Philosophie, Kosmologie, Religion. „…Man erhält eine Anschauung davon, wie die astralische und Ich-Organisation sich einkleidet“ R.Steiner

Tipp: Es wird empfohlen, sich vorab mit den Grundlagen der Anthroposophie zu beschäftigen… z.B.:
Einführung in die Anthroposophie. Rudolf Steiner
hier weiter

=======================================================================================
Steiner, Rudolf:
Philosophie, Kosmologie, Religion.
GA 25
Auto-Referate zu den zehn Vorträgen des «Französischen Kurses» vom 6. Bis 13. September 1922.

INHALT

I. Die drei Schritte der Anthroposophie
II. Seelenübungen des Denkens, Fühlens und Wollens
III. Imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnismethoden
IV. Erkenntnisgrundlagen einer wahren Kosmologie, Philosophie und Religion
V. Schlaferlebnisse der Seele
VI. Der Übergang vom seelisch-geistigen Dasein der Menschenentwickelung zum sinnlich-physischen
VII. Christus in seinem Zusammenhang mit der Menschheit
VIII. Das gewöhnliche und das höhere Bewusstsein
IX. Das Ereignis des Todes im Zusammenhang mit dem Christus
X. Das Erleben des Willensteils in seiner Wirkung über den Tod hinaus

Hier vier zusammenhängende Kapitel:
I. Die drei Schritte der Anthroposophie
II. Seelenübungen des Denkens, Fühlens und Wollens
III. Imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnismethoden
IV. Erkenntnisgrundlagen einer wahren Kosmologie, Philosophie und Religion

Inhalt/Kurzübersicht:
———————————————————————————–
Daher ist es, daß die heute getriebenen Wissenschaften in das Gebiet einmünden, das die spirituelle Wissenschaft im modernen Sinne eröffnet. Das geschieht nicht nur für die einzelnen Gebiete der Naturwissenschaft und der Geschichte. Das geschieht auch z. B. für Medizin. Und es geschieht für alle Gebiete des praktischen Lebens, für die Kunst, die Moral und für das soziale Leben. Es geschieht auch für die religiösen Erfahrungen…
Die alten Philosophen entwickelten ihre Ideen durch den ätherischen Körper. Indem das Geistesleben der Menschheit diesen ätherischen Körper für die Erkenntnis verloren hat, hat es zugleich den Wirklichkeitscharakter der Philosophie verloren. Philosophie ist ein bloßes Ideengebäude geworden. Es muß erst wieder die Erkenntnis des ätherischen Menschen erworben werden: dann wird auch Philosophie wieder einen Wirklichkeitscharakter gewinnen können…
Kosmologie hat einstmals dem Menschen gezeigt, wie er ein Glied der universellen Welt ist. Dazu war notwendig, [11] daß nicht nur sein Körper, sondern auch seine Seele und sein Geist als Glieder des Kosmos angesehen werden konnten. Das war dadurch der Fall, daß im Kosmos Seelisches und Geistiges geschaut wurden…
In der Seele aber ist Innenleben. Es muß auch das Innenleben des Kosmos durchschaut werden. Eine Anschauung des Innenlebens des Kosmos war die alte Kosmologie…
Religion im ursprünglichen Sinne ist auf dasjenige Erlebnis gebaut, durch das sich der Mensch sowohl unabhängig weiß von seiner physischen und ätherischen Wesenheit, durch die er sein Dasein zwischen Geburt und [13] Tod hat, wie auch von dem Kosmos, insofern dieser an einem solchen Dasein mitwirkt…
In der Sinnesanschauung muß sich der Mensch getrennt fühlen von der göttlichen Welt, der sein innerstes Wesen angehört. Durch die übersinnliche Erkenntnis verbindet er sich wieder mit dieser Welt. Dadurch mündet übersinnliche Erkenntnis in Religion ein…
Selbst Philosophen sehen in dem «Ich» nur die Zusammenfassung der Seelen-erlebnisse. Die Idee, die sie dadurch von dem «Ich», dem Geistesmenschen, erhalten, wird aber durch jeden Schlaf widerlegt. Denn im Schlafe wird der Inhalt dieses «Ich» ausgelöscht. Ein Bewußtsein, das nur ein solches Ich kennt, kann nicht erkenntnismäßig in Religion einmünden. Denn es hat nichts, was dem Auslöschen des Schlafes widersteht. Aber eine Erkenntnis des wahren Ich ist dem modernen Geistesleben verlorengegangen…
Es wird, was von Religion einstmals vorhanden war, aus der Tradition als etwas hingenommen, wozu menschliche Erkenntnis nicht mehr kommen kann. Religion wird auf diese Art Inhalt eines Glaubens…
Es muß erst wieder eine anschauliche Erkenntnis des wahren «Ich» entstehen, wenn Religion die rechte Stellung im Leben der Menschheit haben soll…
Es wird nun für die folgenden Vorträge die Aufgabe sein, die Möglichkeit zu zeigen, daß der ätherische Mensch erkannt werden kann, das heißt, daß der Philosophie eine Wirklichkeit verliehen werden kann; es wird die weitere Aufgabe sein, die Erkenntnis des astralischen Menschen nachzuweisen, das heißt zu zeigen, daß eine Kosmologie möglich ist, die den Menschen mitumfaßt; und zuletzt wird noch die Aufgabe sich ergeben, zur Erkenntnis des «wahren Ich» zu führen, um die Möglichkeit eines religiösen Lebens darzulegen, das auf einer Erkenntnisgrundlage ruht…
Es handelt sich bei Anthroposophie darum, daß man nicht mit theoretischem Nachdenken der Wirklichkeit des philosophischen Inhaltes beikommen kann; sondern durch Ausbildung einer Erkenntnismethode, die auf der einen Seite ähnlich ist derjenigen, durch die in alten Zeiten Philosophie gewonnen worden ist, und die auf der andern Seite so vollbewußt exakt ist wie die mathematische und naturwissenschaftliche Methode der neueren Zeit…
Durch die Meditation kann die geistige Tätigkeit vom physischen Organismus losgerissen werden. Die Seele erlebt dann auf übersinnliche Art das Übersinnliche…
Für die Kosmologie bedarf es einer höheren Erkenntnisbetätigung. Diese wird erworben, wenn die Meditation erweitert wird…
Für die religiöse Erkenntnis ist ein Drittes notwendig. Man muß in die Wesenheiten untertauchen, die sich im inspirierten Erkenntnisinhalte bildhaft offenbaren…
Was im gewöhnlichen Bewußtsein von diesem Ich vorhanden ist, das ist nur ein ganz schwacher Abglanz seiner wahren Gestalt. Man erreicht durch Intuition die Möglichkeit, diesen schwachen Abglanz in Vereinigung zu fühlen mit der göttlichen Urwelt…
…wie die Imagination, Inspiration und Intuition selbst, zum abstrakten Denken wird, das durch den physischen Organismus ausgeführt wird. In diesem Denken, das ein Scheinleben hat, weil es geistige Substanz ist, in die physische Welt versetzt, erlebt der Mensch die Möglichkeit, eine objektive Naturerkenntnis und seine moralische Freiheit zu entwickeln…
Im Gebiete des abstrakten Vorstellungslebens erreicht der Mensch seine Vollbewußtheit. Es obliegt ihm im weiteren Menschheitsfortschritt, die Vollbewußtheit in die Erfahrungen aus der geistigen Welt hineinzutragen…
Ist der Philosoph ein vollbewußtes Kind, so muß der Kosmologe in vollbewußter Art ein Mensch der Vorzeit werden, einer Zeit, in der der Geist des Kosmos noch durch natürliche Fähigkeiten angeschaut werden konnte…
Man erhält eine Anschauung davon, wie die astralische und Ich-Organisation sich einkleidet in eine ätherische, die aus dem ätherischen Kosmos stammt, und in eine physische, die in der physischen Vererbungsfolge entsteht.
Man sehe sich einen menschlichen Leichnam an. Er hat die Form, die Gliederung des Menschen. Das Leben [33] ist aus ihm geschwunden. Versteht man das Wesen des Leichnams, so hält man ihn nicht für etwas Ursprüngliches. Man erkennt ihn als Rest des lebenden physischen Menschen. Die Kräfte der äußeren Natur, denen der Leichnam überliefert wird, können ihn wohl zerstören; sie können ihn aber nicht aufbauen. – In ähnlicher Art erkennt man, auf einer höheren Stufe der Anschauung, das menschliche Erden-Denken als den leichnamartigen Rest dessen, was das Denken als Lebendiges war, bevor der Mensch aus seinem Erleben in der geistig-seelischen Welt in das Erdendasein übergetreten ist. Die Wesenheit des irdischen Denkens ist aus sich selbst ebensowenig begreiflich wie die Form des menschlichen Organismus aus den Kräften, die im Leichnam walten. Man muß das irdische Denken als ein totes erkennen, wenn man es recht erkennen will…
Zu einer wirklichen Anschauung des wahrhaft Seelischen kann nur die inspirierte Erkenntnis kommen. Durch die Seelenübungen für die Inspiration wird der Denk-Leichnam wieder in einem gewissen Sinne belebt…
Auf diese Art, indem man nicht beim Denken stehenbleibt, sondern das gesamte Seelenleben zum Selbst-Erlebnis macht, kann man zu einer indirekten Anerkennung des ewigen menschlichen Wesenskernes gelangen…
———————————————————————————–

I. Die drei Schritte der Anthroposophie
[7] Es ist mir zur großen Befriedigung, diesen Vortragszyklus im Goetheanum abhalten zu können. Diese Institution soll der Pflege der spirituellen Wissenschaft dienen. Was hier spirituelle Wissenschaft genannt wird, sollte nicht verwechselt werden mit dem, was oftmals gerade in der Gegenwart als Okkultismus, Mystik usw. auftritt.

Diese Bestrebungen lehnen sich entweder an alte, nicht mehr richtig verstandene spirituelle Traditionen an und geben in laienhafter Weise allerlei vermeintliche Erkenntnisse über übersinnliche Welten; oder sie ahmen in äußerlicher Weise die gewohnten wissenschaftlichen Methoden nach, ohne Kenntnis davon, daß Forschungswege, die musterhaft ausgebildet sind für die Betrachtung der Sinnenwelt, niemals in die übersinnlichen Welten führen können. Und was an Mystik auftritt, ist entweder auch bloße Erneuerung alter Seelenerlebnisse, oder unklare, oft sehr phantastische und illusionäre Selbstbetrachtung.

Demgegenüber stellt sich die Anschauungsart des Goetheanums als eine solche, die im vollen Sinne den gegenwärtigen Gesichtspunkt der naturwissenschaftlichen Forschung bejaht und da anerkennt, wo er berechtigt ist. Dagegen strebt sie, durch die streng geregelte Ausbildung des rein seelischen Anschauens, über die übersinnliche Welt objektive, exakte Ergebnisse zu gewinnen.
Sie läßt als solche Ergebnisse nur das gelten, was durch ein solches Anschauen der Seele gewonnen ist, bei der die seelisch-geistige Organisation ebenso exakt überschaubar [8] ist wie ein mathematisches Problem. Es kommt darauf an, daß zunächst diese Organisation in wissenschaftlich einwandfreier Anschauung dasteht.
Nennt man diese Organisation «Geistesauge», so muß man sagen: wie der Mathematiker seine Probleme vor sich hat, so der Geistesforscher sein eigenes «Geistesauge». Für ihn wird also die wissenschaftliche Methode zuerst auf jene Vorbereitung verwendet, die in seinen «Geist-Organen» liegt. Waltet in diesen Organen «seine Wissenschaft», so kann er sich dann derselben bedienen, und die übersinnliche Welt liegt vor ihm. Der Forscher der Sinneswelt lenkt seine Wissenschaft nach außen, nach den Ergebnissen. Der Forscher des Geistes betreibt Wissenschaft als Vorbereitung des Schauens. Beginnt das Schauen, dann muß die Wissenschaft bereits ihren vollen Beruf erfüllt haben. Will man dann sein «Schauen» Hellsehen nennen, so ist es «exaktes Hellsehen».
Wo die Wissenschaft des Sinnlichen endet, da beginnt diejenige des Geistes. Der Geistesforscher muß vor allem seine ganze Denkweise an der neueren Wissenschaft vom Sinnlichen herangebildet haben.

Daher ist es, daß die heute getriebenen Wissenschaften in das Gebiet einmünden, das die spirituelle Wissenschaft im modernen Sinne eröffnet. Das geschieht nicht nur für die einzelnen Gebiete der Naturwissenschaft und der Geschichte. Das geschieht auch z. B. für Medizin. Und es geschieht für alle Gebiete des praktischen Lebens, für die Kunst, die Moral und für das soziale Leben. Es geschieht auch für die religiösen Erfahrungen.
In diesen Vorträgen sollen drei dieser Gebiete behandelt und von ihnen gezeigt werden, wie sie in die moderne [9] spirituelle Anschauung einmünden: Philosophie, Kosmologie und Religion.

Philosophie war einst die Vermittlerin der gesamten menschlichen Erkenntnis. In ihrem Logos erwarb sich der Mensch die Erkenntnis der einzelnen Gebiete der Weltwirklichkeit. Die einzelnen Wissenschaften sind aus ihrer Substanz heraus geboren. Aber was ist von ihr selbst zurückgeblieben? Eine Summe von mehr oder weniger abstrakten Ideen, die ihr Dasein zu rechtfertigen haben gegenüber den anderen Wissenschaften, während diese ihre Rechtfertigung in der Sinnesbeobachtung und in dem Experimente finden. Auf was beziehen sich die Ideen der Philosophie? Das ist heute eine Frage geworden.
Man erlebt in diesen Ideen nicht mehr eine unmittelbare Wirklichkeit; daher ist man bestrebt, diese Wirklichkeit theoretisch zu begründen.
Und was noch mehr ist: Philosophie hat es schon in ihrem Namen, als Liebe zur Weisheit, daß sie nicht bloß eine Verstandessache, sondern eine Sache der ganzen menschlichen Seele ist. Was man «lieben» kann, das ist eine solche Sache. Und Weisheit wurde einst als etwas Wirkliches empfunden; das ist bei den «Ideen», die bloß Vernunft und Verstand beschäftigen, nicht der Fall. Philosophie ist aus einer Menschheitssache, die in Seelenwärme einst erlebt worden ist, zu einem trockenen, kalten Wissen geworden. Und man fühlt sich nicht mehr in einer Wirklichkeit darinnen, wenn man in der Tätigkeit des Philosophierens ist.
Man hat im Menschen selb
st dasjenige verloren, was einstmals die Philosophie zu einem wirklichen Erlebnis [10] machte. Die Sinneswissenschaft wird durch die Sinne vermittelt, und was der Verstand über die Beobachtungen der Sinne denkt, das ist Zusammenfassung des durch die Sinne vermittelten Inhaltes. Dieses Denken hat keinen eigenen Inhalt. Indem der Mensch in einer solchen Erkenntnis lebt, erkennt er sich selbst nur als physischen Körper. Philosophie war aber zuerst ein Seeleninhalt, der nicht mit dem physischen Körper erlebt wurde. Er wurde erlebt mit einem menschlichen Organismus, der nicht mit den Sinnen wahrgenommen werden kann.

Es ist dies ein ätherischer Körper, der dem physischen Körper zugrunde liegt, und der die übersinnlichen Kräfte enthält, die dem physischen Körper Form und Leben geben. Der Mensch kann sich der Organisation dieses ätherischen Körpers geradeso bedienen wie seines physischen. Dann aber bildet dieser ätherische Körper Ideen von einem Übersinnlichen aus wie der physische Körper durch die Sinne Ideen von dem Sinnlichen.
Die alten Philosophen entwickelten ihre Ideen durch den ätherischen Körper. Indem das Geistesleben der Menschheit diesen ätherischen Körper für die Erkenntnis verloren hat, hat es zugleich den Wirklichkeitscharakter der Philosophie verloren. Philosophie ist ein bloßes Ideengebäude geworden. Es muß erst wieder die Erkenntnis des ätherischen Menschen erworben werden: dann wird auch Philosophie wieder einen Wirklichkeitscharakter gewinnen können. Das soll den ersten der Schritte kennzeichnen, die durch Anthroposophie getan werden sollen.

Kosmologie hat einstmals dem Menschen gezeigt, wie er ein Glied der universellen Welt ist. Dazu war notwendig, [11] daß nicht nur sein Körper, sondern auch seine Seele und sein Geist als Glieder des Kosmos angesehen werden konnten. Das war dadurch der Fall, daß im Kosmos Seelisches und Geistiges geschaut wurden. In der neueren Zeit ist Kosmologie nur ein Überbau dessen geworden, was die Naturwissenschaft durch Mathematik, Beobachtung und Experiment erkennt. Was auf diese Weise erforscht wird, das wird zu einem Bilde des kosmischen Werdens zusammengestellt.
Aus diesem Bilde heraus kann man wohl den physischen Körper des Menschen verstehen. Es bleibt aber schon der ätherische Körper unverständlich, und in einem noch höheren Sinne das Seelische und Geistige am Menschen. Der ätherische Leib kann nur als ein Glied des Kosmos erkannt werden, wenn die ätherische Wesenheit des Kosmos durchschaut wird. Aber dieses Ätherische des Kosmos kann dem Menschen auch nur eine ätherische Organisation geben. In der Seele aber ist Innenleben. Es muß auch das Innenleben des Kosmos durchschaut werden. Eine Anschauung des Innenlebens des Kosmos war die alte Kosmologie.
Durch diese Anschauung wurde auch die über das Ätherische hinausgehende seelische Wesenheit des Menschen in den Kosmos eingegliedert.

Aber dem modernen Geistesleben fehlt eine Anschauung von der Wirklichkeit des Seelen-Innen-Lebens. Wie dieses erlebt wird, so liegt in dem erlebten Inhalte keine Garantie dafür, daß es über Geburt und Tod hinaus ein Dasein hat. Was man heute von dem Seelischen weiß, kann in und mit dem physischen Körper durch das Keimesleben und die weitere Entwickelung in der Kindheit entstanden sein und kann mit dem Tode enden. In der älteren Menschenerkenntnis war für das [12] seelische Wesen des Menschen etwas enthalten, von dem das heute Gewußte nur ein Abglanz ist. Es war dies als die astralische Wesenheit des Menschen angesehen. Es war nicht das, was in Denken, Fühlen und Wollen der Seele erlebt wird, sondern etwas, das seinen Abglanz in Denken, Fühlen und Wollen hat. Man kann nun nicht das Denken, Fühlen und Wollen in den Kosmos eingegliedert denken. Denn diese leben nur in der physischen Wesenheit des Menschen. Dagegen kann die astralische Wesenheit als ein Glied des Kosmos aufgefaßt werden. Denn diese tritt mit der Geburt in die physische Wesenheit ein und tritt mit dem Tode aus dieser aus. Dasjenige, was sich während des Lebens zwischen Geburt und Tod hinter Denken, Fühlen und Wollen verbirgt – eben der astralische Leib -, ist die kosmische Wesenheit des Menschen.

Indem die moderne Erkenntnis die astralische Wesenheit des Menschen verloren hat, ist ihr auch eine Kosmologie abhanden gekommen, die den Menschen umfassen könnte. Sie hat nur eine physische Kosmologie. In dieser aber sind nur die Grundlagen des physischen Menschen enthalten. Es ist notwendig, daß wieder eine Erkenntnis des astralischen Menschen erworben werde. Dann wird es auch wieder eine Kosmologie geben können, die den Menschen mit umfaßt.
Damit ist der zweite Schritt der Anthroposophie gekennzeichnet.
Religion im ursprünglichen Sinne ist auf dasjenige Erlebnis gebaut, durch das sich der Mensch sowohl unabhängig weiß von seiner physischen und ätherischen Wesenheit, durch die er sein Dasein zwischen Geburt und [13] Tod hat, wie auch von dem Kosmos, insofern dieser an einem solchen Dasein mitwirkt. Der Inhalt dieses Erlebnisses bildet den eigentlichen Geistmenschen, dasjenige, worauf unser Wort «Ich» nur noch hindeutet.
Dem Menschen bedeutete einst dieses «Ich» etwas, das sich unabhängig von aller Körperlichkeit und auch unabhängig von der astralischen Wesenheit wußte.

Durch ein solches Erleben fühlte sich der Mensch in einer Welt, von der diejenige nur ein Abbild ist, die ihm Körper und Seele gibt. Er fühlte sich im Zusammenhange mit einer göttlichen Welt. Die Erkenntnis von dieser Welt bleibt der sinnengemäßen Beobachtung verborgen. Die Erkenntnis des ätherischen und des astralischen Menschen führt allmählich zu einer Anschauung dieser Welt hinüber. In der Sinnesanschauung muß sich der Mensch getrennt fühlen von der göttlichen Welt, der sein innerstes Wesen angehört. Durch die übersinnliche Erkenntnis verbindet er sich wieder mit dieser Welt. Dadurch mündet übersinnliche Erkenntnis in Religion ein.

Damit dies der Fall sein kann, muß das wahre Wesen des «Ich» erschaut werden können. Das aber ist der modernen Erkenntnis verlorengegangen.
Selbst Philosophen sehen in dem «Ich» nur die Zusammenfassung der Seelen-erlebnisse. Die Idee, die sie dadurch von dem «Ich», dem Geistesmenschen, erhalten, wird aber durch jeden Schlaf widerlegt. Denn im Schlafe wird der Inhalt dieses «Ich» ausgelöscht. Ein Bewußtsein, das nur ein solches Ich kennt, kann nicht erkenntnismäßig in Religion einmünden. Denn es hat nichts, was dem Auslöschen des Schlafes widersteht. Aber eine Erkenntnis des wahren Ich ist dem modernen Geistesleben verlorengegangen; damit aber [14] auch die Möglichkeit, von dem Wissen aus zur Religion zu kommen. Es wird, was von Religion einstmals vorhanden war, aus der Tradition als etwas hingenommen, wozu menschliche Erkenntnis nicht mehr kommen kann. Religion wird auf diese Art Inhalt eines Glaubens, der außerhalb der wissenschaftlichen Erlebnisse errungen werden soll. Wissen und Glaube werden zwei Erlebnisweisen für etwas, das einst eine Einheit war.

Es muß erst wieder eine anschauliche Erkenntnis des wahren «Ich» entstehen, wenn Religion die rechte Stellung im Leben der Menschheit haben soll. Der Mensch wird von der modernen Wissenschaft nur hinsichtlich seiner physischen Wesenheit als wahre Wirklichkeit verstanden. Er muß im weiteren erkannt werden als ätherischer, astralischer und Geistes-Mensch oder «Ich-Mensch», dann wird Wissenschaft die Grundlage des religiösen Lebens werden.
Damit ist der dritte Schritt der Anthroposophie gekennzeichnet.
Es wird nun für die folgenden Vorträge die Aufgabe sein, die Möglichkeit zu zeigen, daß der ätherische Mensch erkannt werden kann, das heißt, daß der Philosophie eine Wirklichkeit verliehen werden kann; es wird die weitere Aufgabe sein, die Erkenntnis des astralischen Menschen nachzuweisen, das heißt zu zeigen, daß eine Kosmologie möglich ist, die den Menschen mitumfaßt; und zuletzt wird noch die Aufgabe sich ergeben, zur Erkenntnis des «wahren Ich» zu führen, um die Möglichkeit eines religiösen Lebens darzulegen, das auf einer Erkenntnisgrundlage ruht.
 
II. Seelenübungen des Denkens, Fühlens und Wollens
[15] Philosophie ist nicht in derselben Art entstanden, in der sie in der modernen Zeit weitergeführt wird. In dieser Art ist sie ein Zusammenhang von Ideen, die innerlich, in der Seele, nicht so erlebt werden, daß der seiner selbst bewußte Mensch sich in ihnen als in einer Wirklichkeit fühlte.
Daher kommt es, daß man nach allen möglichen theoretischen Mitteln sucht, durch die man beweisen will, wie sich der philosophische Inhalt doch auf eine Wirklichkeit beziehe. In dieser Art aber kommt man nur zu verschiedenen philosophischen Systemen, von denen man sagen kann, daß sie eine gewisse relative Richtigkeit haben; denn es sind, im wesentlichen, die Gründe, mit denen man sie widerlegt, ebensoviel wert wie diejenigen, mit denen man sie beweisen will.

Es handelt sich bei Anthroposophie darum, daß man nicht mit theoretischem Nachdenken der Wirklichkeit des philosophischen Inhaltes beikommen kann; sondern durch Ausbildung einer Erkenntnismethode, die auf der einen Seite ähnlich ist derjenigen, durch die in alten Zeiten Philosophie gewonnen worden ist, und die auf der andern Seite so vollbewußt exakt ist wie die mathematische und naturwissenschaftliche Methode der neueren Zeit.

Die alte Methode war eine halb unbewußte. Sie hatte gegenüber dem Bewußtseinszustand, in dem der moderne Mensch ist, wenn er wissenschaftlich denkt, etwas Halbtraumhaftes. Sie lebte nicht in solchen Träumen, die durch sich selbst nicht unmittelbar ihren realen Inhalt [16] verbürgen, sondern in Wachträumen, die eben durch diesen Inhalt auf Wirklichkeit wiesen. Solcher Seeleninhalt hat aber auch nicht den abstrakten Charakter wie derjenige des gegenwärtigen Vorstellens, sondern den der Bildhaftigkeit.
Solch ein Seeleninhalt muß wieder gewonnen werden; aber, gemäß dem modernen Entwickelungszustande der Menschheit, in voller Bewußtheit; gerade in derselben Bewußtseinsverfassung, wie sie im wissenschaftlichen Denken vorhanden ist. Die anthroposophische Forschung sucht das zu erreichen in einer ersten Stufe des übersinnlichen Erkennens, in dem imaginativen Bewußtseinszustande. Er wird erreicht durch ein meditatives Seelenverfahren. Durch dieses wird die Totalkraft des Seelenlebens auf leicht überschauliche Vorstellungen gelenkt und im Ruhen auf denselben festgehalten. Dadurch wird, wenn ein solches Verfahren durch genügend lange Zeitepochen immer wiederholt wird, zuletzt bemerkt, wie die Seele in ihrem Erleben leibfrei wird. Man erkennt klar, daß alles Denken des gewöhnlichen Bewußtseins Abglanz einer geistigen Tätigkeit ist, die als solche unbewußt bleibt, die aber dadurch bewußt wird, daß sie den menschlichen physischen Organismus in ihren Verlauf einbezieht. Alles gewöhnliche Denken ist ganz abhängig von der im physischen Organismus nachgeahmten übersinnlichen Geistestätigkeit. Dabei wird aber nur bewußt, was der physische Organismus bewußt werden läßt.

Durch die Meditation kann die geistige Tätigkeit vom physischen Organismus losgerissen werden. Die Seele erlebt dann auf übersinnliche Art das Übersinnliche. Es wird nicht mehr im physischen Organismus seelisch erlebt, [17] sondern im ätherischen Organismus. Man hat ein Vorstellen mit Bildcharakter vor sich.

Man hat in diesem Vorstellen Bilder der Kräfte vor sich, die aus dem Übersinnlichen heraus dem Organismus als seine Wachstumskräfte, auch als die Kräfte zugrunde liegen, die im Regeln der Ernährungsvorgänge wirksam sind. Man hat es mit einer wirklichen Anschauung der Lebenskräfte zu tun. Es ist dies die Stufe der imaginativen Erkenntnis. Man lebt auf diese Art im ätherischen menschlichen Organismus. Und man lebt mit dem eigenen ätherischen Organismus in dem ätherischen Kosmos. Es ist zwischen dem ätherischen Organismus und dem ätherischen Kosmos keine so scharfe Grenze in bezug auf Subjektives und Objektives wie bei dem physischen Nachdenken über die Dinge der Welt.

Mit dem Erleben in imaginativer Erkenntnis kann man die alte Philosophie als Wirklichkeitsinhalt nacherleben; man kann aber auch eine neue Philosophie konzipieren. Eine wirkliche Konzeption der Philosophie kann nur durch diese imaginative Erkenntnis zustande kommen. Ist diese Philosophie einmal da, dann kann sie aber von dem gewöhnlichen Bewußtsein erfaßt und auch verstanden werden. Denn sie spricht aus dem imaginativen Erleben heraus in Formen, die aus der geistigen (ätherischen) Wirklichkeit stammen, und deren Wirklichkeitsgehalt in der Aufnahme durch das gewöhnliche Bewußtsein nacherlebt werden kann.
Für die Kosmologie bedarf es einer höheren Erkenntnisbetätigung. Diese wird erworben, wenn die Meditation erweitert wird. Man bildet nicht nur das intensive Ruhen [18] auf einem Seeleninhalt aus, sondern auch das vollbewußte Beharren in einem inhaltlosen Seelenruhen, nachdem man einen meditativen Seeleninhalt aus dem Bewußtsein fortgeschafft hat.

Man bringt es damit so weit, daß in das inhaltlose Seelenleben der geistige Gehalt des Kosmos einfließt. Man erreicht die Stufe der inspirierten Erkenntnis. Man hat vor sich einen geistigen Kosmos, wie man vor den Sinnen den physischen Kosmos hat. Man gelangt dazu, in den Kräften des geistigen Kosmos dasjenige anzuschauen, was im Atmungsprozesse zwischen dem Menschen und dem Kosmos geistig vorgeht.
In den Vorgängen dieses Atmungsprozesses und in den übrigen rhythmischen Prozessen des Menschen findet man das physische Abbild dessen, was im Geistigen existiert an dem astralischen Menschenorganismus. Man kommt zu der Anschauung, wie dieser astralische Organismus außerhalb des Erdenlebens im geistigen Kosmos seinen Bestand hat, und wie er sich durch das Keimesleben und die Geburt in den physischen Organismus einkleidet, um im Tode denselben wieder zu verlassen. Man kann durch diese Erkenntnis die Vererbung, die ein irdischer Vorgang ist, von dem unterscheiden, was sich der Mensch aus der geistigen Welt mitbringt.

So gelangt man durch die inspirierte Erkenntnis zu einer Kosmologie, die den Menschen in bezug auf sein seelisches und geistiges Dasein umfassen kann. Die inspirierten Erkenntnisse bilden sich im astralischen Organismus aus. Man hat sie, indem man außerhalb seines Körpers ein Dasein erlebt im Kosmos des Geistes. Sie spiegeln sich aber im Äther-Organismus; und in den Bildern, die sich da ergeben, kann man sie in die menschliche [19] Sprache übersetzen und mit dem Inhalte der Philosophie vereinigen. Man erhält dadurch eine kosmische Philosophie.

Für die religiöse Erkenntnis ist ein Drittes notwendig. Man muß in die Wesenheiten untertauchen, die sich im inspirierten Erkenntnisinhalte bildhaft offenbaren. Man erreicht dieses, wenn man zu der bisher charakterisierten Meditation Seelenübungen des Willens hinzufügt. Man sucht, zum Beispiel, Vorgänge, die in der physischen Welt einen bestimmten Verlauf haben, in umgekehrter Folge, von rückwärts nach vorne vorzustellen. Dadurch reißt man durch einen Willensvorgang, den man im gewöhnlichen Bewußtsein nicht anwendet, das Seelenleben los von dem kosmischen Außeninhalte und versenkt die Seele in die Wesenheiten, die sich in der Inspiration offenbaren. Man gelangt zu der wahren Intuition, zu dem Zusammenleben mit Wesen einer geistigen Welt. Diese Erlebnisse werden im ätherischen und auch im physischen Menschen gespiegelt und ergeben in dieser Spiegelung den Inhalt des religiösen Bewußtseins.

Man gelangt durch diese intuitive Erkenntnis dazu, die wahre Wesenheit des «Ich» zu schauen, die in Wirklichkeit in die Geisteswelt eingesenkt ist. Was im gewöhnlichen Bewußtsein von diesem Ich vorhanden ist, das ist nur ein ganz schwacher Abglanz seiner wahren Gestalt. Man erreicht durch Intuition die Möglichkeit, diesen schwachen Abglanz in Vereinigung zu fühlen mit der göttlichen Urwelt, der er durch seine wahre Gestalt angehört. Man ist dadurch auch imstande, zu durch schauen, wie der Geistmensch, das wahre «Ich», in der geistigen [20] Welt seinen Bestand hat, wenn der Mensch in den Schlafzustand versenkt ist. In diesem Zustande brauchen physischer und ätherischer Organismus die rhythmischen Prozesse für sich, zu ihrer Regeneration.
In dem Wachzustande lebt in diesem Rhythmus und den in ihn eingegliederten physischen Stoffwechselprozessen das «Ich». Im Schlafzustande sind der Rhythmus des Menschen und die Stoffwechselvorgänge als physischer und ätherischer Organismus in einem Leben für sich; und der astralische Organismus und das «Ich» haben da ihren Bestand in der Geisteswelt. In der inspirierten und intuitiven Erkenntnis wird der Mensch bewußt in diese Welt versetzt. Er lebt in einem geistigen Kosmos, wie er durch seine Sinne in einem physischen Kosmos lebt.

Er kann erkenntnismäßig von dem Inhalte des religiösen Bewußtseins sprechen. Dieses kann er, weil sich das im Geistigen Erlebte im physischen und ätherischen Menschen spiegelt und die Spiegelbilder in der Sprache ausgedrückt werden können. Sie haben dann in dieser Ausdrucksform einen Inhalt, der dem Menschengemüte des gewöhnlichen Bewußtseins religiös einleuchten kann.
So wird durch die imaginative Erkenntnis die Philosophie, durch die Inspiration die Kosmologie, durch die Intuition das religiöse Leben durchschaut. Zur Intuition führt, außer dem schon Charakterisierten, auch zum Beispiel die folgende Seelenübung. Man versucht in das Leben, das sich sonst unbewußt von Lebensalter zu Lebensalter beim Menschen entwickelt, so einzugreifen, daß man bewußt sich Gewohnheiten aneignet, die man vorher nicht gehabt hat, oder solche umwandelt, die man gehabt [21] hat. Je größere Anstrengungen zu einer solchen Umwandlung nötig sind, desto besser ist es für die Herbeiführung einer intuitiven Erkenntnis. Denn diese Verwandlungen bewirken eine Loslösung der Willenskräfte von dem physischen und ätherischen Organismus. Man bindet den Willen an den astralischen Organismus und an die wahre Gestalt des «Ich», und versenkt diese beiden dadurch bewußt in die Geisteswelt.

In der modernen geistigen Entwickelung der Menschheit hat sich erst das ausgebildet, was man abstraktes Denken nennen kann. Der Mensch früherer Entwickelungsepochen hatte dieses Denken nicht. Es ist aber notwendig zur Entwickelung der menschlichen Freiheit. Denn es löst die Kraft des Denkens von der Bildform los. Man erreicht die Möglichkeit, durch den physischen Organismus zu denken. Ein solches Denken wurzelt aber nicht in einer wirklichen Welt.
Es ist nur in einer Scheinwelt enthalten. In dieser Scheinwelt kann man die Naturvorgänge abbilden, ohne daß der Mensch in diese Bilder von sich aus etwas hineinlegt. Man gelangt zu einem Abbilde der Natur, das als Abbild wirklich sein kann, weil das Leben im denkerischen Abbild in sich selbst nicht Wirklichkeit, sondern nur Schein ist. In dieses Scheindenken können aber auch die moralischen Impulse so aufgenommen werden, daß sie auf den Menschen keinen Zwang ausüben.
Die moralischen Impulse selbst sind wirklich, weil sie aus der Geisteswelt stammen; die Art, wie sie der Mensch in seiner Scheinwelt erlebt, macht es ihm möglich, sich frei nach ihnen zu bestimmen, oder nicht zu bestimmen. Sie selbst üben weder durch seinen Körper, noch durch seine Seele auf ihn einen Zwang aus. [22] So schreitet die Menschheit vorwärts, indem dasjenige Denken, das in alten Zeiten ganz an die unbewußte imaginierte, inspirierte und intuitive Erkenntnis gebunden war und in dem die Gedanken so geoffenbart wurden wie die Imagination, Inspiration und Intuition selbst, zum abstrakten Denken wird, das durch den physischen Organismus ausgeführt wird. In diesem Denken, das ein Scheinleben hat, weil es geistige Substanz ist, in die physische Welt versetzt, erlebt der Mensch die Möglichkeit, eine objektive Naturerkenntnis und seine moralische Freiheit zu entwickeln.
(Das Nähere darüber findet man in meiner «Philosophie der Freiheit», in meinen Schriften «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», «Theosophie», «Geheimwissenschaft» usw.) Aber um wieder zu einer menschumfassenden Philosophie, Kosmologie und Religion zu kommen, ist notwendig, bewußt – also im Gegensatz zu dem alten traumhaften Hellsehen – in das Gebiet eines exakten Hellsehens in Imagination, Inspiration und Intuition einzutreten. Im Gebiete des abstrakten Vorstellungslebens erreicht der Mensch seine Vollbewußtheit. Es obliegt ihm im weiteren Menschheitsfortschritt, die Vollbewußtheit in die Erfahrungen aus der geistigen Welt hineinzutragen. Darin muß der wahre Menschheitsfortschritt in die Zukunft hinein bestehen.

III. Imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnismethode
[23] Beim Eintreten in die imaginative Erkenntnis nimmt das Innenleben des Menschen eine andere Form an, als die des gewöhnlichen Bewußtseins ist. Und auch das Verhältnis des Menschen zur Welt ändert sich. – Man hat diese Änderung durch das Konzentrieren aller Seelenkräfte auf einen leicht überschaulichen Vorstellungskomplex herbeigeführt.
Leicht überschaulich muß dieser sein, damit nichts von einem unbewußten Vorgang in die Meditation hineinspielt. In dieser muß alles nur innerhalb des Seelisch-Geistigen verlaufen. Wer ein mathematisches Problem durchdenkt, der kann ziemlich sicher sein, daß er dabei nur das Seelisch-Geistige engagiert. Unbewußte, gefühls- oder willensbeeinflußte Vorstellungsreminiszenzen werden da nicht hineinspielen. So muß es im Meditieren sein. Nimmt man hierzu eine Vorstellung, die man aus der Erinnerung herausholt, so kann man gar nicht wissen, wieviel aus dem Körperlichen, Instinktiven, dem Unbewußt-Seelischen man zugleich in das Bewußtsein hereinholt und beim Ruhen auf der Vorstellung zur seelischen Wirksamkeit bringt. –

Es ist daher am besten, wenn man zum Meditationsinhalt etwas wählt, von dem man sicher ist, daß es der Seele ganz neu ist. Läßt man sich darinnen von einem erfahrenen Geistesforscher raten, so wird er vor allem darauf Rücksicht nehmen. Er wird einen Meditationsinhalt vorschlagen, der ganz einfach ist und den man ganz gewiß noch niemals gedacht haben kann.
Es kommt dabei nicht darauf an, daß der Inhalt einem schon erfahrenen oder überhaupt einem Tatbestande [24] der Sinnenwelt entspricht. Man kann zu einer bildhaften Vorstellung greifen, die nichts Äußerliches abbildet, z. B. «im Lichte lebt strömend Weisheit». Es kommt auf das Ruhen auf einem solchen Vorstellungskomplex an. Bei diesem Ruhen verstärken sich die geistig-seelischen Kräfte, wie sich die Muskelkräfte beim Verrichten einer Arbeit verstärken. Auf einmal kann die Meditation kurz sein; sie muß aber durch lange Zeiten wiederholt werden, wenn ein Erfolg eintreten soll. Je nach der Veranlagung kann dieser Erfolg bei der einen Persönlichkeit schon nach Wochen, bei der andern erst nach Jahren eintreten. Will jemand wirklicher Geistesforscher werden, so muß er solche Übungen in streng systematischer, intensiver Art machen. Zunächst wird durch ein Meditieren in der hier angedeuteten Art das erreicht werden, daß der Meditierende durch sein Innenleben eine Kontrolle von größerer Sicherheit über die Aussagen eines Geistesforschers hat als der gewöhnliche gesunde Menschenverstand. Doch reicht auch dieser, wenn er genug unbefangen und vorurteilslos ist, zu einer solchen Kontrolle durchaus aus.

Dem Meditieren muß zu Hilfe kommen die Übung in der Charakterstärke, inneren Wahrhaftigkeit, Ruhe des Seelenlebens, völliger Besonnenheit. Denn nur wenn die Seele von diesen Eigenschaften durchzogen ist, wird sie das, was im Meditieren als ein Vorgang sich bildet, der ganzen menschlichen Organisation allmählich einprägen.

Ist durch solches Üben der richtige Erfolg eingetreten, dann erlebt man sich im ätherischen Organismus. Das Gedankenerlebnis erhält eine neue Form. Man erlebt die [25] Gedanken nicht nur in der abstrakten Form wie früher, sondern so, daß man in ihnen Kräfte fühlt. Die vorher erfahrenen Gedanken können nur gedacht werden; sie haben keine Macht zu einer Aktivität. Die Gedanken, die man jetzt erlebt, haben eine Macht wie die Wachstumskräfte, die den Menschen vom kleinen Kinde zum Erwachsenen umbilden. Eben deshalb aber ist es notwendig, daß die Meditation in richtiger Art ausgeführt wird. Denn greifen in sie unterbewußte Kräfte ein, ist sie nicht ein in voller Besonnenheit rein seelisch-geistig verlaufender Akt, so werden Impulse entwickelt, die so wie die natürlichen Wachstumskräfte in den eigenen menschlichen Organismus eingreifen. Das darf in keiner Art geschehen. Der eigene physische und ätherische Organismus muß durch die Meditation völlig unberührt bleiben. Man kommt bei richtiger Meditation dazu, mit dem neu entwickelten Gedanken-Kräfte-Inhalt außerhalb des eigenen physischen und ätherischen Organismus zu leben.
Man hat das Äther-Erleben; und der eigene Organismus gelangt zu dem persönlichen Erleben in ein Verhältnis einer relativen Objektivität. Man schaut ihn an, und er strahlt in Gedankenform zurück, was man im Äther erlebt.
Gesund ist dieses Erleben, wenn man in den Zustand kommt, durch den man in völlig freier Willkür abwechseln kann zwischen einem Dasein im Äther und einem solchen in seinem physischen Leibe. Liegt etwas vor, was einen in das Ätherdasein hineinzwingt, dann ist der Zustand kein richtiger. Man muß in sich und außer sich nach völlig freier Orientierung sein können.
Das erste Erlebnis, das man durch eine solche innere [26] Arbeit sich erringen kann, ist die Anschauung des eigenen verflossenen Erdenlebenslaufes. Man schaut denselben, wie er durch die Wachstumskräfte von Kindheit auf geformt worden ist.

Wie in Gedankengebilden, die zu Wachstumskräften verdichtet sind, schaut man ihn an. Man hat nicht etwa bloß die Erinnerungsbilder des eigenen Lebens vor sich. Man hat Bilder von einem ätherischen Tatsachenverlauf vor sich, der sich in der eigenen Wesenheit abgespielt hat, ohne daß er in das gewöhnliche Bewußtsein eingetreten ist. Was im Bewußtsein ist und in der Erinnerung lebt, das ist nur die abstrakte Begleiterscheinung des realen Verlaufes. Es ist gewissermaßen nur eine obere Welle, die in ihrer Formung ein Ergebnis des Tiefenvorganges ist. Man überschaut das Weben und Wirken des eigenen Ätherorganismus im Zeitverlauf des Erdenlebens.

In der Anschauung dieses Verlaufes offenbart sich das Wirken des ätherischen Kosmos auf den Menschen. Was da gewirkt wird, das kann man als Inhalt der Philosophie erleben. Es ist Weisheit, aber nicht in der abstrakten Form des Begriffes, sondern als Form des Ätherwirkens im Kosmos.
Für das gewöhnliche Bewußtsein ist nur das ganz kleine Kind, das noch nicht sprechen gelernt hat, in demselben Verhältnis zum Kosmos wie der regelrecht Imaginierende. Aber dieses Kind hat noch nicht aus den allgemeinen Wachstums- (ätherischen) Kräften die Gedankenkräfte abgesondert. Das geschieht erst im Sprechenlernen. Da sondern sich aus den vorher vorhandenen nur allgemeinen Wachstumskräften die abstrakten Gedankenkräfte ab. Der Mensch in seinem späteren Lebensverlaufe hat diese [27] abstrakten Gedankenkräfte; aber sie sind nur am physischen Organismus; sie sind nicht in das Ätherdasein aufgenommen. Der Mensch kann daher das Verhältnis, das er zum Äther hat, sich nicht zum Bewußtsein bringen. Der imaginierende Mensch lernt dieses.

Das ganz kleine Kind ist ein unbewußter Philosoph; der imaginierende Philosoph ist wieder das kleine Kind, aber zum vollen Bewußtsein erwacht.

Durch die Inspirationsübung wird zu den vorher entwickelten Fähigkeiten eine neue hinzugebracht, nämlich Bilder, auf denen man in der Meditation geruht hat, wieder aus dem Bewußtsein fortzuschaffen. Es muß ausdrücklich betont werden, daß hier die Fähigkeit entwickelt werden muß, vorher willkürlich in der Meditation ergriffene Bilder fortzuschaffen, und zwar wieder in völlig freier Willkür. Das Fortschaffen von Vorstellungen, die nicht durch freie Willkür in das Bewußtsein versetzt worden sind, genügt nicht. Es ist eine größere seelische Energie notwendig zum Fortschaffen von Bildern, die in der Meditation erworben sind, als zum Auslöschen von Vorstellungen, die in anderer Art in das Bewußtsein gekommen sind. Und diese größere Energie braucht man zum Fortschreiten in übersinnlicher Erkenntnis.

Man gelangt dazu, ein waches, aber ganz leeres Seelenleben auf diese Art sich zu erringen. Man beharrt in wachem Bewußtsein. Erlebt man diesen Zustand in völliger Besonnenheit, dann erfüllt sich die Seele mit den geistigen Tatsachen, wie sie sich durch die Sinne mit den physisch-sinnlichen erfüllt. Das ist der Zustand der Inspiration. Man erlebt sich mit einem Innenleben im Kosmos, [28] wie man sich sonst mit einem solchen Innenleben in dem physischen Organismus erlebt. Aber man weiß, daß man das kosmische Leben in sich erlebt, daß die geistigen Dinge und Vorgänge des Kosmos sich als eigenes inneres Seelenleben offenbaren.
Es muß nun die Möglichkeit geblieben sein, dieses innere Erleben des Kosmos stets mit dem Zustande des gewöhnlichen Bewußtseins in freier Willkür zu vertauschen. Dann kann man, was man in der Inspiration erlebt, stets auf etwas beziehen, was man im gewöhnlichen Bewußtsein erlebt. Man schaut in dem sinnlich wahrgenommenen Kosmos ein Abbild des geistig erlebten. Der Vorgang läßt sich dem vergleichen, durch den man eine neue Erfahrung des Lebens mit einem Erinnerungsgebilde vergleicht, das im Bewußtsein auftaucht. Die geistige Anschauung, die man erlangt, ist wie die neue Erfahrung, und die sinnliche Anschauung des Kosmos ist wie das Erinnerungsbild.

Die geistige Anschauung, die man in dieser Art von dem Kosmos erlangt, ist verschieden von der imaginativen. Bei dieser entstehen allgemeine Bilder eines ätherischen Geschehens; bei der Inspiration ergeben sich Bilder von geistigen Wesenheiten, die in diesem ätherischen Geschehen walten. Was man als Sonne und Mond, als Planeten und Fixsterne in der physisch-sinnlichen Welt kennengelernt hat, findet man als kosmische Wesenheiten wieder. Und das eigene seelisch-geistige Erleben erscheint in den Kreis des Waltens dieser kosmischen Wesenswelt eingeschlossen. Der physische Organismus des Menschen wird jetzt erst verständlich, denn zu seiner Form und seinem Leben wirkt nicht nur das, was die Sinne des Menschen überschauen, sondern die Wesenheiten, die in [29] den Tatsachen der Sinnenwelt schaffend walten.
Alles, was so durch die Inspiration erlebt wird, bleibt dem gewöhnlichen Bewußtsein völlig verschlossen. Es würde dem Menschen nur bewußt sein, wenn er seinen Atmungsprozeß so erlebte wie den Wahrnehmungsprozeß. Für das gewöhnliche Bewußtsein bleibt das kosmische Walten zwischen Mensch und Welt verborgen. Die Yoga-Philosophie sucht auf dem Wege zu einer Kosmologie zu kommen, daß sie den Atmungsprozeß in einen Wahrnehmungsprozeß umwandelt. Das sollte der abendländische Mensch der modernen Zeit nicht nachahmen. Er ist im Laufe der Menschheitsentwickelung in eine Organisation eingetreten, die solche Yoga-Übungen bei ihm ausschließt. Er würde durch dieselben sich nie ganz von seinem Organismus loslösen und dadurch der Forderung nicht genügen, den physischen und den ätherischen Organismus unberührt zu lassen. Solche Übungen entsprachen einer abgelaufenen Epoche der Menschheitsentwickelung. Was aber durch sie erreicht wurde, muß so errungen werden, wie dies soeben für die inspirierte Erkenntnis beschrieben worden ist. Dadurch wird vollbewußt erlebt, was in abgelaufener Zeit von der Menschheit in wachen Träumen erlebt werden mußte.

Ist der Philosoph ein vollbewußtes Kind, so muß der Kosmologe in vollbewußter Art ein Mensch der Vorzeit werden, einer Zeit, in der der Geist des Kosmos noch durch natürliche Fähigkeiten angeschaut werden konnte.

In der Intuition wird durch die schon das letzte Mal geschilderte Willensübung der Mensch mit seinem Bewußtsein ganz in die objektive Welt der kosmischen [30] geistigen Wesenheiten hineinversetzt. Er erlangt einen Erlebniszustand, den nur die Urmenschheit auf Erden hatte. Diese war mit dem Innensein der kosmischen Umgebung so verbunden wie mit den Vorgängen des eigenen Körpers. Diese Vorgänge waren nicht völlig im Unbewußten wie bei dem neuzeitlichen Menschen. Sie spiegelten sich in der Seele. Der Mensch erlebte seelisch sein Wachstum, seinen Stoffwechsel wie in wachen Traumbildern. Und was er in solcher Art erlebte, das befähigte ihn, auch die Vorgänge seiner kosmischen Umgebung traumhaft-fühlend mit ihrem geistigen Innensein wahrzunehmen. Er hatte eine traumhafte Intuition, von der heute in besonders veranlagten Menschen nur ein Nachklang vorhanden ist. Die Umwelt war für das Bewußtsein des Urmenschen zugleich materiell und geistig.
Was da halb traumhaft erlebt worden ist, war für den Urmenschen die religiöse Offenbarung. Für ihn war diese eine geradlinige Fortsetzung seines übrigen Menschenlebens. Diese von der Urmenschheit traumhaft gewußten Erlebnisse in der Geisterwelt bleiben dem neuzeitlichen Menschen völlig unbewußt. Der übersinnlich intuitiv Erkennende bringt sie sich zum vollen Bewußtsein. Er wird dadurch auf eine neue Art in den Zustand der Urmenschheit zurückversetzt, für die das Weltbewußtsein noch den religiösen Inhalt abgab.

Wie der Philosoph zum vollbewußten Kinde, der Kosmologe zum vollbewußten Menschen einer abgelaufenen mittleren Menschheitsepoche, so wird der im modernen Sinne religiös Erkennende wieder ähnlich dem Urmenschen, nur daß er in seiner Seele die geistige Welt nicht wie dieser traumhaft, sondern vollbewußt erlebt.
 
IV. Erkenntnisgrundlagen einer wahren Philosophie, Kosmologie und Religion
[31] Für die Entwickelung des inspirierten Erkennens wurde gesagt, daß eine grundlegende Übung ist, Bilder, die im Meditieren oder in der Folge des Meditationsvorganges im Bewußtsein entstanden sind, aus dem Bewußtsein fortzuschaffen. Diese Übung ist aber zunächst eigentlich nur eine Vorübung für eine andere. Man gelangt durch dieses Fortschaffen dazu, den eigenen Lebenslauf so zu überschauen, wie das in der letzten Betrachtung dargestellt worden ist.
Man gelangt auch zu einer Anschauung des geistigen Kosmos, insofern sich dieser in einem ätherischen Geschehen auslebt. Man erhält, auf den Menschen projiziert, ein Bild des ätherisch lebenden Kosmos. Man sieht, wie alles, was man zur Vererbung rechnen kann, von den physischen Organismen der Vorfahren auf die physischen Organismen der Nachkommen in einem fortlaufenden Geschehen übergeht. Man schaut aber auch, wie sich für die Tatsachen des ätherischen Organismus eine fortwährend neue Wirkung des ätherischen Kosmos einstellt. Diese Wirkung stellt sich der Vererbung entgegen. Sie ist eine solche, die nur den individuellen Menschen betrifft. In diese Dinge Einsicht zu haben, ist ganz besonders für den Erzieher wichtig.

Um weiterzukommen in übersinnlicher Erkenntnis, ist notwendig, die Übung des Fortschaffens der imaginativen Bilder immer mehr auszubilden. Man verstärkt dadurch die Seelenenergie für dieses Fortschaffen. Denn zunächst erreicht man nur eine Überschau über den Lebenslauf [32] seit der Geburt. Man hat da zwar ein SeelischGeistiges des Menschen vor sich, aber ein solches, von dem man nicht sagen kann, daß es ein Dasein über das physische Leben des Menschen hinaus hat.

In der Weiterführung dieser Übungen für die Inspiration zeigt sich, daß die Kraft des Fortschaffens für die imaginativen Bilder immer größer wird. Sie wird dann im weiteren so groß, daß man auch das Totalbild des eigenen Lebenslaufes aus dem Bewußtsein fortschaffen kann. Man hat dann ein auch von dem Inhalte der eigenen physischen und ätherischen Menschenwesenheit befreites Bewußtsein.

In dieses in einem höheren Grade leeres Bewußtsein tritt dann durch eine höhere Inspiration ein Bild von der seelisch-geistigen Wesenheit, so wie diese war, bevor der Mensch aus einer seelisch-geistigen Welt in die physische eingetreten ist und da sich mit dem Körper vereinigt hat, der durch Empfängnis und Keimesentwickelung entsteht. Man erhält eine Anschauung davon, wie die astralische und Ich-Organisation sich einkleidet in eine ätherische, die aus dem ätherischen Kosmos stammt, und in eine physische, die in der physischen Vererbungsfolge entsteht.

Erst auf diese Art erhält man die Erkenntnis von dem ewigen Wesenskern des Menschen, der sich während des Erdendaseins in dem Abglanz des Vorstellens, Fühlens und Wollens der Seele auslebt. Man erhält aber auch dadurch die Idee von der wahren Natur des Vorstellens. Dieses ist nämlich innerhalb des Erdendaseins gar nicht in seiner wahren Gestalt vorhanden.
Man sehe sich einen menschlichen Leichnam an. Er hat die Form, die Gliederung des Menschen. Das Leben [33] ist aus ihm geschwunden. Versteht man das Wesen des Leichnams, so hält man ihn nicht für etwas Ursprüngliches. Man erkennt ihn als Rest des lebenden physischen Menschen. Die Kräfte der äußeren Natur, denen der Leichnam überliefert wird, können ihn wohl zerstören; sie können ihn aber nicht aufbauen. – In ähnlicher Art erkennt man, auf einer höheren Stufe der Anschauung, das menschliche Erden-Denken als den leichnamartigen Rest dessen, was das Denken als Lebendiges war, bevor der Mensch aus seinem Erleben in der geistig-seelischen Welt in das Erdendasein übergetreten ist. Die Wesenheit des irdischen Denkens ist aus sich selbst ebensowenig begreiflich wie die Form des menschlichen Organismus aus den Kräften, die im Leichnam walten. Man muß das irdische Denken als ein totes erkennen, wenn man es recht erkennen will.

Ist man auf dem Wege zu einem solchen Erkennen, dann kann man auch die Wesenheit des irdischen Wollens durchschauen. Man erkennt dies als einen in einer gewissen Art jüngeren Bestandteil der Seele. Was sich hinter dem Wollen verbirgt, steht zu dem Denken in einer solchen Beziehung, wie für den physischen Organismus das ganz junge Kind zu dem ersterbenden Greise. Nur ist es für die Seele so, daß Kindheit und Greisenalter, ja leichnamartiges Dasein, nicht nacheinander sich entwickeln, sondern nebeneinander bestehen.

Man sieht aber aus dem Dargelegten gewisse Folgen für eine Philosophie, die ihre Ideen nur aus dem Erleben des Erdendaseins heraus gestalten will. Sie erhält zu ihrem Inhalte nur tote oder wenigstens ersterbende Ideen. Ihre Obliegenheit kann daher nur sein, den toten Charakter [34] der Gedankenwelt zu erkennen, und von dem Toten auf ein vorher vorhanden gewesenes Lebendiges zu schließen. Insofern man in der begrifflich-beweisenden Methode des physischen Menschen bleibt, kann man gar nichts anderes wollen. Diese bloß intellektualistische Philosophie kann zu dem wahren Wesen der Seele daher nur auf eine indirekte Art gelangen. Sie kann die Natur des menschlichen Denkens untersuchen und das Ersterbende desselben erkennen. Dann kann sie indirekt beweisen, daß das Tote auf ein Lebendiges hindeutet wie der Leichnam auf einen lebenden Menschen.

Zu einer wirklichen Anschauung des wahrhaft Seelischen kann nur die inspirierte Erkenntnis kommen. Durch die Seelenübungen für die Inspiration wird der Denk-Leichnam wieder in einem gewissen Sinne belebt. Man wird zwar nicht vollständig zurückversetzt in den Zustand vor dem Beginn des Erdendaseins; aber man belebt in sich ein wahres Bild dieses Zustandes, aus dessen Wesenheit man erkennen kann, daß es aus einem vorirdischen Dasein in das Erdendasein hereingestrahlt wird.

Durch die Ausbildung der Intuition in Willensübungen ergibt sich, daß im Unterbewußten das im Denken erstorbene vorirdische Dasein während des Erdendaseins wieder belebt wird. Durch diese Willensübungen wird der Mensch in einen Zustand versetzt, durch den er außerhalb seines physischen und ätherischen Organismus in die Welt des Geistigen eingeht. Er erhält das Erlebnis des Daseins nach Ablösung vom Körper. Damit ist ihm eine Vor-Anschauung gegeben von dem, was im Tode wirklich eintritt. Er kann aus dieser Anschauung heraus [35] über die Fortdauer des Seelisch-Geistigen nach dem Durchgange durch den Tod sprechen.

Die rein intellektualistische Begriffsphilosophie kann zu einer Anerkennung der Seelenunsterblichkeit wieder nur auf indirektem Wege gelangen. Sie kann, wie sie im Denken etwas Leichnamartiges erkennt, in dem Wollen etwas Keimhaftes feststellen, etwas, das ein in sich bestehendes Leben hat, welches über die Körperauflösung hinausweist, weil sich seine Wesenheit auch schon während des Erdendaseins als von diesem unabhängig zeigt. Auf diese Art, indem man nicht beim Denken stehenbleibt, sondern das gesamte Seelenleben zum Selbst-Erlebnis macht, kann man zu einer indirekten Anerkennung des ewigen menschlichen Wesenskernes gelangen. Man muß dazu seine Betrachtung nicht auf das Denken beschränken, sondern das Wechselspiel des Denkens mit den andern Seelenkräften der philosophischen Beweismethode unterwerfen. Man kommt damit aber doch nur zu einem Erleben des ewigen menschlichen Wesenskernes, so wie er im Erdendasein ist, nicht zu einer Anschauung des Zustandes vom menschlichen Geistig-Seelischen vor und nach dem Erdendasein. In dieser Lage ist z. B. die Bergsonsche Philosophie, die auf einem umfassenden Selbsterleben dessen fußt, was im Erdendasein ergriffen werden kann, die aber das Gebiet der wirklichen übersinnlichen Erkenntnis doch nicht betreten will.

Alle Philosophie, die bloß innerhalb des gewöhnlichen Bewußtsein stehenbleiben will, kann nur eine indirekte Erkenntnis des wahren Wesens der Menschenseele erlangen. [36] Kosmologie in einer Art, daß durch sie auch die gesamte menschliche Wesenheit mitumfaßt wird, kann nur durch die imaginative, inspirierte und intuitive Erkenntnis erlangt werden. Innerhalb des gewöhnlichen Bewußtseins liegen ihr nur die Zeugnisse für das ersterbende und keimhaft wiedererwachende menschliche Seelenleben vor. Aus diesem Tatbestand kann sie sich bei unbefangener Betrachtung Ideen bilden, die auf Kosmisches hindeuten und ein solches erschließen lassen.
Allein diese Ideen sind eben doch nur dasjenige, was aus dem geistigen Kosmos in das Menscheninnere hereinstrahlt und sich dazu auch noch innerhalb des Menschen in veränderter Form zeigt. Die Philosophie hatte in früheren Zeiten zwar noch einen Teil, der als Kosmologie auftrat. Allein der wirkliche Inhalt dieser Kosmologie waren sehr abstrakt gewordene Ideen, die sich traditionell aus alten Formen der Kosmologie erhalten hatten. Die Menschheit hatte diese Ideen ausgebildet, als noch eine alte traumhafte Imagination, Inspiration und Intuition vorhanden waren. Man entnahm diese Ideen der Tradition und faßte sie in das Gewebe des rein intellektuellen logischen oder dialektischen Beweisens. Man war sich dabei oft gar nicht bewußt, daß man diese. Ideen übernommen hatte. Man hielt sie für selbsterzeugt.
Allmählich fand man, daß im neueren Geistesleben kein wirklicher innerer Lebenszusammenhang mit diesen Ideen vorhanden ist. Deshalb kam diese «rationelle Kosmologie» fast ganz in Mißkredit. Sie mußte das Feld räumen der aus den rein physisch-sinnlichen Naturerkenntnissen aufgebauten physischen Kosmologie, die aber, für eine unbefangene Beobachtung, den Menschen nicht mehr mitumfaßt. [37] Eine wahre Kosmologie wird erst wieder entstehen können, wenn Imagination, inspirierte und intuitive Erkenntnis gelten gelassen und ihre Ergebnisse für die Erkenntnis der Welt verwertet werden.

Für die Erkenntnis auf dem Religionsgebiete gilt in noch höherem Grade dasjenige, was für die Kosmologie gesagt werden mußte. Auf dem Religionsgebiete müssen Erkenntnisse erworben werden, die aus einem Erleben der geistigen Welt stammen.
Ein Schliessen auf solche Erlebnisse aus dem Inhalte des gewöhnlichen Bewußtseins ist nicht möglich. In intellektuellen Begriffen kann der Religionsinhalt nicht erschlossen, sondern nur verdeutlicht werden.

Als man anfing, nach Gottesbeweisen zu suchen, war dieses Suchen selbst schon ein Beweis dafür, daß man den lebendigen Zusammenhang mit der göttlichen Welt verloren hatte. Deshalb kann auch kein intellektualistischer Gottesbeweis in einer befriedigenden Weise geführt werden. In traditionell übernommenen Ideen, die nur durch eine eigene Denkarbeit in ein System gebracht werden, muß jede bloß auf das gewöhnliche Bewußtsein bauende Theologie arbeiten. Früher haben die Philosophen auch eine «rationelle Theologie» aus diesem gewöhnlichen Bewußtsein heraus gewinnen wollen. Allein diese ist der auf traditionellen Ideen ruhenden Theologie gegenüber in einem noch höheren Grade als die «rationelle Kosmologie» deren Schicksal verfallen. Was aber aufgetaucht ist als unmittelbares «Gott-Erleben», das bleibt in der Gefühls- oder Willenswelt und vermeidet es sogar, zu irgendeiner begrifflich beweisenden Methode überzugehen.
Die Philosophie selbst ist darauf verfallen, in einer [38] bloßen Religionsgeschichte bestandene und bestehende Religionsformen zu betrachten. Sie tut dieses aus der Ohnmacht heraus, durch das gewöhnliche Bewußtsein zu Ideen über das zu kommen, was nur außerhalb des physischen und ätherischen Organismus erlebt werden kann.

Eine neue Erkenntnisgrundlage des religiösen Lebens kann nur gewonnen werden durch Anerkennung der imaginativen, inspirierten und intuitiven Erkenntnismethoden und durch Verwertung von deren Ergebnissen für dieses Leben.

Fortsetzung:
Kapitel V – VII:
hier weiter

+++weiterführende Themen:

Anthroposophie – Rudolf Steiner
hier weiter

Visionäres Hellsehen und die Fähigkeit des gründlichen Denkens… Rudolf Steiner
hier weiter

Die Logik der Reinkarnationen. Rudolf Steiner
hier weiter

Was ist die Geisteswissenschaft? Rudolf Steiner
hier weiter

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*