und zu den Realitäten zu führen.

Was wir uns nämlich immer wiederum klar machen müssen, wenn wir vorurteilslos und unbefangen den eigentlichen Charakter unserer Gegenwartskultur betrachten, das ist, daß diese Gegenwartskultur ganz und gar beruht auf der Art des Denkens, Empfindens und Fühlens, die aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung fließen kann. Diese naturwissenschaftliche Weltanschauung hat auf dem Boden, für den sie geeignet ist, große, gewaltige Menschheitsfortschritte hervorgebracht, und es wäre höchst töricht, diese großen, gewaltigen Menschheitsfortschritte irgendwie abzukanzeln, abzukritisieren.

Erst derjenige, der sie voll anerkennt, der von dieser Seite aus voll auf naturwissenschaftlichem Boden steht, hat ein Recht dazu, wie ich öfter gesagt habe, auch auf das andere hinzusehen, was naturwissenschaftliche Weltanschauung nicht geben kann.

Was uns die Naturwissenschaft gibt, was sie im Grunde genommen einzig und allein nur sucht, ist ein Weltbild, das eben die Natur umfaßt, das alles dasjenige umfaßt, was man in seine Seele hineinbringt, wenn man mit der Sinnesanschauung die Natur überblickt und wenn man intellektuelle Kombinationen bildet aus den einzelnen Sinnesanschauungen. Gerade durch die Absonderung vom Menschen, durch die Absonderung alles desjenigen, was sich aus der Menschennatur selbst ergibt, ist diese naturwissenschaftliche Weltanschauung groß geworden. Das finden Sie des genaueren auseinandergesetzt in meinen beiden Büchern «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln».

Nun muß man auf der andern Seite aber auch einsehen, daß alles, was auf diese Art an naturwissenschaftlichen Anschauungen gewonnen werden kann, und wenn es noch so exakt ist – es soll in seiner Exaktheit gar nicht verkannt werden -, doch über das eigentliche Wesen des Menschen keinen Aufschluß geben kann. Warum das ist, Sie finden es auch begründet in den beiden eben genannten Büchern. Ich will aber hier nur das eine hervorheben: Diejenigen, die glauben, aus bloßer Naturanschauung in der Zukunft irgend etwas erringen zu können, was auch den Menschen selbst begreiflich macht, sie vermeinen, durch die Vervollkommnung der naturwissenschaftlichen Methoden nicht nur das Tote, das Unlebendige, sondern auch einmal das Lebendige begreifen zu können.

Man meint einfach: Bis jetzt ist es nur gelungen, physikalische und chemische Gesetzmäßigkeiten zu durchschauen auf naturwissenschaftlichem Wege, das heißt dasjenige zu durchschauen, was in dem toten Stoff war; aber es werde gelingen, so glaubt man, durch die Fortsetzung dieser Art von Untersuchungen den Aufbau des Lebendigen aus seinen Bestandteilen zu durchschauen, und dann werde man auf naturwissenschaftliche Weise das Lebendige ergriffen haben.

Das Gegenteil davon ist wirklich wahr. Wer hineinsieht gerade in das, wodurch die naturwissenschaftlichen Methoden groß sind – und sie sind groß -, der weiß, daß sie dadurch groß sind, daß sie sich auf das Begreifen des Toten, des Unorganischen beschränken, und daß, je mehr sie sich vervollkommnen, desto mehr auch sie sich entfernen werden von einer Anschauung des Lebendigen. Das heißt, je mehr wir auf naturwissenschaftlichem Boden fortschreiten, desto mehr entsinkt unseren forschenden Blicken das Lebendige und damit der erste Anfang zur Erkenntnis des Menschen. Daß diese Tatsache in der Gegenwart nicht nur eine wissenschaftliche, nicht nur gewissermaßen eine theoretische Angelegenheit ist, sondern daß diese Tatsache heute eine Kulturangelegenheit ist, darüber möchte ich eben in der heutigen Betrachtung einiges anführen. Und ich möchte dazu ausgehen von gewissen geschichtlichen Tatsachen.

Wenn wir zurückblicken auf alte Arten, Weltanschauungen zu gestalten, wenn wir zurückblicken auf dasjenige, was auch da als Erbe noch älterer Weltanschauungen lebte, was in der ägyptischen Kultur oder in der chaldäisch-assyrisch-babylonischen Kultur lebte, gar nicht zu reden von dem, was als altes Erbgut in der alt-indischen Kultur lebte, so wird es heute den Menschen schwer, aus eigentlich innerem Wesen diese alte Erkenntnisart zu durchschauen. Wir haben auf diesem Gebiet wunderbare Forschungen der Assyriologen, der Ägyptologen, aber alle diese Forschungen reichen nicht aus, um etwas anderes als die einzelnen Tatsachen wiederum vor die menschliche Anschauung zu stellen. Sie reichen nicht aus, um das Wesen der alten Erkenntnisart wieder in uns aufleben zu lassen. Das haben wir ja gerade auf anthroposophischem Boden gesucht, und da wird der gegenwärtige Mensch sich von manchem Vorurteil losmachen müssen, das ihm heute, wie gesagt, mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit notwendig anhaftet.

Was dem heutigen Menschen entgegentritt, wenn er sich in vorchristliche Weltanschauungen vertieft, das erscheint ihm ganz selbstverständuch und begreiflicherweise als etwas, was er nur für überwunden halten kann, was er nur für den Ausfluß einer kindlichen Kulturstufe der Menschheit ansehen kann. Wie gesagt, für den heutigen Menschen ist das nicht nur begreiflich, sondern sogar selbstverständuch. Aber für denjenigen, der durch eine gewisse innere geistige Entwickelung, wie Sie sie angedeutet finden in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», die Tatsachen, die durch Assyriologen, Ägyptologen heraufgebracht werden, zu überblicken vermag mit Bezug auf die Frage: Wie stellt sich eigentlich die menschliche Seele zum Weltenall theoretisch und praktisch in den alten Zeiten? – dem wird klar, daß dasjenige, was damals lebte, aus einer ganz anderen inneren Seelenverfassung hervorging, daß es nicht bloß etwas Kindliches war, sondern einfach eine ganz andere Art der Erkenntnis.
Und weil es so ganz anders ist, weil es auf etwas so ganz anderem beruht, als die Art ist, wie wir eigentlich die Welt anschauen, deshalb erscheint es dem Menschen als kindliche Kulturstufe oder als wüster Aberglaube. Für jene alten Anschauungen stand der Mensch viel mehr im Kosmos, im Weltall drinnen, als er heute für seine Anschauungen drinnensteht. Man kann heute das alles lächerlich finden, was die alten Menschen gesagt haben über den Zusammenhang des Menschen mit dem Universum. Man findet es aber nicht mehr lächerlich, wenn man selbst durch eine neue Art der Forschung besonders in gewisse Geheimnisse eindringt, die der naturwissenschaftlichen Weltanschauung eben nicht offen liegen können.

Natürlich ist es für den heutigen Menschen sonderbar, wenn er vernimmt, wenn er liest, daß diese alten Menschen einen Zusammenhang gesehen haben zwischen den einzelnen Kräften unseres Planetensystems und demjenigen, was im Menschen selber vorgeht, oder daß sie einen Zusammenhang gesehen haben zwischen der Stellung der Sonne zu den einzelnen Bildern des Tierkreises und wiederum dem, was im Menschen vorgeht.

Heute kann sich der Mensch zwar denken, daß sein Dasein abhängig ist von der Zusammensetzung der Luft irgendeiner Gegend, in der er ist, von der BodenbeschafFenheit und auch von der sozialen Ordnung, in der er drinnen lebt, aber er kann sich eine weitergehende Abhängigkeit des Menschen von den großen Vorgängen des Weltenalls nicht mehr vorstellen. Diese großen Vorgänge des Weltenalls sind ihm nur Gegenstand einer mathematischmechanischen Betrachtung geworden. So ist es geworden, seitdem aus dem noch umfassenderen Weltbilde des Kepler die neuere Zeit dasjenige herausgeschält hat, was nur einer mathematisch-mechanischen Betrachtung unterliegt. Ja, man kann sagen: Gewissermaßen unter der Oberfläche der Menschheitskultur, die man für die heutige Zeit als die eigentlich angemessene findet, liegt allerlei, das an jene alten Anschauungen erinnert. Was macht sich heute alles geltend an Aufwärmung von alten Anschauungen über den Zusammenhang des Menschen mit dem Universum.

Wir sehen aufblühen astrologische Bestrebungen, theosophische Bestrebungen und so weiter. Alle diese Bestrebungen, sie sind ja, wie ich öfter hier im einzelnen dargestellt habe, nichts weiter als die ganz unverständigen, unter das menschliche, für die heutige Zeit erforderliche Bildungsniveau heruntergesunkenen alten Überlieferungen. Im besten Falle sind es wüste Dilettantismen, die getrieben werden von Menschen, die vielleicht fühlen, daß es noch eine Wahrheit, daß es Geheimnisse gibt hinter dem, was naturwissenschaftlich erforschbar ist, die aber nicht auf das eingehen wollen, was aus den Menschenkräften der gegenwärtigen Zeit selbst hervorgehen kann. In der Aufwärmung alter vorchristlicher Wahrheiten dürfen wir kein Ziel für unsere gegenwärtige Kultur sehen, und je mehr wir uns bemühen, immer wiederum Altes aufwärmen zu wollen, desto mehr schaden wir dem wirklichen Fortschritt. Wir müssen das, was als Sektiererei menschlich eigensinnig unter der Decke der eigentlichen Kultur waltet, rücksichtslos ablehnen können, sonst erwerben wir uns in der heutigen Zeit nicht das Recht für die Pflege der wirklichen Geisteswissenschaft neben der Naturwissenschaft.

Aber anschauen muß man es sich doch, gerade weil es überwunden werden muß, so wie es da ist. Unbefangen, vorurteilslos anschauen muß man sich das, was die alten Menschen als den Inhalt ihrer Erkenntnis gehabt haben. Heute wird ja von denen, die in der eben geschilderten Weise die Dinge aufwärmen, die Sache ziemlich dilettantisch behandelt. Im alten Menschen ging auf zum Beispiel, daß er im Innersten seines Seelenseins anders empfand, einfach unterbewußt anders empfand als sonst, wenn über seinem Haupte irgendwo, namentlich im Zenit, Saturn, Jupiter oder Mars stand, und daß er in seiner Seele anders empfand als sonst, wenn unter dem Horizont unsichtbar Venus, Merkur stand. Er sagte sich aus diesen inneren Erlebnissen heraus: Es gibt eine Wirkung des Oberen. Und unter der Wirkung des Oberen auf den Menschen verstand er dasjenige, was ausstrahlt von Saturn, Jupiter, Mars, was er einfach erfuhr, was er kannte, gerade wie wir wissen, wenn uns ein Windzug an die Seite schlägt. Diese Empfindung hat die Menschheit eben verloren. Er wußte: die Ausstrahlungen von Saturn, Jupiter, Mars sind am stärksten, wenn diese drei Planeten oben sichtbar über dem Horizont stehen. Und er wußte: die stärkste Wirkung auf seinen menschlichen Organismus geht aus von Venus und Merkur, wenn diese Planeten unterhalb des Horizontes stehen. So gliederte sich ihm die Welt, mit der er den Menschen im Zusammenhang dachte, in eine obere Welt, die Welt des Jupiter, Saturn, Mars – die ihm diese obere Welt war, auch wenn über dem Horizont sichtbar waren Venus und Merkur, denn er sagte sich: über dem Horizont haben diese beiden Planeten nicht ihre eigentliche Wirkung -, und in die untere Welt, die für ihn im Außenraum realisiert war, wenn die beiden Planeten zusammen, Merkur und Venus, unter dem Horizont standen.

Kurz, der Mensch dachte sich im Zusammenhang mit dem ganzen Universum. Wir versäumen es heute ja schon, uns im Zusammenhang mit dem allernächsten Stück unseres Universums zu betrachten. Denken Sie doch nur einmal: der Luftkörper, den Sie eben eingeatmet haben, der in Ihrem Organismus arbeitet, er wird bald wiederum außerhalb des Organismus sein. Das heißt, das was draußen ist, ist nachher drinnen, was jetzt drinnen ist, ist nachher draußen. Sie können sich nur scheinbar abgrenzen von der Außenwelt dadurch, daß Sie die Abgrenzung von Ihrer Haut für Wirklichkeit nehmen. Aber Sie sind in Wirklichkeit nichts anderes als ein Stück dieser Außenwelt. Denn das, was jetzt in Ihnen ist, ist dann draußen, und was draußen ist, ist dann in Ihnen. Wir beachten das eigentlich kaum. Jedenfalls verwenden wir auf diese eminente, bedeutungsvolle Tatsache keine eigentliche Erkenntnisbetrachtung.

Der alte Mensch hat diese Abhängigkeit eben weiter ausgedehnt gedacht, weil er von feinerer Sensibilität war, weil er noch anderes wahrnehmen konnte als das Einatmen und Ausatmen, das der heutige Mensch ja auch kaum noch beachtet. Wie sich der heutige Mensch beim Atmen noch als ein Stück seiner Erdenatmosphäre fühlen kann – aber auch nur dann, wenn er ein bißchen nachdenkt -, so fühlte sich der alte Mensch als ein Stück des ganzen ihm überschaubaren Universums. Alles, was im Universum draußen ist, dachte er von einer Wirkung im Menschen, den er deshalb Mikrokosmos nannte, und alles das, was sich irgendwie ankündigte in diesem Mikrokosmos, für das dachte er auch etwas Entsprechendes draußen im großen Weltenall, im Makrokosmos.
Dieser Satz «Der Mikrokosmos entspricht dem Makrokosmos», er wird heute oftmals ausgesprochen. Wie er aber heute ausgesprochen wird, ist er eine Phrase. Denn keine Phrase ist er nur, wenn ihm die lebendige innere Empfindung zugrunde liegt, die dem alten Menschen in seiner feineren Sensibilität zugrunde gelegen hat, und die der heutige Mensch nicht mehr hat. Es ersteht ein wunderbares Bild von dem Zusammenhang des einzelnen Menschen mit dem Universum, ganz gleichgültig, ob man es als Aberglaube oder als alte Weisheit, als alte Wissenschaft ansieht, es entsteht ein wunderbares Bild, wenn man dasjenige ins Auge faßt, was in dieser alten Weisheit oder meinetwillen in diesem alten «Aberglauben» als eigentliche Menschengeheimnisse liegt.

Nun liegt aber die Sache geschichtlich in der folgenden Art. Noch im achtzehnten Jahrhundert, sogar noch etwas hineinragend in das neunzehnte Jahrhundert, gab es, allerdings unter der Oberfläche der Schulwissenschaft, dessen, was man Bildung nennt, eine sich fortsetzende Tradition von dieser alten Weisheit oder meinetwillen altem Aberglauben. Es hätte nicht geben können solche Geister wie Paracelsus, wie Jakob Böhme, nicht einmal wie Tauler oder Eckardt oder Valentin Weigel, wenn es nicht diese fortlaufende alte Tradition gegeben hätte. Diese Meister wären ganz unmöglich gewesen.
Aber das Eigentümliche ist, daß die menschliche Empfänglichkeit sich abstumpft für diese alten Dinge, je weiter das neunzehnte Jahrhundert vorschreitet. Wie gesagt, im beginnenden neunzehnten Jahrhundert hatte sich noch manches erhalten.

Dann stumpfte sich die menschliche Empfänglichkeit, das menschliche Fassungsvermögen für diese Dinge ab. Und das Bewußtsein des früheren Menschen: Ich stehe als Mensch nicht verlassen auf meinen zwei Beinen oder auf den Sohlen meiner Füße, sondern ich stehe da als ein Glied des ganzen Universums -dieses Bewußtsein war aus den Untergründen, aus denen es in alten Zeiten berauserblüht war, nicht mehr vorhanden für die neuere Menschheit. Daher die weltgeschichtliche Notwendigkeit, daß der heutige Mensch aus seiner Empfindung heraus dasjenige, was ihm aus früheren Zeiten überliefert ist, als einen alten Aberglauben, als eine kindliche Anschauung der menschheitlichen Entwicklung ansieht.

Das ist es, was man heute so verkennt, daß der Mensch auch mit Bezug auf sein Erkenntnisvermögen in einer wirklichen Entwicklung lebt. Es ist merkwürdig, wie auf diesem Gebiet die Menschen die Widersprüche nicht bemerken, in denen sie leben. Auf der einen Seite redet heute alles auf der Grundlage des Darwinismus von Entwicklung, aber von der Entwickelung des Menschen selber redet man wenig. Daß unsere Art, die Welt anzuschauen, nicht etwa geboren worden ist mit der Entstehung der Menschheit, sondern daß sie ein Entwickelungsprodukt ist, das wird man theoretisch wohl zugeben; allein, sobald es darauf ankommt, praktisch mit einer solchen Wahrheit zu leben, wird man sich heute nicht auf den Boden dieser Wahrheit stellen wollen.
Nun entsteht aber doch die Frage: Was ist denn das eigentlich Reale in dieser alten Weltanschauung gegenüber unserer gegenwärtigen Erkenntnisart, was ist das eigentlich Wirkliche in diesen Dingen drinnen? Das eigentlich Wirkliche in diesen Dingen ist, daß wir eben Fortschritte machen mußten auf dem Gebiet des toten Weltenalls, des mechanisch-physikalisch-chemischen Weltenalls. Diese Fortschritte, die wir in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, und zunehmend im neunzehnten Jahrhundert, gemacht haben, diese Fortschritte wären nicht möglich gewesen, wenn die alte Art der Anschauung weiter sich
fortgepflanzt hätte. Diese Dinge überschaut derjenige recht, der sie, ich möchte sagen, in ihren Knotenpunkten durchschaut.

Gerade die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist ein solcher Knotenpunkt in der Menschheitsentwickelung. Am Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, da fielen zusammen eine ganze Reihe von menschheitlichen Fortschritten, die uns in ihrem eigentümlichen Verhalten zueinander zeigen, was eigentlich Wichtiges und Wesentliches und heute noch nicht Erkanntes diese Mitte des neunzehnten Jahrhunderts innerhalb der Menschheitsentwickelung war. Gewisse Dinge entgehen, weil sie nicht zur allgemeinen Bildung gerechnet werden, dem menschlichen Beobachter auf diesem Felde. Daß 1858 von Gustav Theodor Fechner ein Buch übet «Psycho-Physik» erschienen ist, das entgeht gewöhnlich dem Beobachter auf diesem Felde, weil es nicht zur allgemeinen Bildung gerechnet wird. Aber demjenigen, der in feiner Art eingeht auf die menschliche Entwickelung, der wird sehen, daß in dieser Psycho-Physik sich ein Grundzug ausspricht der ganzen modernen Art, die Welt anzuschauen. Psycho-Physik: das Psychische nurmehr sehen durch die äußeren physischen Kundgebungen, das ist in diesem Buche als besonderer Charakterzug in geistreicher Art enthalten; denn Gustav Theodor Fechner war ein sehr geistreicher Mann.
Ein zweites, das zusammenfällt, auf das Jahr hin zusammenfällt, das ist die Entdeckung der Spektralanalyse von Kirchhoff und Bunsen, wodurch substantiell die Einheit des Weltenalls bewiesen werden soll, indem man spektralanalytisch hinaussieht in das Weltenall, das heißt, wenn man nur hinaussieht durch eine menschliche Erkenntnisart, die diametral, oder besser gesagt, polarisch entgegengesetzt ist derjenigen Anschauung, die ich Ihnen vorhin charakterisiert habe als das Sich-drinnenstehend-Fühlen des Menschen in dem ganzen Universum. Die Spektralanalyse sieht die stoffliche Einheit; die alte Weltanschauung ging bloß auf die geistige Einheit mit dem gesamten Kosmos. Da haben Sie gleich zwei wichtige Fortschritte der neueren Zeit, welche ganz klar auf das hinweisen, was den Umschwung in der neueren Erkenntnisanschauung zeigt. Und nicht ohne inneren Zusammenhang, zusammengehalten durch die innere Menschennatur, stehen mit solchen Erscheinungen dann andere.

Nehmen Sie nur einmal das Folgende. Ich weiß nicht, wieviele Menschen an diesem Punkte klar beobachtet haben; wer sich aber Mühe gegeben hat, wer in diesen Dingen nicht obenhin spricht, sondern aus der Erfahrung sprechen will, der konnte folgende Beobachtung machen: Man konnte auf sich wirken lassen 1859, also die Zeit, in der die Spektralanalyse heraufgekommen ist, in der die Fechnersche «Psycho-Physik» erschienen ist, man konnte beobachten, da es das Säkularjahr des Geburtsjahres Schillers war, was bei der Enthüllung der verschiedenen Schiller-Denkmäler und was bei den Schiller-Festen im Jahre 1859 für Schiller-Reden gehalten worden sind. Da kann nun derjenige, der diese Dinge beobachtet, wirklich bemerken, wie die alte Schiller-Verehrung gerade im Säkularjahr in den Reden, die gehalten werden, ins Phrasenhafte übergeht, wie sie nicht mehr in ihrer ursprünglichen elementaren Lebendigkeit vorhanden ist, wie der Idealismus Schillers verklingt und das, was man noch über Schiller zu sagen hat, Phrase wird.

Und wiederum, auf das Jahr hin gleichzeitig, erscheint das erste, sozusagen Standard Werk, das erste tonangebende Werk über materialistische Geschichtsforschung, das Buch über die politische Ökonomie von Karl Marx. Dieses trifft zusammen mit vielen anderen Erscheinungen. Da verknotet sich dasjenige, was als Fäden die Entwickelung der neueren Menschheit durchzieht. Und hat man sich einmal damit beschäftigt, die alte Menschheitsanschauung, wie sie zum Beispiel noch am Ende des achtzehnten Jahrhunderts lebte – selbst bei den Bannerträgern der Französischen Revolution befaßte man sich damit -, den Fortgang dieser alten Anschauung über den Menschen zu verfolgen ins neunzehnte Jahrhundert hinein, so sieht man ein Abglimmen, sieht man, wie diese Funken abglimmen. Unser Freund Sellin hat neulich ein Buch veröffentlicht: Louis-Claude de Saint-Martin «Gott – Mensch – Welt» in deutscher Übersetzung. Ich glaube, daß möglichst viele ‚Menschen das Buch lesen sollten, und daß möglichst viele Menschen so ehrlich sein sollten, sich zu sagen: Eigentlich verstehe ich doch nicht einmal einen einzigen Satz in seiner wirklichen Grundlage, wie er in diesem Buche steht. – Diejenigen, die sich etwas in Geisteswissenschaft – die wiederum in moderner Weise etwas herausholt aus den geistigen Grundlagen – versetzen können, die werden einiges ahnen von dem, was bei Saint-Martin wirklich vorhanden ist. Aber mit der heutigen Menschheitsbildung, man sollte ehrlich darin sein, muß man dasjenige, was bei Saint-Martin steht, für reinen Unsinn ansehen. Daß man nicht ehrlich ist in solchen Dingen, daß man die Dinge, die alt sind, zu verstehen glaubt, ist eben die Unehrlichkeit im heutigen Menschheitsdenken.

Und was hat diese Entwickelungsstufe der Menschheit herbeigeführt? Gerade die Notwendigkeit, sich in die mechanisch-physikalisch-chemische Weltordnung zu vertiefen. Man kann sich kaum etwas Unmöglicheres denken, als etwa vom Standpunkte derjenigen Weltanschauung, die Jakob Böhme gepflegt hat, oder die Paracelsus oder Saint-Martin gepflegt hat, zur heutigen Physik oder Mechanik oder Chemie zu kommen. Das ist unmöglich. Es läßt sich nicht alles in einen Topf werfen, das ist unmöglich. Die Menschheit mußte für eine Zeit ablegen die ganz andere Art des Vorstellens, die sie gehabt hat, um die Fortschritte auf physikalisch-chemisch-mechanischem Gebiet, die einmal für die Entwickelung der Menschheit dringend notwendig sind, zu machen.

Aber diese Fortschritte liegen in der Erkenntnis des Unlebendigen, des Toten. Und gerade dadurch – das muß immer wieder betont werden – ist die naturwissenschaftliche Weltanschauung groß geworden, daß sie die exakte, die gewaltige, die bewundernswerte Methode ausgebildet hat für die Erkenntnis des Toten. Aber was mußte dadurch zeitweilig für den Menschen verlorengehen? Heute lebt diese Erkenntnis des Toten nicht bloß in der Auffassung der Natur. In jedem Zeitungsartikel, in der allgemeinen Bildung durchzieht sie die Gedankenform der Menschen, so daß sie alles nach dem Muster der Naturwissenschaft auffaßt und gar nicht mehr anders kann, als alles, was für sie in der Welt ist, nach dem Muster der Naturwissenschaft anzuschauen, so anzuschauen, als ob die Naturwissenschaft das einzig Wirkliche geben könnte, und als ob alles das, was in die Wirklichkeit versetzt werden soll, auch mit naturwissenschaftlicher Denkungsart durchzogen werden soll.

Aber nun hat diese naturwissenschaftliche Denkungsart, die so groß auf naturwissenschaftlichem Felde selbst ist,
eine bestimmte Wirkung, wenn sie im anderen menschlichen Leben sich äußert. Sie macht, noch nicht in der ersten Generation, vielleicht auch nicht in der zweiten, nicht bei dem Forscher selbst, sondern erst bei dem Schüler und bei denjenigen, die dann die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in Weltanschauungen umwandeln, sie macht antisozial, sie begründet antisoziale Triebe. Darüber darf man sich nicht in irgendeiner unehrlichen, illusionistischen Weise hinwegsetzen, daß es die Folge des Durchdringens unseres ganzen Seelischen mit naturwissenschaftlichen Anschauungsformen ist, daß wir antisoziale Triebe entwickeln, denn dasjenige, was uns am besten eindringen läßt in die Geheimnisse der Natur, das entfernt uns von der Auffassung unseres Nächsten, des Menschen.

Und wir können noch so oft sagen: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst -, wenn wir unsere ganze menschliche Seele durchziehen lassen nur von naturwissenschaftlichen Anschauungen, so gehen in uns auf antisoziale Triebe, die uns diesen Satz oder alle Sätze von Brüderlichkeit zu einer bloßen Phrase machen. Und so entsteht die eigentümliche Tatsache, daß der Ruf nach sozialer Ordnung in einer Zeit entsteht, die von einer anderen Seite her die antisozialsten Triebe hat. Das ist das Bedeutsamste in unserer Zeit, auf das der Ehrliche heute dringend hinschauen muß. In diesem Hinschauen darf man sich durch nichts beirren lassen, durch kein Klebenbleiben an alten Anschauungen, durch kein agitatorisches Auftreten von dieser oder jener Seite. Hier in diesem Punkte muß ehrlich und geradeaus gesehen werden. Und das ist der wirklich innere Grund, warum nicht weiterzukommen ist in der gegenwärtigen Zeit ohne eine geistige Erneuerung, ohne ein Wiedererkennen der geistigen Welt vom innersten Menschen aus. Im Laufe der Menschheitsentwickelung sind die Fähigkeiten verlorengegangen, welche durch Beobachtung der äußeren Welt den Menschen als Glied des Universums sich selbst erscheinen lassen.

Von innen heraus müssen wir uns eine geistige Welt wieder aufbauen. Das setzt sich die anthroposophische Weltanschauung zu ihrer Aufgabe, den Untergrund dadurch schaffend für eine wirklich soziale Gestaltung der neueren Menschheits Ordnung.
Gewiß, es würde heute sehr deplaziert sein davon zu sprechen, daß man nur das Innere pflegen soll; das wäre ein gewisser raffinierter innerer Egoismus. Man muß heute davon sprechen, wie die äußeren Einrichtungen neu aufgebaut werden müssen. Aber man muß sich immer bewußt bleiben dessen, daß man in den bestaufgebauten Einrichtungen dennoch nicht weiterkommen würde, wenn nicht die Menschen sich aneignen würden die Fähigkeiten, eine geistige Welt von innen heraus wiederum aufzubauen.

Einen Anfang, eine geistige Welt von innen heraus wieder aufzubauen und das Angefangene populär darzustellen, ich habe ihn versucht mit den Büchern «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln». In dem Buche «Von Seelenrätseln» habe ich zum erstenmal eingehend darauf hingewiesen, daß der Mensch, wenn er sich wirklich innerlich anschaut, nicht die chaotische Einheit ist, von der diejenigen sprechen, die heute nur an der Leiche, das heißt an dem Toten die Menschennatur erkennen wollen. Wie der Mensch in Wirklichkeit ist, ein Kopforganismus, ein rhythmischer oder Brustorganismus und ein Gliedmaßenorganismus – die genaueren Zusammenhänge finden Sie in meinem Buche «Von Seelenrätseln» im Anhang -, das, was gefunden ist mit Berücksichtigung aller Fortschritte der neueren Naturwissenschaft, die Anschauung von der Dreigliedrigkeit der menschlichen Gestalt, das muß einer der Ausgangspunkte werden für eine reale Anschauung des Menschen in der Zukunft überhaupt. Der Mensch muß darauf kommen, welch großer Unterschied in ihm liegt, wenn er sich betrachtet als Hauptes-, als Brust- und als Gliedmaßenmensch mit allem, was mit den Gliedmaßen zusammenhängt, namentlich als Sexualorgane, die immer nur nach innen gelegene Fortsetzungen der Gliedmaßenorgane sind, und ebenso noch als die eigentlichen Stoffwechselorgane.
Betrachtet man den Menschen so als dreigliedriges Wesen, dann versteht man erst seine höhere Einheit, während die gewöhnliche Naturwissenschaft heute im Menschen alles durcheinander wirft. Denn, wer einmal den Grund gelegt hat zu dieser Anschauung des Menschen von der Dreigliedrigkeit, der begreift den Menschen wiederum drinnenstehend im Universum, aber jetzt nicht als Raumeswesen, sondern als Zeitwesen. Und das gibt den großen Unterschied zwischen unserer und der gegenwärtigen Erkenntnisart.

Da hat der Goetheanismus die elementare Grundlage geschaffen, da muß man auf dem Wege des Goetheanismus weiter forschen, dann kommt man zu einer wirklichen Menschenerkenntnis. Dann betrachtet man den Menschen, wie er uns als Haupteswesen entgegentritt so, daß man auf diese Form, auf diese Gestaltung des Hauptes einsichtig hinzuschauen vermag. Dann weiß man die Gestaltung des menschlichen Hauptes ganz mit der Embryologie in Zusammenhang zu bringen und schaut auf die Tatsache hin, daß die Embryologie des Menschen von der Hauptgestaltung ausgeht, und die anderen Gestaltungen, die anderen Organgestaltungen eigentlich mehr oder weniger sekundär, der Form nach, hinzugefügt werden. Dann aber findet man auch, wie dieses menschliche Haupt in einer ganz anderen Weise im Zusammenhang steht mit dem, was der Mensch zusammenfaßt, wenn er sagt: «Ich», als der Brustmensch, der im wesentlichen ein rhythmischer Mensch ist. Im Haupte ist die vollkommenste Menschenorganisation, man könnte sagen, schon von der Embryonalbildung des Menschen an. Das Haupt ist gerundet wie das Weltenall selbst, und was nicht Rundung ist im Haupte, das ist nur deshalb abweichend von der Rundung, weil es zusammenhängen soll mit dem ganzen übrigen Organismus. Das Haupt hat eine gewisse Selbständigkeit, nur daß sich gewisse Eigenschaften des Hauptes dann auch über die anderen Glieder des menschlichen Organismus ausdehnen, weil doch das Ganze eine Einheit ist, und weil das, was ich über die Hauptesbildung sage, nur extrem am Haupte ausgebildet ist, sich aber metamorphosisch an den anderen Gliedern des Menschen wiederholt; goethisch gesprochen: Wenn das Haupt gewissermaßen morphologisch in höchster Vollkommenheit darstellt, was am Menschen aus inneren Grundlagen heraus sich verwirklichen will, so stellt uns der Gliedmaßenmensch dasjenige dar, was am Menschen, ich möchte sagen, nur rudimentär menschlich gebildet ist, was am wenigsten vollkommen die menschliche Gestalt gibt. Und der Brustmensch steht mitten drinnen. Der Brustmensch lebt eigentlich durch die rhythmischen Bewegungen, denn im Grunde genommen ist im Menschen alles rhythmisch bewegt. Und ich habe, ich möchte sagen, einen auffälligsten Rhythmus in der Menschheitsentwickelung angegeben in früheren Vorträgen.

Die heutige Menschheit hält solche Dinge für Zufall. Aber wenn sie diese Dinge für Zufall hält, so wird das die Menschheit noch weiter in ein ruinöses Denken hineinführen. Ich habe Ihnen gesagt: Nimmt man die Zahl der Atemzüge in einer Minute, so ist das Merkwürdige, daß man einen gewissen Rhythmus herausbekommt in der Zahl der Atemzüge für einen Tag, für vierundzwanzig Stunden, und daß man in vierundzwanzig Stunden so viel Atemzüge macht, als man Tage im normalen Lebenslauf im Menschenleben erlebt, wenn man etwa zweiundsiebzig Jahre alt wird. Und daß das wiederum dieselbe Zahl ist wie die Zahl eines sogenannten platonischen Sonnenjahres, die Zahl jener Jahre, in der die Sonne scheinbar den ganzen Tierkreis durchläuft.
Das ist nur ein Ausschnitt aus dem Rhythmischen, in welchem der Mensch durch seinen Atmungs-Brust-Prozeß im ganzen Weltenall drinnen lebt. Der Mensch ist dieses dreigliederige Wesen. Und nun stehen wir gerade, diese Dreigliederung des Menschen betrachtend, vor dem Ausgangspunkte einer Erkenntnis, die ich heute nur anzudeuten brauche, denn im Grunde genommen haben wir soundso oft von den Einzelheiten gesprochen, heute haben wir sie in bezug auf ihre morphologische Einheit angeschaut.

Wir stehen am Ausgangspunkte einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis, welche klar vor den Menschen hingestellt wird: Kopfbildung ist Folgeerscheinung desjenigen, was der Mensch durchgemacht hat, bevor er durch die Geburt oder durch die Empfängnis in das physische Dasein gekommen ist. In der Kopf bildung leben diejenigen Kräfte, die der Mensch im geistigen Leben durchgemacht hat, bevor er durch die Empfängnis ins physische Dasein gekommen ist. In alledem, was in der Brustbildung lebt, lebt dasjenige, was der Mensch hier zwischen Geburt und Tod erleben und ausgestalten kann. Und in der Gliedmaßenbildung lebt die metamor-phosierte Anlage zu dem, was der Mensch post mortem, nach dem Tode, im geistigen Leben ist. Dasjenige, was mit dem ökumenischen Konzil 869 eigentlich aus dem Bewußtsein der europäischen Menschheit herausgetrieben worden ist, die Präexistenz der Menschenseele, die auch erst eine wirkliche Anschauung über die Postexistenz gibt, das wird naturwissenschaftlich erwiesen werden können, wenn die Menschen sich nur erst hineingebracht haben werden in die entsprechenden Denkgewohnheiten.

Dann wird es nur eine Stufe sein zur Erkenntnis der wiederholten Erdenleben, über die wir ja oft genug gesprochen haben. Aber diese ganze Erkenntnis muß von innen heraus gebaut werden. Was der alte Mensch herausgebaut hat aus der Anschauung des Weltenalls und seines Zusammenhanges damit, weil er noch eine höhere Sensibilität hatte, das muß der moderne Mensch von innen heraus aufbauen durch eine innere starke Kraft, die er sich aneignen kann auf die Weise, wie ich es in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert habe. Und diese Kräfte – der einzelne kann sie ja nur aus Erkenntnis haben -, diese Kräfte werden sozial ausgebildet werden, wenn wir solche Wissenschaft vom Menschen treiben, die uns wiederum im Physischen das Seelische und Geistige erkennen läßt. Aber nicht so, daß wir davon in bloßer Phrase schwätzen. Denn alles, was auch die heutige Philosophie von Seele und Geist redet, ist ein Schwätzen in bloßer Phrase.

Von Realitäten spricht man nur, wenn man sagen kann: Sieh dir dein Haupt an, das ist der Abglanz, das Spiegelbild einer vorgeburtlichen Geistesentwickelung. – Da hat man eine reale Tatsache, da beginnt erst das Recht, von diesen Dingen im Sinne der modernen Weltanschauung zu sprechen. Erst wenn man sagen kann: Deine Gliedmaßen zeigen die metamorphosierte Vorbildung für die Hauptesbildung des nächsten Erdenlebens -, steht man auf realem Boden. Dann redet man konkret über diese Dinge. Und diese Art zu denken, die wird, weil in der Menschenseele alles im Zusammenhange steht, die wird der Menschheit wiederum soziale Triebe einimpfen. Davon wird wiederum soziales Empfinden ausgehen. Denn zwischen der alten Weltanschauung, die auf den Raum, und der neuen Weltanschauung, die auf die Zeit sich bezieht, steht der Impuls, der als der Impuls des Christentums in die Menschheit eingeschlagen hat, der gleichsam bedeutet: Hinweg aus der äußeren bloßen Raumesanschauung -, der hinlenkt auf die innerste Menschennatur. Aber man darf nicht stehenbleiben beim bloßen Hinlenken auf das wirre, chaotische Gefühl, man muß in dem Gefühl wiederum eine konkrete Weltanschauung aufleuchten lassen, aber eine Weltanschauung, die jetzt den Menschen zeitlich hineinstellt in das Weltenall.

Zwischen diesen beiden Dingen stehen wir in der Gegenwart. Verlorengegangen ist uns die alte Raumesanschauung, geboren werden muß aus sozialen und menschheitlichen Schmerzen heraus die neuere Zeitenanschauung über die Entwickelung des Menschen. Und Europa hat bisher sich ganz hingegeben der niedergehenden Raumesanschauung. Es muß dieses Europa lernen, in sich aufgehen zu lassen die Zeitenanschauung. Das ist die Gabelung jenes Weges, auf dem die europäische Zivilisation bisher gegangen ist, und auf diesem Gabelungspunkt ist zu entscheiden, ob wir hineinsausen wollen in die Vernichtung, oder ob wir zu einem neuen Leben die europäische Zivilisation erwecken wollen. Von der Vernichtung spricht vieles; zu dem Sprechen von einem neuen Leben rafft sich noch weniges auf. Aber einzelne Stimmen klingen merkwürdig aus dem heraus, was die sogenannte europäische Zivilisation ist.
Der dekadenteste Teil dieser europäischen Zivilisation steckt wohl, wie ich im einzelnen öfters ausgeführt habe, in der romanischen Kultur. Der Versailler Friede ist nur das letzte Zappeln der untergehenden romanischen Kultur, die unbewußt gefühlt wird, die ein letztes Mal sich wie eine Realität in der Welt benimmt, während sie längst innerlich dem Untergang geweiht ist. Aber dieser Untergang läßt merkwürdige Geistesblüten erstehen. Und, ich möchte sagen, derjenige, der innerlich durchschaut die menschliche Entwickelung, der atmet auf, wenn ihm so etwas gegenübertritt wie in einem neueren Buche über die Kunst von Benedetto Croce, Benedetto Croce hat in Texas, nicht in Europa, vier Vorträge über die Kunst gehalten. Der erste heißt «Was ist die Kunst? », und in diesem Vortrage steht ein Satz, der aber nichts anderes ist als der Extrakt einer umfassenden romanischen Kunstanschauung, das heißt einer Kunstanschauung, die aus dem dekadenten Romanentum herausgeht wie das Aufleuchten einer neuen Zeit, wie aus dem verfaulenden Pflanzensamen die neue Pflanze sich erhebt.
«Aber mit Bewußtsein und methodisch ist dieser Versuch in der Geschichte des Denkens häufig unternommen worden» – er meint den Versuch, durch das heutige Denken die Kunst zu begreifen, und er sieht diesen Versuch als einen vergeblichen an -, « angefangen von den < Kanons >, welche die griechischen und die Renaissancekünstler und -theoretiker für die Schönheit der Körper festgesetzt haben, von den Spekulationen über die geometrischen und arithmetischen Beziehungen, die in den Figuren und Tönen zu bestimmen seien, bis hin zu den Untersuchungen der Ästhetiker des neunzehnten Jahrhunderts, zum Beispiel Fechners, und zu den < Mitteilungen), die auf den Philosophen-, Psychologen- und Naturforscherkongressen unserer Tage die Unkundigen über die Beziehungen der physischen Erscheinungen zur Kunst vorzulegen pflegen.» Als ich in München sprach vom lebendigen Erfassen der Kunst, von einem Erfassen der Kunst, das von diesem Erfassen der Kunst durch das tote naturwissenschaftliche Erkennen absieht, da erhob sich zunächst selbstverständlich überall Widerspruch. Aber Croce fährt fort: «Fragt man sich, aus welchem Grund die Kunst keine physische Tatsache sein kann, so ist in erster Linie zu antworten » - ich bitte, hören Sie jetzt! -, « die physischen Tatsachen haben keine Wirklichkeit, während die Kunst, der so viele ihr ganzes Leben widmen und die alle mit göttlicher Freude erfüllt, in höchstem Maße wirklich ist. Also kann sie keine physische, das heißt unwirkliche Tatsache sein.» Nun bitte ich Sie, hinzuschauen im Geiste auf das verdutzte Gesicht des europäischen Spießertums, jenes verdutzte Gesicht, von dem man sich sagen lassen muß: Ja, aber alles das, was da draußen im Räume ist, ist doch das Wirkliche, die Kunst ist das Unwirkliche. Und da schreit hier ein Mensch einem aus feinster Kunstempfindung entgegen: Die Kunst kann keine physische Tatsache sein, weil die physischen Tatsachen unwirklich sind und die Kunst gerade zur Wirklichkeit hin muß. Das ist so etwas von dem, was umgekehrt werden muß in gewisser Beziehung. Und jenseits der Kunst, da liegt erst dasjenige, was erreicht wird auf einem Wege, dessen erste elementare Stufen ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» bezeichnet habe. Da liegt das lebendige Anschauen der wahren Welt, der wahren Wirklichkeit. Aber es ist etwas Großartiges, zu sehen, wie ein Mensch, wie dieser Croce, schon ahnt, daß die Kunst wirklicher ist als das, was der biedere Spießer als das einzig Wirkliche anerkennt. Denn im Grunde genommen möchte doch dieser Spießer sagen, wenn er in einem Drama sieht, wie ein Mensch getötet wird: Nun, Gott sei Dank, es ist ja nicht wirklich. - An solchen Dingen zeigt sich eben das starke Zusammenstoßen zwischen dem Alten und dem notwendigen Neuen, und sicher wird es sogar die Kunst sein, auf deren Boden sich die gewaltigsten Kämpfe in der Gegenwart abspielen müssen. Denn diejenige Anschauung, die sich ihr Muster genommen hat nur an dem Toten, die in der Naturwissenschaft zu so großen Triumphen geführt hat, die segelt im sozialen Leben auch hin zu einer bloßen Gestaltung eines Toten, eines solchen, das untergehen muß. Nach naturwissenschaftlichem Muster ist der Marxismus aufgebaut. Die soziale Ordnung will er so begreifen, wie man die äußere Naturordnung begreift. Was hat er erreicht? Eine schöne, großartige, geniale Kritik der modernen Wirtschaftsordnung. Aber er steht vor der Unmöglichkeit, nun etwas hinzusetzen an die Stelle dieser modernen, von ihm kritisierten Wirtschaftsordnung. Und derjenige, der sich hineinvertiefen kann in die Frage: Was für ein Aufbau konnte durch den Marxismus, durch die Auslebung des Marxismus erreicht werden? - er wird sagen: Nichts, Zerstörung nur, realisierte Kritik, das heißt Zerstörung konnte einzig und allein erreicht werden. - Ist es nicht sonderbar, wenn da, wo die äußerste Konsequenz des Marxismus gezogen worden ist für das äußerliche Leben, in Osteuropa und Rußland, eine merkwürdige Kritik auftaucht, eine Kritik, die wirklich die letzten Konsequenzen des Marxismus ziehen konnte, die das äußere soziale Leben so einrichtete, wie sie es als Konsequenz des Marxismus auffassen mußte, und wenn sie dann auf eine merkwürdige Art erst durch Erfahrung auf solche Dinge kommt, wie sie in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft» angegeben sind! Denn in den «Kernpunkten» können Sie finden, daß eigentlich dasjenige, was noch an einzelnen Gedanken im Marxismus lebt, nichts anderes ist als das Erbe der bürgerlichen Weltanschauung, Überall haben es ja die Leute mit der toten Weltanschauung zu tun, wenn sie irgend etwas aus dem Marxismus heraus aufbauen wollen. Und ist es nicht sonderbar, wenn dann ein Kritiker dessen, was in Rußland vorgeht, die merkwürdigen Sätze spricht: «Wir waren auf die Hilfe von bürgerlichen Spezialisten angewiesen, die durch und durch von der bürgerliehen Psychologie durchdrungen waren, und die uns verraten haben und noch Jahre hindurch verraten werden. Nichtsdestoweniger wäre es kindisch, die Frage in dem Sinne zu stellen, ob wir den Kommunismus aufzubauen hätten nur rein mit kommunistischen Händen und ohne Zuhilfenahme bürgerlicher Spezialisten. » Und weiter: «Ohne das Erbe der kapitalistischen Kultur vermögen wir den Sozialismus nicht aufzubauen. Es kann auf nichts anderem der Kommunismus aufgebaut werden als auf dem, was der Kapitalismus uns hinterlassen hat.» Das heißt: Wir tragen, einfach weil wir keinen wirklichen Inhalt haben für den Kommunismus, das bürgerliche Spießbürgertum hinüber. - Nun, ein merkwürdiges Geständnis: Der Kommunismus kann nur aufgebaut werden auf dem Erbe dessen, was der Kapitalismus hinterlassen hat. Und weiter: «Praktisch haben wir eine kommunistische Gesellschaft mit den Händen unserer Feinde zu schaffen », das heißt mit bürgerlichen Händen. Das heißt, wir haben eine umgekehrte Klassengesellschaft zu begründen; das heißt, nicht Abschaffung eines Klassenstaates, sondern zu Heloten zu machen diejenigen, die früher oben waren. «Praktisch haben wir eine kommunistische Gesellschaft mit den Händen unserer Feinde zu schaffen. Das scheint ein Widerspruch zu sein, vielleicht sogar ein unlösbarer Widerspruch.» Ich bitte, hören Sie den Satz so an, wie er ist! «In Wirklichkeit aber kann nur auf diesem Wege die Aufgabe des kommunistischen Aufbaues gelöst werden.» Es scheint also ein unlösbarer Widerspruch zu sein, aber in Wirklichkeit kann nur mit Hilfe dieses unlösbaren Widerspruchs die Aufbauung des Kommunismus gelöst werden. Und weiter: «Das bot ungeheure Schwierigkeiten, aber nur auf diese Weise konnten sie gelöst werden. Die organisatorische, schöpferische, gemeinsame Arbeit muß die bürgerlichen Spezialisten so in die Enge treiben, daß sie in den Reihen des Proletariats vorauszumarschieren gezwungen sind, so sehr sie sich auch dagegen stemmen, und so sehr sie dagegen Schritt für Schritt ankämpfen mögen. Wir müssen sie als technische und Kulturkräfte auf die Höhe stellen, um sie für uns zu behalten und um aus dem unkultivierten und wilden kapitalistischen Lande ein kommunistisches Kulturland zu schaffen.» Nun, hier ist trocken gesagt, was getan werden muß, wenn nicht neue Ideen, ein neuer Geist geboren wird: Es kann nur mit dem Erbe der kapitalistischen Kultur weiter gewirtschaftet werden. Aber da die Denkweise sich nur auf das Tote erstreckt, so kann das nur hineinführen in die Ertötung der europäischen Zivilisation. Und diese Ertötung, die vom Osten ausgeht, sie wird sicher kommen und sich über den Westen erstrecken, wenn keine neue Denkweise in der europäischen Menschheit Platz greift, wenn man nicht imstande sein wird, die Wirklichkeit ganz anders anzuschauen, als sie bisher durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte, und, im Kulminationspunkt, in der heutigen Zeit angeschaut werden kann. Nun fragen wir uns: Wie steht es mit dem, dessen Erbe angetreten werden soll? Wie steht es mit dem? Wir haben eben eine Stimme gehört, wie im Osten aufgebaut werden soll auf dem Erbe des Alten; denn bis jetzt ist ganz mit dem Erbe des Alten gebaut worden. Ein Neues gibt es noch nicht für die Außenwelt, das muß erst aus einer Erneuerung des Geistes heraus kommen. Wozu hat es aber das Alte gebracht mit Bezug auf die Geistigkeit? Das kann man aus Symptomen erkennen. Ich habe neulich in Heilbronn gesprochen. Was der Zeilenschinder über meinen Vortrag sagt, ist mir ganz gleichgültig, darauf kommt es nicht an, aber dieser Zeilenschinder findet es angemessen, die gegenwärtige Weltanschauung in einem kurzen, prägnanten Satz zum Ausdruck zu bringen. Er sagt: «Die Banalität seiner ganzen Aufmachung, die stark an amerikanische Propaganda erinnert, zeigte er am deutlichsten dadurch, wie er die alten Schlager der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in seine Dreigliederung einfügt.» Also, es gibt in der heutigen Zivilisation die Möglichkeit, daß aus ihr heraus gesprochen wird: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind Schlager, sind alte Schlager. Prägen Sie sich das in Ihre Seelen, prägen Sie sich es in Ihre Herzen. Sowie Hamlet gesagt hat, «Schreibtafel her, Schreibtafel her - daß ein Mensch immer lächeln und lächeln kann und doch ein Schurke sein kann!» Schreiben Sie sich das in Ihre Seele: Es gibt in der heutigen Kultur die Möglichkeit, Freiheit, Gleichheit, Brüderüchkeit «alte Schlager» zu nennen! Und dann fragt man, wo die Impulse für den Untergang dieser Kultur liegen? Seien Sie nicht zu bequem, meine lieben Freunde, seien Sie nicht lässig! Sagen Sie es den Leuten, daß das möglich ist, daß die edelsten Güter der Menschheit in diesen Tagen in den Dreck gezogen werden von dem, was sich «europäische Bildung» nennt. Dann werden Sie dieses Geistige vielleicht doch hinüberbringen, wenn Sie es den Menschen nur deutlich machen können, was sie in ihren Seelen verschlafen. Denn über diese Dinge lesen heute die Menschen hinweg, das nehmen sie als Selbstverständlichkeiten. Auf diese Dinge muß aber hingeschaut werden. Und ehe nicht gesehen wird, wie stark die Niedergangsimpulse sind, wie trivial dasjenige ist, was zuletzt in diese Weltkriegskatastrophe hineingesegelt hat, gibt es kein Heil. Und wenn es ein Heil gibt, so wird es doch nur möglich sein, wenn es aus der neuerlichen Vertiefung der Menschheit in ihre geistigen Untergründe hervorgeht. Wir können nicht in einer bloßen Aufwärmung alter Geistigkeit heute das Ziel sehen. Wir müssen heute im Innerlichen zu der Stärke kommen, eine neue Geistigkeit zu schaffen. Daran hängt das Schicksal Europas: Entweder diese neue Geistigkeit, oder Europa wird zum Grabe mit Bezug auf seine Kultur! Es gibt ein Drittes nicht, und für das eine oder für das andere muß sich die Menschheit entscheiden. Entweder in den Untergang hinein, oder mutig in die neue Geistigkeit hinein! +++ Was heißt Geisterkenntnis in der Anthroposophie?
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